Minka „Mia“ Cohen verh. Vos

Veröffentlicht: 24. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Minka „Mia“ COHEN verh. Vos
geboren am 8. September 1923 in Aurich

Straße: Wallstraße 33
Todesdatum: überlebt
Todesort:

Minka „MIa“ Cohen 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

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Minka „Mia“ Cohen wird am 8.09.1923 in Aurich geboren. Sie ist das erste Kind der Eltern Jakob Moses Cohen und Hannchen geb. Wolff und hat drei weitere Geschwister: David, Martha, Manfred. Zwei weitere werden noch geboren, ein Junge vor ihr. Er stirbt am Tag der Geburt, Zilla stirbt 1939 nach 12 Tagen.

Mia wächst in einer regen großen Familie auf, einbezogen die zahlreiche Verwandtschaft aus Onkeln und Tanten, welche fast in Rufweite wohnen. Über allem lenkt und wacht mit gütigem Herz ihre Mutter. Viele weitere Kinder aus der enggebauten Auricher Altstadt gehen ein und aus. Er war ein Paradies. „Wir Kinder, die wir zu Besuch waren, liebten dieses Aurich. Motjes Kinner sünd all dor“ (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017), hieß es, wenn diese vom Haus der Wallstraße quer durch den Garten Onkel Siegfried Wolff in der Norderstraße 18 aufsuchen – und andere anderswo. Martha ist eine früh erblühende Schönheit, „aber ich war die Ältere“ . Aber ab Mitte der 30er änderte sich vieles. Die christlichen Kinder sollen nicht mehr mit den jüdischen spielen. HJ-Führer treiben die Pimpfe durch die Wallstraße, diese das Lied mit dem Judenblut und dem Messer zu brüllen hatten (Erinnerungen des Zeitzeugen und Spielgefährten der Cohen-Kinder – Heinz Determann).

Mia besucht wie alle jüdischen Kinder die jüdische Volksschule in der Kirchstraße. Zum Gymnasium wäre sie nicht zugelassen worden. Eine berufliche Ausbildung ist unter diesen Umständen ebenso nicht möglich. Mia ist kurzzeitig auf einem Vorbereitungslager der Hachschara.

Früh ist den Eltern klargeworden, sie müssen Deutschland verlassen. Aber wie und wohin? Ende 1938 steht hierfür eine kleine Tür offen. Ihr Vater ist mit seinem Bruder Hermann Levy in Köln auf dem britischen Konsulat. Ihnen wird ein Touristenvisum angeboten. Ihr Onkel nimmt sofort an, ihr Vater nicht, er will seinen Kindern nicht zur Last fallen (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017) . 

Minka Cohen ca. 1941 und Stationen der Flucht ‐ Ausschnitte aus dem Paß von Mia Januar 1940‐41 – Foto: Chana Nahari

Minka verlässt Aurich am 11.08.1938 nach Bad Soden im Taunus und arbeitet in der Israelitischen Kuranstalt in der Talstraße. Diese wird in der Pogromnacht in Brand gesetzt. Mia muss Hals über Kopf am gleichen Tag von dort abreisen und kehrt nach Aurich zurück. Am 3.05.1939 geht sie nach Emden und hilft in der Küche des jüdischen Altersheims in der Klaas-Tholen-Straße. Dort arbeitet auch ihr Nachbar – Fritz Hoffmann als Koch.
Bereits zu Jahresbeginn ist unter den jungen Aurichern das Gespräch und es findet sich im Briefverkehr ein Hauptthema; wer, wann und wie die Flucht ins Ausland gehen kann. Alle sind zu dieser Zeit auf dem Absprung, „[…] fährt in nächster Zeit“, so steht es typischerweise in den überlieferten Briefen.

Sie verlässt Aurich nun endgültig am 24. November 1939. Durch Hehalutz in Berlin, einer Organisation, welche die jüdische Einwanderung nach Palästina der Alija und die Hachschara organisiert, hat sie einen Platz auf der Fluchtroute per Schiff über die Donau gefunden (Viele Details im weiteren nun aus: Gabriele Anderl, Walter Manoschek Gescheiterte Flucht „Der jüdische Kladovo-Transport“ auf dem Weg nach Palästina, Wien 1993 und – Dalia Ofer, Hannah Weiner „Dead-End Journey“ University Press of America, 1996).
Es sind überwiegend Wiener Juden, Alte, viele Familien mit Kindern und junge und 50 Juden aus Danzig. Sie sammeln sich in Wien. Am 25. November fahren sie weiter nach Bratislava. Diese Fluchtroute haben zionistische Organisationen, Vorläufer des Mossad, Adolf Eichmann, dem damaligen Judenreferenten in Wien, abgekauft. Das so abgepresste Geld leitet Eichmann in seine Privatschatulle.

Sie warten auf weitere, die noch kommen sollen. Schließlich legt die URANUS der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft [DDSG] am 8. Dezember 1939 mit 1002 Flüchtlingen und Ziel Sulina, am Schwarzen Meer, ab. Unterwegs bekommt die DDSG kalte Füße, sie befürchtet ihr Schiff könnte von rumänischen Behörden festgehalten, werden, wenn in Sulina kein Seeschiff bereitliegt. Keines der Transitländer will für die Flüchtlinge aufkommen, sollten diese aus irgendwelchen Gründen an der Weiterfahrt gehindert sein. Die Flüchtlingsgruppe muss auf drei altersschwache Dampfer der jugoslawischen Staatsreederei umsteigen. Mia kommt mit 350 anderen auf die CAR DUSAN. In Kladowo hinter dem Eisernen Tor ist am 31. Dezember 1939 die Fahrt zu Ende. Der Winter kommt überraschend und man befürchtet Eisgang. Die Flüchtlinge müssen an Land in Behelfsunterkünften aushalten. Auch im Frühjahr und im ganzen Folgejahr klappt die Weiterfahrt nicht, es fehlen immer Transitvisa. Werden welche erteilt, verfallen diese innerhalb der zu kurz gesetzten Frist, da technische und finanzielle Probleme dazukommen. On doit entrer en Turque jusqu’à 5 mars 1941 – so steht es in einem geplatzten Visum.
In den Transitvisa der Flüchtenden steht deutlich Sans Arrêt. Und es ist der Ort und das späteste Datum vermerkt, wo sie das jeweilige Transitland wieder verlassen müsse. Ständig platzen Abfahrten, es gibt nicht ausgeschöpfte Sommer- und Winter-Schedulen der englischen Mandatsverwaltung. Die irgendwie übertragen werden können, oder auch nicht. Es ist eine Kette bürokratischen Irrsinns und eine unglaubliche Verweigerung elementarer humanitärer Pflicht angesichts der immer näher rückenden tödlichen Bedrohung der jüdischen Flüchtlinge.

Es ist eine bittere Ironie des Schicksals, als die verzweifelten Flüchtlinge an Land auch noch miterleben müssen, wie Anfang September 1940 ein großer illegaler Transport – der letzte, der das Reichsgebiet verlassen kann – an ihnen vorüberfährt. Vier DDSG-Schiffe – MELK, SCHÖNBRUNN, HELIOS und URANUS (auf letztem hatte auch die Kladovo-Gruppe in Bratislava ihre Reise angetreten) – gleiten nun donauabwärts an ihnen vorüber. Die Verzweiflung ist unbeschreiblich. Wir konnten keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen, da das Schiff nicht stehenblieb. Auf einem der Schiffe sind Mias Freunde aus der Auricher Nachbarschaft: Wolff Wolffs, Benno und Irma. Mia weiß dies aber zu diesem Zeitpunkt nicht.

Während des Sommers 1940 ist immer wieder von einem Remorqueur (Schleppzug) die Rede, der das mit den Flüchtlingen besetzte Objekt – mit Brettern zum provisorischen Wohnschiff gemacht, den Kahn PENELOPE und einen weiteren aus dem Hafen von Kladovo ziehen soll (die jugoslawische Reederei hatte ihre Schiffe längst zurückgefordert). Im September werden die Gerüchte konkret. Ziel der Reise ist jedoch nicht mehr ein Hafen an der unteren Donau oder am Schwarzen Meer, sondern zurück zu einem serbisches Städtchen an der Save. Am 17. September 40 werden alle mit der PENELOPE und zwei weiteren Kähnen per Schlepper nach Šabac in einer fünf Tage dauernden Fahrt stromaufwärts gebracht. Am 22. Ankunft dort.

Die Kladovo‐Flüchtlinge auf der Donau zurück nach Šabac auf Schleppkähnen – Foto UHSM

Im allerletzten Augenblick, nur wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Jugoslawien, kann ein kleiner Teil dieser Kladovo-Flüchtlinge doch nach Palästina entkommen. Alle Mitglieder des Transportes im Alter der Jugend-Alija befinden, also zwischen 15 und 17 Jahre alt, sind dabei. Mia ist 17½. Die Altersgrenze sei dabei, strikt eingehalten worden. Denn im Februar 1941 kommt plötzlich die überraschende Meldung, 200 Zertifikate für die Jugend-Alijah sind angekommen, mit einigen weiteren Zertifikaten für Erwachsene als Begleiter.

Die Fahrt geht, im letzten Augenblick vor Ablauf der Zertifikate, in vier Gruppen über Griechenland; Bulgarien verweigert kurz zuvor. Am 16. März, um 15 Uhr, tritt die Gruppe schließlich ihre Fahrt an. Mit Lehitraoth-Rufen« [hebräisch f. Auf Wiedersehen! Aber es gibt kein Wiedersehen. Fast alle Flüchtlinge werden von der Wehrmacht später ermordet] verabschiedet sie sich. An den Bahnhöfen entlang der Strecke erhalten die Flüchtlinge von Juden, die von ihrer Durchreise erfahren hatten, Speisen und Getränke. Fast eine Woche dauerte die Fahrt bis Istanbul, da die Gleise in Griechenland durch Bombardierungen beschädigt sind. In Istanbul werden sie in einer schönen Pension einquartiert und erhalten sogar etwas Taschengeld. Junge türkische Offiziere führen sie aus und kauften den beiden Mädchen, die seit vielen Monaten nicht mehr satt geworden waren, Hühnchen, Halwa und Strümpfe. Dann geht die Reise weiter. Über die türkische Grenzstadt Meidan-Ekbès gelangen sie nach Syrien, weiter zur libanesischen Grenzstadt Nakoura. Am 30. März 41 betritt sie dann in Rosh Haniqra palästinensischen Boden. Die Fahrt endet in dem mit Stacheldraht gesicherten Lager Atlit am Strand hinter den Dünen, südlich von Haifa.

Jüdische Kinderflüchtlinge, die den Holocaust überlebten, steigen am 15.07.1945 in Atlit aus
Waggons – Foto Zoltan Kluger

Nach nur neun Tagen kommt sie überraschend frei. Die Mutter ihrer Kusine (Mia damals unbekannt) geht in das Lager, um ihren dort angekommenen Neffen Kurt aus Gotha auszulösen. Dieser hatte einen Freund dort gefunden: Jupp Vos, auch illegal, aus Neuenahr. Und was ist mit ihr? Und sie deuteten auf Mia (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017).  Sie kann Mia mitnehmen und bei ihrer Tante Erna Schlüssel geb. Wolff unterbringen. Besagter Jupp wird später ihr Ehemann.

Mia besucht die Hauswirtschaftsschule Beit Zeirot Misrachi (Haus für religiöse junge Frauen) in Jerusalem. Diese Schule nimmt geflüchtete junge Frauen auf, um ihnen grundlegende Pionier-Fertigkeiten in Haus- und Landwirtschaft in einer tropischen Umgebung zu vermitteln. Sie ist noch durch die Hungerzeit in Jugoslawien krank und geschwächt. Sie erwähnt in den Briefen aber kein weiteres Detail. Mia und Jupp werden bald ein Paar. Jupp Vos wird zuvor als Illegaler auf der PATRIA festgehalten und soll mit vielen anderen nach Mauritius deportiert werden. Die PATRIA explodiert durch eine Bombe, gelegt von der Hagana, und kentert im Hafen von Haifa. Jupp übersteht dies und wird stattdessen für 10 Monate in Atlit interniert.

Mia und Jupp 1942

Mia und Jupp Vos 1943

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie heiraten am 4. Februar 1943 in Jerusalem, wohnen in Ra’anana, Chana wird am 4. Dezember 1946, Eliezer am 1. August 1950 geboren. Mia führt den Haushalt, arbeitete zeitweilig in einem Konsum, macht alles und kann alles. „Jeder mußte alles können, der Beruf von jedem in dieser Zeit war „Universalist‘“ so beschreibt es ihre Kusine Lea Oelsner. Und so ist Mia überall, emsig und flink und alles für die Familie. Aber sie hilft auch anderen in Not geratenen, ist im sozialen Leben von Ra’anana mittendrin und beteiligt sich an verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen.

Mia mit ihrer Tochter Chana – 1950

Mia mit Eliezer – 1950

Die Familie Vos pflegt ein offenes und geselliges Haus. „ … Es war immer remmi-demmi, die Tür stand stets auf.“ Ihr Onkel Levy Hermann mit seinen Kindern und Kindeskindern wohnt direkt gegenüber.

Ihr Mann Jupp, aus einer Viehhändler-Familie stammend, arbeitet erst in zwei Kibbuzim in der Landwirtschaft. Später macht er sich selbständig mit einem Pferd. Dann baut er Stallanlagen, später hat er ein Fahrradgeschäft. Zuletzt ist er Zivilangestellter bei einer staatlichen Rüstungsfirma, der Israel Military Industries (IMI). Er stirbt plötzlich im 65. Lebensjahr am 26. Juli 1983 während eines Tennisspiels.
Zuvor passiert Minka selbst ein großes Unglück. Eines Tages, sie ist 55, erleidet sie einen plötzlichen Pneumothorax aus einer unentdeckten Vorerkrankung. Die Atmung stockt, und sie droht zu ersticken. Erst im Krankenhaus setzt die Atmung wieder ein. Das Gehirn ist jedoch durch Sauerstoffnot geschädigt, und sie bleibt teilweise gelähmt. Das ist für die Familie sehr schwer. Sie sitzt im Rollstuhl und muss gepflegt werden und lebt zuletzt in einem Heim. Dennoch erträgt sie tapfer ihr auferlegtes Schicksal und verfällt nicht in Depression. Sie ist körperlich behindert, ihr Geist aber wach. Sie nimmt an allem teil was um sie geschieht und ist dabei stets zu Scherzen aufgelegt. Am 1. Februar 1997 stirbt sie.

Eine ausführliche Biografie von findet sich im Buch „Stolpersteine Aurich“ und kann auch auf dem Blog des Verlages eingesehen werden.

Mia und Jupp Vos – 1966

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 24.01.2018)
Foto:  Fotos der Familie: Chana Nahari
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Nds. Landesarchiv Aurich, Rep 107 Nr. 1786
– Dokumente der Nachkommen
– Interviews mit Zeitzeugen.
Literatur:
Patenschaft: Chana Nahari und Ely Vos
Verlegetermin: 20. Oktober  2016

 

 

 

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