Paul SPANGENTHAL
geboren am 10. Juni 1913 in Spangenberg (Hessen)
| Straße: | Leerer Landstraße 14 |
| Todesdatum: | 15. Mai 1989 |
| Todesort: | Hazel Crest, Illinois, USA |
| Paul Spangenthal wird am 10. Juni 1913 als Sohn von Moritz (Moses) und Frieda Spangenthal in Spangenberg im heutigen Schwalm-Eder-Kreis (früher: Kreis Melsungen) geboren. Schon früh verliert er seinen Vater (geb. am 18. April 1879 in Spangenberg), der sich im 1. Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte und am 18. September 1918 mit 39 Jahren als Pilot in Le Cateau stirbt. Seine Mutter, Frieda Windmüller, geb. am 18. Oktober 1884, stammt aus Korbach (Hessen). Geheiratet haben die beiden am 9. März 1909.
Paul kann sich später, wie seine Tochter berichtet, an seinen Vater kaum erinnern. Nur an eine Begegnung bei einem Heimaturlaub des Vaters, der kurz danach als Pilot abgeschossen worden ist. Paul ist zu dem Zeitpunkt erst 5 Jahre alt. Das Geld reicht nur aus, um einem von ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen. Max, der älteste, wird zum Studieren fortgeschickt und wird Doktor der Rechtswissenschaften. Auch Fritz geht fort und beginnt eine Berufsausbildung, Paul bleibt zu Hause und hilft seiner Mutter im Geschäft. An einem Tag in den frühen 1930-er Jahren kommt Paul mit seinem Motorrad nach Hause, als zwei Nazis sich ihm nähern und ihm sagen, er solle sein Motorrad weggeben, denn er würde es sowieso nicht mehr gebrauchen. (Er ist auch belauscht worden, als er Hitler kritisierte.) Danach muss er an einem Nazi-Trainingslager teilnehmen und wird dort geschlagen und gequält. Seine Mutter geht deshalb zu einem Beamten, den ihr Mann kannte, und bittet um das Leben ihres Sohnes. Der Beamte kann zu seinen Gunsten intervenieren und benachrichtigt das Camp, ihn freizulassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man Paul bereits gezwungen, sein eigenes Grab auszuheben. Widerwillig lassen die Nazis ihn frei und setzen ihn in einen Zug nach Hause. Sie drohen ihm an, ihn zurückzubringen und zu erschießen, falls er irgendjemandem im Zug erzählen würde, was geschehen ist. Später wird er zur deutschen Armee eingezogen, zusammen mit den anderen Jungen aus seiner Schulklasse (von denen die meisten im Kampf während der deutschen Invasion in Russland sterben). Bald gibt es jedoch einen Erlass, der Juden den Dienst in der deutschen Wehrmacht verbietet. Paul wird unehrenhaft entlassen, sein befehlshabender Offizier sagt ihm, dass er ihm einen Vorsprung geben werde, damit er durch den Wald nach Hause laufen kann. Danach könne er nicht mehr für seine Sicherheit garantieren. Ironie des Schicksals: Jahre später wird er erneut eingezogen, in Nashville in Tennessee, diesmal zur US-Armee, aber er wird abgelehnt, weil er Deutscher ist und weil er noch in Deutschland lebende Familienangehörige hat. Im Sommer 1933, also im Alter von 20 Jahren, zieht Paul Spangenthal von Spangenberg nach Aurich und wohnt seit dem 1. August in der Leerer Landstr. 14 zunächst bei Katz, später bei Ludwig Wolffs. Als Beruf ist auf der Meldekarte „kaufmännischer Angestellter“ angegeben, später geändert in „Kaufmann“. In Spangenberg leben zu Beginn der NS-Zeit noch mehr als 100 Juden. Verschiedene gewaltsame Aktivitäten von NSDAP-Angehörigen gegenüber den jüdischen Bürgern führen zu einer beschleunigten Abwanderung der jüdischen Familien. Nur wenige emigrieren in die USA oder nach Palästina, die allermeisten Juden fliehen in andere Städte innerhalb Deutschlands. Schon Ende 1938 sollen in Spangenberg keine Juden mehr gelebt haben. Paul Spangenthals Mutter zieht im August 1936 von Spangenberg nach Köln zu ihrem Sohn Fritz, der seit 1929, von Konstanz kommend, in Köln, Lochnerstr. 16, lebt. Auch Fritz ist Kaufmann, später „Handelsvertreter“. Er heiratet im Januar 1938 Henriette Eisler. Der 27-jährige Bruder Max Spangenthal, inzwischen Doktor der Rechtswissenschaft in Berlin, ist einer der beiden Trauzeugen in Köln. Nach seiner Hochzeit zieht Fritz Spangenthal in Köln um in die Aegidienberger Str. 8, seine Mutter zieht am 2. März 1938 auch dorthin. Die Familie Spangenthal will unbedingt Deutschland verlassen, obwohl es extrem schwierig ist. Man braucht einen Lotteriegewinn und einen Förderer in den Vereinigten Staaten, der für einen bürgen würde. Pauls Bruder Fritz fährt extra nach Berlin, um die nötigen Unterlagen zu besorgen, weil er der Post nicht traut. Im Mai 1938 verlässt auch Paul Spangenthal seinen bisherigen Wohnort Aurich und zieht ebenfalls nach Köln in die Lochnerstr.16. Ende Februar 1939 macht er sich zusammen mit seinem Bruder Fritz und dessen Frau Henriette auf den Weg nach New York. Dort kommen sie am 13. März an. Max Spangenthal flieht nach Palästina. Ihre Mutter, Frieda, verlässt Köln im Juli 1939 und geht zunächst nach London. Sie hatte im Januar 1939 einen Pass für Amerika beantragt. Dorthin ist sie später, als ihre Familie schon in Chicago wohnt, auch gelangt. Paul Spangenthal lebt anfangs zusammen mit seinem Bruder Fritz (Fred) und dessen Frau Henriette (Henny) bei Friedas Bruder Richard Windmiller und dessen Frau Meta in Nashville, Tennessee. Dort wird ihm am 6. November 1939 die US-Staatsbürgerschaft zuerkannt, und er heißt nun Paul Spangler . Da die Arbeitsmöglichkeiten dort begrenzt sind, beschließen sie, nach Chicago zu ziehen, wo es mehr Möglichkeiten und andere Einwanderer gibt. Ihre Mutter kommt später nach und lebt bei Paul. Zu der Zeit arbeitet er als Hausmeister. 1943 wird er in Chicago einer jungen Krankenpflegeschülerin vorgestellt, Gertrude Sofie Buff aus München (geb. 1920). Ihre Mutter Else (Elizabeth), geb. 1895 in München, lebt auch in Chicago. Ihr Vater, Dr. Berthold Buff, war ein bei seinen Patienten sehr beliebter Hausarzt, der täglich Hausbesuche machte. 1938 ist er zusammen mit seiner Frau und einem anderen Arzt festgenommen und zum Nazi-Hauptquartier gebracht worden, wo beide Ärzte Selbstmord begangen haben (Holocaust-Selbstmord). Seine Frau wurde freigelassen. Paul und Gertrude heiraten 1944 nach einer kurzen Verlobungszeit, während der Gertrude ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Auf dem Foto von 1945 ist Gertrude als examinierte Krankenschwester in Chicago zu sehen. Frieda, Pauls Mutter, lebt bis zu ihrem Tod 1946 bei ihnen. Sie war nach allem, was sie durchgemacht hat, gesundheitlich sehr geschwächt. Paul und Gertrude bekommen zwei Kinder, die Tochter Anne (geb. 1947) und den Sohn David (1949). Beide sind inzwischen verheiratet und leben in Chicago. Paul arbeitet schließlich in der Buchhaltung bei U.S. Steel, und so können sie sich in Chicago ein Haus kaufen. Er arbeitet gern im Garten, spielt gern Schach und sammelt Briefmarken. Er liebt Tiere, so dass es in seiner Familie immer Katzen, Hühner und Vögel gibt, sogar eine Ente „Mariechen“. Später in seinem Leben beschäftigt er sich gern mit seinen zwei Enkelkindern (ein weiteres wird nach seinem Tod geboren). Ungefähr 25 Jahre arbeitet Paul bei U.S. Steel, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1980. Er hat jahrzehntelang unter Herzproblemen gelitten und stirbt am 15. Mai 1989 in Hazel Crest, Illinois an einem Herzinfarkt, einen Monat vor seinem 76. Geburtstag. Seine Frau Gertrude Spangler stirbt 2018 mit knapp 98 Jahren. Paul Spangler hat in regem Briefwechsel gestanden mit seinem Bruder Max, der nach Israel geflohen war. Nach dessen Tod wurden diese Briefe an das Leo-Baeck-Institut übergeben und können so eingesehen werden. Daraus geht hervor, dass Paul 1972 seine Heimatstadt Spangenberg besucht hat. Er beschreibt seine Eindrücke und Begegnungen mit früheren Mitbürgern. Sein Interesse an der Erinnerungsarbeit zeigt sich auch darin, dass er Schülern ausführlich geantwortet hat, die ihm einen Fragebogen zur Situation der Juden im nationalsozialistischen Spangenberg geschickt hatten. |
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| Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg Eingabe: Hans Jürgen Westermayer (Stand 27.06.2022) |
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| Foto:
Fotos von der Verlegung: |
Moritz Spangenthal (David Spangler) Frieda Spangenthal mit ihren 3 Söhnen und Paul Spangenthal Geschäftshaus Spangenthal (David Spangler) Gertrude Spangler, 1945 (Anne Hollenbeck, geb. Spangler)Günther Lübbers |
| Opfergruppe: | Juden |
| http://www.ancestry.com/family-tree/116292747 www.myheritage.de/names/gertrude_buff https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/1172115https://de.wikipedia.org/wiki/ Spangenberghttps://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1834-spangenberg-hessen Meldekarte, NLA-Aurich Historisches Archiv der Stadt Köln: HAStK Bestand 541HB R3594, Korrespondenz mit Anne Hollenbeck |
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| Literatur: | |
| Patenschaft: | Dieter Emler |
| Verlegetermin: | 5. Oktober 2021 |








