Paul Spangenthal

Veröffentlicht: 27. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Paul SPANGENTHAL
geboren am 10. Juni 1913 in Spangenberg (Hessen)

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: 15. Mai 1989
Todesort: Hazel Crest, Illinois, USA
Paul Spangenthal  wird am 10. Juni 1913 als Sohn von Moritz (Moses) und Frieda Spangenthal in Spangenberg im heutigen Schwalm-Eder-Kreis (früher: Kreis Melsungen) geboren. Schon früh verliert er seinen Vater (geb. am 18. April 1879 in Spangenberg), der sich im 1. Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte und am 18. September 1918  mit 39 Jahren als Pilot  in Le Cateau stirbt. Seine Mutter, Frieda Windmüller, geb. am 18. Oktober 1884, stammt aus Korbach (Hessen).  Geheiratet haben die beiden am 9. März 1909.

Moritz Spangenthal (Vater von Paul Spangenthal) als Pilot im 1. Weltkrieg (ganz links)

Paul kann sich später, wie seine Tochter berichtet, an seinen Vater kaum erinnern. Nur an eine Begegnung bei einem Heimaturlaub des Vaters, der kurz danach als Pilot abgeschossen worden ist. Paul ist zu dem Zeitpunkt erst 5 Jahre alt.
Seine Mutter ist nun Witwe mit drei kleinen Kindern: Max, geb. am 25. Januar 1910, Fritz, geb. am 21. Mai 1911, und Paul. Sie versorgt ihre Söhne durch die Arbeit im Eisenwarengeschäft der Familie. Die Jungen haben nur Unfug im Kopf, und ihre Streiche sind legendär. In einem Bericht werden sie als „Lümmel“ bezeichnet.

Frieda Spangenthal mit ihren Söhnen Fritz (links), Paul (rechts) und Max (hinten)

Das Geld reicht nur aus, um einem von ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen. Max, der älteste, wird zum Studieren fortgeschickt und wird Doktor der Rechtswissenschaften. Auch Fritz geht fort und beginnt eine Berufsausbildung, Paul bleibt zu Hause und hilft seiner Mutter im Geschäft.

Das Geschäft der Spangenthals in Spangenberg (Hessen)

An einem Tag in den frühen 1930-er Jahren kommt Paul mit seinem Motorrad nach Hause, als zwei Nazis sich ihm nähern und ihm sagen, er solle sein Motorrad weggeben, denn er würde es sowieso nicht mehr gebrauchen. (Er  ist  auch belauscht worden, als er Hitler kritisierte.)  Danach muss er an einem Nazi-Trainingslager teilnehmen und wird dort geschlagen und gequält. Seine Mutter geht deshalb zu einem  Beamten, den ihr Mann kannte, und bittet um das Leben ihres Sohnes. Der Beamte kann zu seinen Gunsten intervenieren und benachrichtigt das Camp, ihn freizulassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man Paul bereits gezwungen, sein eigenes Grab auszuheben. Widerwillig lassen die Nazis ihn frei und setzen ihn in einen Zug nach Hause. Sie drohen ihm an, ihn zurückzubringen und zu erschießen, falls er irgendjemandem im Zug erzählen würde, was geschehen ist.

Später wird er zur deutschen Armee eingezogen, zusammen mit den anderen Jungen aus seiner Schulklasse (von denen die meisten im Kampf während der deutschen Invasion in Russland sterben). Bald gibt es jedoch einen Erlass, der Juden den Dienst in der deutschen Wehrmacht verbietet. Paul wird unehrenhaft entlassen, sein befehlshabender Offizier sagt ihm, dass er ihm einen Vorsprung geben werde, damit er durch den Wald nach Hause laufen kann.  Danach könne er nicht mehr für seine Sicherheit garantieren.

Ironie des Schicksals:  Jahre später wird er erneut eingezogen, in Nashville in Tennessee, diesmal zur US-Armee, aber er wird abgelehnt, weil er Deutscher ist  und weil er noch in Deutschland lebende Familienangehörige hat.

Paul Spangenthal

Im Sommer 1933, also im Alter von 20 Jahren, zieht Paul Spangenthal von Spangenberg nach Aurich und wohnt seit dem 1. August in der Leerer Landstr. 14 zunächst bei Katz, später bei Ludwig Wolffs. Als Beruf ist auf der Meldekarte „kaufmännischer Angestellter“ angegeben, später geändert in „Kaufmann“.

In Spangenberg leben zu Beginn der NS-Zeit noch mehr als 100 Juden. Verschiedene gewaltsame Aktivitäten von NSDAP-Angehörigen gegenüber den jüdischen Bürgern führen zu einer beschleunigten Abwanderung der jüdischen Familien. Nur wenige emigrieren in die USA oder nach Palästina, die allermeisten Juden fliehen in andere Städte innerhalb Deutschlands. Schon Ende 1938 sollen in Spangenberg keine Juden mehr gelebt haben.

Paul Spangenthals Mutter zieht im August 1936 von Spangenberg nach Köln zu ihrem Sohn Fritz, der seit 1929, von Konstanz kommend, in Köln, Lochnerstr. 16, lebt. Auch Fritz ist Kaufmann, später „Handelsvertreter“. Er heiratet im Januar 1938  Henriette Eisler. Der 27-jährige Bruder Max Spangenthal, inzwischen Doktor der Rechtswissenschaft in Berlin, ist einer der beiden Trauzeugen in Köln. Nach seiner Hochzeit zieht Fritz Spangenthal in Köln um in die Aegidienberger Str. 8, seine Mutter zieht am 2. März 1938 auch dorthin.

Die Familie Spangenthal will unbedingt Deutschland verlassen, obwohl es extrem schwierig ist. Man braucht einen Lotteriegewinn und einen Förderer in den Vereinigten Staaten, der für einen bürgen würde. Pauls Bruder Fritz fährt extra nach Berlin, um die nötigen Unterlagen zu besorgen, weil er der Post nicht traut.

Im Mai 1938 verlässt auch Paul Spangenthal seinen bisherigen Wohnort Aurich und zieht ebenfalls nach Köln in die Lochnerstr.16.  Ende Februar 1939 macht er sich zusammen mit seinem Bruder Fritz und dessen Frau Henriette auf den Weg nach New York. Dort kommen sie am 13. März an. Max Spangenthal flieht nach Palästina. Ihre Mutter, Frieda, verlässt Köln im Juli 1939 und geht zunächst nach London.  Sie hatte  im Januar 1939 einen Pass für Amerika beantragt. Dorthin ist sie später, als ihre Familie schon in Chicago wohnt, auch gelangt.

Paul Spangenthal lebt anfangs zusammen mit seinem Bruder Fritz (Fred) und dessen Frau Henriette (Henny) bei Friedas Bruder Richard Windmiller und dessen Frau Meta in Nashville, Tennessee. Dort wird ihm am 6. November 1939 die US-Staatsbürgerschaft zuerkannt, und er heißt nun Paul Spangler . Da die Arbeitsmöglichkeiten dort begrenzt sind, beschließen sie, nach Chicago zu ziehen, wo es mehr Möglichkeiten und andere Einwanderer gibt. Ihre Mutter kommt später nach und lebt bei Paul. Zu der Zeit arbeitet er als Hausmeister.

1943 wird er in Chicago einer jungen Krankenpflegeschülerin vorgestellt, Gertrude Sofie Buff aus München (geb. 1920). Ihre Mutter Else (Elizabeth), geb. 1895 in München, lebt auch in Chicago. Ihr Vater, Dr. Berthold Buff, war ein bei seinen Patienten sehr beliebter Hausarzt, der täglich Hausbesuche machte. 1938 ist er zusammen mit seiner Frau und einem anderen Arzt festgenommen und zum Nazi-Hauptquartier gebracht worden, wo beide Ärzte Selbstmord begangen haben (Holocaust-Selbstmord). Seine Frau wurde freigelassen.

Gertrude Spangler geb. Buff, 1945

Paul und Gertrude heiraten 1944 nach einer kurzen Verlobungszeit, während der Gertrude ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Auf dem Foto von 1945 ist Gertrude als examinierte Krankenschwester in Chicago zu sehen.  Frieda, Pauls Mutter, lebt bis zu ihrem Tod 1946 bei ihnen. Sie war nach allem, was sie durchgemacht hat, gesundheitlich sehr geschwächt.

Paul und Gertrude bekommen zwei Kinder, die Tochter Anne (geb. 1947) und den Sohn David (1949). Beide sind inzwischen verheiratet und leben in Chicago.

Paul arbeitet schließlich in der Buchhaltung bei U.S. Steel, und so können sie sich in Chicago ein Haus kaufen. Er arbeitet gern im Garten, spielt gern Schach und sammelt Briefmarken. Er liebt Tiere, so dass es in seiner Familie immer Katzen, Hühner und Vögel gibt, sogar eine Ente „Mariechen“. Später in seinem Leben beschäftigt er sich gern mit seinen zwei Enkelkindern (ein weiteres wird nach seinem Tod geboren).

Ungefähr 25 Jahre arbeitet Paul bei U.S. Steel, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1980. Er hat jahrzehntelang unter Herzproblemen gelitten und stirbt am 15. Mai 1989 in Hazel Crest, Illinois an einem Herzinfarkt, einen Monat vor seinem 76. Geburtstag.

Seine Frau Gertrude Spangler stirbt  2018 mit knapp 98 Jahren.

Paul Spangler hat in regem Briefwechsel gestanden mit seinem Bruder Max, der nach Israel geflohen war. Nach dessen Tod wurden diese Briefe an das Leo-Baeck-Institut übergeben und können so eingesehen werden. Daraus geht hervor, dass Paul 1972  seine Heimatstadt Spangenberg besucht hat. Er beschreibt seine Eindrücke und Begegnungen mit früheren Mitbürgern. Sein Interesse an der Erinnerungsarbeit zeigt sich auch darin, dass er Schülern ausführlich geantwortet hat, die ihm einen Fragebogen zur Situation der Juden im nationalsozialistischen Spangenberg geschickt hatten.

Das Wohnhaus Leerer Landstraße 14 am Tag der Verlegung.

Der Stolperstein von Paul Spangler ist einer von insgesamt zehn, die nun vor diesem Haus liegen.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.06.2022)
Foto:

 

 

Fotos von der Verlegung:

Moritz Spangenthal (David Spangler)
Frieda Spangenthal mit ihren 3 Söhnen und Paul Spangenthal
Geschäftshaus Spangenthal (David Spangler)
Gertrude Spangler, 1945 (Anne Hollenbeck, geb. Spangler)Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
http://www.ancestry.com/family-tree/116292747              www.myheritage.de/names/gertrude_buff
https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/1172115https://de.wikipedia.org/wiki/ Spangenberghttps://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1834-spangenberg-hessen
Meldekarte, NLA-Aurich
Historisches Archiv der Stadt Köln: HAStK Bestand 541HB R3594,  Korrespondenz mit Anne Hollenbeck
Literatur:
Patenschaft: Dieter Emler
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

 

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