Artur Schmidt

Veröffentlicht: 3. Oktober 2010 von westermayer in Verlegung

Artur SCHMIDT
Geburtsdatum unbekannt

Straße: Wallstraße 26
Todesdatum: unbekannt
Todesort: unbekannt
Artur Schmidt ist das älteste Kind seiner Eltern Adolf Schmidt (*18.04.1898 Bottrop, +16.12.1943 Auschwitz) und Frieda Schmidt geb. Weiß (*8.05.1904 Hessen, +9.03.1944 Auschwitz). Artur hat insgesamt fünf Geschwister.

Als die Familie ab 1942 in Barßel-Lohe lebt, hilft er seinem Vater bei der Anfertigung von Pantoffeln. Im Juni 1943 muss er – wie seine Eltern – das „Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung“ unterschreiben. Damit wird ihnen verboten, den Wohnort zu verlassen. Artur verlässt dennoch die Familie am 10.03.1943, dem Tag vor der Verhaftung der Familie zur weiteren Deportation nach Auschwitz und fährt mit der Eisenbahn nach Langförden. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Weitere Informationen über sein Leben sind leider nicht bekannt.

Sein Vater, Adolf Schmidt, wird am 18. April 1898 in Bottrop geboren. Über seine Eltern und Vorfahren ist nichts bekannt. Auf der Meldekarte der Stadt Aurich wird sein Beruf mit „Händler“ angegeben. Er heiratet Frieda Weiß, geboren am 8. Mai 1904 in Hessen. Zusammen haben Adolf und Frieda Schmidt sechs Kinder: Artur (Geburtsdatum und -ort unbekannt), Anna (geboren am 6.02.1931 in Haselünne), Emil (geboren am 1.07.1934 in Aurich), Georg (geboren am 26.02.1937 in Aurich), Rudolf (geboren am 26.08.1940 in Köln), Thekla (geboren am 20.10.1942 in Barßel).

Anhand der Geburtsorte der Kinder lässt sich der Lebensweg der Familie rekonstruieren. Anfang der 30ger Jahre wohnt die Familie in Haselünne. Dort wird im Februar 1931 ihre Tochter Anna geboren. Ab September 1933 wohnt die Familie in Aurich in der Wallstraße 6. Der Sohn Emil wird im Juli 1934 in Aurich geboren.

Lt. Meldekarte ist die Familie im August 1934 „auf Wanderschaft“ und meldet sich im November 1936 zurück in Aurich, wohnhaft Breiterweg 1. Im Februar 1937 wird der Sohn Georg geboren, ebenfalls in Aurich. Seit Ende Oktober 1937 wohnt die Familie Schmidt in der Wallstraße 26. Die Meldekarte vermerkt den Zusatz „mit Wohnwagen“.
Im Sommer 1938 wird Adolf Schmidt im Zuge der Verhaftungsaktion „Arbeitsscheu Reich“ von der Kriminalpolizei verhaftet und am 15. Juni 1938 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Hier wird sein Beruf mit „Schausteller“ vermerkt.
Die Massenverhaftungen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ im Frühjahr und Sommer 1938 waren in ihrer systematischen und reichsweiten Form neu für die NS-Verfolgungspolitik. Sie richteten sich gegen Personen, denen Polizei sowie Arbeits- und Wohlfahrtsämter vorwarfen, Arbeitsstellen abzulehnen und nicht arbeiten zu wollen. Erst nach etwa einem halben Jahr am 3. Dezember 1938 wird Adolf Schmidt aus dem KZ Buchenwald nach Aurich entlassen.

Am 3. Juni 1939 verlässt die Familie Schmidt Aurich in Richtung Osnabrück. Dieser Weggang ist ganz sicher nicht freiwillig, da umherreisende Sinti und Roma seit dem Dezember 1938 Ostfriesland verlassen müssen.

Wo sich die Familie in den Jahren 1939 bis 1942 aufhält, können wir nur aus den Geburtsorten ihrer Kinder erschließen.

Ihr Sohn Rudolf wird im August 1940 in Köln geboren, ihre Tochter Thekla im Oktober 1942 in Barßel.
Da sich die Familie noch im August 1940 in Köln aufgehalten haben muss, konnte sie offensichtlich den Deportationen von Sinti und Roma aus Köln im Mai 1940 entgehen. Damals wurden über 1.000 Sinti und Roma in Arbeits- und Vernichtungslager in das besetzte Polen deportiert. (Gunter Demnig, Initiator der Stolperstein Aktion, erinnerte 1990 an diese Deportation mit einer „Spur der Erinnerung“, die er mit einer selbstgebauten Druckwalze auf der Strecke der Deportation von Sinti und Roma quer durch Köln zog.)

Im Januar 1941 zieht die Familie Schmidt nach Barßel-Lohe (Das liegt etwa in der Mitte zwischen Leer und Oldenburg). In einem Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung vom 3. Juni 1942 wird vermerkt: „In der Gemeinde Barßel war die Familie Adolf Schmidt im Ortsteil Lohe ansässig. Zu ihrem Haushalt gehörten acht Personen, das Ehepaar Schmidt und seine sechs Kinder“. Wenn es tatsächlich sechs Kinder der Familie Schmidt waren, muss es noch ein weiteres unbekanntes Kind gegeben haben, da das uns bekannte sechste Kind Thekla erst 4 Monate später im Oktober 1942 geboren wird. Die Eheleute Schmidt und ihr ältester Sohn, Artur, müssen das Protokoll der Eröffnungsverhandlung unterschreiben. Ihnen wird bei Androhung der Einweisung in ein Konzentrationslager verboten, die Gemeinde Barßel zu verlassen. Nur aufgrund dieser Quelle wissen wir von dem Sohn Artur.

Im Juni 1942 beschweren sich Anwohner über die Anwesenheit der Sinti Familie Schmidt. Daraufhin begutachtet die Nebenstelle Friesoythe des Arbeitsamtes Vechta die „Arbeitsfähigkeit“ von Adolf und Artur Schmidt und kommt im Dezember 1942 zu dem Ergebnis, „dass Sch. für den allgemeinen Arbeitseinsatz wegen Magenkrankheit (muss Diät leben, trägt Gummikorsett) nicht einsatzfähig ist. Sch. fertigt Pantoffeln an. Sein Sohn Artur hilft bei der Anfertigung von Pantoffeln, soll aber ab 1.1.43 bei Schachtbau A.G. Damme angesetzt werden.“

Im „Auschwitz-Erlass“ des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 wird die Deportation der innerhalb des Deutschen Reichs lebenden Sinti und Roma angeordnet, um sie als Minderheit komplett zu vernichten. Auf dieser Grundlage werden 23.000 Menschen aus ganz Europa nach Auschwitz in einen speziellen Lagerabschnitt, das sog. Zigeunerfamilienlager deportiert. Ein erster Transport traf dort am 26. Februar 1943 ein.

Am 11.03.1943 wird die Familie Schmidt in Barßel festgenommen und nach Auschwitz deportiert.  Der zuständige Gendarm berichtet dem Landrat von der Festnahme und dem Abtransport sieben „zigeunerischer Personen.“ Mit Ausnahme des Sohnes Artur werden die Eltern Adolf und Frieda Schmidt sowie ihre fünf Kinder nach Auschwitz deportiert. Keines der sieben Familienmitglieder überlebt.

Der älteste Sohn, Artur Schmidt, kann am Vortag der Festnahme mit der Eisenbahn nach Langförden reisen. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

In Auschwitz wird Adolf Schmidt am 16.Dezember 1943 im Alter von 45 Jahren ermordet, seine Frau Frieda am 9. März 1944 im Alter von 39 Jahren.

Die Tochter Anna wird am 2. Juli 1943 im Alter von 12 Jahren ermordet, ihre Brüder Emil am 27. März 1943 im Alter von 8 Jahren, Georg am 8. Dezember 1943 im Alter von 6 Jahren und Rudolf am 18. August 1943 im Alter von fast 3 Jahren. Für das jüngste Kind, Thekla, ist kein Todesdatum bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation erst 4 Monate alt.

Dieser Text ist weitgehend eine Zusammenfassung des Artikels von Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999.

Zusammenfassung und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 28.09.2026)
Foto:  
Opfergruppe: Sinti
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Literatur: – Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999
– Namen der aus dem Weser-Ems Gebiet deportierten Sinti und Roma in den Jahren 1940 bis 1944, Oldenburg, Amt für Kultur, Museen und Sport (www.oldenburg.de)
Patenschaft: DIG – Ostfriesland
Verlegetermin: 28. September 2026

 

 

 

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