Franz Reuß/Yitzhak Raveh
Geboren am 10. November 1906 in Aurich
| Straße: | Oldersumer Str. 34 |
| Todesdatum: | 8. November 1989 |
| Todesort: | Tel Aviv |
| Franz Reuß wird am 10. November 1906 als jüngstes von sechs Kindern des jüdischen Lehrers Heinrich Reuß (*1863 in Oberlauringen, ✡1924 in Berlin) und seiner Frau Selma Reuß geb. Wolff (*1866 in Neviges, NRW, ✡1929 in Berlin) in Aurich geboren. Seine älteren Geschwister sind Erich Reuß (*1887 in Neustadtgödens, ✡1970), Kurt Reuß (*Neustadtgödens berechnet 1889, ✡20.04.1904 in Aurich), Irma Reuß (*1892 in Neustadtgödens, ✡1955 in Tel Aviv), Hilde Reuß (*06.09.1894 in Aurich) und Günther Reuß (*11.06.1898 in Aurich, ✡1973 in Johannesburg). (In der Geburtsurkunde findet sich die Schreibweise „Reuß“. Da es das „ß“ nicht als Großbuchstaben gibt, steht sein Name auf dem Stolperstein mit Doppel-S. Auf seinem Türschild in Tel Aviv stand ebenfalls „REUSS“.)Die Familie Reuß lebt von 1883 – 1894 in Neustadt-Gödens. Dort werden die drei ältesten Geschwister von Franz Reuß geboren. In einem Nachruf in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 4. Dezember 1924 findet sich über seinen Vater: „In Berlin verstarb Heinrich Reuß, ein verdienter Pädagoge und durch seine Artikel auch unseren Lesern wohl bekannt. Reuß ist in Oberlauringen geboren, von wo er mit 12 Jahren nach Burgpreppach (Präparandie) und dann nach Würzburg ins Lehrerseminar kam. Er war zuerst Religionslehrer in Herborn und dann 12 Jahre Volksschullehrer und Prediger in Neustadt-Goedens. Von dort kam er nach Aurich, wo er 14 Jahre als Hauptlehrer, Prediger und Chasen (vergleichbar mit dem Kantor, d. A.) segensreich wirkt. Seit 1908 lebte er in Berlin, wo er 14 Jahre lang als Religionslehrer der Adaß (der jüdischen Gemeinde, d. A.) und als Lehrer an der Talmud-Tora Knesset-Jisroel wirkte.“Als Franz Reuß 1906 geboren wird, wohnt seine Familie in der „Westervorstadt“ Aurich, heute Oldersumer Straße 34. Sein Vater arbeitet seit dem 6.09.1894 als Hauptlehrer an der jüdischen Schule in Aurich. Am 1. November 1908 geht Heinrich Reuß in den Ruhestand und hält seine Abschiedsrede. Die Familie zieht noch im selben Jahr nach Berlin.Franz Reuß wächst in Berlin auf, erhält dort seine Schulbildung und studiert 1924-1927 Jura an der Friedrich-Wilhelms-Universität (seit 1949 Humboldt Universität). Im Jahr 1929 promoviert er in Halle bei Prof. Roth. Nachdem er zwei Jahre als Rechtsanwalt praktiziert hat, beruft man ihn 1931 zum Amtsrichter nach Berlin-Charlottenburg. Im Jahr 1932 heiratet er Batya Sadovski (*1906 in Kowno, Kaunas, Litauen).Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, gerät Franz Reuß wie viele seiner jüdischen Kollegen zunehmend unter Druck. Er beantragt seine Entlassung aus dem Staatsdienst zum 31. März 1933 und begibt sich – ohne seine Entlassung abzuwarten – noch im selben Monat mit seiner Frau, auf ein Schiff, das beide in das damals unter britischem Mandat stehende Palästina bringt. Zu diesem Zeitpunkt war die Einreise nach Palästina als Tourist noch problemlos möglich. Seine Eltern versterben bereits in den 20er Jahren und müssen den Naziterror nicht miterleben.Schlüsselerlebnis für die Ausreise aus Deutschland ist für Franz Reuß, als er bei einem Spaziergang mit seiner Frau auf dem Kaiserdamm in Berlin eine große Gruppe uniformierter Polizisten mit Hakenkreuz-Armbinden marschieren sieht. Damit wird für ihn die beginnende Verknüpfung von Partei und Staat erkennbar und er zieht sofort die Konsequenzen. In Palästina findet Reuß schnell ein neues Betätigungsfeld. Er kümmert sich um die Belange deutscher Einwanderer und praktiziert bis zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wieder als Rechtsanwalt. Franz Reuß hat inzwischen den jüdischen Namen Yitzhak Raveh angenommen. Er ist seit 1952 Bezirksrichter in Tel Aviv und arbeitet dort bis zum Ende seiner Berufstätigkeit. Im Jahr 1961 wird Yitzak Raveh als Kandidat für den Eichmann-Prozess ausgewählt, da er ähnlich wie die anderen ebenfalls deutschstämmigen Richter Moshe Landau und Benjamin Halevi mit der Muttersprache des Angeklagten vertraut ist. Damit können weite Strecken der Verhandlung ohne Umwege über Dolmetscher auf Deutsch geführt werden. Da Ravehs nähere Verwandtschaft vom Holocaust verschont geblieben ist – seine Geschwister können Deutschland rechtzeitig verlassen -, konnte man ihm in dieser Hinsicht keinerlei Befangenheit vorwerfen. Adolf Eichmann gehört zu den zentralen Schlüsselfiguren bei der Deportation der Juden in die Ghettos und Vernichtungslager. Er fungiert daher auch nicht von ungefähr als Protokollführer der Wannseekonferenz, auf der über Fragen zur als „Endlösung“ deklarierten vollständigen Vernichtung sämtlicher Juden beraten wird. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt ihm unter falscher Identität die Flucht nach Argentinien, wo Zielfahndern des Mossad-Geheimdienstes ihn 1960 aufspüren und nach Israel entführen. Dort wird am 23. Mai 1960 Haftbefehl gegen Eichmann erlassen. Der Prozess beginnt am 11. April 1961 vor dem Jerusalemer Bezirksgericht. Eichmann leugnet seine Taten keineswegs. Angesichts der erdrückenden Beweislast von 100 Zeugenaussagen (darunter 90 KZ-Überlebende) und 1600 Dokumenten wäre das ohnehin schwierig zu bewerkstelligen gewesen. Dennoch plädiert er auf „nicht schuldig im Sinne der Anklage“ und versucht, sich als reinen Befehlsempfänger darzustellen. Als er sich dabei auf den Philosophen Immanuel Kant beruft, hakt Richter Raveh nach und bittet um eine nähere Erläuterung. Dank Richter Ravehs Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit hat sich Eichmann dabei praktisch selber entlarvt, denn er macht mit der Berufung auf Kants kategorischen Imperativ deutlich, dass er absolut klar umrissene Vorstellungen von seinem Tun und Handeln hatte. Nach acht Monaten Prozess wird Eichmann in den meisten Anklagepunkten für schuldig befunden und am 15. Dezember 1961 zum Tod durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wird in Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni 1962 vollstreckt. Nach dem Eichmann-Prozess entwickelt sich Yitzhak Raveh zu einem angesehenen Experten für Fragen des Land- und Mietrechts und führt zwischenzeitlich eine parlamentarische Kommission, die nach ihm benannt wird. Er hält Vorlesungen an der Universität von Tel Aviv, publiziert regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften und kümmert sich intensiv um den juristischen Nachwuchs. Als er sich 1976 zur Ruhe setzt, darf er sich dann ein bisschen mehr seinen Hobbys Lesen, Musik und Reisen widmen. Im Oktober 1987 besucht Yizak Raveh während einer Reise nach Berlin auch seine Geburtsstadt Aurich. Er hat offensichtlich von der Arbeit der IGS Aurich-West zur Geschichte der Auricher Judengemeinde und dem Schüleraustausch mit Israel erfahren. Als er in Aurich ankommt, fragt er sich zur IGS durch und stellt den persönlichen Kontakt zu den verantwortlichen Lehrern her. Nach diesem Besuch in Aurich können Schülergruppen der IGS Aurich-West Yizak Raveh noch zweimal in Tel Aviv besuchen. Am 8. November 1989 stirbt der in Aurich als Franz Reuß geborene Yitzhak Raveh an Herzversagen infolge eines Krebsleidens im Alter von fast 83 Jahren. Seine Frau Batya ist bereits einige Jahre zuvor verstorben. Er hinterlässt zwei Töchter und drei Enkelkinder. |
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| Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer (Stand 28.09.2026) |
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| Fotos: | Wolfgang Freitag |
| Opfergruppe: | Juden |
| Quellen: | https://www.alemannia-judaica.de/neustadtgoedens.htm
https://www.mz.de/lokal/halle-saale/yitzhak-raveh-eichmanns-richter-lebte-einst-in-halle-2120196 https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/eichmann/eichmann-trial.asp |
| Literatur: | Freitag, Wolfgang (Hg.), Auf den Spuren jüdischer Geschichte, 4. Aufl. 2010 |
| Patenschaft: | Sara Buss |
| Verlegetermin: | 28. September 2026 |
