Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Riwka „Berta“ Hartog

Veröffentlicht: 26. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Riwka „Berta“ HARTOG
geboren am 2. August 1872 in Aurich

Straße: Wallstr. 46
Todesdatum: 12. Mai 1942
Todesort: Kulmhof (Chelmno)
 

Bertha Hartog 1939 (Sammlung Hepburn)

 

 

 

 

 

 

 

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I). Familie Hartog in Aurich – ein kurzer Überblick

Die Eltern der Geschwister Hartog in Aurich, um die es uns hier geht, waren Philipp Gottschalk Hartog (geboren 1838) und Frau Rahel Cossmann Hoffmann (geboren 1845). Ihr Haus stand in der Wallstraße 46 in Aurich. Da die Straßenansichten sich hier in den Jahren seit der Familie Hartog etwas verändert haben, haben wir ein Foto mitgebracht. Es zeigt die Lage der Häuser vor etwa 60 Jahren und stammt aus den Beständen der Dorgerie Maaß. Vater Philipp Hartog war von Beruf Schlachter. Dieser Beruf hatte eine große Tradition in dieser Auricher Familie. Übrigens waren von den 20 Schlachtereien in Aurich 1933 14 in jüdischer Hand. Diese Zahl belegt, welche große Rolle die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in diesem Berufsfeld hatten. Zu bedenken ist dabei, dass sie viele Berufe ohnehin nicht ergreifen durften. Philipp Hartog hatte Vor- und Zunamen von seinem Großvater Philipp Hartog senior bekommen, der bis 1820 in Aurich lebte und als Schlachter arbeitete. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts muss sein Geschäft eher noch klein gewesen sein, er bezahlt ein vergleichsweise nur geringes Schutzgeld.
Quelle: Online Ofb /  Quelle: Staatsarchiv Aurich Dep. 34b, 1103, fol. 18.

Aurich, Wallstraße Richtung Große Mühlenwallstraße vor 60 Jahren – das Haus mit der kleinen Gaube hat die Hausnummer 40. (Foto nur zum privaten Gebrauch; zur Stolpersteinverlegung am 21. Oktober 2016 Copyright: Drogerie Maaß, Osterster.26, Aurich)

Von ihm ging der Betrieb über an seinen Sohn Gottschalk oder Gossel Hartog über, der den Betrieb bis zu seinem plötzlichen Tod 1856 weiterführte. Sehr früh stand nun der 18jährige Philipp Hartog junior vor der Herausforderung, den elterlichen Betrieb über die Runden zu bringen und weiterzuführen. Aber auch er hat kein langes Leben gehabt: Philipp Hartog junior wurde nur 50 Jahre alt und liegt auf dem jüdischen Friedhof hier in Aurich begraben. Er starb 1898. Damals war er schon Witwer. Seine Ehefrau Rahel wurde nur 45 Jahre alt und starb 1890.  Damals war der jüngste Sohn Hermann der Familie erst drei Jahre alt. Die Familie hat es über Generationen hinweg nicht leicht gehabt. Sie war über Generationen in Aurich sehr bekannt und das galt auch für die Familie von Rachel, Philipp Hartog juniors Ehefrau. Ihre Familie stammte eigentlich aus Marienhafe und beschäftigte sich in erster Linie mit dem Viehhandel. So war sie vielen in Stadt und Land gut bekannt. Rachels Vater hieß Cossmann Moses Salomon Hoffmann und lebte von 1802-1865, Rachels Mutter war Sara Krieger Abrams. Sie ist die Älteste in ihrer Familie gewesen und wurde 84 Jahre alt. Nun kommen wir zu den Kindern von Philipp junior und Rachel, die uns heute besonders beschäftigen und zu deren Andenken auch insgesamt drei Stolpersteine verlegt werden sollen.

II). Die Kinder von Philipp Hartog junior und Rachel Hoffmann:

Geschwister Hartog vor ihem Haus in der Wallstr. 46 – v. l. sitzend: Bertha, Henny – stehend: Oskar, Sara, Hermann

Insgesamt gehörten folgende Kinder zur Familie Hartog:a). Riwka (auch genannt Bertha), geboren Aurich 02.08.1872
b). Sara, geboren Aurich 05.02.1875
c). Kossmann (auch Oskar genannt), geb. Aurich 06.06.1877
d). Jettchen, geboren Aurich 1879, nur 13 Jahre alt geworden)
e). Henni (Henny), geb. Aurich 27.06.1882
f). Gelli, geboren Aurich 1884, nur 18 Jahre alt geworden
g). Hermann, geb. Aurich 1887

An diese Familie wollen wir heue erinnern. Von den sieben Kindern der Familie Hartog sind zwei schon in der Zeit des deutschen Kaiserreiches gestorben. Die Familientradition der Schlachterei in Aurich führte der Sohn Kossmann, benannt nach seinem Großvater mütterlicherseits, weiter. Meistens nannte er sich Oskar.

III.  Zum Schicksal dieser Kinder kann man folgendes sagen:

Zu a). Riwka oder Bertha Hartog war soweit wir bisher herausgefunden haben, nicht verheiratet. Sie lebte in einer Hausgemeinschaft mit ihre Bruder, Schlachter Kossmann „Oskar“ Hartog und ihrer Schwester Sara im Haus der Familie in der Wallstraße, Aurich. Bertha arbeitete als Näherin. Sie war bei der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 61 Jahre alt und musste mit über 70 Jahren dann noch die schreckliche Deportation erleben. Über Berlin wurde sie 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) gebracht und kam von da in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno). Sie wurde am 12. Mai 1942 dort ermordet. Wir wollen sie nicht vergessen.

Zu b). Sara Hartog war, soweit wir herausgefunden haben, ebenfalls nicht verheiratet. Sie lebte in Hausgemeinschaft mit der eben genannten Schwester Bertha und dem Schlachter Kossmann „Oskar“ Hartog. Über sie haben wir nicht als erste geforscht. Weil sie zuletzt in Emden lebte, wurde ihr Schicksal bereits von einer Arbeitsgruppe der Berufsbildenden Schulen recherchiert und wir können zum Teil auf einige interessante einzelne Dokumente aus der Emder Arbeitsgruppe zurückgreifen. Die Arbeitsgruppe wurde von der Emder Max Windmüller-Gesellschaft unterstützt und hat ihre Ergebnisse auch im Internet unter der Überschrift „Eine Reise nach Lodz“ veröffentlicht.  Dafür erhielt die Gruppe den Schülerfriedenspreis des Landes Niedersachsen.

Quelle: Eine Reise nach Lodz. Auf der Suche nach Spuren der letzten ostfriesischen Juden, Emden 2014.

Staatsarchiv Lodz, Mikrofilm: L21113cz4 – 5872, aufgefunden von der Forschungsgruppe aus Emden.

Sara Hartog war schon Rentnerin, als sie von den Nationalsozialisten deportiert wurde. Sie kam über Hamburg in das Ghetto Litzmannstadt und von da wie ihre Schwester Bertha in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno). Dazu gibt es ein grausiges Dokument: der sogenannte „Älteste der Juden“ in Litzmannstadt bescheinigt die Abmeldung der Sara Hartog mit dem Hinweis, sie sei „ausgewiesen“ worden. Das war eine Umschreibung für die Reise in den Tod, in das Vernichtungslager. In Chemno wurden die Ankommenden mit Auspuffgasen in LKWs auf grausame Weise ermordet.

Die Emder Arbeitsgruppe zur Erforschung ihres Schicksals hat eine sehr anrührende Postkarte aufgespürt, die noch ihre Handschrift zeigt. Sie stammt vom Neujahrstag 1942 und ist eine Antwort auf eine Karte, die am Silvestertag 1941 dort ankam. So wissen wir, dass sie im Ghetto Litzmannstadt in der Gnesener  Straße in einem sogenannten „Altersheim“ lebte. Wie schlimm werden die Lebensbedingungen dort gewesen sein! Nichts durfte sie natürlich davon schreiben. Aber besonders berührt hat uns, dass sie sehr liebe Zeilen an ihre Bekannte Frau Emmy Wolffs schrieb, die in ein sogenanntes jüdisches Altersheim nach Varel gebracht worden war. Aber dort sind diese Zeilen niemals gelesen worden – Post aus dem Ghetto wurde einfach beiseitegelegt und nicht befördert,  mit deutscher Gründlichkeit aber gut aufgeboben und so existiert diese Karte im Staatsarchiv von Lodz bis heute.

Postkarte von Sara Hartog an Emmy Wolffs Quelle: Staatsarchiv Lodz, Mikrofilm: L 20933 III – 10434

„Liebe Familie Wolffs! Ihre Karte haben wir gestern erhalten, ebenso die 32 Mark, die Herr Wolffs uns schickt. Wir haben uns sehr damit gefreut und sagen unseren besten Dank dafür. Hoffentlich geht es Ihnen allen gut. Wir sind soweit auch gesund. Nur Oskar hatte vorige Woche einen Herzanfall, ist aber Gott sei dank schnell vorüber gegangen. Mit Rosa bin ich immer zusammen, auch hier im Altenheim. Auch sie ist gesund. Sehr leid tut es uns, dass Adelheid C. und Frau Haag so krank sind. Ich wünsche beiden von Herzen gute Besserung. Frau Maiberg ist heute zu ihrem Mann gegangen. Herr Weinberg ist hier bei uns. Seine Schwester ist auch fort. Nun seien Sie, liebe Frau Wolffs, recht herzlich gegrüßt von Ihren Geschwistern Hartog. Bitte Adolf Wolffs und Mutter zu grüßen. Ihre Geschwister Hartog.“

 

Oskar Hartog ca. 1934 (Sammlung Hepburn)

Zu c). Für den Schlachter Kossmann (Oskar) Hartog gibt es eine günstigere Quellenlage als bei seinen Schwestern, weil er sich auch öffentlich betätigte. Wir folgen hierin den sehr ausführlichen Untersuchungen von Johannes Diekhoff, der die Lage der jüdischen Bewohner Aurichs damals sehr detailliert erarbeitet hat.  Er hat bei seinen Arbeiten auch ein Porträt von Kossmann Oskar Hartog aufgespürt.
Quelle: Diekhoff, Johannes, Die Auricher Judengemeinde von 1930-1940; in: Die Juden in Aurich, hg. von Herbert Reyer, Aurich 1992, S. 129ff.

Großes Interesse hatte er an der Arbeit des „Israelitischen Jüngslingsvereins“ in Aurich, der bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Eines der Hauptziele dieses Vereines war neben der Pflege der Geselligkeit unter den jungen Leuten die Unterstützung von Mitgliedern, die den Lehrerberuf ergreifen wollten. In diesem Verein arbeitete Kossmann Hartog als Schriftführer. Vorsitzender war Benjamin Samson. 1934 hatte dieser Verein in Aurich 25 Mitglieder. Aus dem Verzeichnis der Auricher Schlachterinnung wissen wir, dass Kossmann nicht nur selbst in seiner Schlachterei arbeitete, sondern auch einen Gesellen beschäftigte. Christliche und jüdische Schlachter gehörten derselben Schlachterinnung an und trafen die ihre Arbeit betreffenden Entscheidungen gemeinsam. Kossmann Hartog war stellvertretender Obermeister in Aurich. Durch Die Gleichschaltung aller Organisationen seit 1933 durfte er dieses Amt nicht mehr ausüben. Ohne dass die jüdischen Mitglieder der Innung überhaupt informiert wurden, wurde quasi über Nacht ein neuer Vorstand gebildet. Jüdische Schlachten sollten nicht mehr darin vertreten sein und auch keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten. Das wollte Schlachter Hartog nicht ohne Weiteres hinnehmen und fragte mutig in einer der nächsten Innungsversammlungen Mitte 1933 an, ob so ein Vorgehen überhaupt mit der Satzung der Innung im Einklang stünde. Schon bald gab es den nächsten Konflikt: weil die Innungsversammlungen mit Rücksicht auf die jüdischen Mitglieder nie Freitags (zum Beginn des Sabbattages) anberaumt wurden, machten die nationalsozialistisch gesinnten neuen Vorstandmitglieder das natürlich mit Absicht. Auch hiergegen protestierte Schlachter Hartog bei der Stadtverwaltung und es wurde ihm auch Recht gegeben. Wenn sie Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gewesen waren, sollten Auricher jüdische Schlachter auch wieder Aufträge für das Krankenhaus erhalten. Diekhoff bringt auch Schilderungen in seinen Bericht ein, wie christliche Kunden trotz aller Drohungen eine Zeitlang weiter bei Hartogs kauften. 1934 wird in einem Polizeibericht geklagt, dass Schlachter Hartog praktisch kaum Kunden verloren hatte.
Quelle: Diekhoff, s.o. Seite 143.

Auch Schlachter Hartog war nicht verheiratet und hat dieselben Etappen seiner Deportation hinnehmen müssen: über Emden ging es Litzmannstadt (Lodz). Er wird in der Postkarte seiner Schwester vom Neujahrstag 1942 erwähnt, weil er einen Herzanfall erlitt. Eine Quelle im Staatsarchiv Aurich bezieht sich sehr wahrscheinlich auch auf ihn:

Schreiben des Landrates Krieger, Aurich, vom 29.August 1939 an die Gestapo Wilhelmshaven hinsichtlich der Inschutzhaftnahme des Auricher Juden Oskar Hartog, der sich auf dem Bahnsteig Aurich ohne besondere Veranlassung aufhielt. Auf dem Gleis stand ein Zug, in dem zum Wehrdienst einberufene Auricher saßen, die zu ihren Gestellungsorten reisten. Wie der Landrat berichtete, soll der Jude Hartog „in besonders auffallender Art wiederholt den Bahnsteig auf und ab am Zug entlang“ gegangen sein. „Er trug hierbei ein besonders herausforderndes Benehmen zur Schau und begleitete die zum Teil bewegten Abschiedszenen mit hämischem Lächeln. Die Bevölkerung fühlte sich in ihrem Empfinden mit recht hierdurch tiefst verletzt.“ Auch war er nicht im Besitz einer Fahrkarte. Da zu befürchten war, dass die Bevölkerung eine berechtigte Vergeltung für das Verhalten an diesem ausüben könnte, wurde dieser in Schutzhaft genommen. Die Einlieferung in das Gerichtsgefängnis erfolgte. Der Landrat bat die Gestapo Oskar Hartog möglichst bald in ein Konzentrationslager einzuliefern.
Quelle: Niedersächisches Staatsarchiv Aurich, Rep. 16/1, Nr. 1025

Wir sind uns nicht sicher, wie diese Szene am Bahnhof zu deuten ist. Sicher ist nur, dass alles, was jüdische Mitbürger damals taten oder sagten, sofort gegen sie verwendet wurde und schlimmste Folgen für sie hatte – selbst wenn sie sich nichts zuschulden kommen lassen hatten. Die Beschuldigung des Schlachters Hartog wird auch in einer Veröffentlichung des Emder Bunkermuseums dokumentiert.
Zu e). Henny Hartog wurde auch ermordet, ihr Name findet sich im Gedenkbuch der jüdischen Opfer in der Gedenkstätte Yad Vashem. Sie wohnte zuletzt in Köln, wurde am 30.10.1941 von dort in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert und im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) ermordet.
Quelle: Gedenkbuch Bundesarchiv

Zu g). Hermann Hartog war erst 11 Jahre, als sein Vater starb. Seine Schwestern finanzieren ihm eine Ausbildung zum Lehrer. Er zieht schon in jungen Jahren nach Jever und heiratet am 10.03.1921 Henny Scheuer

Henny geb. Scheuer und Hermann Hartog mit ihrer Tochter Lore ca. 1935 (Sammlung Hepburn)

aus Frankfurt/Main. Am 20.11.1924 wird in Jever ihre Tochter Lore geboren, am 4.12.1926 ihre Tochter Inge. Die Familie zieht nach Wilhelmshaven um (Bismarckstr. 107). Lore wird 1935/36 zum Schulbesuch nach England geschickt.
Nach der Pogromnacht am 9.11.1038 wird Hermann bis zum 12.12.1938 in Sachsenhausen interniert. Auch seine Frau Henny und die Tochter Inge werden kurze Zeit festgesetzt. Sofort nach der Freilassung wird auch Inge mit einem Kindertransport nach England geschickt. Am 9.08.1939 ziehen ihre Eltern für kurze Zeit nach Aurich. Hermann flieht am 13.10.1939 nach Brüssel; Henny folgt ihm am 2.11.1939. Sie können  sich mit Hilfe der Resistance in Assette, einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, verstecken, werden aber aufgegriffen und im Sammellager Drany (südl. von Paris) interniert. Von dort aus werden sie am 4. September 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Lore schließt in England ihre Schulausbildung ab und wird Sekretärin. Sie heiratet im May 1944 den Engländer Ron Hepburn. Ihr einziges Kind, Peter Hepburn, wird 1950 geboren. Lore stirbt im Februar 2016.
Ihre Schwester Inge heirate ebenfalls einen Engländer, Peter Sinden. Sie stirbt wenige Wochen vor ihrer Schwester im Dezember 2015.

Recherche: Jugendarbeitskreis der Kirchengemeinde Victorbur/Hans-Jürgen Westermayer
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 9.02.2018)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:  Informationen von Ainslie Hepburn (Schwiegertochter von Lore Hartog verh. Hepburn) v. 9.02.2018
Literatur:
Patenschaft: Eckhard Hattensaur
Verlegetermin: 21. Oktober 2016

 

Wilhelm Hoffmann

Veröffentlicht: 26. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Wilhelm HOFFMANN
geboren am 22. April 1905 in Aurich

Straße: Ukenastraße 2
Todesdatum: 19. August 1942
Todesort: Aurich

Wilhelm Hoffmann 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

 

 

 

 

 

 

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Wilhelm Hoffmann wird am 22.04.1905 in Aurich geboren. Er ist das einzige Kind der Eheleute Meyer Feibelmann und Henriette. Er ist wie sein Vater von Beruf Rind- und Pferdehändler.

Meyer Feibelmann ist im Adressbuch von 1926 als Produkten-, Vieh- und Pferdekommissär notiert. Sogar ein Telefon der Nummer 308 ist angegeben, also ein Zeichen kleiner Prosperität.

Wegen Erwerbsverbot und Armut in Folge muss die Familie dieses Haus am 23.12.1936 aber aufgeben und zur Miete in die Emderstraße 16, dem Haus der jüdischen Gemeindeverwaltung, umziehen. Dort muss später die Familie Abraham Samson ebenfalls aus gleichen Gründen unterkommen.

Wilhelm wohnt bei seinen Eltern, zuerst hier in der Ukenastraße 2, dann in der Emderstraße 16. Am 6.03.1938 stirbt dort sein Vater.
Im Februar 1940 muss Wilhelm zusammen mit seiner Mutter nach Berlin-Schöneberg in der Kurfürstenstraße 146 umziehen, ein Judenhaus. Er muss Zwangsarbeit leisten.

Am 15.08.1942 wird er zusammen mit 1.004 weiteren vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und dort wahrscheinlich kurz nach der Ankunft am 19.08.1942 ermordet.

Seine Mutter wird am 14.09.1942 vom Lehrter Güterbahnhof mit 1.000 anderen nach Theresienstadt deportiert. Sie stirbt dort am 23.02.1943. Die „amtliche Todesfallanzeige“ stellt dazu fest: Marasmus senilis. – Altersschwäche.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.01.2015)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 20 Nr. 743; Meldeblätter; Dep. 34C 143
Literatur:
Patenschaft: Bernhard Siebelds
Verlegetermin: 21. Oktober 2016

 

 

Meyer Feibelmann Hoffmann

Veröffentlicht: 26. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Meyer Feibelmann HOFFMANN
geboren am 9. März 1869 in Aurich

Straße: Ukenastraße 2
Todesdatum: 6. März 1938
Todesort: Aurich
Meyer Feibelmann Hoffmann wird am 9.03.1869 in Aurich geboren. Er ist Sohn des Feibelmann Meyer und der Röschen Selig geb. Wolff. Er hat zwei Geschwister, die jeweils 1918 und 1925 gestorben sind.

Er ist verheiratet mit Henriette geb. Hurwitz aus Lübbecke. Sie haben einen Sohn Wilhelm (geboren am 22.04.1905).

Meyer Feibelmann ist von Beruf Rinder- und Pferdehändler. Produkten-, Vieh- und Pferdekommissär, wie es im Adreßbuch 1926 notiert ist. Sogar ein Telefon der Nummer 308 ist angegeben, also ein Zeichen kleiner Prosperität.

Wegen Erwerbsverbot und Armut in Folge muss die Familie dieses Haus am 23.12.1936 aber aufgeben und zur Miete in die Emderstraße 16, dem Haus der jüdischen Gemeindeverwaltung, umziehen. Dort muss später die Familie Abraham Samson ebenfalls aus gleichen Gründen unterkommen.

Dort stirbt Meyer Feibelmann Hoffmann am 6. 3. 1938

 

Im Februar 1940 muss Henriette mit ihrem Sohn Wilhelm, wie auch alle anderen Juden, Aurich verlassen. Sie ziehen nach Berlin-Schöneberg in die Kurfürstenstraße 146, ein Judenhaus.

Am 14.09.1942 wird sie vom Lehrter Güterbahnhof mit 1.000 anderen nach Theresienstadt deportiert. Sie stirbt dort am 23.02.1943. Die „amtliche Todesfallanzeige“ stellt dazu fest: Marasmus senilis. – Altersschwäche.

Sein Sohn Wilhelm wird am 15.08.1942 zusammen mit 1.004 weiteren vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und dort wahrscheinlich kurz nach der Ankunft am 18.08.1942 ermordet.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.01.2015)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 20 Nr. 743; Meldeblätter; Dep. 34C 143
Literatur:  
Patenschaft: Arbeitskreis Stolpersteine
Verlegetermin: 21. Oktober 2016

 

 

 

Henriette Hoffmann geb. Hurwitz

Veröffentlicht: 25. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Henriette HOFFMANN geb. HURWITZ
geboren am 7. Januar 1869 in Lübbecke

Straße: Ukenastraße 2
Todesdatum: 23. Februar 1943
Todesort: Theresienstadt
Henriette Hoffmann geb. Hurwitz wird am 7.01.1869 in Lübbecke geboren. Sie ist heiratet den Rinder- und Pferdehändler Meyer Feibelmann Hoffmann. Als Produkten-, Vieh- und Pferdekommissär ist er im Adressbuch 1926 notiert. Sogar ein Telefon der Nummer 308 ist angegeben, also ein Zeichen kleiner Prosperität.
Sie haben einen Sohn Wilhelm (geboren am 22.04.1905) und wohnen zusammen im Haus Ukenastraße 2.

Wegen Erwerbsverbot und Armut in Folge muss die Familie dieses Haus am 23.12.1936 aber aufgeben und zur Miete in die Emderstraße 16, dem Haus der jüdischen Gemeindeverwaltung, umziehen. Dort stirbt ihr Ehemann am 6.03.1938.

Im Februar 1940 muss Henriette mit ihrem Sohn  Wilhelm, wie auch alle anderen Juden, Aurich verlassen. Sie ziehen nach Berlin-Schöneberg in die Kurfürstenstraße 146, ein Judenhaus.

Am 14.09.1942 wird sie vom Lehrter Güterbahnhof mit 1.000 anderen nach Theresienstadt deportiert. Sie stirbt dort am 23.02.1943. Die „amtliche Todesfallanzeige“ stellt dazu fest: Marasmus senilis. – Altersschwäche.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.01.2015)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 20 Nr. 743; Meldeblätter; Dep. 34C 143
Literatur:  
Patenschaft: Gerta Gebhardt
Verlegetermin: 21. Oktober 2016

 

 

 

Minka „Mia“ Cohen verh. Vos

Veröffentlicht: 24. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Minka „Mia“ COHEN verh. Vos
geboren am 8. September 1923 in Aurich

Straße: Wallstraße 33
Todesdatum: überlebt
Todesort:

Minka „MIa“ Cohen 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

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Minka „Mia“ Cohen wird am 8.09.1923 in Aurich geboren. Sie ist das erste Kind der Eltern Jakob Moses Cohen und Hannchen geb. Wolff und hat drei weitere Geschwister: David, Martha, Manfred. Zwei weitere werden noch geboren, ein Junge vor ihr. Er stirbt am Tag der Geburt, Zilla stirbt 1939 nach 12 Tagen.

Mia wächst in einer regen großen Familie auf, einbezogen die zahlreiche Verwandtschaft aus Onkeln und Tanten, welche fast in Rufweite wohnen. Über allem lenkt und wacht mit gütigem Herz ihre Mutter. Viele weitere Kinder aus der enggebauten Auricher Altstadt gehen ein und aus. Er war ein Paradies. „Wir Kinder, die wir zu Besuch waren, liebten dieses Aurich. Motjes Kinner sünd all dor“ (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017), hieß es, wenn diese vom Haus der Wallstraße quer durch den Garten Onkel Siegfried Wolff in der Norderstraße 18 aufsuchen – und andere anderswo. Martha ist eine früh erblühende Schönheit, „aber ich war die Ältere“ . Aber ab Mitte der 30er änderte sich vieles. Die christlichen Kinder sollen nicht mehr mit den jüdischen spielen. HJ-Führer treiben die Pimpfe durch die Wallstraße, diese das Lied mit dem Judenblut und dem Messer zu brüllen hatten (Erinnerungen des Zeitzeugen und Spielgefährten der Cohen-Kinder – Heinz Determann).

Mia besucht wie alle jüdischen Kinder die jüdische Volksschule in der Kirchstraße. Zum Gymnasium wäre sie nicht zugelassen worden. Eine berufliche Ausbildung ist unter diesen Umständen ebenso nicht möglich. Mia ist kurzzeitig auf einem Vorbereitungslager der Hachschara.

Früh ist den Eltern klargeworden, sie müssen Deutschland verlassen. Aber wie und wohin? Ende 1938 steht hierfür eine kleine Tür offen. Ihr Vater ist mit seinem Bruder Hermann Levy in Köln auf dem britischen Konsulat. Ihnen wird ein Touristenvisum angeboten. Ihr Onkel nimmt sofort an, ihr Vater nicht, er will seinen Kindern nicht zur Last fallen (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017) . 

Minka Cohen ca. 1941 und Stationen der Flucht ‐ Ausschnitte aus dem Paß von Mia Januar 1940‐41 – Foto: Chana Nahari

Minka verlässt Aurich am 11.08.1938 nach Bad Soden im Taunus und arbeitet in der Israelitischen Kuranstalt in der Talstraße. Diese wird in der Pogromnacht in Brand gesetzt. Mia muss Hals über Kopf am gleichen Tag von dort abreisen und kehrt nach Aurich zurück. Am 3.05.1939 geht sie nach Emden und hilft in der Küche des jüdischen Altersheims in der Klaas-Tholen-Straße. Dort arbeitet auch ihr Nachbar – Fritz Hoffmann als Koch.
Bereits zu Jahresbeginn ist unter den jungen Aurichern das Gespräch und es findet sich im Briefverkehr ein Hauptthema; wer, wann und wie die Flucht ins Ausland gehen kann. Alle sind zu dieser Zeit auf dem Absprung, „[…] fährt in nächster Zeit“, so steht es typischerweise in den überlieferten Briefen.

Sie verlässt Aurich nun endgültig am 24. November 1939. Durch Hehalutz in Berlin, einer Organisation, welche die jüdische Einwanderung nach Palästina der Alija und die Hachschara organisiert, hat sie einen Platz auf der Fluchtroute per Schiff über die Donau gefunden (Viele Details im weiteren nun aus: Gabriele Anderl, Walter Manoschek Gescheiterte Flucht „Der jüdische Kladovo-Transport“ auf dem Weg nach Palästina, Wien 1993 und – Dalia Ofer, Hannah Weiner „Dead-End Journey“ University Press of America, 1996).
Es sind überwiegend Wiener Juden, Alte, viele Familien mit Kindern und junge und 50 Juden aus Danzig. Sie sammeln sich in Wien. Am 25. November fahren sie weiter nach Bratislava. Diese Fluchtroute haben zionistische Organisationen, Vorläufer des Mossad, Adolf Eichmann, dem damaligen Judenreferenten in Wien, abgekauft. Das so abgepresste Geld leitet Eichmann in seine Privatschatulle.

Sie warten auf weitere, die noch kommen sollen. Schließlich legt die URANUS der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft [DDSG] am 8. Dezember 1939 mit 1002 Flüchtlingen und Ziel Sulina, am Schwarzen Meer, ab. Unterwegs bekommt die DDSG kalte Füße, sie befürchtet ihr Schiff könnte von rumänischen Behörden festgehalten, werden, wenn in Sulina kein Seeschiff bereitliegt. Keines der Transitländer will für die Flüchtlinge aufkommen, sollten diese aus irgendwelchen Gründen an der Weiterfahrt gehindert sein. Die Flüchtlingsgruppe muss auf drei altersschwache Dampfer der jugoslawischen Staatsreederei umsteigen. Mia kommt mit 350 anderen auf die CAR DUSAN. In Kladowo hinter dem Eisernen Tor ist am 31. Dezember 1939 die Fahrt zu Ende. Der Winter kommt überraschend und man befürchtet Eisgang. Die Flüchtlinge müssen an Land in Behelfsunterkünften aushalten. Auch im Frühjahr und im ganzen Folgejahr klappt die Weiterfahrt nicht, es fehlen immer Transitvisa. Werden welche erteilt, verfallen diese innerhalb der zu kurz gesetzten Frist, da technische und finanzielle Probleme dazukommen. On doit entrer en Turque jusqu’à 5 mars 1941 – so steht es in einem geplatzten Visum.
In den Transitvisa der Flüchtenden steht deutlich Sans Arrêt. Und es ist der Ort und das späteste Datum vermerkt, wo sie das jeweilige Transitland wieder verlassen müsse. Ständig platzen Abfahrten, es gibt nicht ausgeschöpfte Sommer- und Winter-Schedulen der englischen Mandatsverwaltung. Die irgendwie übertragen werden können, oder auch nicht. Es ist eine Kette bürokratischen Irrsinns und eine unglaubliche Verweigerung elementarer humanitärer Pflicht angesichts der immer näher rückenden tödlichen Bedrohung der jüdischen Flüchtlinge.

Es ist eine bittere Ironie des Schicksals, als die verzweifelten Flüchtlinge an Land auch noch miterleben müssen, wie Anfang September 1940 ein großer illegaler Transport – der letzte, der das Reichsgebiet verlassen kann – an ihnen vorüberfährt. Vier DDSG-Schiffe – MELK, SCHÖNBRUNN, HELIOS und URANUS (auf letztem hatte auch die Kladovo-Gruppe in Bratislava ihre Reise angetreten) – gleiten nun donauabwärts an ihnen vorüber. Die Verzweiflung ist unbeschreiblich. Wir konnten keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen, da das Schiff nicht stehenblieb. Auf einem der Schiffe sind Mias Freunde aus der Auricher Nachbarschaft: Wolff Wolffs, Benno und Irma. Mia weiß dies aber zu diesem Zeitpunkt nicht.

Während des Sommers 1940 ist immer wieder von einem Remorqueur (Schleppzug) die Rede, der das mit den Flüchtlingen besetzte Objekt – mit Brettern zum provisorischen Wohnschiff gemacht, den Kahn PENELOPE und einen weiteren aus dem Hafen von Kladovo ziehen soll (die jugoslawische Reederei hatte ihre Schiffe längst zurückgefordert). Im September werden die Gerüchte konkret. Ziel der Reise ist jedoch nicht mehr ein Hafen an der unteren Donau oder am Schwarzen Meer, sondern zurück zu einem serbisches Städtchen an der Save. Am 17. September 40 werden alle mit der PENELOPE und zwei weiteren Kähnen per Schlepper nach Šabac in einer fünf Tage dauernden Fahrt stromaufwärts gebracht. Am 22. Ankunft dort.

Die Kladovo‐Flüchtlinge auf der Donau zurück nach Šabac auf Schleppkähnen – Foto UHSM

Im allerletzten Augenblick, nur wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Jugoslawien, kann ein kleiner Teil dieser Kladovo-Flüchtlinge doch nach Palästina entkommen. Alle Mitglieder des Transportes im Alter der Jugend-Alija befinden, also zwischen 15 und 17 Jahre alt, sind dabei. Mia ist 17½. Die Altersgrenze sei dabei, strikt eingehalten worden. Denn im Februar 1941 kommt plötzlich die überraschende Meldung, 200 Zertifikate für die Jugend-Alijah sind angekommen, mit einigen weiteren Zertifikaten für Erwachsene als Begleiter.

Die Fahrt geht, im letzten Augenblick vor Ablauf der Zertifikate, in vier Gruppen über Griechenland; Bulgarien verweigert kurz zuvor. Am 16. März, um 15 Uhr, tritt die Gruppe schließlich ihre Fahrt an. Mit Lehitraoth-Rufen« [hebräisch f. Auf Wiedersehen! Aber es gibt kein Wiedersehen. Fast alle Flüchtlinge werden von der Wehrmacht später ermordet] verabschiedet sie sich. An den Bahnhöfen entlang der Strecke erhalten die Flüchtlinge von Juden, die von ihrer Durchreise erfahren hatten, Speisen und Getränke. Fast eine Woche dauerte die Fahrt bis Istanbul, da die Gleise in Griechenland durch Bombardierungen beschädigt sind. In Istanbul werden sie in einer schönen Pension einquartiert und erhalten sogar etwas Taschengeld. Junge türkische Offiziere führen sie aus und kauften den beiden Mädchen, die seit vielen Monaten nicht mehr satt geworden waren, Hühnchen, Halwa und Strümpfe. Dann geht die Reise weiter. Über die türkische Grenzstadt Meidan-Ekbès gelangen sie nach Syrien, weiter zur libanesischen Grenzstadt Nakoura. Am 30. März 41 betritt sie dann in Rosh Haniqra palästinensischen Boden. Die Fahrt endet in dem mit Stacheldraht gesicherten Lager Atlit am Strand hinter den Dünen, südlich von Haifa.

Jüdische Kinderflüchtlinge, die den Holocaust überlebten, steigen am 15.07.1945 in Atlit aus
Waggons – Foto Zoltan Kluger

Nach nur neun Tagen kommt sie überraschend frei. Die Mutter ihrer Kusine (Mia damals unbekannt) geht in das Lager, um ihren dort angekommenen Neffen Kurt aus Gotha auszulösen. Dieser hatte einen Freund dort gefunden: Jupp Vos, auch illegal, aus Neuenahr. Und was ist mit ihr? Und sie deuteten auf Mia (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lea Oelsner in Berlin 12. Februar 2017).  Sie kann Mia mitnehmen und bei ihrer Tante Erna Schlüssel geb. Wolff unterbringen. Besagter Jupp wird später ihr Ehemann.

Mia besucht die Hauswirtschaftsschule Beit Zeirot Misrachi (Haus für religiöse junge Frauen) in Jerusalem. Diese Schule nimmt geflüchtete junge Frauen auf, um ihnen grundlegende Pionier-Fertigkeiten in Haus- und Landwirtschaft in einer tropischen Umgebung zu vermitteln. Sie ist noch durch die Hungerzeit in Jugoslawien krank und geschwächt. Sie erwähnt in den Briefen aber kein weiteres Detail. Mia und Jupp werden bald ein Paar. Jupp Vos wird zuvor als Illegaler auf der PATRIA festgehalten und soll mit vielen anderen nach Mauritius deportiert werden. Die PATRIA explodiert durch eine Bombe, gelegt von der Hagana, und kentert im Hafen von Haifa. Jupp übersteht dies und wird stattdessen für 10 Monate in Atlit interniert.

Mia und Jupp 1942

Mia und Jupp Vos 1943

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie heiraten am 4. Februar 1943 in Jerusalem, wohnen in Ra’anana, Chana wird am 4. Dezember 1946, Eliezer am 1. August 1950 geboren. Mia führt den Haushalt, arbeitete zeitweilig in einem Konsum, macht alles und kann alles. „Jeder mußte alles können, der Beruf von jedem in dieser Zeit war „Universalist‘“ so beschreibt es ihre Kusine Lea Oelsner. Und so ist Mia überall, emsig und flink und alles für die Familie. Aber sie hilft auch anderen in Not geratenen, ist im sozialen Leben von Ra’anana mittendrin und beteiligt sich an verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen.

Mia mit ihrer Tochter Chana – 1950

Mia mit Eliezer – 1950

Die Familie Vos pflegt ein offenes und geselliges Haus. „ … Es war immer remmi-demmi, die Tür stand stets auf.“ Ihr Onkel Levy Hermann mit seinen Kindern und Kindeskindern wohnt direkt gegenüber.

Ihr Mann Jupp, aus einer Viehhändler-Familie stammend, arbeitet erst in zwei Kibbuzim in der Landwirtschaft. Später macht er sich selbständig mit einem Pferd. Dann baut er Stallanlagen, später hat er ein Fahrradgeschäft. Zuletzt ist er Zivilangestellter bei einer staatlichen Rüstungsfirma, der Israel Military Industries (IMI). Er stirbt plötzlich im 65. Lebensjahr am 26. Juli 1983 während eines Tennisspiels.
Zuvor passiert Minka selbst ein großes Unglück. Eines Tages, sie ist 55, erleidet sie einen plötzlichen Pneumothorax aus einer unentdeckten Vorerkrankung. Die Atmung stockt, und sie droht zu ersticken. Erst im Krankenhaus setzt die Atmung wieder ein. Das Gehirn ist jedoch durch Sauerstoffnot geschädigt, und sie bleibt teilweise gelähmt. Das ist für die Familie sehr schwer. Sie sitzt im Rollstuhl und muss gepflegt werden und lebt zuletzt in einem Heim. Dennoch erträgt sie tapfer ihr auferlegtes Schicksal und verfällt nicht in Depression. Sie ist körperlich behindert, ihr Geist aber wach. Sie nimmt an allem teil was um sie geschieht und ist dabei stets zu Scherzen aufgelegt. Am 1. Februar 1997 stirbt sie.

Eine ausführliche Biografie von findet sich im Buch „Stolpersteine Aurich“ und kann auch auf dem Blog des Verlages eingesehen werden.

Mia und Jupp Vos – 1966

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 24.01.2018)
Foto:  Fotos der Familie: Chana Nahari
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Nds. Landesarchiv Aurich, Rep 107 Nr. 1786
– Dokumente der Nachkommen
– Interviews mit Zeitzeugen.
Literatur:
Patenschaft: Chana Nahari und Ely Vos
Verlegetermin: 20. Oktober  2016

 

 

 

Martha Jakob Cohen

Veröffentlicht: 24. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Martha Jakob COHEN
geboren am 9. August 1927 in Aurich

Straße: Wallstraße 33
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Minsk am 18.11.1941
Todesort: Minsk

Martha Jakob Cohen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Martha Cohen wird am 9.08.1927 in Aurich geboren. Sie ist das dritte Kind der Eltern Jakob Moses Cohen und Hannchen geb. Wolff und hat drei weitere Geschwister: David, Minka (Mia), Manfred. Zwei weitere werden noch geboren, ein Junge vor ihr. Er stirbt am Tag der Geburt, Zilla stirbt 1939 nach 12 Tagen.

Martha wächst in einer regen großen Familie auf, einbezogen die zahlreiche Verwandtschaft aus Onkeln und Tanten, welche fast in Rufweite wohnen. Über allem lenkt und wacht mit gütigem Herz ihre Mutter. Viele weitere Kinder aus der enggebauten auricher Altstadt gehen ein und aus. Er war ein Paradies. „Wir Kinder, die wir zu Besuch waren, liebten dieses Aurich (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lotte Oelsner in Berlin 12. Februar 2017). Motjes Kinner sünd all dor“, hieß es wenn diese vom Haus der Wallstraße quer durch den Garten Onkel Siegfried Wolff in der Norderstraße 18 aufsuchen – und andere anderswo. Martha ist eine früh erblühende Schönheit, „aber ich war die Ältere“ ... so sagt es heute die Kusine und Zeitzeugin Lotte Oelsner. Aber ab Mitte der 30er änderte sich vieles. Die christlichen Kinder sollen nicht mehr mit den jüdischen spielen. HJ-Führer treiben die Pimpfe durch die Wallstraße, diese das Lied mit dem Judenblut und dem Messer zu brüllen hatten (Erinnerungen des Zeitzeugen und Spielgefährten der Cohen-Kinder – Heinz Determann).

Ihre Eltern verarmen zusehends. Sie müssen ihr Haus in der Wallstraße 33 aufgeben und in das noch in jüdischem Besitz befindlichen Haus Zingel 3 der Samson-Brüder am 6.09.1939 umziehen.

Am Tag des Novemberpogroms 1938 wird ihr Vater in Aurich verhaftet mit vielen anderen am 10. November nach Sachsenhausen deportiert. Dort muss er bis zum 6. Dezember bleiben. Ihre Mutter Hannchen ist zu dieser Zeit hochschwanger mit Zilla.

Im Februar 1940 müssen alle Juden Aurich verlassen. Martha und ihr Bruder Manfred müssen in ein jüdisches Kinderheim nach Köln in der Lützowstraße 55. Ihre Eltern ziehen am 28.04.1940 nach Bremen-Vegesack in die Alte Hafenstraße 23. Sie müssen dort Zwangsarbeit leisten und können sich um ihre Kinder nicht kümmern.

Vor Ostern 41 schließt o.g. Kölner Heim. Sie und ihr Bruder kommen in ein anderes. Zu Pessach sind sie bei den Eltern in Vegesack. Am 27.10.1941 schreibt die Mutter an ihre geflüchteten Geschwister: „Wir werden nun auch die Kinder wieder zu uns nehmen. Martha kommt aus der Schule [=Ende der achtjährigen Zeit in der jüdischen Volksschule] und Manfred soll nicht alleine in Köln bleiben.“

 

Am 18.11.1941 muss Martha mit ihrem Bruder und ihren Eltern in einen Zug zu einer Sammelstation nach Hamburg steigen, der an-schließend nach Minsk Weißrußland fährt. Die Familie lebt im Ghetto in einem von der deutschen Besatzung abgetrennten Gebiet, welches zuvor die weißrussische Judenschaft bewohnt. Diese wird kurz vor Beginn der Deportation aus dem Reich, Mitte November, vollständig ermordet.
Am 28. Juli 42 setzen die deutschen Besatzer erstmals mobile Vergasungsanlagen ein. Möbelwagen, in deren mit Häftlingen vollgepferchten Laderaum Auspuffgase geleitet werden. Es werden alle nichtarbeitsfähigen Lagerinsassen, das sind Martha und ihr Bruder, umgebracht.

Es ist nicht belegt, ob ihre Eltern auch unter diesen Opfern sind. Aber auch alle Arbeitsfähigen erleiden bis zum 21. 10. 1943 ein gleiches Schicksal. Ihr Todestag ist somit nicht bestimmt. Aber in Analogie zu ähnlichen Ereignissen, kann man annehmen, daß auch ihr Todestag der der ihrer Kinder ist. Von den vielen Tausend dort überlebten nur fünf.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 24.01.2018)
Foto: Martha Jakob Cohen – Foto: Chana Nahari
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Nds. Landesarchiv Aurich, Rep 107 Nr. 1786
– Dokumente der Nachkommen
– Interviews mit Zeitzeugen.
Literatur:
Patenschaft: Familie Beninga-Arendt
Verlegetermin: 20. Oktober  2016

 

 

 

Manfred Jakob Cohen

Veröffentlicht: 24. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Manfred Jakob COHEN
geboren am 14. März 1930 in Aurich

Straße: Wallstraße 33
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Minsk am 18.11.1941
Todesort: Minsk

Manfred Jakob Cohen letztes Foto 1940 – Foto Chana Nahari

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Manfred wird am 14.03.1930 in Aurich geboren. Er ist das dritte Kind der Eltern Jakob Moses Cohen und Hannchen geb. Wolff und hat drei weitere Geschwister: David, Minka (Mia) und Martha. Zwei weitere werden noch geboren, ein Junge vor ihm. Er stirbt am Tag der Geburt, Zilla stirbt 1939 nach 12 Tagen.

Manfred wächst in einer regen großen Familie auf, einbezogen die zahlreiche Verwandtschaft aus Onkeln und Tanten, welche fast in Rufweite wohnen.
Über allem lenkt und wacht mit gütigem Herz ihre Mutter. Viele weitere Kinder aus der enggebauten Auricher Altstadt gehen ein und aus. Er war ein Paradies. „Wir Kinder, die wir zu Besuch waren, liebten dieses Aurich (Interview mit der Nichte und Zeitzeugin Lotte Oelsner in Berlin 12. Februar 2017). Motjes Kinner sünd all dor“, hieß es wenn diese vom Haus der Wallstraße quer durch den Garten Onkel Siegfried Wolff in der Norderstraße 18 aufsuchen – und andere anderswo.
Manfred erkrankt als kleines Kind an einer schweren Gehirnhautentzündung. Diese Erkrankung war damals noch oft tödlich, da es noch kein Penicillin gab. Manfred überlebt.

Manfred Jakob Cohen Einschulung Ostern 1937 vor der jüdischen Volksschule in der Kirchstraße in Aurich – Foto Chana Nahari

Seine Eltern verarmen zusehends. Sie müssen ihr Haus in der Wallstraße 33 aufgeben und in das noch in jüdischem Besitz befindlichen Haus Zingelstr. 3 der Samson-Brüder am 6.09.1939 umziehen.
Am Tag des Novemberpogroms 1938 wird sein Vater in Aurich verhaftet mit vielen anderen am 10. November nach Sachsenhausen deportiert. Dort mus0 er bis zum 6. Dezember bleiben. Seine Mutter Hannchen ist zu dieser Zeit hochschwanger mit Zilla.

Im Februar 1940 müssen alle Juden Aurich verlassen. Manfred und seine Schwester Martha müssen in ein jüdisches Kinderheim nach Köln in der Lützowstraße 55. Ihre Eltern ziehen am 28. 4.1940 nach Bremen-Vegesack in die Alte Hafenstraße 23. Sie müssen dort Zwangsarbeit leisten und können sich um ihre Kinder nicht kümmern.

Vor Ostern 1941 schließt das o.g. Kölner Heim. Er und seine Schwester kommen in ein anderes. Zu Pessach sind sie bei den Eltern in Vegesack. Am 27.10.1941 schreibt die Mutter an ihre geflüchteten Geschwister: „Wir werden nun auch die Kinder wieder zu uns nehmen. Martha kommt aus der Schule [=Ende der achtjährigen Zeit in der jüdischen Volksschule] und Manfred soll nicht alleine in Köln bleiben [d.h. er kann keine Schule mehr besuchen].“

Am 18.11.1941 muss Manfred mit seiner Schwester und seinen Eltern in einen Zug zu einer Sammelstation nach Hamburg steigen, der anschließend nach Minsk Weißrußland fährt. Die Familie lebt im Ghetto in einem von der deutschen Besatzung abgetrennten Gebiet, welches zuvor die weißrussische Judenschaft bewohnt. Diese wird kurz vor Beginn der Deportation aus dem Reich, Mitte November, vollständig ermordet.

Am 28. Juli 1942 setzen die deutschen Besatzer erstmals mobile Vergasungsanlagen ein. Möbelwagen, in deren mit Häftlingen vollgepferchten Laderaum Auspuffgase geleitet werden. Es werden alle nichtarbeitsfähigen Lagerinsassen, das sind Manfred und seine Schwester, umgebracht.
Es ist nicht belegt, ob seine Eltern auch unter diesen Opfern sind. Aber auch alle Arbeitsfähigen erleiden bis zum 21.10.1943 ein gleiches Schicksal. Ihr Todestag ist somit nicht bestimmt. Aber in Analogie zu ähnlichen Ereignissen, kann man annehmen, dass ihr Todestag auch der ihrer Kinder ist. Von den vielen Tausend dort überlebten nur fünf.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 24.01.2018)
Foto: Manfred Jakob Cohen 1937 (Foto Chana Nahari)
Manfred Jakob Cohen 194o (Foto Chana Nahari)
Geburtsurkunde Manfred Jakob Cohen
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Nds. Landesarchiv Aurich, Rep 107 Nr. 1786
– Dokumente der Nachkommen
– Interviews mit Zeitzeugen.
Literatur:
Patenschaft: Familie Beninga-Arendt
Verlegetermin: 20. Oktober  2016

Abraham Wolff

Veröffentlicht: 23. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Abraham WOLFF
geboren am 24. September 1894 in Aurich

Straße: Ab 1929 wohnhaft in Emden
Todesdatum: 9. August 1944
Todesort: Stutthof

Abraham Wolff 1939, Foto der Kennkarte, NLA Aurich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abraham Wolff wird am 24. September 1894 als Zwillingsbruder von Martin Wolff in Aurich geboren. Er hat noch eine jüngere Schwester Hannchen (*27.02.1901). Die Eltern sind Wolff Wolff (*24.01.1858 Aurich – 31.01.1926 Aurich) und Rosetta Schönthal (15.09.1863 Marienhafe – 8.12.1941 Ghetto Litzmannstadt).

Abraham arbeitet im Betrieb seines Vaters als Schlachter und Viehhändler. Als sein Vater 1926 stirbt, führt er zusammen mit seinem Bruder Martin das Geschäft.
Abraham heiratet 1925 Käthe Karseboom (*11.02.1897 Emden). Er zieht zu seiner Frau nach Emden (lt. Meldekarte erst 1929). Sie bekommen eine Tochter Inge (*3. Mai 1925).
Seine Mutter Rosetta wohnt zunächst bei ihrem Sohn Martin in Aurich und dann ab Mitte der 30er Jahre bei Abraham in Emden, bevor sie 1941 in das dortige jüdische Altersheim zieht.

Nach der Pogromnacht 9./10.11.1938 wird Abraham Wolff bis zum 22. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen interniert.

Als alle Juden bis zum 1. April 1940 Ostfriesland verlassen müssen, zieht die Familie nach Berlin-Wilmersdorf.
Am 19. Januar 1942 wird Abraham Wolff mit seiner Frau Käthe und der Tochter Inge in das Ghetto Riga deportiert. Von dort werden Abraham und seine Tochter Inge in das KZ Stutthof deportiert und dort ermordet. Die Spur seiner Frau verliert sich im Ghetto Riga.

Auch Abrahams Mutter und sein Bruder Martin werden Opfer der Shoa. Seine Mutter wird am 23.10.1941 in das Ghetto Lodz/Litzmannstadt deportiert und stirbt dort am 8.12.1941.

Sein Bruder Martin wird am 23.01.1942 in Weimar verhaftet und zunächst in Buchenwald inhaftiert. Er war unerlaubterweise als Jude mit einem Fahrrad gefahren. Da Martin aufgrund einer Kriegsverletzung gehbehindert ist, konnte er nur so seine weiter entfernte Arbeitsstelle bei einem Kartoffelhändler erreichen. Am 12.03.1942 wird Martin Wolff im Alter von 47 Jahren in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

Abrahams Schwester Hannchen heiratet Carl Friedberg (*28.05.1895 in Elberfeld – 1983) und zieht am 3.02.1933 aus Aurich nach Mönchengladbach. Sie und ihr Mann können dem Völkermord entkommen. Sie verstirbt am 1. Juni 1973.

Für Rosetta Wolff sowie für Martin Wolff und seine Familie sind Stolpersteine in der Leerer Landstraße 18 verlegt.

Recherche: und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.01.2023)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Gedenkbuch Bundesarchiv
Datenbank: https://www.geni.com/people/Abraham-Wolff/319035837420004738
Literatur:
Patenschaft:
Verlegetermin: Für Abraham Wolff wurde in Aurich kein Stolperstein verlegt, da er bereits 1929 Aurich verließ und sein letzter frei gewählter Wohnsitz in Emden lag.

 

 

Joseph Wolffs

Veröffentlicht: 23. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

Joseph WOLFFS
geboren am 16. März 1880 in Aurich

Straße: Zuletzt wohnhaft in Leer
Todesdatum: 8. September 1942
Todesort: Riga Ghetto
Joseph Wolffs wird am 16. März 1880 in Aurich geboren. Er ist das sechste von sieben Kindern der Eheleute Wolff Benjamin Abraham Wolffs (9.11.1839 Aurich – 26.12.1912 Aurich) und Gelli Cosmann Wolffs geb. Hoffmann (16.06.1843 Aurich – 19.02.1884 Aurich). Joseph war noch nicht 4 Jahre alt; als seine Mutter starb, sein Vater hat danach noch einmal geheiratet (Fanny Wolffs 1856-1934).

Joseph arbeitet wie sein Vater als Schlachter und Viehhändler. Er heiratet am 9.05.1909 in Felsberg Ida Dannenberg (*9.05.1875 Felsberg Krs. Melsungen). Das Paar wohnt zunächst in Aurich in der Lilienstraße 12 bei Familie Abraham Levy Wolff. Hier werden ihre Kinder Werner (*12.03.1911) und Ruth (*13.06.1912) geboren.

Im Jahr 1914 zieht die Familie in die Große Mühlenwall Str. 13 und wohnt dort 12 Jahre lang. Am 9.03.1926 zieht die Familie nach Wittmund. Sie ist dort am 15.03.1926 gemeldet.
Sohn Werner verbleibt noch bis 1929 in Aurich und zieht dann nach Frankfurt am Main. Tochter Ruth zieht nach Groningen und erlernt dort das Schneiderhandwerk

Von Wittmund aus ziehen Joseph und Ida Wolffs am 1.04.1929 nach Leer in die Heisfelder Straße 44. An allen Orten ist Joseph in der Synagoge als Vorbeter/Vorsänger tätig. In Leer wohnt er als Synagogendiener gleich bei der Synagoge. Die Enkeltochter berichtet: „Die Familie war ziemlich streng religiös, und mein Vater (Werner) konnte aus seiner Kindheit noch alle Melodien, die man damals dort gesungen hat, auswendig.“

In der Reichspogromnacht 9./10.11.1938 erhielt das Einsatzkommando in Leer gegen drei Uhr nachts von Bürgermeister Erich Drescher genaue Instruktionen, die besagten, dass das Synagogengebäude an der Heisfelderstraße in Brand gesetzt und dabei auch die Wohnung des Synagogendieners „ausgeräuchert“ werden sollte. Außerdem wurde die SA angewiesen, die Schaufenster aller noch vorhandenen jüdischen Geschäfte zu demolieren.
An der Synagoge angekommen, wurden zunächst die Wolffs‘schen Möbel aus der Wohnung nach draußen geschafft. Der Kantor der jüdischen Gemeinde Joseph Wolffs und seine Frau Ida wurden rüde aus dem Schlaf gerissen. In Nachtkleidung mussten sie mit ansehen, wie der Bürgermeister Maßnahmen in die Wege leitete, ihr Mobiliar zu verladen und für Absperrungsmaßnahmen Sorge trug, wodurch er erst die Voraussetzungen für die Brandstiftung schaffte.

Anschließend wurden die jüdischen Bürger in der Viehhofanlage auf der Nesse zusammengetrieben (vgl. Darstellung s. Link unten).

Aus Leer wurden 56 Männer in das KZ Sachsenhausen verbracht, darunter auch Joseph Wolffs. Er kam am 15.12.1938 als gebrochener Mann nach Leer zurück.

Als alle Juden Ostfriesland bis zum 1.04.1940 verlassen müssen, ziehen Joseph und Ida Wolffs nach Berlin (C2, Neue Königstraße 42, heute Otto-Braun-Straße).
Von dort werden sie am 31. August 1942 ab Berlin-Moabit in das Ghetto Riga deportiert (Nr. 34 und 35 auf der Transportliste, s.u.). Andere Quellen nennen den 5.09.1942 als Transportbeginn. Demnach wären sie am 8. September in Riga angekommen. Vermutlich wurden sie nach der Ankunft ermordet, denn dieses Datum gilt als Todestag.

Ihre Kinder konnten dem Völkermord durch Flucht nach Israel entkommen.

Die Kinder Werner (Seewi) und Ruth (Rund) nahmen an der Begegnungswoche 1992 teil, Ruth mit Sohn Emanuel. Werners Tochter Schulamith wohnt in Ramat Gan, Israel, die Tochter Ada Zeevi Ohana wohnt in Jerusalem.

Zu den Geschwistern von Joseph Wolffs:
Zwei seiner Geschwister (Cossmann Wolff 1870-1873 und Sara 1874-1876) sterben bereits im Kindesalter. Über die jüngste Schwester Sara (*31.10.1882) konnten wir nichts in Erfahrung bringen.

Sein ältester Bruder Abraham 28.03.1868) zog aus Aurich nach Stettin. Er wurde am 12.02.1940 in das Ghetto Glusk deportiert. Dort verliert sich seine Spur.
Seine Schwester Clara „Clärchen“ Wolff geb. Wolffs heiratete den Auricher Schlachter Levy Abraham Wolff (1862-1937) und hatte mit ihm vier Kinder. Sie wohnte in der Osterstraße 25, floh 1938 zu ihrem Sohn Abraham Levy Wolff nach Groningen in die Folkingerstraat 19, wurde am 12. März 1943 im Durchgangslager Westerbork interniert, kurz darauf in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort am 25. März 1943 ermordet.

Für Clara Wolff geb. Wolffs wurde am 24.06.21 ein Stolperstein in der Osterstraße 25 verlegt.
Für Joseph und Ida Wolffs werden Stolpersteine in Leer verlegt.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 22.01.2023)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Gedenkbuch Bundesarchiv
Meldekarte Aurich, NLA Aurich
Meldebuch Wittmund
Datenbank: https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I8069&lang=de
Pogromnacht Leer: https://pogrome1938-niedersachsen.de/leer/
Transportliste: https://www.statistik-des-holocaust.de/OT19-2.jpg
Literatur:  

 

Patenschaft:
Verlegetermin: Für Joseph Wolffs wurde in Aurich kein Stolperstein verlegt, da er bereits 1926 Aurich verließ.

 

 

Abraham Wolffs

Veröffentlicht: 23. Januar 2010 von westermayer in Verlegung

 Abraham WOLFFS
geboren am 28. März 1868 in Aurich

Straße: zuletzt wohnhaft in Stettin
Todesdatum: 12. Februar 1940 Deportation Glusk Ghetto
Todesort: unbekannt
Abraham Wolffs wird am 28. März 1868 in Aurich geboren. Er war das älteste von sieben Kindern der Eheleute Wolff Benjamin Abraham Wolffs (9.11.1839 Aurich – 26.12.1912 Aurich) und Gelli Cosmann Wolffs geb. Hoffmann (16.06.1843 Aurich – 19.02.1884 Aurich). Abraham verlor seine Mutter schon mit 15 Jahren, sein Vater hat danach noch einmal geheiratet (Fanny Wolffs 1856-1934).

Abraham zieht aus Aurich nach Stettin. Leider wissen wir nichts über sein Leben dort.
Am 12. Februar 1940 wird er nach Glusk Ghetto deportiert. Hier verliert sich seine Spur.

Im November 1939 hatte die SS-Führung beschlossen, im Distrikt Lublin ein sogenanntes „Judenreservat“ für Juden aus dem Reich einzurichten. Von Dezember 1939 bis Februar 1940 wurden zehntausende Juden aus dem Deutschen Reich und den neugeschaffenen „Reichsgauen“ in die Umgebung von Lublin deportiert. Nach dem Stopp der Deportationen wurden einige Deportierte nach Lublin verbracht, andere in kleinere Ghettos in Piaski, Glusk und Bełżyce.
1940 fanden in Lublin und Umgebung zahlreiche Razzien durch SS- und Polizeieinheiten statt, die dabei ergriffenen Juden wurden zur Zwangsarbeit in Arbeitslager in der Gegend um Bełżec verbracht und dort zum Bau von Grenzbefestigungen eingesetzt. Viele von ihnen starben unter den dort herrschenden Bedingungen.

Zu den Geschwistern von Abraham Wolffs:
Zwei seiner Geschwister (Cossmann Wolff 1870-1873 und Sara 1874-1876) sterben bereits im Kindesalter. Über die jüngste Schwester Sara (*31.10.1882) konnten wir nichts in Erfahrung bringen.

Seine Schwester Clara „Clärchen“ Wolff geb. Wolffs heiratete den Auricher Schlachter Levy Abraham Wolff (1862-1937) und hatte mit ihm vier Kinder. Sie wohnte in der Osterstraße 25, floh 1938 zu ihrem Sohn Abraham Levy Wolff nach Groningen in die Folkingerstraat 19, wurde am 12. März 1943 im Durchgangslager Westerbork interniert, kurz darauf in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort am 25. März 1943 ermordet.

Sein Bruder Joseph heiratete Ida Dannenberg und hatte mit ihr zwei Kinder. Sie wohnten zunächst bis 1926 in Aurich, dann in Wittmund und Leer. Als sie gezwungen waren, Ostfriesland zu verlassen, zogen sie nach Berlin. Von dort wurden Joseph und Ida Wolffs am 5. September 1942 in das Ghetto Riga deportiert und ermordet. Als ihr Todesdatum gilt der 8. September 1942.
Ihre Kinder konnten dem Völkermord durch Flucht nach Israel entkommen. Sie kamen 1992 zur „Woche der Begegnung“ nach Aurich.

Für Clara Wolffs wurde am 24.06.21 ein Stolperstein in der Osterstraße 25 verlegt.
Für Joseph Wolff wird ein Stolperstein in Leer verlegt.

 

 

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.01.2023)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Gedenkbuch Bundesarchiv

Datenbank: https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I8069&lang=de

Ghetto Glusk: https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Lublin

 

Literatur:  

 

Patenschaft:
Verlegetermin: Für Abraham Wolffs wurde in Aurich kein Stolperstein verlegt, da sein letzter frei gewählter Wohnort in Stettin lag.