Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Rosa Grünberg geb. Wolff

Veröffentlicht: 11. November 1913 von westermayer in Verlegung

Rosa GRÜNBERG, geb. Wolff
geboren am 3. Juni 1898 in Aurich

Straße: Lilienstraße 9
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Riga am 13.12.1941
Todesort: Riga
In der Lilienstraße 9 wohnte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Familie von Henriette und Selke Levy gen. „Selly“  Wolff.  Das Haus gehörte Selly Wolff seit er es 1895 von Wolf Samson erwarb. Henriette und Selly Wolff  hatten zusammen 12 Kinder. Nur 3 ihrer Kinder überleben den Völkermord an den Juden.Henriette von der Walde (Lt. Geburtenregister 1844-1931: „van der Walde“) wurde am 24. Juli 1875 als einziges Kind von Magnus Abraham von der Walde (1848 – 1932) und Karoline Gütel Levy,  geb. Wolf (1853 – 1917) in Aurich geboren.
Henriette heiratete am 4.12.1894 im Alter von 19 Jahren den Schlachter und Viehhändler  „Selly“  Wolff (1863 -1930).Selly Wolff war das jüngste von sieben Kindern von Levy (1818-1869) und Eva Wolff (1825-1901). Sein älterer Bruder Abraham wohnte mit seiner Familie gegenüber in der Lilienstraße 12.

Selly Wolff war ein nicht nur in der Stadt Aurich, sondern auch über die Stadtgrenzen hinaus  bekannter Viehhändler und Schlachter, der regelmäßig in den „Ostfriesischen Nachrichten“ sein „Ausstellungs- Fleisch, Das Beste vom Besten“ annoncierte.  Seine Enkeltochter, Hannelore Wolff, die heute in den USA lebende Laura Hillman, die den Völkermord überlebte, weil ihr Name auf Schindlers Liste gesetzt wurde, erzählt in ihrem Buch „I will plant you a lilac  tree“ /Ich werde Dir einen Fliederbaum pflanzen“, dass sie im KZ Brünnlitz  auf einen SS-Wachmann aus Moordorf traf, der sie zunächst schikanierte, dann aber, als ihr ein Plattdeutsches Wort herausrutschte,  freundlicher wurde und erzählte, dass er in Ostfriesland einen Viehhändler namens Selly Wolff gekannt habe.  Hannelore wagt es damals nicht, sich als dessen Enkeltochter erkennen zu geben.

In einer Mail  berichtet Laura Hillman über ihren Großvater, dass er immer hilfsbereit gewesen sei und anderen oft aus finanziellen Schwierigkeiten geholfen habe, oft so, dass diese nicht bemerken konnten, woher die Hilfe kam.

Kalli Gramberg erzählt im 3. Band seiner Rückblicke auf die Auricher Geschichte über den Schlachter Selly Wolff folgende Anekdote: „Als seine vielen Kinder noch klein  waren, saßen sie oft auf den Steinen des Bürgersteigs. Selly rief: “Jonni, Luti, Abi“ (usw.)“wollt ihr wohl mit de blode Moors von de kalte Schteine ab!“

Selly Wolff verstirbt  am 23. August 1930. Seine Söhne Ludwig ,  Magnus und Abraham, die schon 1926 als Schlachter und Viehhändler in der Lilienstraße 9 aufgelistet  werden, führen das Geschäft ihres Vaters unter seinem Namen  weiter.

Rosa Grüberg, geb. Wolff, geboren am 24.06.1898, ist das 3. Kind von Selly und Henriette Wolff, geb. von der Walde.
Henriette heiratete am 4.12.1894 im Alter von 19 Jahren den Schlachter und Viehhändler  „Selly“  Wolff (1863 -1930).  Selly Wolff war das jüngste von sieben Kindern von Levy (1818-1869) und Eva Wolff (1825-1901). Sein älterer Bruder Abraham wohnte mit seiner Familie gegenüber in der Lilienstraße 12.

Rosa heiratet den Viehhändler Gottfried Grünberg (*1.06.1880) und  zieht zu ihrem Mann nach Sögel. Dort wohnten sie „Am Pohlkamp 10“. Gottfried ist das älteste von sieben Kindern des Schlachters und Viehhändlers  Josef Grünberg (1851-1908) und  seiner Frau  Berta geb. Hartog.
Gottfried und Rosa Grünberg haben drei Kinder:  Josef (*19.01.1921), Walter (*30.12.1922) und  Ludwig (*10.02.1927). Der älteste Sohn Josef zieht 1935 für einige Zeit nach Aurich. Am 25.04.1939 verlässt er Sögel und kann nach England auswandern, wo er von einer Familie in London aufgenommen wird. Er dient später in der Britischen Armee.
Die Eltern Gottfried und Rosa Grünberg werden mit ihren Söhnen Walter und Ludwig am 13.12.1941 von Münster aus in das Ghetto von Riga deportiert. Dies war der zweite große Deportationsschub nachdem im  Oktober 1941 bereits 20.000 Juden aus dem Reichsgebiet nach Lodz deportiert worden waren. Etwa 50.000 Juden wurden in Zügen zu jeweils 1.000 Personen zusammengestellt.
Am 15. Dezember gegen 23 Uhr trifft der Zug aus Westfalen im Rangierbahnhof Skirotawa südöstlich von Riga ein. Die weiterhin in ihren Abteilen eingeschlossenen Menschen müssen den Zug am 16. Dezember 1941 um 9.00 Uhr verlassen.
Es liegt tiefer Schnee. Shirotava war kein Bahnhof sondern eine Station für Frachtgut; die Ankunft findet auf einer Rampe statt. Erschießungen und Prügel, verbunden mit Kommandos, erzeugen unter den physisch und psychisch erschöpften Juden, die den letzten Rest ihrer Habe zurücklassen mussten, die von der SS gewünschte Ohnmacht und Panik. Ein großer Teil der Ankommenden wird direkt von Shirotava in den Bikernieki-Wald an die Erschießungsgruben getrieben oder transportiert. Schon auf dem Weg dorthin finden Erschießungen statt.
Wir wissen nichts Genaueres über das Schicksal von Gottfried und Rosa Grünberg und das ihrer Kinder Walter und Ludwig. Mit Sicherheit wurden auch sie dort ermordet.
Für ihre gesamte Familie wurden bereits Stolpersteine in Sögel verlegt.

Schüler der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II mit den zu verlegenden Stolpersteinen

Das Haus Lilienstraße 9

Die Biographien der Opfer werden vorgetragen und deren Fotos gezeigt

 

Sieben weiße Rosen zieren die Stolpersteine

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 9.11.2012)
Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Gerd-D. Gauger, Aurich in Kaisers Rock und Petticoats 1918-1959, Aurich 2002, S. 73;
Kalli Gramberg, Aurich von C. B. Meyer bis auf unsere Tage, Drittes Buch , Aurich 1996;
Patenschaft: Siebels-Michel
Verlegetermin: 9. November 2012

Wolff, Nachmon

Veröffentlicht: 11. November 1913 von westermayer in Verlegung

Nachmon Abraham WolffNachmon WOLFF
geboren am 6. Dezember 1903 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 12
Todesdatum: Unbekannt, deportiert am 26. Oktober 1942 nach Riga
Todesort: Riga
 

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Nachmon Wolff wird am 6. Dezember 1903 in Aurich geboren. Er ist das erste von neun Kindern von Abraham Levy und Hedwig Wolff, geb. von/van der Walde. Abraham Levy Wolff, der Vater von Nachmon, betreibt in Aurich einen Viehhandel. Ihm gehört das Haus in der Lilienstraße 12, in dem die Familie wohnt, sowie Acker- und Weideland im Hammerkeweg. Nachmon wird wie sein Vater Viehhändler. 1923, als Nachmon gerade 20 Jahre alt ist, stirbt Abraham Levy Wolff an Lungen- und Kehlkopftuberkulose. Die jüngste Schwester von Nachmon ist zu diesem Zeitpunkt erst neun Monate alt. Nachmon führt nun den Betrieb seines Vaters fort und unterstützt seine verwitwete Mutter Hedwig. Auch Nachmons Brüder Jakob, Ludwig und Alfred werden Viehhändler. Ludwig, Alfred und ihre Schwestern Herta und Erna heiraten im Laufe der folgenden Jahre und gründen eigene Familien. Nachmon und sein Bruder Jakob hingegen bleiben ledig, wohnen im Haus in der Lilienstraße 12 und führen den Viehhandel weiter, wobei sie von ihrem Bruder Ludwig unterstützt werden.

Die finanzielle Situation der Familie wird infolge von Boykotten und Repressalien durch das NS-Regime mit der Zeit jedoch immer schwieriger. Spätestens die Pogromnacht am 09. November 1938 dürfte bei der Familie erste Überlegungen zu einer Auswanderung angestoßen haben: In jener Nacht wird nicht nur die Auricher Synagoge niedergebrannt, sondern es werden auch alle männlichen Juden unter 60 Jahren in Aurich „in Schutzhaft“ genommen. Nachmon wird gemeinsam mit den übrigen Verhafteten in die Viehauktionshalle („Bullenhalle“) an der Emder Straße gebracht und muss dort während der Nacht Exerzierübungen und allerhand andere Schikanen über sich ergehen lassen. Am nächsten Morgen schickt man die als „arbeitsfähig“ eingestuften Männer zum Ellernfeld, wo sie den ganzen Tag über Erdarbeiten erledigen oder aber auch „Marschierübungen“ zur allgemeinen Erheiterung der Zuschauer durchführen müssen. Um 18 Uhr dann wird Nachmon ins Gefängnis gesperrt, hier erhalten er und die übrigen 41 Gefangenen nun zum ersten Mal seit ihrer Verhaftung etwas zu essen und zu trinken. Am 12. November schließlich werden die Gefangenen über Oldenburg nach Sachsenhausen, ins Konzentrationslager, verbracht. Nachmon bleibt rund einen Monat in Haft, er kehrt erst am 15. Dezember wieder nach Aurich zurück.

Rund drei Monate nach Nachmons Rückkehr verlässt Hedwig mit ihrer Tochter Ruth Aurich, um sich in den Niederlanden eine neue Existenz aufzubauen. Auch die Geschwister von Nachmon, mit Ausnahme seines Bruders Jakob, immigrieren in die Niederlande, in der Hoffnung, dem Terror durch die Nationalsozialisten entkommen zu können. Nachmon und Jakob bleiben als einzige Familienmitglieder in Aurich und wohnen im Haus in der Lilienstraße 12, in dem sie auch anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Unterschlupf gewährt haben.

Als alle in Aurich verblieben Juden zu Beginn des Jahres 1940 die Aufforderung erhalten, den Regierungsbezirk bis zum 01. April zu verlassen, müssen auch Nachmon und sein Bruder Jakob ihrer Heimatstadt den Rücken kehren. Am 16. Februar, 11 Tage vor seiner Abreise aus Aurich, verkauft Nachmon das Haus im Auftrag seiner Mutter. Nachmon und Jakob melden sich anschließend jedoch nicht in die Niederlande, sondern nach Berlin ab. Beide Brüder leben dort in der Neuen Friedrichstraße 77.

Rund zweieinhalb Jahre später, am 26. Oktober 1942, werden sie gemeinsam mit dem Transport 22 (Osttransport) nach Riga verschleppt. Der Zug traf dort drei Tage später, am 29. Oktober, ein. Hier verliert sich die Spur beider Männer.

Im Zuge der Rückerstattungsverfahren, die ihre Schwester Erna, die einzige Überlebende der Familie, später anstrengt, werden Nachmon und sein Bruder Jakob 1955 für tot erklärt.

Die Stolpersteine vor dem Haus Lilienstraße 12

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Fotos von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 248, Nr. 947; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E; Rep. 241, A 210; Rep. 251, Nr. 306; Rep. 251, Nr. 307; Dep. 34C, Nr. 137; Dep. 34C, Nr. 143

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Literatur: Johannes Diekhoff: Die Auricher Judengemeinde, in: Aurich im Nationalsozialismus, hrsg. v. Herbert Reyer (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 69), 247-299;

Jan Lokers: Boykott und Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben Ostfrieslands (1933-1938), in: Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-38, hrsg. v. Herbert Reyer, Aurich 1999, S. 63-82.

Patenschaft: Thilo Hoppe
Verlegetermin: 9. November 2012