Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Josef Sternberg

Veröffentlicht: 14. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Josef STERNBERG
geboren am 27. Mai 1928 in Aurich

Straße: Osterstraße 16/18
Überlebt, Flucht in die USA
 
Josef Sternberg wird am 27. Mai 1928 in Aurich geboren. Er ist das erste Kind von Lea Sternberg geb. Knurr und Erich Sternberg. Seine Schwester Insa wird am 18. Mai 1930 geboren, sein Bruder Hans-Joachim am 4. Juli 1935.

Seine Mutter, Lea Sternberg, wurde am 10. Januar 1904 in Aurich geboren. Sie ist das vierte von sieben Kindern des Ehepaars Lippmann und Ida Knurr, geborene Bienheim. Ihr Vater betreibt in Aurich das renommierte Geschäft „H.C. Knurr“, das bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts bestand und der Familie ein gutes Auskommen sichert. Lea und ihre Geschwister verbringen eine sorglose Jugend in Aurich und genießen eine gute Ausbildung: Lea beispielsweise erlernt gleich zwei moderne Fremdsprachen, Englisch und Französisch, wovon sie später profitiert.

Zu Beginn der 1920er Jahre kommen Lea und Erich Sternberg, dessen Familie nur zwei Straßenecken entfernt das Geschäft „Meyer Sternberg“ führt, einander näher. Obwohl das Paar sich bereits 1922 verlobt, dauert es fünf Jahre bis zur Hochzeit: Lea kümmert sich um ihre schwer erkrankte Mutter und ist erst nach deren Tod 1927 zur Eheschließung bereit.

Zum Zeitpunkt der Geburt des jüngsten Sohnes spielt die Familie bereits mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen. Einerseits wird die wirtschaftliche Situation der jungen Familie immer schwieriger, da das Geschäft „Meyer Sternberg“, das zu einem Drittel Leas Ehemann gehört, infolge von Boykottaktionen durch die Nationalsozialisten immer weniger Gewinn abwirft. Andererseits fühlt sich das Paar aufgrund von Diskriminierung und offenen Anfeindungen immer weniger wohl in Deutschland, auch wenn die Familie von einzelnen Aurichern immer wieder Hilfe und Unterstützung erfährt. Erich Sternberg versucht daher, in den USA eine neue Existenz für seine Familie aufzubauen. Hierfür sind jedoch umfangreiche Vorarbeiten, Geschick und Glück nötig: Am 27. Januar 1936 reist Erich von Bremen nach New York, Lea bleibt mit den Kindern allein in Aurich zurück.
Trotz vorhandenen Kapitals und der Hilfe von Verwandten, die bereits um die Jahrhundertwende in die USA ausgewandert waren, hat Erich große Mühe, eine Existenzgrundlage für seine Familie zu finden und zieht sogar die Rückkehr nach Deutschland in Betracht. Lea, die in Aurich die Verschlimmerung der Lage der jüdischen Bevölkerung tagtäglich erlebt und im Sommer 1936 mit ansehen muss, wie ihr fünfjähriger Sohn Josef im Kindergarten im Beisein der Erzieher mit Steinen beworfen wird, weil er ein Jude ist, besteht jedoch darauf, dass Erich in den USA bleibt und versucht, eine Lösung zu finden.

Im Herbst 1936 gelingt es Erich schließlich, in das Kaufhaus „Goudchaux“ in Baton Rouge, Louisiana, einzusteigen, das er später übernehmen sollte. Lea stellt daraufhin ebenfalls einen Antrag auf Auswanderung, der jedoch erst im letzten Moment, 48 Stunden vor Abfahrt des Schiffes nach New York, genehmigt wird. Am 27. Dezember 1936 verlässt Lea mit ihren Kindern Aurich für immer. Ihr Vater, Lippmann Knurr, bleibt in Aurich zurück. Lea und er sollten sich nie wiedersehen.

In Louisiana gelingt es Lea und Erich, durch harte Arbeit ein florierendes Unternehmen aufzubauen. Lea trägt hierzu erheblich bei, da sie nicht nur die Kinder erzieht, sondern zudem tatkräftig im Geschäft mitarbeitet und schließlich die Leitung des Verkaufs übernimmt. Von Vorteil ist für Lea, dass sie, anders als ihr Ehemann, bereits Englisch sprechen kann. Da Erich bald Inhaber des Kaufhauses ist, hat er die Möglichkeit, Bürgschaften für Personen, die ein Visum für die USA beantragen, zu übernehmen. Dem Paar gelingt es so, einem großen Teil der Familien Sternberg und Knurr die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Leas Brüder Harry, Hermann und Erich sowie Erichs Vater Jakob und sein Bruder Max und deren Familien entkommen so dem Holocaust. Lippmann Knurr, Leas Vater, stirbt 1942 im Alter von 83 Jahren in Bremen. Henny Knurr, Leas Tante, wird in Treblinka ermordet. Beide hatten ihre Ausreise aus Deutschland zu lange hinausgezögert, im Glauben, dass „sich alles wieder normalisieren“ würde und man zwei so alten Menschen nichts antun würde.

Josef verliert seinen Vater 1965, als dieser an einem Herzinfarkt stirbt. Zusammen mit seinem Bruder Hans führt er das Unternehmen sehr erfolgreich fort, so dass es schließlich zum größten Kaufhaus in Familienbesitz in den USA aufsteigt.

Josef Sternberg heiratet Mary Ann Weil (*14.03.1944) am 31.03.1968 in Baton Rouge. Das Ehepaar hat drei Kinder: Johanna Lynn, Katherine Ann und Walter „Jay“ Joseph.

Josef verstirbt am 23.12.1990 in Baton Rouge, East Baton Rouge, Louisiana, USA im Alter von 62 Jahren.

Seine Mutter Lea Sternberg verstirbt am 23. Juli 1998 im Alter von 93 Jahren in Baton Rouge, Louisiana, USA und wird unter großer Anteilnahme beigesetzt.

Recherche: Dr. Sandra Weferling (Stand: 5.10.2021)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 943;
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012.
Patenschaft: Anna und Reiner Alberts
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

 

 

 

Erich Sternberg

Veröffentlicht: 14. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Erich STERNBERG
geboren am 18. Januar 1901 in Aurich

Straße: Osterstraße 16/18
Todesdatum: 3. Juli 1965
Todesort: Baton Rouge, Louisiana, USA
Eine Gruppe von Jugendlichen der Kirchengemeinde Victorbur hat zur Geschichte der Familie Sternberg recherchiert. Hier ihre Ergebnisse:
Bei unseren Nachforschungen zur Verlegung der Stolpersteine für die Familie Erich Sternberg fiel uns gleich zu Beginn ein ganz einfach aufgemachtes Adressbuch für die Stadt Aurich aus dem Jahre 1926 in die Hände. Es hat 175 Seiten und ist als PDF-Datei auf der Seite der Ostfriesischen Landschaft leicht einsehbar. Dort haben wir ganz zuerst nach der Familie Sternberg gesucht und auch gleich mehrere Mitglieder der Familie gefunden, für die heute Stolpersteine verlegt werden. Ganz selbstverständlich werden sie dort mit der Adresse in der Osterstraße, Beruf und Telefonanschluss für das Geschäft genannt. Nichts Auffälliges ist daran zu finden. Wir haben uns immer wieder die Frage gestellt: wie konnte es geschehen, dass diese ganz normalen Einträge im Adressbuch wenige Jahre später plötzlich verschwunden waren. Da war ein ganz normales Geschäft wie so viele in Aurich damals. Da war eine ganz normale Familie mit Mutter, Vater, Kindern, mit Großeltern, Onkeln und Tanten. Wie konnte so viel Hass und Verachtung unter den anderen Leuten im Auricher Adressbuch entstehen, dass nicht nur diese eine, sondern so viele andere Familien vor dem Hass und der Verachtung der anderen aus dem Adressbuch fliehen mussten oder ermordet wurden? Ein anderes Dokument im Landesarchiv in Aurich aus dem Jahre 1937 haben wir gefunden, in dem es um die „Verwaltung eingezogener Immobilien“ von Max und Erich Sternberg in der Osterstraße 16-18 und in Sandhorst-Coldehörn geht. Ganz bürokratisch genau ausgetüftelte Dokumente. Nur 11 Jahre nach Erscheinen des Adressbuches von 1926 war die Adresse der Familie Sternberg nicht mehr wegen der Menschen interessant, die dort gelebt hatten. Man war augenscheinlich froh, dass sie nicht mehr in Aurich wohnten. Es ging nur noch darum, wer wieviel mit den früheren Häusern der Familie verdienen konnte.Das Schicksal der Familie Sternberg wie das Schicksal so vieler anderer jüdischer Familien war so vielen anderen aus dem Auricher Adressbuch anscheinend gleichgültig. Hatten sie noch fliehen können? Waren sie in ein Konzentrationslager eingeliefert worden?  Waren sie schon umgebracht worden oder wurden sie auf bestialische Weise gequält?

Wir waren in Bezug auf die Familie Sternberg irgendwie geradezu erleichtert, als wir uns wieder ein Adressbuch, dieses Mal das der Stadt Baton Rouge im Bundessaat Louisiana der USA, ansehen konnten. Es stammt aus dem Jahre 1943 und ist im Internet einsehbar. Es hat 433 Seiten und fast alle Namen, die wir im Auricher Adressbuch von 1926 gefunden hatten, konnten wir wiederfinden. Nur ein Name fehlte: der Großvater der Familie, Jacob Meyer Sternberg, früher einmal ein erfolgreicher Auricher Geschäftsmann, musste noch im hohen Alter seine früher einmal geliebte Heimatstadt verlassen und war tausende von Kilometern von Aurich entfernt am 22. Oktober 1941 in Baton Rouge verstorben.

Als wir das Bild seines Grabsteins im Internet fanden, hat es uns besonders angerührt, dass seine Frau Röschen, geborene Stein, die fünfzig Jahre mit ihm verheiratet war, keineswegs neben ihrem Ehemann beerdigt war, so wie das normalerweise der Fall ist. Sie liegt hier in Aurich auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Ihr Mann musste das Grab seiner Frau in Ostfriesland zurücklassen, weil er hier selber den sicheren Tod durch die Verfolgung durch die Nazis gefunden hätte. Zur Erinnerung an seine Heimatstadt ließ er Aurich sogar noch auf seinem Grabstein erwähnen. Sicher haben seine Angehörigen in Amerika mit sehr gemischten Gefühlen auf die Erwähnung der Stadt geblickt, aus deren Adressbuch ihre Namen einfach gestrichen wurden.

Die Familie Sternberg gehört zu den bekanntesten Familien der früheren jüdischen Gemeinde. Es ist schon einige Male über sie berichtet worden und Hans Sternberg hat selber die Geschichte der Familie in Aurich und Amerika aufgezeichnet. Familienmitglieder aus Amerika waren auch bereits in Aurich zu Gast.

Insgesamt geht es heute um acht Stolpersteine für Angehörige der Familie Sternberg und wir haben uns entschieden, sozusagen stellvertretend einige Mitglieder der Familie vorzustellen. Am bekanntesten ist sicherlich Erich Sternberg geworden, der am 18.01.1901 in Aurich als Sohn der Eheleute Jacob Meyer Sternberg und Röschen Stein geboren wurde. Er war der jüngste von neun Geschwistern.

Erich Sternberg erkannte schon früh den Ernst der Lage und die große Gefahr für die jüdischen Familien und entschloss sich in Absprache mit der Familie 1935 dazu, nach Amerika zu gehen und mit erspartem Geld und der Mitgift seiner Ehefrau Lea Knurr die Grundlage für ein eigenes Geschäft in den USA zu legen. Auch seine Ehefrau Lea entstammte einer alten jüdischen Kaufmannsfamilie in Aurich. Erich zog zunächst allein in die USA und transferierte sein Geld auf abenteuerlichen Wegen zu einer niederländischen Bank, die es dann für ihn in die USA weiterschickte. So konnte er anders als manche andren jüdischen Auswanderer auf einer sicheren finanziellen Basis beginnen. Ein anderer Vorteil war, dass Erich wie sehr viele andere Ostfriesen, bereits etliche Verwandte in Amerika hatte, die im 19. Jahrhundert ausgewandert waren und ihm nun den Start erleichtern konnten.  Als ersten Ansprechpartner in Amerika hatte er seinen Onkel Siegfried Sternberg, der bereits im April 1891 nach North Carolina ausgewandert war. Als Neffe Erich im Februar 1936 eintraf, lebte er mit seiner Frau in Philadelphia an der amerikanischen Ostküste. Von hier zog Erich weiter zu seinem Bruder Alfred, der im Bundessaat Mississippi lebte. Er war von den Eltern seinem Onkel Siegfried bei einem Besuch in Aurich „mitgegeben“ worden und darüber wenig begeistert. Auch hier hielt es Erich nicht lange, er hatte große Sehnsucht nach seiner Frau Lea und den drei Kindern in Aurich.  Unbedingt wollte er seine Familie bald nachkommen lassen, dafür aber eine sichere Ausgangsbasis schaffen. Nächste Station in Amerika waren die Kinder seines Onkels Josef Sternberg (1861-1928). Seine Vettern Sam, Mel und Jay lebten in New Orleans. Auch dort gab es bereits wieder zur Fortführung der Familientradition ein Textilgeschäft unter dem Namen „Famous Sternberg Clothing“.

Durch Vermittlung seiner Verwandten in New Orleans gelangte Erich Sternberg nach Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana, wo er ein bereits bestehendes Fachgeschäft übernehmen konnte. Mit seiner Frau hatte Erich Sternberg einen Geheimcode ausgemacht, da die jüdischen Familien schon längst nicht mehr ungehindert kommunizieren konnten. Lea Sternberg wusste: wenn ein Telegramm aus Amerika mit dem unverfänglichen Text „Heute erster Kunde im Geschäft. Stopp.“ eintreffen würde, dann war es Ende 1936 Zeit, unverzüglich Deutschland zu verlassen und nach Amerika zu kommen (Seite 56). Es wurde höchste Zeit, da die Repressalien gegen die jüdischen Familien auch in Aurich immer mehr zunahmen.

Erich Sternberg verhalf mit seinem gelungenen Start in Amerika nicht nur seiner Frau und seinen Kindern, sondern noch viel mehr Familienmitgliedern zur Auswanderung und zu einer sicheren Heimat in Baton Rouge, Louisiana. Sogar sein Vater Jacob Meyer Sternberg, der mit seiner Heimatstadt Aurich doch so sehr verwachsen war, entschloss sich schweren Herzens mit 81 Jahren zur Auswanderung nach Amerika. Wenig später wurde Deutschland zu einem einzigen Gefängnis für alle noch verbliebenen jüdischen Familien, das kaum jemand überleben sollte.

Erich Sternberg verstarb am 3.07.1965 in Baton Rouge, Louisiana, USA im Alter von 64 Jahren.

Recherche: Jugendliche der Kirchengemeinde Victorbur
Ergänzungen und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Niedersächsisches Landesarchiv Aurich Rep. 91, Nr. 263 OL C 1
www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/Dokumente Adressbuch_Aurich_1926.pdf
Polk`s Greater Baton Rouge City Directory 1943, R.L. Polk & Co Publishers, 202 Thomas Bldg, Dallas 1, Texas. Copyright 1943.
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012.
Patenschaft: Jugendliche der Kirchengemeinde Victorbur
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Gisela Wallheimer verh. Freudenberger

Veröffentlicht: 13. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Gisela WALLHEIMER verh. Freudenberger
geboren am 29. Juni 1929 in Aurich

Straße: Georgswall 23 (früher: Lindenstr. 12)
Todesdatum: 10.02.2021
Todesort:
Gisela Wallheimer wird am 29. Juni 1929 in Aurich geboren. Sie ist das zweite Kind der Eltern Levy Abraham und Jettchen geborene Plaut. Sie hat noch einen Bruder Abraham. Die Familie wohnt im Haus Lindenstraße 12 (s. Foto). 1939 müssen sie umziehen in ein sogen. Judenhaus in der Lilienstraße 9. Die Familie plant die Flucht.

Wohnstätte der Familie Levy Wallheimer: Haus Lindenstraße 12 heute Georgswall 23- Foto: Stadtarchiv

Am 15.03.1939 flüchtet sie mit ihrem Bruder ohne die Eltern zu ihrem Onkel Max Plaut nach Antwerpen. Am 21.11.1939 schiffen die beiden – heute würde man sagen als „unbegleitete Minderjährige“ – auf der SS MAASDAM in Antwerpen ein, Ankunft New York 16.12.1939. Laut Immigranten-Manifest ist die Zehnjährige ebenso wie ihr Bruder keine Polygamistin und keine Anarchistin.

Verlobungsanzeige der Eltern zum 6.11.1948 – Aufbau

Gisela heiratet Herbert Freudenberger aus Darmstadt. Herbert ist ebenfalls ein minderjähriges Flüchtlingskind. Am 14. März 1940 kommt er in einer Gruppe von Kindern mithilfe der Organisation German Jewish Children Aid in New York an. Er verlässt seine Eltern Richard Ferdinand und Gutta Freudenberger, welche den Holocaust nicht überleben.

Giselas Ehemann Herbert stirbt bereits 1975. Gisela lebt noch viele Jahre und  stirbt nach langer Krankheit am 10.02. 2021 in der Zeit dieser Recherche.
Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Gisela Freudenberger geb. Wallheimer – Foto: Eliezer Szrolovits

Aus den Quellen ist ersichtlich, dass die Familien Freudenberger und Nachkommen in Queens, NY ein sehr religiöses Leben führen. In einem langen Nachruf beschreibt ein Enkel das Leben seiner Oma Gisela. Es soll von großen Schmerzens- und familiären Verlusterfahrungen in ihren jungen Jahren geprägt worden sein. Jedoch soll sie in jeder Weise gütig und lebensbejahend gewesen sein. Ihr großes Vertrauen auf den Allmächtigen hat sie als lebendiges Vermächtnis an eine große Schar von Kindern und Enkelkindern weitergereicht. So die Lobpreisungen dieses Nachrufs.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Korrespondenz mit:- Nachkomme Mark Goldsmith,
– Karen Franklin – Director of Family Research am Leo-Baeck-Institute NY,
– Stadtarchiv Aurich

Immigrantenregister Ellis Island

Literatur:
Patenschaft: KVHS Aurich
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Abraham Wallheimer

Veröffentlicht: 13. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Abraham WALLHEIMER
geboren am 25. November 1926 in Aurich

Straße: Georgswall 23 (früher: Lindenstr. 12)
Todesdatum: 30.11.1976
Todesort: New York
Abraham Wallheimer ist das erste Kind der Eltern Levy Abraham und Jettchen geborene Plaut, die am 22.11.1925 in Guxhagen heiraten. Er hat noch eine Schwester Gisela. Die Familie wohnt im Haus Lindenstraße 12 (s. Foto).

Wohnstätte der Familie Levy Wallheimer: Haus Lindenstraße 12 heute Georgswall 23- Foto: Stadtarchiv

1939 müssen sie umziehen in ein sogen. Judenhaus in der Lilienstraße 9. Die Familie plant die Flucht.

Am 15.03.1939 flüchtet Abraham mit seiner Schwester Gisela ohne die Eltern zu seinem Onkel Max Plaut nach Antwerpen. Am 21.11.1939 schiffen die beiden – heute würde man sagen als „unbegleitete Minderjährige“ – auf der SS MAASDAM in Antwerpen ein. Ankunft New York 16.12.1939. Laut Immigranten-Manifest ist der Dreizehnjährige kein Polygamist und kein Anarchist – so der wohl sonderbare Ausdruck dieser behördlichen Befürchtungswelt dieser Zeit. Abe (dort so genannt) hat keine Familie und hinterlässt keine Kinder.

Abe stirbt am 30. 11. 1976 in New York ohne Nachkommen, ohne Familie.

Abrahams Eltern Levy Abraham und Jettchen schiffen sich am 7.11.1939 in Hamburg an Bord der SS PENNLAND ein, weiter über Antwerpen nach New York. Ankunft am 15.11.1939. Dort wohnt das Paar zunächst in Averdon Ave 326 New York beim Cousin ihres Mannes Wolff Wallheimer (Kirchdorfer Str. 36, *24.04.1903). Die Passage bezahlt Jettchens Bruder Max Plaut.
Im Immigrantenregister von Ellis Island ist die Heimatadresse eines nun tragisch Zurückgebliebenen vermerkt: Der Schwager Wolff Abraham „Wilhelm“ Wallheimer von der Fockenbollwerkstraße 4, welcher 1941 nach Kowno deportiert wird und umkommt.

Jettchen Plaut stirbt am 31.12.1963 in New Jersey. Begraben auf dem Clifton King Solmon Memorial Park. Ihre Mutter Bertha – Witwe und ihre Geschwister und die Anverwandten der Katzenbergs und Goldschmidts können auch in die USA bzw. England flüchten.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Korrespondenz mit:- Nachkomme Mark Goldsmith,- Karen Franklin – Director of Family Research am Leo-Baeck-Institute NY,

– Hans-Peter Klein lokaler Forscher jüdischen Lebens in Nordhessen.

– Stadtarchiv Aurich

– Immigrantenregister Ellis Island

Literatur:
Patenschaft: Sonja Jakob
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Jettchen Wallheimer geb. Plaut

Veröffentlicht: 13. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Jettchen WALLHEIMER geb. Plaut
geboren am 13. Februar 1899 in Guxhagen (Nordhessen)

Straße: Georgswall 23 (früher: Lindenstr. 12)
Todesdatum: 12.12.1963
Todesort: New Jersey

Rosa (links) und Jettchen Plaut, Foto: Familienbesitz

Jettchen Plaut wird am 13. Februar 1899 in Guxhagen (Nordhessen) geboren. Ihr Vater ist Moses Plaut, im Berufsstand Handelsmann, die Mutter heißt Bertha geborene Katzenberg. Die Plauts betreiben ein Textil- und Hausgerätegeschäft und einen Grundstückshandel. Die Plaut/Katzenbergers sind eine sehr große Familie mit einem tiefgewachsenen Selbstverständnis ihrer Familiengeschichte und der Observanz in der jüdisch-chassidischen Lebensführung. Im Haus der Plauts in der Sellestrasse 12, es existiert noch, vermutet man eine heute zugeschüttete Mikwe. Moses Plaut ist Gemeindeältester und Vorsteher dieser Agudat-Jisroel-Gemeinde. Es gibt heute ausgedehnte Forschungsliteratur über die Plauts.
Jettchen hat folgende Geschwister: Rosa, Max, Gitta, Salomo,

Levy Abraham Wallheimer, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Alexander, Siegfried, Gretchen. Schwester Gitta (Gida) heiratet am 16.06.1920 den Lehrer Moritz Goldschmidt aus Aurich. Ein bekanntes Muster

Jettchen Wallheimer geb. Plaut, Foto: Geni.com

der geschwisterlichen oder lokalen Mehrfachverflechtung in der Braut- und Bräutigamsuche, welches auch sonst in Ostfriesland üblich war.
Jettchen Plaut heiratet am 22.11.1925 Levy Abraham Wallheimer in Guxhagen. Das Paar hat zwei Kinder Abraham und Gisela.

Am 7.11.1939 schifft sie sich in Hamburg mit Mann Levy Abraham an Bord der SS PENNLAND ein, weiter über Antwerpen nach New York, Ankunft am 15.11.1939. Dort wohnt das Paar zunächst in der Averdon Ave. 326, New York beim Cousin ihres Mannes Wolff Wallheimer (Kirchdorfer Str. 36, *24. 4. 1903). Die Passage bezahlt ihr Bruder Max Plaut. Im Immigrantenregister von Ellis Island ist die Heimatadresse eines nun tragisch Zurückgebliebenen vermerkt: Der Schwager Wolff Abraham „Wilhelm“ Wallheimer von der Fockenbollwerkstraße 4, welcher 1941 nach Kowno deportiert wird und umkommt.

Jettchen Plaut stirbt am 31.12.1963 in New Jersey. Begraben ist sie auf dem Clifton King Solmon Memorial Park. Ihre Mutter Bertha – Witwe und ihre Geschwister und die Anverwandten der Katzenbergs und Goldschmidts können auch in die USA bzw. England flüchten.

Ausschnitt aus der Geburtsurkunde

Anzeige in Der Israelit vom 31. 7. 1924. Die Verlobung war am 7. Juli 1924

Wohnstätte der Familie Levy Wallheimer: Haus Lindenstraße 12 heute Georgswall 23- Stadtarchiv

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Korrespondenz mit:
– Nachkomme Mark Goldsmith,- Karen Franklin – Director of Family Research am Leo-Baeck-Institute NY,- Hans-Peter Klein lokaler Forscher jüdischen Lebens in Nordhessen.- Stadtarchiv Aurich- Immigrantenregister Ellis Island
Literatur:
Patenschaft: Jörg Peter
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Levy Abraham Wallheimer

Veröffentlicht: 13. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Levy Abraham WALLHEIMER
geboren am 21. Mai 1886 in Aurich

Straße: Georgswall 23 (früher: Lindenstr. 12)
Todesdatum: 10.10.1954
Todesort: New Jersey

Levy Abraham Wallheimer, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Levy Abraham Wallheimer wird am 21. Mai 1886 in Aurich geboren. Sein Vater ist Abraham Levy Wallheimer, die Mutter heißt Bertha geborene Hahn. Levy Abraham hat folgende Geschwister: Karoline, Simon, Röschen, Wolff Abraham, Josef Abraham.
Er ist Viehhändler wie viele seiner Geschwister und Cousins. In der Wallstraße 56 betreiben sein Vater und sein Bruder Wolff Abraham eine Schlachterei, in der sie die von Levy gekauften Tiere verarbeiten. Bei Hinzuziehen aller bekannten Details muss man die Verhältnisse dieser Familie als klein bezeichnen, am Ende sogar als verarmt. 1939 musste die Familie in das Judenhaus Lilienstraße 9, wohin schon die Wallheimers vom Breiten Weg wohnten, nothalber miteinziehen.

Wohnstätte der Familie Levy Wallheimer: Haus Lindenstraße 12 heute Georgswall 23- Foto: Stadtarchiv

Levy heiratet am 22.11. 1925 Jettchen Plaut aus Guxhagen (südlich von Kassel). Ihr Vater ist Moses Plaut, im Berufsstand Handelsmann, die Mutter heißt Bertha geborene Katzenberg. Die Plauts betreiben ein Textil- und Hausgerätegeschäft und einen Grundstückshandel. Die Plaut/Katzenbergers sind eine sehr große Familie mit einem tiefgewachsenen Selbstverständnis ihrer Familiengeschichte und der Observanz in der jüdisch-chassidischen Lebensführung. Im Haus der Plauts in der Sellestrasse 12, es existiert noch, vermutet man eine heute zugeschüttete Mikwe. Moses Plaut ist Gemeindeältester und Vorsteher dieser Agudat-Jisroel-Gemeinde. Es gibt heute ausgedehnte Forschungsliteratur über die Plauts.

Jettchen Wallheimer geb. Plaut, Foto: Geni.com

Jettchen hat folgende Geschwister: Rosa, Max, Gitta, Salomo, Alexander, Siegfried, Gretchen. Schwester Gitta (Gida) heiratet am 16.06.1920 den Lehrer Moritz Goldschmidt aus Aurich. Ein bekanntes Muster der geschwisterlichen oder lokalen Mehrfachverflechtung in der Braut- und Bräutigamsuche, welches auch sonst in Ostfriesland üblich war.

Das Paar hat zwei Kinder, Abraham und Gisela.

Am 7. 11. 39 schifft er in Hamburg mit seiner Frau Jettchen an Bord der SS PENNLAND ein, weiter über Antwerpen nach New York. Ankunft am 15. 11. 39. Dort wohnt das Paar zunächst in Averdon Ave. 326, New York bei seinem Cousin Wolff Wallheimer (Kirchdorfer Str. 36, *24.04.1903). Die Passage bezahlt sein Schwager Max Plaut. Im Immigrantenregister von Ellis Island ist die Heimatadresse dieses nun tragisch Zurückgebliebenen vermerkt: Der Bruder Wolff Abraham „Wilhelm“ Wallheimer von der Fockenbollwerkstraße 4, welcher 1941 nach Kowno deportiert wird und umkommt.

Levy Abraham stirbt am 10.10.1954 in New Jersey. Begraben ist er auf dem Clifton King Solmon Memorial Park. Seine vier in Aurich und später in Berlin lebenden Geschwister können nicht mehr flüchten und überleben den Holocaust nicht.
Jettchen Plaut stirbt am 31.12.1963 in New Jersey. Begraben ist sie auf dem Clifton King Solmon Memorial Park. Ihre Mutter Bertha – Witwe und ihre Geschwister und die Anverwandten der Katzenbergs und Goldschmidts können auch in die USA bzw. England flüchten.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Korrespondenz mit:
– Nachkomme Mark Goldsmith,
– Karen Franklin – Director of Family Research am Leo-Baeck-Institute NY,
– Hans-Peter Klein lokaler Forscher jüdischen Lebens in Nordhessen
– Stadtarchiv Aurich
– Immigrantenregister Ellis Island
Literatur:
Patenschaft: Klaus Balke
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Heinz Glück

Veröffentlicht: 11. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Heinz GLÜCK
geboren am 11. Mai 1928 in Aurich

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: Überlebt den Völkermord
Todesort:
Heinz Glück wird am 11.Mai 1928 als Sohn des Kaufmanns  Abraham Glück und seiner Ehefrau Hilde Glück (geb. Wolff)  in Aurich geboren.  Abraham Glück (geb. am 1. Mai 1899 in Odessa) hat schon als Kleinkind beide Eltern verloren und ist im April 1918 von Hamburg-Altona nach Aurich gekommen. Hilde Glück (geb. am 17. Juli 1902) ist mit sieben Geschwistern in einer Auricher Kaufmannsfamilie aufgewachsen.

Abraham Glück betreibt zusammen mit Gustav Katz das Leder- und Pelzgeschäft „Glück und Katz“ in der Marktstr. 13. Das Ehepaar wohnt seit dem 4.12.1926, dem Heiratsdatum, in der Leerer Landstr. 14. Am 16. Februar 1935 wird die Tochter Ursula geboren. Dies mag ein Grund dafür sein, dass die inzwischen vierköpfige Familie in die damalige Gartenstraße 27 umzieht, heute von-Jhering-Straße.

Vielleicht spielen auch Fluchtgedanken dabei schon eine Rolle, denn ab 1935 wird die Situation für Juden in Deutschland immer schwieriger. Die Familie Glück macht sich im September 1937 auf den Weg in die USA. Heinz ist zu der Zeit neun Jahre alt, seine Schwester Ursula zweieinhalb. Die Schiffsreise geht von Hamburg über Le Havre nach New York, wo die „Georgic“ am 26. September 1937 ankommt. Die Namen aller Familienmitglieder sind in einer Passagierliste zu finden.

Die Familie wohnt zunächst in Philadelphia in Pennsylvania. Abraham Glück wird in Amerika Abe Gluck genannt, seine Frau Hilde heißt nun Hilda Gluck. Etwa 1967 ziehen die beiden um nach Los Angeles. Abraham Glück stirbt dort am 13. Februar 1970, Hilda Glück mehr als 20 Jahre später, am 16. Januar 1992.

Der Sohn Heinz, der als 9-jähriger Schüler nach Amerika gekommen ist und dort den Namen Henry Gluck angenommen hat, wächst in Philadelphia auf und studiert an der Universität von Pennsylvania Wirtschaft, Finanzen und internationalen Handel.

Henry, Arline, Ronald und Tracey Gluck

Am 22. Mai 1953 heiratet er in Los Angeles die damals 20-jährige Arline Renee Mayers, die Tochter von Louis Mayers und Helen Grossmann. Sie ziehen Mitte der 1950-er Jahre um nach Los Angeles und bekommen zwei Kinder: Ronald Allen und Tracey Eleen.

Henry Gluck ist beruflich sehr erfolgreich und bekleidet verantwortungsvolle Spitzenpositionen in verschiedenen Bereichen. In den 50er Jahren kommt er z.B. zu Monogram Industries, einem an der New Yorker Börse notierten Mischkonzern, und wird von 1969 bis 1972 dessen Präsident. Von 1983 bis 1994 ist er Vorsitzender und Geschäftsführer von Caesars World.  Später wird er Mitglied des Beirates und seit 2009 Vorsitzender des Ronald Reagan UCLA Medical Centers. UCLA Health ist ein Gesundheitssystem, das mehrere Krankenhäuser, eine medizinische Hochschule und ein umfangreiches Primärversorgungsnetz in der Region Los Angeles umfasst: University of California Los Angeles. UCLA Health wird von Henry und Arline Gluck und ihrer Stiftung sehr gefördert, und sie unterstützen auch weitere Wohltätigkeitsorganisationen.

Im Juni 2021 bekommen beide (Henry ist 93 Jahre alt) den FIAT LUX-Award in „Anerkennung ihrer außergewöhnlichen Dienste und ihres Engagements“.

Henry und Arline Gluck, 2021

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto: Tracey Gluck
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
https:// search.ancestry.com/cgi-bin /sse. Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, 1897-1957);  https://www.myheritage.de/research…/Kalifornien-county-eheschließungen-1850-1952;
https://www.uclahealth.org/u-magazine/gift-from-arline-and-henry-gluck-to-pioneer; https://de.wikinew.wiki/Henry_Gluck;
Korrespondenz mit Nachkommen
Literatur:
Patenschaft: Christel und Dirk Berends
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Abraham Glück

Veröffentlicht: 11. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Abraham GLÜCK
geboren am 1. Mai 1899 in Odessa

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt am 13.02.1970
Todesort: Los Angeles, USA
Abraham Glück wurde am 1. Mai 1899 in Odessa im damaligen Russland geboren. Der jüdische Bevölkerungsanteil betrug zu der Zeit in Odessa 30%, das entsprach etwa 125.000 Personen. Aber es gab im 19. Jahrhundert in Russland mehrfach antijüdische Pogrome, in Odessa 1821 zum ersten Mal. 1905 kam es dort erneut zu schweren Ausschreitungen gegen Juden.

Abraham Glücks Eltern wurden ermordet, als er noch ein kleines Kind war. Deshalb war das Leben für ihn als Waisenkind nicht einfach. Er ist schon als Kind nach Deutschland gekommen, hat in Hamburg-Altona gelebt und ist von dort Ende April 1918 nach Aurich gekommen, gemeldet am 27.04.1918.

Sein Sohn Henry berichtet, dass sein Vater eine unglaubliche Stimme hatte, aber nicht religiös genug war, um als Kantor für die Synagoge ausgewählt zu werden. Er sei jedoch bei lokalen Operettenaufführungen aufgetreten und oft in anderen Städten als Kantor ausgewählt worden.

Als Kaufmann betreibt er in Aurich zusammen mit Gustav Katz das Leder- und Pelzgeschäft „Glück und Katz“ in der Marktstr. 13.

Am 4. Dezember 1926 heiratet er Hilde Wolff, die aus einer großen Familie kommt und am 17. Juli 1902 als Tochter von Moses Levy und Rosa Wolff (geb. Sternberg) geboren wurde. Sie ist als jüngstes Kind mit sieben Geschwistern aufgewachsen: Rosalie, Moritz, Leopold, Erna, Frieda, Iwan und Wilhelm. Ihr Vater (gest. am 16.04.1916) war ein erfolgreicher Kaufmann mit eigenem Geschäft in Aurich. Ihre Mutter ist 1917 gestorben.  Trauzeugen bei der Hochzeit von Abraham Glück und Hilde Wolff sind der Kaufmann Jakob Sternberg und Moritz Wolf, Hildes Bruder und ebenfalls Kaufmann.

Schon 1925, also vor der Hochzeit, stellt Abraham Glück einen Einbürgerungsantrag, der zunächst abgelehnt wird. Das Verfahren zieht sich sehr in die Länge.  Erst nachdem am 11. Mai 1928 der Sohn Heinz geboren wird und klar ist, dass Abraham Glück den Lebensunterhalt für sich und seine Familie selbst verdienen kann, wird ihm die deutsche bzw. preußische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Nach Zahlung einer Verwaltungsgebühr von 50 RM bekommt er sie im Februar 1929.

Abraham Glück wohnt in Aurich zunächst in der Marktstr. 6, seit März 1926 im Haus Marktstr. 13, das seit 1923 Gustav Katz gehört. Abraham und Hilde Glück ziehen nach der Hochzeit um in das Haus: Leerer Landstraße 14.

Am 16. Februar 1935 wird ihre Tochter Ursula Glück geboren. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Familie im September 1935 noch einmal umzieht, nämlich in die damalige Gartenstraße, heute von-Jheringstr. 27.

Vielleicht spielen auch Fluchtgedanken dabei schon eine Rolle, denn ab 1935 wird die Situation für Juden in Deutschland immer schwieriger. Die Familie Glück macht sich im September 1937 auf den Weg in die USA. Ursula ist zu der Zeit 2 1/2 Jahre alt, ihr Bruder Heinz 9. Die Schiffsreise geht von Hamburg über Le Havre nach New York. In einer Passagierliste sind die Namen aller Familienmitglieder zu lesen. Es geht auch daraus hervor, dass Familie Glück die Überfahrt selbst bezahlt hat. Das Schiff „Georgic“ kommt am 26. September 1937 in New York an.

Die Familie wohnt zunächst in Philadelphia in Pennsylvania. Hildes Schwestern Rosalie und Frieda (verh. Sternberg) fliehen ebenfalls in die USA. Von ihren Brüdern überlebt jedoch niemand das Ende des 2. Weltkrieges und der Naziherrschaft. Moritz kommt 1942 um im Ghetto Lodz (Polen) und Erna van Dyk (geb. Wolff) 1944 im KZ Stutthof (Polen). Dieses Schicksal wirft einen dunklen Schatten auf Abrahams und Hildes Leben, aber der Start in ein neues Leben ist voller Hoffnung.

Abraham Gluck mit seinem Enkel Ronald Gluck (Foto: Tracey Gluck)

Um 1967 herum ziehen sie um nach Los Angeles in Kalifornien.  Das Highlight ihres Lebens, wie Sohn Henry es nennt, besteht darin, dass sie lange genug gelebt haben, um ihre beiden Kinder glücklich verheiratet zu sehen und wunderbare Enkel bekommen zu haben. Sie sind sehr stolz auf das, was ihre Kinder erreicht haben, ihre Tochter verheiratet zu sehen mit einem Komponisten, der viele Auszeichnungen (Academy Awards) gewonnen hat, und den Sohn, der Präsident eines an der New Yorker Börse notierten Mischkonzerns geworden ist.

Abraham Glück, in Amerika Abe Gluck genannt, stirbt am 13. Februar 1970 in Los Angeles. Seine Frau Hilde, in Amerika Hilda Gluck genannt, mehr als 20 Jahre später, am 13. Januar 1992.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto: Tracey Gluck
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
https://www.myheritage.de/research/U.S.Sterbeverzeichnis der Sozialversicherung;  „The Los Angeles Times“, 16. Januar 1992,  S.23;
https://wikipedia.org/Geschichte_der_Juden_in_Odessa; https://search.ancestry.com (Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York);
Korrespondenz mit Nachkommen
Literatur:
Patenschaft: Ingo Mersch-Klock
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Wilhelm Isaak Wolff

Veröffentlicht: 11. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Wilhelm Isaak WOLFF
geboren am 20. August 1899 in Aurich

Straße: Marktstraße 5
Todesdatum: 23.07.1984
Todesort: Moises Ville, Argentinien
Wilhelm Isaak Wolff wird am 20.08.1899 in Aurich geboren. Er ist der jüngste von sieben Söhnen von Isaak Abraham Wolff (*4.03.1848 +30.11.1932) und Regine Wolff geb. Schulenklopper (*26.05.1856 +14.08.1936), die aus einer angesehenen Familie in Norden stammt. Sein Vater arbeitet als Schlachter und Viehhändler und auch Wilhelm arbeitet später in diesem Beruf. Die Vorfahren der Familie Wolff haben schon sehr lange in Aurich gelebt und waren über Generationen als Schlachter tätig.

Von den sieben Söhnen gelingt fünf die Flucht nach Argentinien, in die USA und nach Palästina (Abraham Isaak Wolff *1883, Argentinien – Joseph Isaak Wolff *1885 New York – Levy Isaak Wolff *1892, Palästina – Siegfried Isaak Wolff *1894, Paraguay). Zwei werden Opfer der Shoah (Jakob Isaak Wolff *1887, + 1941  Minsk – David Isaak Wolff *1889, +1943 Auschwitz). Für sie wurden bereits Stolpersteine in Aurich verlegt.

Wilhelm arbeitet mit seinen Brüdern Abraham und Levy im Betrieb seines Vaters. Wohnhaus und Schlachterei liegen in der Marktstraße 5. Das Haus wurde von der Familie Wolff 1913 nach der Heirat von Abraham Wolff und Mathilde Katz gekauft. Zuvor wohnten sie in der Wallstraße 55.  Wilhelms Eltern ziehen 1932 zu Hedwig Wolff in die Lilienstraße 12. Ein Jahr später stirbt Sein Vater und vier Jahre später seine Mutter.

Wilhelm wohnt weiterhin bei seinem ältesten Bruder Abraham in der Markstraße 5 und hilft im Betrieb. Die systematische Diskriminierung jüdischer Schlachter und Behinderung ihrer Arbeit ab 1933 entzog ihnen nach und nach die wirtschaftliche Grundlage.

Die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 mit Plünderungen und Schikanierungen der jüdischen Bevölkerung und anschließender mehrwöchiger Internierung männlicher Juden im KZ Sachsenhausen bedeutete einen vorläufigen Höhepunkt der nationalsozialistischen Judenpolitik.

Nach den traumatischen Erlebnissen dieser Reichspogromnacht planen die Familien Abraham und Levy Wolff ihre Flucht nach Südamerika bzw. Palästina.

Ende Dezember 1938 zieht Wilhelms Bruder Abraham mit seiner Frau und den vier Kindern für etwa ein Jahr von der Marktstraße 5 in die Lilienstraße 12 zu Hedwig Wolff. Dort hatten schon seine Eltern einige Jahre zuvor bis zu ihrem Tod gewohnt. Das Haus in der Marktstraße 5 wurde wohl verkauft, um die Flucht zu finanzieren. Sicherlich ist die Flucht nach Argentinien zu diesem Zeitpunkt bereits geplant. Es ist davon auszugehen, dass Wilhelm mit der Familie seines Bruders Abraham ebenfalls in die Lilienstraß 12 zieht.

Auch sein Bruder Levy Isaak Wolff, für den in der Wallstraße 56 ein Stein verlegt wurde, muss Ende Dezember 1938 das Haus in der Marktstraße 5 verlassen.

Im Januar 1940 kann Wilhelm mit der Familie seines Bruders Abraham aus Aurich fliehen. Die Flucht geht zunächst mit dem Zug nach Italien. Von Genua aus können sie eine Schiffspassage an Bord der NEPTUNIA nach Argentinien bekommen. Dieser Fluchtweg ist einige Monate später nach dem Kriegseintritt Italiens im Sommer 1940 nicht mehr möglich. Am 3. Februar 1940 erreichen die Flüchtlinge Buenos Aires. Auf einer Passagierliste der „Neptunia“ finden wir den Namen der Nichte von Wilhelm, Erna Altenberger geb. Wolff und den ihres Ehemannes Hermann Altenberger.

Argentinien hatte, wie so viele andere Zufluchtsländer, die Einwanderung jüdischer Flüchtlinge per Dekret gestoppt und nur bis 1938 zugelassen. In einem geheimen Rundschreiben, der Circular 11, sollte die Erteilung von Visa an Personen, „die ihre Herkunftsländer als Unerwünschte oder Verstoßene verlassen“, verhindert werden. Daran hielten sich zum Glück, auch für unsere Familie Wolff, nicht alle Konsuln, die vermutlich gegen Geld trotzdem Visa erteilten.

Wir können Kontakt zu Mario Wolff, einem Großneffen von Wilhelm Wolff, herstellen und erfahren so einiges über Wilhelms Leben nach der Ankunft in Argentinien.

Nach ihrer Ankunft in Buenos Aires bleiben die Mitglieder der Familie Wolff zunächst für einige Tage dort und ziehen dann in das etwa 600 km entfernte La Juanita in der Provinz Santa Fe.  Im Jahr 1960 ziehen sie nach Moises Ville. Dort wohnt Wilhelm bei seiner Nichte Erna Altenberger geb. Wolff, die auch mit der Familie Wolff auf der NEPTUNIA nach Argentinien geflohen war.

Der Ort Moises Ville wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Juden gegründet, die vor Pogromen in Russland geflüchtet waren. Moises Ville entwickelte sich mit Flüchtlingen aus ganz Europa zu einem Zentrum jüdischer Kultur.

Wilhelm Isaak Wolff hat nie geheiratet und hatte keine Kinder. Er stirbt am 23.07.1984 im Alter von 84 Jahren in Moises Ville.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
geni.com (Familiendatenbank)
Literatur:
Patenschaft: Konfirmanden der Reformierten Kirchengemeinde Aurich
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

 

 

 

Fanni Wolff

Veröffentlicht: 11. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Fanni WOLFF
geboren am 24. September 1921 in Aurich

Straße: Marktstraße 2
Todesdatum: Flucht nach Palästina 1939, gestorben am 29. Dezember 1954
Todesort: Kiryat Bialik, Israel
Fanni Wolff wurde am 24. September 1921 als zweite Tochter des Schlachters Benjamin Wolff, genannt Benno, und seiner Ehefrau Regina Wolff, geb. Wolff  in Aurich geboren. Beide Eltern waren in Aurich aufgewachsen und deren Väter waren auch Schlachter.

Am 7. August 1920 wurde Fannis ältere Schwester Karoline  geboren, die jüngere, Selma, am 15.Juni 1923. Die Kindheit der drei Schwestern mag bis 1933 noch unbeschwert gewesen sein – wie die vieler jüdischer Kinder in Aurich.

Zwischen 1926 und 1933 waren in dem Haus Marktstr. 2 verschiedene Hausmädchen gemeldet, was auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen lässt. Ab 1935 wurden jedoch die antijüdischen Schikanen im Handel immer stärker, und die Übernahme von jüdischem Haus- und Grundstückseigentum durch die Nationalsozialisten bringt viele jüdische Bürger dazu, Aurich zu verlassen.  Benno Wolff war 1932 noch,  neben vielen christlichen Schlachtern,  Mitglied der Fleischer-Zwangsinnung und bildete Lehrlinge aus.
Aber nach der Pogromnacht vom November 1938 wurde er bis zum 17. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Erst im Februar 1940 floh er mit seiner Frau nach Düsseldorf. Von dort wurden beide im November 1941 nach Minsk deportiert und haben das Lager dort nicht überlebt.

Die älteste Tochter, Karoline Wolff,  zieht im April 1936 mit knapp 16 Jahren nach Wuppertal-Elberfeld und flieht später nach Israel.

Fanni Wolff  geht im Juni 1936 zur Hachscharah in Gut Winkel in Spreenhagen. Im Juni 1937 v zieht sie von Aurich nach Mannheim. Dort lebte seit 1936 auch ihre Cousine Netta Kussel und die Tante von beiden, Auguste Sommer, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Fanni ist als Hausangestellte bei dem Ehepaar Richard und Mia Neter beschäftigt. Mia Neter war eine der zentralen Persönlichkeiten der damaligen Israelitischen Kultusgemeinde in Mannheim, seit 1926  Leiterin des Jüdischen Wohlfahrts- und Jugendamtes. Das Ehepaar Neter ist am 5. Februar 1939 mit dem Ziel Tel Aviv ausgewandert. Bis zu dem Datum ist Fanni Wolff dort auch nur gemeldet. Sie kommt dann nach Aurich zurück, ihrer Meldekarte in Aurich zufolge geht sie im Juni 1939 nach Spreenhagen in der Mark Brandenburg. Dort wurden z.B. auf dem „Gut Winkel“ junge Menschen auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Belege dafür, dass sie dort gewesen ist, gibt es aber nicht, weder in der Gemeinde Spreenhagen, noch im Brandenburgischen Hauptarchiv.

Das Archiv der Jüdischen Organisation WJR (World Jewish Relief) in London hat bestätigt, dass es Informationen über Fannis Ankunft in GB gibt.  Später lebt sie in Israel, nennt sich dort Fani Tziporah Wolf  und heiratet am 10. Oktober 1952 in Kiryat Motzkin  Ruben Weitzner, der am 22. Dezember 1915 in Kalusz / Ukraine geboren wurde. Sie hat mit ihm einen Sohn. Am 29. Dezember 1954 stirbt  Fanni Weitzner mit 33 Jahren als junge Mutter in Kiryat Bialik. Ihr Mann Ruben Weitzner wird 91 Jahre alt, er stirbt am 15. November 2007 in Kiryat Bialik. Die Gräber von beiden sind in Tzur Shalom.

Fannis jüngste Schwester, Selma Wolff,  geht Anfang Mai 1938 ebenfalls nach Mannheim und ist dort bis zum 10. Dezember1938 gemeldet. Sie gelangt mit einem „Kindertransport“ nach England. Durch „Kindertransporte“, die auch im Englischen so genannt werden, konnten vom Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, nach einem Beschluss des britischen Parlaments, rund  10 000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei vor dem Holocaust gerettet werden.

Während Gunter Demnig die drei neuen Stolpersteine für Karoline, Fanni und Selma Wolff ins Pflaster vor dem Haus Marktstraße 2 einsetzt, trägt Irmtraut Schulze-Rodenberg ihre Biografien vor.

 

Drei Stolpersteine für die Töchter von Benjamin und Regina Wolff, deren eigene Stolpersteine bereits am 14. Dezember 2013 verlegt worden.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabee: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 16.11.2019)
Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Staatsarchiv Aurich Rep. 248, Nr. 943
Literatur: – Adressbuch für Stadt und Kreis Aurich 1926
– Habben, Johannes in: Reyer, Diekhoff, Die Juden in Aurich,  Aurich, 1992, S. 124https://spurenimvest.de/2026/03/20/wolff-fanny/
Patenschaft: Irene und Adrian Mills
Verlegetermin: 16. November  2019