Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Siegfried Engländer

Veröffentlicht: 6. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried ENGLÄNDER
geboren am 23. Juni 1907 in Aurich

Straße: Norderstraße 22
Todesdatum: Flucht in die Dominkanische Republik
Todesort: Überlebt den Völkermord
Siegfried Engländer wird am 23.06.1907 in Aurich geboren. Seine Eltern sind Moritz Engländer (*16.10.1877 in Aurich) und Henni Engländer geb. Herzberg (*23.06.1878 in Sachsenhagen +15.01.1945 in Santo Domingo). Siegfried hat eine Schwester, Hilda Engländer (*29.03.1906 in Aurich). Diese heiratet Julius Wolff (*23.03.1900 in Aurich) und kann mit ihm im Mai 1939 nach Australien fliehen. Wir wissen, dass Siegfried 1945 verheiratet war und zwei Kinder hatte.
Eine Familie Engländer gab es schon lange in Aurich. Ich konnte sie bis zum Urgroßvater von Moritz verfolgen. Der hieß Abraham Hartogs  Calmer Engländer und verstarb im Jahr  1803.
Moritz hatte acht Geschwister.  Seine Eltern waren Abraham Calmer Engländer (* 31.08.1838 in Aurich, + 02.02.1911 in Aurich) und Hannchen Isaak Cohen (* 1837, + 09.02.1893 in Aurich).
Die Familie Moritz Engländer wohnt in der Norderstraße 22. Moritz Engländer und sein Sohn Siegfried arbeiteten wie bereits seine Vorfahren als Schlachter und Viehhändler.Ich möchte jetzt die Geschichte der Familie Moritz Engländer so erzählen, wie sie mir im Verlauf einer durchaus spannenden Recherche bekannt wurde.
Die Suche nach Informationen beginnt immer mit der Meldekarte im Niedersächsischen Landesarchiv Aurich. Dort erfahre ich, dass die Familie Engländer am 3.04.1934 in den Breiten Weg 1 zu Familie Wallheimer zieht, am 1.04.1936 in die Wilhelmstraße 21 zu Familie van Dyk und als die ihr Geschäft verkaufen müssen ziehen die Engländers am 19.07.1938 in die Wallstr. 14 in zu der Familie des Synagogenvorstehers Abraham Wolff.

Siegfried zieht immer wieder für kurze Zeit aus Aurich fort. 1926 nach Füstenau (nahe Osnabrück), 1936 nach Horsten (bei Friedeburg) und Wittmund, sowie Hannover und Quetzen (bei Minden) und schließlich am 16.05.1938 nach Wilhelmshaven.
Vom 11.11. bis 27.12.1938 wird Siegfried wie viele andere Auricher Juden in Sachsenhausen interniert (Aussage seiner Schwester Hilde Wolff geb. Engländer).
Am 21.02. 1940 werden seine Eltern Moritz Engländer und Henni gezwungen, mit den wenigen noch verbliebenen jüdischen Bürgern Aurich zu verlassen (Aurich sollte „judenfrei“ sein!). Sie ziehen nach Berlin in die Rosenstraße 2-4 (Anschrift der „Sozial-Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin“).
Soweit die Informationen der Meldekarte.  Aber wie ging das Leben der Familie Engländer weiter?

Nach langem Suchen konnte ich Im Internet auf einem Faksimile der Zeitung „Aufbau“ v. 2. März 1945 eine Todesanzeige für Henny Engländer (+ 15.01.1945) finden.
Die Wochenzeitung „Aufbau“ erschien von 1934 – 1950 in New York und war eine  Art Forum für den Informationsaustausch unter deutschen Juden.  Die Todesanzeige für Henny Engländer ist unterzeichnet  von ihrem Ehemann  Moritz Engländer, wohnhaft in der Dominikanischen Republik, der Tochter Hilde und deren  Ehemann Julius Wolff (in Australien) und dem Sohn Siegfried mit Ehefrau und 2 Kindern, wohnhaft in Sosúa in der Dominikanischen Republik.
Wir wissen nun also, dass Moritz Engländer mit seiner Frau und ihr Sohn in die Dominikanische Republik fliehen und dem Holocaust entgehen konnten.
Aber wie und wann kamen sie dorthin?

Bei der Suche im Internet stoße ich auf die Kopie eine „Zählkarte für auswandernde Personen“. Die Karteikarte ist von der „Kultusvereinigung Berlin“ ausgegeben. Dort steht, dass Moritz und Henny Engländer am 18.09.1941 nach Santo Domingo ausgewandert sind. Das Ehepaar hatte großes Glück, dass sie noch im September 1941 aus Deutschland fliehen konnte, denn schon im Oktober 1941 gab es ein generelles Ausreiseverbot für Juden aus Deutschland und am 15. Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen von Juden aus Deutschland.
Wie aber war diese Ausreise möglich?

Die jüdische „Kultusvereinigung“ war vom Reichssicherheitshauptamt eingesetzt worden, um die Auswanderung von Juden  durch Juden selbst organisieren zu lassen. Die Auswanderer mussten Geld in einen Fond einzahlen – bis zu 60% ihres Vermögens -, aus dem wiederum ärmere Auswanderungswillige finanziert wurden. Aber auch jüdische Hilfsorganisationen in den USA finanzierten die Ausreise.
Aber warum Santo Domingo?

Hier gibt es spannende Zusammenhänge. Im Jahr 1938 regte der amerikanische Präsident Roosevelt eine  Konferenz an, um die Situation der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zu verbessern. Von den 32 teilnehmenden Ländern war nur die Dominikanische Republik bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.  Ausgerechnet einer der grausamsten Diktatoren Mittelamerikas, Raffael Trujillo, ein Rassist und Hitlerverehrer, erklärte sich bereit 100.000 jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Bereitschaft war eine Art Wiedergutmachung für die Ermordung von mehr als 25.000 haitischen (dunkelhäutigen) Wanderarbeitern und hatte rassistische Hintergründe, denn mit den jüdischen  Einwanderern sollte die Hautfarbe der Einwohner des Landes „aufgehellt“ werden. Daher sollten nur junge, unverheiratete Männer mit Erfahrungen in der Landwirtschaft für die Einwanderung  zugelassen werden. Schließlich wanderten nur etwa 700 Flüchtlinge in die Dominikanische Republik ein.  Im April 1940 trafen die ersten Flüchtlinge ein. Die Überfahrt wurde von der DORSA (Dominican Republic Setllement Organisation) und  jüdischen Hilfsorganisationen in den USA finanziert.
Und wie gelang es Moritz und Henni Engländer dorthin zu kommen?

Ein bekanntes Schiff für die Überfahrt  jüdischer Auswanderer war das unter portugisischer Flagge fahrende Schiff „Serpa Pinto“.  Und tatsächlich finde ich in den Passagierlisten der „Serpa Ointo“ Moritz und Henni Engländer.

Sie sind am 17. November 1941 mit der „Serpa Pinto“ aus Lissabon abgereist. In der Liste stehen sie als „settler relatives“, also als Verwandte eines Siedlers in der Dominikanischen Republik.
Daraus ist zu schließen, dass ihr Sohn Siegfried Engländer sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Dominikanischen Republik aufhielt. Siegfried war im Mai 1938 von Aurich nach Wilhelmshaven verzogen. Nach der Reichspogromnacht wurde er am 10. November 1938 festgesetzt und anschließend in Sachsenhausen interniert. Im Februar 1940 zog  Siegfried nach Berlin, wohin auch zur gleichen Zeit seine Eltern ziehen mussten. Zu diesem Zeitpunkt war er noch ledig.

Die Serpa Pinto beim Ablegen in Lissabon

Wie und wann Siegfried in die Dominikanische Republik gereist ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Er konnte vermutlich in dem dortigen Siedlungsprogramm der DORSA Aufnahme finden, da er in das Raster „männlich, ledig, mit landwirtschaftlicher Erfahrung“ passte.  Wir wissen nur aus der Todesanzeige für seine Mutter, dass er in dem Siedlerort Sosúa  lebte, dort heiratete und 1945 zwei Kinder  hatte.

Wir wissen, dass das Leben der Siedler in Sosúa in der ersten Zeit extrem hart war. Sie mussten in der Einöde erst einmal ihre Unterkünfte bauen und versuchen, mit landwirtschaftlicher Tätigkeit zu überleben. Nach Kriegsende wanderten viele der Siedler in die USA aus. Heute leben noch etwa 40 Familien in Sosúa, die von den damaligen Einwanderern abstammen.

Leider verliert sich nach 1945 die Spur von Moritz Engländer sowie Siegfried Engländer und seiner Familie.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 16.11.2019)
Foto: – SS Serpa Pinto
http://radiofuzzi.blogspot.com/2014/11/lissabon-hafen-der-hoffnung.html
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich
http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I6203&nachname=ENGL%C3%A4NDER&modus=&lang=de
– Passagierliste Serpa Pinto ab Lissabon 17.11.1941
http://search.archives.jdc.org/multimedia/Documents/Names%20Databank/Serpa%20Pinto%20November%201941/Additional%20Links/Complete_November_1941.pdf– Zählkarte für ausgewanderte Personen (Moritz Engländer) https://digitalcollections.its-arolsen.org/01020401/name/pageview/709846/7246589
Literatur: – Juli Josefine Wellisch Miller de Moncada; Sosúa: Páginas contra el olvido. Colonia judía de extraordinarias historias
– Hans-Ulrich Dillmann | Susanne Hei, Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik. Erschienen: September 2009, Seitenzahl: 192, Abbildungen s/w: 73, Karten: 2ISBN: 978-3-86153-551-5
– Marion Kaplan, Zuflucht in der Karibik.Die jüdische Flüchtlingssiedlung in der Dominikanischen Republik. 1940-1945 -Wallstein Verlag, Göttingen 2010. ISBN 9783835305113

Gebunden, 283 Seiten, 24,90 EUR

Patenschaft: DIG-Ostfriesland
Verlegetermin: 16. November  2019

Henni Engländer geb. Herzberg

Veröffentlicht: 6. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Henni „Henny“ ENGLÄNDER geb. Herzberg
geboren am 23. Juni 1878 in Sachsenhagen

Straße: Norderstraße 22
Todesdatum: Flucht in die Dominkanische Republik am 18.09.1941
Todesort: Überlebt den Völkermord
Henni Herzberg wurde am 23.06.1878 in Sachsenhagen Kreis Schaumburg-Lippe geboren. Dort gab es seit dem 17. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde (1895 gab es dort 35 jüdische Familien). Leider konnte ich bisher nichts über ihre Familie in Erfahrung bringen.
Henni Herzberg heiratet Moritz Engländer aus Aurich, zieht dorthin und bekommt mit ihm zwei Kinder.
Sie stirbt am 15.01.1945 in Santo Domingo.
Moritz Engländer wurde am 16.10.1877 in Aurich geboren. Eine Familie Engländer gab es schon lange in Aurich. Ich konnte sie bis zum Urgroßvater von Moritz verfolgen. Der hieß Abraham Hartogs  Calmer Engländer und verstarb im Jahr  1803.
Moritz hatte acht Geschwister.  Seine Eltern waren Abraham Calmer Engländer (* 31.08.1838 in Aurich, + 02.02.1911 in Aurich) und Hannchen Isaak Cohen (* 1837, + 09.02.1893 in Aurich).
Sie wohnen in der Norderstraße 22 und haben zwei Kinder: Hilda (* 29.3.1906 in Aurich) und Siegfried (*23.06.1907 in Aurich). Moritz Engländer und sein Sohn Siegfried arbeiteten wie bereits seine Vorfahren als Schlachter und Viehhändler.Ich möchte jetzt die Geschichte der Familie Moritz Engländer so erzählen, wie sie mir im Verlauf einer durchaus spannenden Recherche bekannt wurde.
Die Suche nach Informationen beginnt immer mit der Meldekarte im Niedersächsischen Landesarchiv Aurich. Dort erfahre ich, dass die Familie Engländer am 3.04.1934 in den Breiten Weg 1 zu Familie Wallheimer zieht, am 1.04.1936 in die Wilhelmstraße 21 zu Familie van Dyk und als die ihr Geschäft verkaufen müssen ziehen die Engländers am 19.07.1938 in die Wallstr. 14 in zu der Familie des Synagogenvorstehers Abraham Wolff. Der Sohn Siegfried zieht am 16.05.1938 nach Wilhelmshaven.

Am 21.02. 1940 werden Moritz Engländer und seine Frau Henni gezwungen, mit den wenigen noch verbliebenen jüdischen Bürgern Aurich zu verlassen (Aurich sollte „judenfrei“ sein!). Sie ziehen nach Berlin in die Rosenstraße 2-4 (Anschrift der „Sozial-Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin“).
Soweit die Informationen der Meldekarte.  Aber wie ging das Leben der Familie Engländer weiter?

Nach langem Suchen konnte ich Im Internet auf einem Faksimile der Zeitung „Aufbau“ v. 2. März 1945 eine Todesanzeige für Henny Engländer (+ 15.01.1945) finden.

Die Wochenzeitung „Aufbau“ erschien von 1934 – 1950 in New York und war eine  Art Forum für den Informationsaustausch unter deutschen Juden.  Die Todesanzeige für Henny Engländer ist unterzeichnet  von ihrem Ehemann  Moritz Engländer, wohnhaft in der Dominikanischen Republik, der Tochter Hilde und deren  Ehemann Julius Wolff (in Australien) und dem Sohn Siegfried mit Ehefrau und 2 Kindern, wohnhaft in Sosúa in der Dominikanischen Republik.
Wir wissen nun also, dass Moritz Engländer mit seiner Frau und ihr Sohn in die Dominikanische Republik fliehen und dem Holocaust entgehen konnten. Aber wie und wann kamen sie dorthin?

Bei der Suche im Internet stoße ich auf die Kopie eine „Zählkarte für auswandernde Personen“. Die Karteikarte ist von der „Kultusvereinigung Berlin“ ausgegeben.
Dort steht, dass Moritz und Henny Engländer am 18.09.1941 nach Santo Domingo ausgewandert sind. Das Ehepaar hatte großes Glück, dass sie noch im September 1941 aus Deutschland fliehen konnte, denn schon im Oktober 1941 gab es ein generelles Ausreiseverbot für Juden aus Deutschland und am 15. Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen von Juden aus Deutschland.
Wie aber war diese Ausreise möglich?

Die jüdische „Kultusvereinigung“ war vom Reichssicherheitshauptamt eingesetzt worden, um die Auswanderung von Juden  durch Juden selbst organisieren zu lassen. Die Auswanderer mussten Geld in einen Fond einzahlen – bis zu 60% ihres Vermögens -, aus dem wiederum ärmere Auswanderungswillige finanziert wurden. Aber auch jüdische Hilfsorganisationen in den USA finanzierten die Ausreise.
Aber warum Santo Domingo?

Hier gibt es spannende Zusammenhänge. Im Jahr 1938 regte der amerikanische Präsident Roosevelt eine  Konferenz an, um die Situation der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zu verbessern. Von den 32 teilnehmenden Ländern war nur die Dominikanische Republik bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.  Ausgerechnet einer der grausamsten Diktatoren Mittelamerikas, Raffael Trujillo, ein Rassist und Hitlerverehrer, erklärte sich bereit 100.000 jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Bereitschaft war eine Art Wiedergutmachung für die Ermordung von mehr als 25.000 haitischen (dunkelhäutigen) Wanderarbeitern und hatte rassistische Hintergründe, denn mit den jüdischen  Einwanderern sollte die Hautfarbe der Einwohner des Landes „aufgehellt“ werden. Daher sollten nur junge, unverheiratete Männer mit Erfahrungen in der Landwirtschaft für die Einwanderung  zugelassen werden. Schließlich wanderten nur etwa 700 Flüchtlinge in die Dominikanische Republik ein.  Im April 1940 trafen die ersten Flüchtlinge ein. Die Überfahrt wurde von der DORSA (Dominican Republic Setllement Organisation) und  jüdischen Hilfsorganisationen in den USA finanziert.
Und wie gelang es Moritz und Henni Engländer dorthin zu kommen?

Ein bekanntes Schiff für die Überfahrt  jüdischer Auswanderer war das unter portugisischer Flagge fahrende Schiff „Serpa Pinto“.  Und tatsächlich finde ich in den Passagierlisten der „Serpa Ointo“ Moritz und Henni Engländer.
Sie sind am 17. November 1941 mit der „Serpa Pinto“ aus Lissabon abgereist. In der Liste stehen sie als „settler relatives“, also als Verwandte eines Siedlers in der Dominikanischen Republik.

Die Serpa Pinto beim Ablegen in Lissabon

Daraus ist zu schließen, dass ihr Sohn Siegfried Engländer sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Dominikanischen Republik aufhielt. Siegfried war im Mai 1938 von Aurich nach Wilhelmshaven verzogen. Nach der Reichspogromnacht wurde er am 10. November 1938 festgesetzt und anschließend in Sachsenhausen interniert. Im Februar 1940 zog  Siegfried nach Berlin, wohin auch zur gleichen Zeit seine Eltern ziehen mussten. Zu diesem Zeitpunkt war er noch ledig.

Wie und wann Siegfried in die Dominikanische Republik gereist ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Er konnte vermutlich in dem dortigen Siedlungsprogramm der DORSA Aufnahme finden, da er in das Raster „männlich, ledig, mit landwirtschaftlicher Erfahrung“ passte.  Wir wissen nur aus der Todesanzeige für seine Mutter, dass er in dem Siedlerort Sosúa  lebte, dort heiratete und 1945 zwei Kinder  hatte.

Wir wissen, dass das Leben der Siedler in Sosúa in der ersten Zeit extrem hart war. Sie mussten in der Einöde erst einmal ihre Unterkünfte bauen und versuchen, mit landwirtschaftlicher Tätigkeit zu überleben. Nach Kriegsende wanderten viele der Siedler in die USA aus. Heute leben noch etwa 40 Familien in Sosúa, die von den damaligen Einwanderern abstammen.

Leider verliert sich nach 1945 die Spur von Moritz Engländer sowie Siegfried Engländer und seiner Familie.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 16.11.2019)
Foto: – SS Serpa Pinto
http://radiofuzzi.blogspot.com/2014/11/lissabon-hafen-der-hoffnung.html
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich
http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I6203&nachname=ENGL%C3%A4NDER&modus=&lang=de
– Passagierliste Serpa Pinto ab Lissabon 17.11.1941
http://search.archives.jdc.org/multimedia/Documents/Names%20Databank/Serpa%20Pinto%20November%201941/Additional%20Links/Complete_November_1941.pdf– Zählkarte für ausgewanderte Personen (Moritz Engländer) https://digitalcollections.its-arolsen.org/01020401/name/pageview/709846/7246589
Literatur: – Juli Josefine Wellisch Miller de Moncada; Sosúa: Páginas contra el olvido. Colonia judía de extraordinarias historias
– Hans-Ulrich Dillmann | Susanne Hei, Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik. Erschienen: September 2009, Seitenzahl: 192, Abbildungen s/w: 73, Karten: 2ISBN: 978-3-86153-551-5
– Marion Kaplan, Zuflucht in der Karibik.Die jüdische Flüchtlingssiedlung in der Dominikanischen Republik. 1940-1945 -Wallstein Verlag, Göttingen 2010. ISBN 9783835305113

Gebunden, 283 Seiten, 24,90 EUR

Patenschaft: DIG-Ostfriesland
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Moritz Engländer

Veröffentlicht: 6. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Moritz ENGLÄNDER
geboren am 16. Oktober 1877 in Aurich

Straße: Norderstraße 22
Todesdatum: Flucht in die Dominkanische Republik am 18.09.1941
Todesort: Überlebt den Völkermord

Moritz Engländer, 1939, Foto der Kennkarte, NLA Aurich

Moritz Engländer wurde am 16.10.1877 in Aurich geboren. Eine Familie Engländer gab es schon lange in Aurich. Ich konnte sie bis zum Urgroßvater von Moritz verfolgen. Der hieß Abraham Hartogs  Calmer Engländer und verstarb im Jahr  1803.
Moritz hatte acht Geschwister.  Seine Eltern waren Abraham Calmer Engländer (* 31.08.1838 in Aurich, + 02.02.1911 in Aurich) und Hannchen Isaak Cohen (* 1837, + 09.02.1893 in Aurich).
Moritz Engländer heiratet Henni Herzberg (*23.06.1878 in Sachsenhagen im Kreis Schaumburg-Lippe). Sie wohnen in der Norderstraße 22 und haben zwei Kinder: Hilda (* 29.3.1906 in Aurich) und Siegfried (*23.06.1907 in Aurich). Moritz Engländer und sein Sohn Siegfried arbeiteten wie bereits seine Vorfahren als Schlachter und Viehhändler.Ich möchte jetzt die Geschichte der Familie Moritz Engländer so erzählen, wie sie mir im Verlauf einer durchaus spannenden Recherche bekannt wurde. Die Suche nach Informationen beginnt immer mit der Meldekarte im Niedersächsischen Landesarchiv Aurich. Dort erfahre ich, dass die Familie Engländer am 3.04.1934 in den Breiten Weg 1 zu Familie Wallheimer zieht, am 1.04.1936 in die Wilhelmstraße 21 zu Familie van Dyk und als die ihr Geschäft verkaufen müssen ziehen die Engländers am 19.07.1938 in die Wallstr. 14 in zu der Familie des Synagogenvorstehers Abraham Wolff. Der Sohn Siegfried zieht am 16.05.1938 nach Wilhelmshaven.

Am 21.02. 1940 werden Moritz Engländer und seine Frau Henni gezwungen, mit den wenigen noch verbliebenen jüdischen Bürgern Aurich zu verlassen (Aurich sollte „judenfrei“ sein!). Sie ziehen nach Berlin in die Rosenstraße 2-4 (Anschrift der „Sozial-Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin“).
Soweit die Informationen der Meldekarte.  Aber wie ging das Leben der Familie Engländer weiter?

Nach langem Suchen konnte ich Im Internet auf einem Faksimile der Zeitung „Aufbau“ v. 2. März 1945 eine Todesanzeige für Henny Engländer (+ 15.01.1945) finden.

Die Wochenzeitung „Aufbau“ erschien von 1934 – 1950 in New York und war eine  Art Forum für den Informationsaustausch unter deutschen Juden.  Die Todesanzeige für Henny Engländer ist unterzeichnet  von ihrem Ehemann  Moritz Engländer, wohnhaft in der Dominikanischen Republik, der Tochter Hilde und deren  Ehemann Julius Wolff (in Australien) und dem Sohn Siegfried mit Ehefrau und 2 Kindern, wohnhaft in Sosúa in der Dominikanischen Republik.
Wir wissen nun also, dass Moritz Engländer mit seiner Frau und ihr Sohn in die Dominikanische Republik fliehen und dem Holocaust entgehen konnten. Aber wie und wann kamen sie dorthin?

Bei der Suche im Internet stoße ich auf die Kopie eine „Zählkarte für auswandernde Personen“. Die Karteikarte ist von der „Kultusvereinigung Berlin“ ausgegeben.

Dort steht, dass Moritz und Henny Engländer am 18.09.1941 nach Santo Domingo ausgewandert sind. Das Ehepaar hatte großes Glück, dass sie noch im September 1941 aus Deutschland fliehen konnte, denn schon im Oktober 1941 gab es ein generelles Ausreiseverbot für Juden aus Deutschland und am 15. Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen von Juden aus Deutschland.
Wie aber war diese Ausreise möglich?
Die jüdische „Kultusvereinigung“ war vom Reichssicherheitshauptamt eingesetzt worden, um die Auswanderung von Juden  durch Juden selbst organisieren zu lassen. Die Auswanderer mussten Geld in einen Fond einzahlen – bis zu 60% ihres Vermögens -, aus dem wiederum ärmere Auswanderungswillige finanziert wurden. Aber auch jüdische Hilfsorganisationen in den USA finanzierten die Ausreise.
Aber warum Santo Domingo?

Hier gibt es spannende Zusammenhänge. Im Jahr 1938 regte der amerikanische Präsident Roosevelt eine  Konferenz an, um die Situation der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zu verbessern. Von den 32 teilnehmenden Ländern war nur die Dominikanische Republik bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.  Ausgerechnet einer der grausamsten Diktatoren Mittelamerikas, Raffael Trujillo, ein Rassist und Hitlerverehrer, erklärte sich bereit 100.000 jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Bereitschaft war eine Art Wiedergutmachung für die Ermordung von mehr als 25.000 haitischen (dunkelhäutigen) Wanderarbeitern und hatte rassistische Hintergründe, denn mit den jüdischen  Einwanderern sollte die Hautfarbe der Einwohner des Landes „aufgehellt“ werden. Daher sollten nur junge, unverheiratete Männer mit Erfahrungen in der Landwirtschaft für die Einwanderung  zugelassen werden. Schließlich wanderten nur etwa 700 Flüchtlinge in die Dominikanische Republik ein.  Im April 1940 trafen die ersten Flüchtlinge ein. Die Überfahrt wurde von der DORSA (Dominican Republic Setllement Organisation) und  jüdischen Hilfsorganisationen in den USA finanziert.

Und wie gelang es Moritz und Henni Engländer dorthin zu kommen?
Ein bekanntes Schiff für die Überfahrt  jüdischer Auswanderer war das unter portugisischer Flagge fahrende Schiff „Serpa Pinto“.  Und tatsächlich finde ich in den Passagierlisten der „Serpa Pinto“ Moritz und Henni Engländer.  Sie sind am 17. November 1941 mit der „Serpa Pinto“ aus Lissabon abgereist. In der Liste stehen sie als „settler relatives“, also als Verwandte eines Siedlers in der Dominikanischen Republik.

Daraus ist zu schließen, dass ihr Sohn Siegfried Engländer sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Dominikanischen Republik aufhielt. Siegfried war im Mai 1938 von Aurich nach Wilhelmshaven verzogen. Nach der Reichspogromnacht wurde er am 10. November 1938 festgesetzt und anschließend in Sachsenhausen interniert. Im Februar 1940 zog  Siegfried nach Berlin, wohin auch zur gleichen Zeit seine Eltern ziehen mussten. Zu diesem Zeitpunkt war er noch ledig.

Die Serpa Pinto bei derAbfahrt aus Lisasabon

Wie und wann Siegfried in die Dominikanische Republik gereist ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Er konnte vermutlich in dem dortigen Siedlungsprogramm der DORSA Aufnahme finden, da er in das Raster „männlich, ledig, mit landwirtschaftlicher Erfahrung“ passte.  Wir wissen nur aus der Todesanzeige für seine Mutter, dass er in dem Siedlerort Sosúa  lebte, dort heiratete und 1945 zwei Kinder  hatte.

Wir wissen, dass das Leben der Siedler in Sosúa in der ersten Zeit extrem hart war. Sie mussten in der Einöde erst einmal ihre Unterkünfte bauen und versuchen, mit landwirtschaftlicher Tätigkeit zu überleben. Nach Kriegsende wanderten viele der Siedler in die USA aus. Heute leben noch etwa 40 Familien in Sosúa, die von den damaligen Einwanderern abstammen.

Leider verliert sich nach 1945 die Spur von Moritz Engländer sowie Siegfried Engländer und seiner Familie.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 16.11.2019)
Foto: – SS Serpa Pinto
http://radiofuzzi.blogspot.com/2014/11/lissabon-hafen-der-hoffnung.html
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich
http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I6203&nachname=ENGL%C3%A4NDER&modus=&lang=de
– Passagierliste Serpa Pinto ab Lissabon 17.11.1941
http://search.archives.jdc.org/multimedia/Documents/Names%20Databank/Serpa%20Pinto%20November%201941/Additional%20Links/Complete_November_1941.pdf– Zählkarte für ausgewanderte Personen (Moritz Engländer) https://digitalcollections.its-arolsen.org/01020401/name/pageview/709846/7246589
Literatur: – Juli Josefine Wellisch Miller de Moncada; Sosúa: Páginas contra el olvido. Colonia judía de extraordinarias historias
– Hans-Ulrich Dillmann | Susanne Hei, Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik. Erschienen: September 2009, Seitenzahl: 192, Abbildungen s/w: 73, Karten: 2ISBN: 978-3-86153-551-5
– Marion Kaplan, Zuflucht in der Karibik.Die jüdische Flüchtlingssiedlung in der Dominikanischen Republik. 1940-1945 -Wallstein Verlag, Göttingen 2010. ISBN 9783835305113

Gebunden, 283 Seiten, 24,90 EUR

Patenschaft: DIG-Ostfriesland
Verlegetermin: 16. November  2019

Minna Hartog geb. Jacobs

Veröffentlicht: 6. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Minna HARTOG geb. Jacobs
geboren am 7. Oktober 1854 in Börger Krs. Hümmling

Straße: Osterstraße 11
Todesdatum: 7. Januar 1937
Todesort: Sögel
Minna Hartog ist eine geborene Jacobs. Sie stammte nicht aus Aurich, sondern wurde in Börger, Kreis Hümmling, im Emsland geboren.

Ihre Eltern waren David JACOBS (*30.07.1821 in Sögel, +18.07.1893) und Rika FRANK (*15.05.1834 in Lathen, +18.07.1916 in Sögel). Minna war die Älteste von vier weiteren Schwestern und vier Brüdern. (Nachweisen konnte ich, dass zwei von ihnen in Theresienstadt umkamen.)

Am 28.11.1888 heiratete sie den Auricher Kaufmann Philipp Abraham Hartog (geb. 10.6.1840 bis 3. März 1927) und zog zu ihm nach Aurich. Zu der Zeit war sie 34 Jahre alt, ihr Ehemann schon 48. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass jüdische Familien aus Aurich in den Orten im Emsland ihre Ehepartner suchten.

Ihr Ehemann Philipp hatte ein Jahr zuvor dieses Haus in der Osterstraße gekauft und betrieb dort ein Geschäft für Herrenausstattung (Manschettenknöpfe, Hemden, Fliegen, Krawatten usw.) und Schuhwaren. Drei Jahre später kam ihr Sohn Adolf Philipp (5.04.1891) zur Welt. Er sollte das einzige Kind bleiben. Später übernahm der Sohn das Geschäft des Vaters.

Auch Adolf suchte und fand wie sein Vater die Ehefrau im Emsland, im Hümmling, in Sögel: am 04.12.1920 heiratete er dort Bertha JACOB(S).

1927 starb Berthas Ehemann im hohen Alter von 87 Jahren. Minna wurde mit 73 Jahren Witwe.

Das Verkaufsgeschäft war schon seit 1910 auf den Sohn überschrieben worden, der Grundbesitz, das Haus mit einem kleinen Garten jedoch gehörte weiterhin Minna Hartog. Doch das Geschäft der Hartogs geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Ob das den wirtschaftlichen Krisen der 20er Jahre geschuldet war und inwieweit dies durch die Repressionen des nationalsozialistischen Regimes verschärft wurde, lässt sich nur vermuten. Jedenfalls wurden 1928, 1930 und 1934 Hypotheken auf Haus und Grundstück aufgenommen.

Am 10. Juli 1936 verkaufte Minna das Grundstück und die Ladeneinrichtung an einen Auricher für 22.750 RM. Ausbezahlt wurden ihr direkt 1.000 RM. Da auf das Haus und das Geschäft Kredite aufgenommen worden waren, blieben nur noch gut 6.000 RM zusätzlich übrig. Vermutlich gab sie dieses Geld an ihren Sohn und dessen Familie weiter.

Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits erblindet, so dass der Privatier Salomons und Lotte Wertheim beim Verkauf assistierten.

Ihr Sohn und seine Familie verließen noch im August 1936 Aurich und zogen nach Wuppertal-Elberfeld. [Die Familie wurde am 7.5.1942 in Chelmno ermordet.] Entgegen den Behauptungen eines Zeugen ist Minna nicht mit ihnen gezogen. Sie war immerhin schon 73 Jahre alt. Stattdessen suchte sie Zuflucht in ihrer alten Heimat im Emsland und zog zurück nach Sögel  (Bahnhofstr. 140), wo noch ein Bruder von ihr lebte. Die Reichspogromnacht musste sie nicht mehr erleben und auch nicht die Verfolgung und Ermordung ihrer Familie.

Sie starb am 7. Januar 1937. Ein ruhiger Lebensabend war ihr nicht vergönnt gewesen.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 6.12.2019)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Holger Lemmermann: Die jüdische Bevölkerung von Sögel, Werlte und Lathen, in:
http://lemmermann-genealogie.de

– NLA AU Rep. 121 Nr. 851; Rep. 107 Nr. 2961; Dep. 34 C Nr. 1203/1

Literatur:  
Patenschaft: Abi-Jahrgang 1963 (Gymnasium Ulricianum Aurich)
Verlegetermin: 23. Oktober  2017

 

 

 

Siegfried Frank

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried FRANK
geboren am 4. Juni 1936 in Werlte

Straße: Wallstraße 12
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Izbica am 22. April 1942
Todesort: Izbica
Siegfried Frank wird am 4.06.1936 als Sohn von Edith geb. Wolffs und Paul Frank in Werlte geboren.

Sein Vater Paul Frank wird am 20.03.1907 in Werlte geboren. Er arbeitet als Landwirt.

Wo und wie er seine spätere Ehefrau Edith Wolffs aus Aurich (geb. 5.10.1909) kennengelernt hat, lässt sich nur vermuten. Edith ist die Tochter von Sarah Wolffs (geb. 20.10.1878) und dem Viehhändler und Schlachter Simon Cossmann Wolffs  (geb. 14.9.1877).

Beziehungen der Familie Frank aus Werlte nach Aurich muss es schon früh gegeben haben. Ein jüngerer Bruder von Paul – Karl Frank, geb. 1914 – ist als Auszubildender schon 1929 in Aurich, er wohnt in der Norder Straße. Und Kurt Frank, geb. 1923, wohnt 1938 bei seiner Großmutter Sarah in der Wallstraße 12 und geht in Aurich vermutlich zur Schule / kaufmännische Lehre.

Am 17.05.1935 heiraten Edith Wolffs und Paul Frank. Noch im selben Jahr zieht Edith zu ihrem Ehemann und dessen Familie ins Emsland. Ihr Sohn Siegfried kommt ein Jahr später in Werlte zur Welt. Paul wird nach den Pogromen im November 1938, wie die jüdischen Auricher Männer, in das KZ-Sachsenhausen gebracht, wo er bis zum 17. Dezember 1938 gefangen gehalten wird.

Spätestens am 28.6.1939 zieht die kleine Familie in Ediths Geburtsort Aurich zurück, in die Wallstraße 12. Die Eltern von Paul hatten zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen, zu fliehen und nach Kolumbien auszuwandern (das geschah am 18.07.1939, sie wurden  begleitet von ihrem anderen Sohn Erich, geb. 1906).

Vielleicht wollten sich Edith, Paul (und Siegfried) um Sarah Wolffs kümmern und sie nicht allein zurücklassen. Die Tochter Gelli hatte ja die Flucht nach England gewagt. Vielleicht reichte aber auch das Geld nicht, um zu emigrieren. Zusammen mit Sarah Wolffs müssen sie Aurich verlassen und nach Essen fliehen, kommen in einer Wohnung in der Schutzwehr 24 unter. Am 22. April 1942 werden Sarah, Edith, Paul und ihr sechsjähriger Sohn Siegfried von Düsseldorf aus in das Durchgangslager Izbica deportiert.  In den Akten heißt es: „Am Mittwoch dem 22.4.1942, 11.06 Uhr, hat Transportzug Nr. Da 52 den Abgangsbahnhof Düsseldorf-Derendorf in Richtung Izbica mit insgesamt 941 Juden verlassen.“ [LAV NRW R, Mikrofilm A 28/2].

Zur Deportation nach Izbica am 22. April 1942: Im Herbst 1941 verschleppten die Nationalsozialisten bei Deportationen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf die ersten Essener Juden nach Lodz und Minsk. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 fiel die Entscheidung, alle Juden im deutschen Herrschaftsbereich zu vertreiben und zu ermorden. Die Gestapo bereitete für April 1942 einen weiteren Transport „nach Osten“ vor. Bombenangriffe auf Essen in der Nacht vom 12. zum 13. April 1942 veranlassten die Gestapo, viele der so genannten Judenhäuser zu räumen und die jüdischen Bewohner sofort in die leer stehenden Baracken am Holbeckshof einzuweisen. Nach wenigen Tagen wurden sie zusammen mit insgesamt 350 Essener Juden von hier nach Izbica im heutigen Ostpolen mit der Reichsbahn deportiert. In den nächsten Monaten ermordete die SS alle Deportierten.

Ediths Schwester Gelli (Siegfrieds Tante) ist die einzige Überlebende der Familie. Sie hält sich von Mai bis August 1939 in Hannover auf. In dieser Zeit muss ihr Entschluss gefallen sein, nach England zu emigrieren. Schon am 22. August 1939 verlässt sie Aurich und heiratet noch im selben Jahr den Engländer William Henry Griffiths, einen „armen Telegraphenvorarbeiter“. Sie leben in Oswestry, einem kleinen Ort der Grafschaft Shropshire, in den West-Midlands in der Nähe zu Wales.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen:  
Literatur:  
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Edith „Eva“ Frank geb. Wolffs

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Edith „Eva“ FRANK geb. Wolffs
geboren am 5. Oktober 1909 in Aurich

Straße: Wallstraße 12
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Izbica am 22. April 1942
Todesort: Izbica
Edith Frank geb. Wolffs, geb 5.10.1909, ist die Tochter von Sarah Wolffs (geb. 20.10.1878) und dem Viehhändler und Schlachter Simon Cossmann Wolffs  (geb. 14.9.1877). Ihre Eltern heiraten 1907 in Aurich.

Die Wallstraße 12 gehört zu diesem Zeitpunkt noch Selig Wolff Wolffs, einem Bruder von Sarah. Nebenan, in der Wallstraße 14 wohnte übrigens Sarahs Bruder Abraham Wolff Wolffs (Malermeister), der letzte Synagogenvorsteher in Aurich (vertrieben aus Aurich 1940, Emden, September 1942 Chelmno).

Im Jahr 1908 wird Edith, die erste Tochter des Ehepaares, geboren und ein Jahr später ihre zweite Tochter Gelli. Sarahs Ehemann Simon Cossmann verstirbt am 16.03.1912  an „Herzschwäche“, er wird nur 34 Jahre alt. Sarah Wolffs zieht ihre beiden Töchter Edith und Gelli alleine groß. Spätestens 1920 überträgt ihr Bruder Selig Wolff Wolffs ihr das Haus. Sie betreibt ein kleines Geschäft als „Kleinhändlerin“ (Kurzwaren, Billigwaren). Im Erdgeschoss befindet sich der Ladenraum und eine Küche, im 1.Stock gibt es drei weitere Räume.

Sarahs Tochter Eva, genannt Edith,  geb. 5.10.1909, sucht sich auch außerhalb Aurichs Arbeit. Mit 18 Jahren geht sie im Sommer 1929 nach Oldenburg (Mai 1928 bis August 1929). Von August 1931 bis April 1932 arbeitet sie in Leuwarden in Holland (18.8.1931 bis 15.4.1932).

Wo und wie sie ihren späteren Ehemann Paul Frank, ein Landwirt und Arbeiter aus Werlte, kennengelernt hat, lässt sich nur vermuten. Beziehungen der Familie Frank aus Werlte nach Aurich muss es schon früh gegeben haben. Ein jüngerer Bruder von Paul – Karl Frank, geb. 1914 – ist als Auszubildender schon 1929 in Aurich, er wohnt in der Norder Straße. Und Kurt Frank, geb. 1923, wohnt 1938 bei seiner Großmutter Sarah in der Wallstraße 12 und geht in Aurich vermutlich zur Schule / kaufmännische Lehre.

Am 17.05.1935 heiraten Edith Wolffs und Paul Frank. Noch im selben Jahr zieht sie zu ihrem Ehemann und dessen Familie ins Emsland. Ihr Sohn Siegfried kommt am 4.06.1936 in Werlte zur Welt. Paul wird nach den Pogromen im November 1938, wie die jüdischen Auricher Männer, in das KZ-Sachsenhausen gebracht, wo er bis zum 17. Dezember 1938 gefangen gehalten wird.

Spätestens am 28.6.1939 zieht die kleine Familie in Ediths Geburtsort Aurich zurück, in die Wallstraße 12. Die Eltern von Paul hatten zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen, zu fliehen und nach Kolumbien auszuwandern (das geschah am 18.07.1939), sie wurden  begleitet von ihrem anderen Sohn Erich, geb. 1906).

Vielleicht wollten sich Edith, Paul (und Siegfried) um Sarah Wolffs kümmern und sie nicht allein zurücklassen. Die Tochter Gelli hatte ja die Flucht nach England gewagt. Vielleicht reichte aber auch das Geld nicht, um zu emigrieren. Zusammen mit Sarah Wolffs müssen sie nach Essen fliehen, kommen in einer Wohnung in der Schutzwehr 24 unter. Am 22. April 1942 werden Sarah, Edith, Paul und ihr sechsjähriger Sohn Siegfried von Düsseldorf aus in das Durchgangslager Izbica deportiert.  In den Akten heißt es: „Am Mittwoch dem 22.4.1942, 11.06 Uhr, hat Transportzug Nr. Da 52 den Abgangsbahnhof Düsseldorf-Derendorf in Richtung Izbica mit insgesamt 941 Juden verlassen.“ [LAV NRW R, Mikrofilm A 28/2].

Zur Deportation nach Izbica am 22. April 1942: Im Herbst 1941 verschleppten die Nationalsozialisten bei Deportationen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf die ersten Essener Juden nach Lodz und Minsk. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 fiel die Entscheidung, alle Juden im deutschen Herrschaftsbereich zu vertreiben und zu ermorden. Die Gestapo bereitete für April 1942 einen weiteren Transport „nach Osten“ vor. Bombenangriffe auf Essen in der Nacht vom 12. zum 13. April 1942 veranlassten die Gestapo, viele der so genannten Judenhäuser zu räumen und die jüdischen Bewohner sofort in die leer stehenden Baracken am Holbeckshof einzuweisen. Nach wenigen Tagen wurden sie zusammen mit insgesamt 350 Essener Juden von hier nach Izbica im heutigen Ostpolen mit der Reichsbahn deportiert. In den nächsten Monaten ermordete die SS alle Deportierten.

Ediths Schwester Gelli ist die einzige Überlebende der Familie. Sie hält sich von Mai bis August 1939 in Hannover auf. In dieser Zeit muss ihr Entschluss gefallen sein, nach England zu emigrieren. Schon am 22. August 1939 verlässt sie Aurich und heiratet noch im selben Jahr den Engländer William Henry Griffiths, einen „armen Telegraphenvorarbeiter“. Sie leben in Oswestry, einem kleinen Ort der Grafschaft Shropshire, in den West-Midlands in der Nähe zu Wales.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 5. Dezember 2015

 

 

 

Paul Frank

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Paul FRANK
geboren am 20. März 1907 in Werlte

Straße: Wallstraße 12
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Izbica am 22. April 1942
Todesort: Izbica
Paul Frank wird am 20.03.1907 in Werlte geboren. Er arbeitet als Landwirt.

Wo und wie er seine spätere Ehefrau Edith Wolffs aus Aurich (geb. 5.10.1909) kennengelernt hat, lässt sich nur vermuten. Edith ist die Tochter von Sarah Wolffs (geb. 20.10.1878) und dem Viehhändler und Schlachter Simon Cossmann Wolffs  (geb. 14.9.1877).
Beziehungen der Familie Frank aus Werlte nach Aurich muss es schon früh gegeben haben. Ein jüngerer Bruder von Paul – Karl Frank, geb. 1914 – ist als Auszubildender schon 1929 in Aurich, er wohnt in der Norder Straße. Und Kurt Frank, geb. 1923, wohnt 1938 bei seiner Großmutter Sarah in der Wallstraße 12 und geht in Aurich vermutlich zur Schule / kaufmännische Lehre.

Am 17.05.1935 heiraten Edith Wolffs und Paul Frank. Noch im selben Jahr zieht Edith zu ihrem Ehemann und dessen Familie ins Emsland. Ihr Sohn Siegfried kommt am 4.06.1936 in Werlte zur Welt. Paul wird nach den Pogromen im November 1938, wie die jüdischen Auricher Männer, in das KZ-Sachsenhausen gebracht, wo er bis zum 17. Dezember 1938 gefangen gehalten wird.
Spätestens am 28.06.1939 zieht die kleine Familie in Ediths Geburtsort Aurich zurück, in die Wallstraße 12. Die Eltern von Paul hatten zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen, zu fliehen und nach Kolumbien auszuwandern (das geschah am 18.07.1939, sie wurden  begleitet von ihrem anderen Sohn Erich, geb. 1906).

Vielleicht wollten sich Edith, Paul (und Siegfried) um Sarah Wolffs kümmern und sie nicht allein zurücklassen. Die Tochter Gelli hatte ja die Flucht nach England gewagt. Vielleicht reichte aber auch das Geld nicht, um zu emigrieren. Zusammen mit Sarah Wolffs müssen sie Aurich verlassen und nach Essen fliehen, kommen in einer Wohnung in der Schutzwehr 24 unter. Am 22. April 1942 werden Sarah, Edith, Paul und ihr sechsjähriger Sohn Siegfried von Düsseldorf aus in das Durchgangslager Izbica deportiert.  In den Akten heißt es: „Am Mittwoch dem 22.4.1942, 11.06 Uhr, hat Transportzug Nr. Da 52 den Abgangsbahnhof Düsseldorf-Derendorf in Richtung Izbica mit insgesamt 941 Juden verlassen.“ [LAV NRW R, Mikrofilm A 28/2].

Zur Deportation nach Izbica am 22. April 1942: Im Herbst 1941 verschleppten die Nationalsozialisten bei Deportationen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf die ersten Essener Juden nach Lodz und Minsk. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 fiel die Entscheidung, alle Juden im deutschen Herrschaftsbereich zu vertreiben und zu ermorden. Die Gestapo bereitete für April 1942 einen weiteren Transport „nach Osten“ vor. Bombenangriffe auf Essen in der Nacht vom 12. zum 13. April 1942 veranlassten die Gestapo, viele der so genannten Judenhäuser zu räumen und die jüdischen Bewohner sofort in die leer stehenden Baracken am Holbeckshof einzuweisen. Nach wenigen Tagen wurden sie zusammen mit insgesamt 350 Essener Juden von hier nach Izbica im heutigen Ostpolen mit der Reichsbahn deportiert. In den nächsten Monaten ermordete die SS alle Deportierten.

Ediths Schwester Gelli ist die einzige Überlebende der Familie. Sie hält sich von Mai bis August 1939 in Hannover auf. In dieser Zeit muss ihr Entschluss gefallen sein, nach England zu emigrieren. Schon am 22. August 1939 verlässt sie Aurich und heiratet noch im selben Jahr den Engländer William Henry Griffiths, einen „armen Telegraphenvorarbeiter“. Sie leben in Oswestry, einem kleinen Ort der Grafschaft Shropshire, in den West-Midlands in der Nähe zu Wales.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Gelli Wolffs verh. Griffiths

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Gelli  WOLFFS verh. Griffiths
geboren am 31. August 1908 in Aurich

Straße: Wallstraße 12
Todesdatum: Überlebt, Flucht nach England 22.August 1939
Todesort:  
Gelli Wolffs, geb. 31.08.1908, ist die Tochter von Sarah Wolffs (geb. 20.10.1878) und dem Viehhändler und Schlachter Simon Cossmann Wolffs  (geb. 14.9.1877). Ihre Eltern heiraten 1907 in Aurich.

Die Wallstraße 12 gehört zu diesem Zeitpunkt noch Selig Wolff Wolffs, einem Bruder von Sarah. Nebenan, in der Wallstraße 14 wohnte übrigens Sarahs Bruder Abraham Wolff Wolffs (Malermeister), der letzte Synagogenvorsteher in Aurich (vertrieben aus Aurich 1940, Emden, September 1942 Chelmno).

Im Jahr 1908 wird Edith, die erste Tochter des Ehepaares, geboren und ein Jahr später ihre zweite Tochter Gelli. Sarahs Ehemann Simon Cossmann verstirbt am 16.03.1912  an „Herzschwäche“, er wird nur 34 Jahre alt. Sarah Wolffs zieht ihre beiden Töchter Edith und Gelli alleine groß. Spätestens 1920 überträgt ihr Bruder Selig Wolff Wolffs ihr das Haus. Sie betreibt ein kleines Geschäft als „Kleinhändlerin“ (Kurzwaren, Billigwaren). Im Erdgeschoss befindet sich der Ladenraum und eine Küche, im 1.Stock gibt es drei weitere Räume.

Gelli wird ihrer Mutter vornehmlich im Geschäft und im Laden geholfen haben.
Von Mai bis August 1939 hält sie sich in Hannover auf. In dieser Zeit muss ihr Entschluss gefallen sein, nach England zu emigrieren. Schon am 22. August 1939 verlässt sie Aurich und heiratet noch im selben Jahr den Engländer William Henry Griffiths, einen „armen Telegraphenvorarbeiter“. Sie leben in Oswestry, einem kleinen Ort der Grafschaft Shropshire, in den West-Midlands in der Nähe zu Wales.

Ihre Mutter Sarah musste Ende Februar 1940 Aurich verlassen – ihre Schwester Edith, deren Mann Paul und deren Sohn Siegfried folgten ihr im März nach Essen. Gemeinsam wurden sie von dort ab Düsseldorf am 22. April 1942 nach Izbica (Lublin) deportiert. Dort verlieren sich ihre Spuren: Izbica war ein Durchgangslager für die Vernichtungslager in Sobibor und Belzec. Es ist davon auszugehen, dass sie ermordet wurden.

Gelli ist die einzige Überlebende dieser Familie, da sie 1939 nach England emigrieren konnte.

1946 stellt Gelli einen ersten Antrag auf Rückerstattung des enteigneten Vermögens. Obwohl sie in finanziell knappen Verhältnissen lebt, reist sie 1950 nach Aurich, um ihre Ansprüche auf das Haus und die Möbel und Waren, die während des Novemberpogroms 1938 entwendet wurden, geltend zu machen. Im Oktober 1950 zieht sie den Anspruch auf Rückerstattung der Gegenstände, wieder zurück, da sich deren Verbleib nicht mehr klären lässt. Was das Haus anbetrifft, so kommt es im November 1950 vor dem Landgericht Aurich zu einem Vergleich.

Das Haus in der Wallstraße 12 war „… aufgrund der 11. Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 durch Verfügung des Oberfinanzpräsidenten Düsseldorf vom 26.5.1942 entschädigungslos zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen worden.“

Im April 1942 war ihre Mutter und Eigentümerin Sarah Wolffs nach Izbica deportiert worden, damit befand sie sich im Ausland und das Deutsche Reich konnte aufgrund der Gesetzeslage im Mai 1942 ihr Haus einziehen. Noch 1942 kann ein  Auricher vom Oberpräsidenten Weser-Ems /Finanzamt Aurich das Haus in der Wallstraße 12 für 2.600 RM erwerben. Kein Wunder, dass er die Ansprüche der Gelli Griffith zunächst zurückweist.

Im November 1950 endlich wird ein Vergleich geschlossen. Gelli Griffith erhält 3.000 DM, dafür geht das Haus in das Eigentum des neuen Besitzers über. Den Betrag kann er über zwei Jahre hinweg abzahlen. Gelli richtet zu diesem Zweck ein Konto bei der Sparkasse Aurich-Norden ein. Sie kehrt nach England zurück und betritt nie wieder ihren Geburtsort.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen:  
Literatur:  
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 5. Dezember 2015

 

 

 

Sara Wolffs

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Sara WOLFFS geb. Wolffs
geboren am 20. Oktober 1878 in Aurich

Straße: Wallstraße 12
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Izbica am 22. April 1942
Todesort: Izbica

Sara Wolffs, geb. Wolffs – Foto der Kennkarte 1939 (NLA Aurich)

Sarah Wolffs (geb. 20.10.1878) ist die Tochter von Wolf Selig Wolffs und Eva Abraham Wolffs, geb. Wolffs. Sie heiratet 1907 den Viehhändler und Schlachter Simon Cossmann Wolffs (geb. 14.9.1877) in Aurich. Die Wallstraße 12 gehört zu diesem Zeitpunkt noch Selig Wolff Wolffs, einem Bruder von Sarah. Nebenan, in der Wallstraße 14 wohnte übrigens Sarahs Bruder Abraham Wolff Wolffs (Malermeister), der letzte Synagogenvorsteher in Aurich (vertrieben aus Aurich 1940, Emden, September 1942 Chelmno).

Im Jahr 1908 wird Edith, die erste Tochter des Ehepaares, geboren und ein Jahr später ihre zweite Tochter Gelli. Sarahs Ehemann Simon Cossmann verstirbt am 16.03.1912 an „Herzschwäche“, er wird nur 34 Jahre alt. Sarah Wolffs zieht ihre beiden Töchter Edith und Gelli alleine groß. Spätestens 1920 überträgt ihr Bruder Selig Wolff Wolffs ihr das Haus. Sie betreibt ein kleines Geschäft als „Kleinhändlerin“ (Kurzwaren, Billigwaren). Im Erdgeschoss befindet sich der Ladenraum und eine Küche, im 1.Stock gibt es drei weitere Räume.

Saras Tochter Gelli hält sich von Mai bis August 1939 in Hannover auf. In dieser Zeit muss ihr Entschluss gefallen sein, nach England zu emigrieren. Schon am 22. August 1939 verlässt sie Aurich und heiratet noch im selben Jahr den Engländer William Henry Griffiths, einen „armen Telegraphenvorarbeiter“. Sie leben in Oswestry, einem kleinen Ort der Grafschaft Shropshire, in den West-Midlands in der Nähe zu Wales.

Am 9./10.November 1938 (Novemberpogrom) bleiben auch das Geschäft und die Wohnräume von Sara nicht von den Plünderungen verschont. Ihre Tochter Gelli versucht in der Nachkriegszeit vergeblich eine Entschädigung zu erhalten. Sie gibt an, dass Waren im Wert von 4.000 RM und Möbel, Wäsche, Kleidung und Schmuck  im Wert von 8.000 RM  entwendet wurden. Ein Auricher Bürger sei mit einem kleinen Lastwagen vorgefahren und habe das Wohnhaus leergeräumt. Für dieses „nicht identifizierbares Vermögen“ (Rep. 251, 723), wie es später im Rückerstattungsverfahren heißt, wird Gelli keine Entschädigung erhalten.

Sarahs Tochter Eva, genannt Edith,  geb. 5.10.1909, sucht sich auch außerhalb Aurichs Arbeit. Mit 18 Jahren geht sie im Sommer 1929 nach Oldenburg (Mai 1928 bis August 1929). Von August 1931 bis April 1932 arbeitet sie in Leuwarden in Holland (18.8.1931 bis 15.4.1932).

Wo und wie sie ihren späteren Ehemann Paul Frank, ein Landwirt und Arbeiter, aus Werlte kennengelernt hat, lässt sich nur vermuten. Beziehungen der Familie Frank aus Werlte nach Aurich muss es schon früh gegeben haben. Ein jüngerer Bruder von Paul – Karl Frank, geb. 1914 – ist als Auszubildender schon 1929 in Aurich, er wohnt in der Norder Straße. Und Kurt Frank, geb. 1923, wohnt 1938 bei seiner Großmutter Sarah in der Wallstraße 12 und geht in Aurich vermutlich zur Schule /in die  kaufmännische Lehre.

Am 17.5.1935 heiraten Edith Wolffs und Paul Frank. Noch im selben Jahr zieht sie zu ihrem Ehemann und dessen Familie ins Emsland. Ihr Sohn Siegfried kommt am 4.06.1936 in Werlte zur Welt. Paul wird nach den Pogromen im November 1938, wie die jüdischen Auricher Männer, in das KZ-Sachsenhausen gebracht, wo er bis zum 17. Dezember 1938 gefangen gehalten wird.

Spätestens am 28.6.1939 zieht die kleine Familie in Ediths Geburtsort Aurich zurück, in die Wallstraße 12.
Die Familie Wolffs / Frank gehört zu den letzten jüdischen Bewohnern, die Aurich verlassen. Ostfriesland sollte bis zum 1. April 1940 zur „judenfreien“ Zone werden.

Am 18. Februar 1940 meldet sich Sara Wolffs (62 Jahre alt) nach Essen ab, wenige Tage später folgen ihre Tochter mit Ehemann und Kind. Sie finden Zuflucht in der Schutzwehr 24. Ein gutes Jahr später erfolgt ihre letzte Reise. In den Akten heißt es: „Am Mittwoch dem 22.4.1942, 11.06 Uhr, hat Transportzug Nr. Da 52 den Abgangsbahnhof Düsseldorf-Derendorf in Richtung Izbica mit insgesamt 941 Juden verlassen.“ [LAV NRW R, Mikrofilm A 28/2].

Zur Deportation nach Izbica am 22. April 1942: Im Herbst 1941 verschleppten die Nationalsozialisten bei Deportationen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf die ersten Essener Juden nach Lodz und Minsk. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 fiel die Entscheidung, alle Juden im deutschen Herrschaftsbereich zu vertreiben und zu ermorden. Die Gestapo bereitete für April 1942 einen weiteren Transport „nach Osten“ vor. Bombenangriffe auf Essen in der Nacht vom 12. zum 13. April 1942 veranlassten die Gestapo, viele der so genannten Judenhäuser zu räumen und die jüdischen Bewohner sofort in die leer stehenden Baracken am Holbeckshof einzuweisen. Nach wenigen Tagen wurden sie zusammen mit insgesamt 350 Essener Juden von hier nach Izbica im heutigen Ostpolen mit der Reichsbahn deportiert. In den nächsten Monaten ermordete die SS alle Deportierten.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 5. Dezember 2015

Erna van Dyk, geb. Wolff

Veröffentlicht: 4. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

erna-van-dyk-geb-wolffErna van DYK  geb. Wolff
geboren am 4. März 1893 in Altenkirchen

 

 

 

Straße: Burgstraße 21
Todesdatum: 18. Dezember 1944
Todesort: KZ Stutthof
Erna van Dyk kommt am 4. März 1893 als viertes von zehn Kindern von Moses Levy Wolff und dessen Frau Rosa Meyer, geb. Sternberg, zur Welt. Ihr Vater ist Kaufmann und ihre Mutter Rosa stammt ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie – das Textilwarengeschäft „Meyer Sternberg“ gehörte vor 1933 zu den bedeutendsten Kaufhäusern der Stadt Aurich. Erna heiratet 1920 in eine andere Kaufmannsfamilie ein: Sie ehelicht Karl van Dyk, dessen Familie in der Wilhelmstraße, heute Burgstraße, ebenfalls einen Textilwarenhandel betreibt.

Das Ehepaar lebt zunächst in der Kirchstraße 7 in Aurich. Am 9. Oktober 1921 wird Ernas ältester Sohn Abraham Alfred, der nach dem Vater ihre Mannes benannt ist, geboren. Rund eineinhalb Jahre später, am 24. Mai 1923, folgt der zweite Sohn, Meno Lothar, und schließlich kommt Tochter Margrit am 5. Mai 1929 zur Welt.

Die Familie ist streng gläubig und in der Gemeinde sehr angesehen. Ernas Mann Karl ist der Sohn des ersten Vorstehers der jüdischen Gemeinde und wie sein Vater in der Gemeinde sehr aktiv. Am 1. August 1930 zieht die kleine Familie in die Wohnung über dem Laden in der heutigen Burgstraße, nachdem Karl die Geschäfte von seinem Vater übernommen hatte. Finanziell geht es den van Dyks recht gut, wovon auch die zahlreichen Haushaltshilfen und Kindermädchen zeugen, die Erna unterstützen und die als „Untermieter“ auf der Einwohnermeldekarte der Familie eingetragen sind.

Diese Situation sollte sich mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten jedoch grundlegend ändern: Bereits im Frühjahr 1933 werden in Aurich Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte durchgeführt, unter denen auch der Betrieb der van Dyks leidet. Ab 1936 sind keine Haushaltshilfen mehr bei van Dyks beschäftigt – sicher nicht nur, weil es in Folge der Nürnberger Gesetze für jüdische Familien schwieriger wurde, Personal einzustellen. 1937 emigriert zunächst der Sohn Abraham Alfred in die Niederlande, doch auch Erna und Karl beschließen, ihre Heimatstadt Aurich zu verlassen. Karl gibt das Geschäft auf und verkauft das Haus in der Burgstraße 21 am 27. Mai 1938, am 20. Juni meldet sich die Familie nach Köln ab. Mathilde, die Mutter von Karl, die mit der Familie gemeinsam in der Burgstraße wohnt, begleitet ihren Sohn und dessen Familie. Die jüdische Gemeinde bedauert den Wegzug der van Dyks sehr und veranstaltet eine große Abschiedsfeier, über die auch in der Zeitung „Der Israelit“ berichtet wird.

In Köln ist die Familie zunächst kurz in der Roonstraße 54 gemeldet, fast direkt neben der Synagoge. Doch finden die van Dyks offensichtlich keine Wohnung, in der sie dauerhaft gemeinsam wohnen können: Während Erna schließlich in der Rochusstraße 108 Unterschlupf findet, leben ihr Mann und ihre Tochter Margrit in der Thieboldsgasse 93. Die Großmutter Mathilde  wiederum ist nacheinander unter zwei weiteren, anderen Adressen gemeldet. Meno Lothar, der Zweitgeborene, emigriert wie sein großer Bruder in die Niederlande. Von dort aus gelingt beiden Brüdern gemeinsam die Flucht von Rotterdam nach New York, wo sie am 17. April 1940 ankommen. Es muss für Erna eine große Erleichterung gewesen sein, zumindest ihre Söhne in Sicherheit zu wissen. Beide überleben den Holocaust und kämpfen im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der USA.

Erna, Karl und ihre elfjährige Tochter Margrit werden am 7. Dezember 1941 von Köln nach Riga deportiert: Dort war kurz zuvor durch Ermordung der dort zunächst internierten lettischen Juden „Platz geschaffen“ worden für die Juden aus Deutschland, die nun hierher verbracht werden. Erna und ihre Familie kommen mit dem ersten Transport aus Köln an. Ihr Gepäck, das sie zum Bahnhof in Köln hatten mitnehmen können, muss bei der Ankunft im Zug bleiben und wird eingezogen. Erna und die anderen Ankömmlinge betreten das Ghetto mit kaum mehr als dem, was sie am Leibe tragen. Obwohl die Lebensbedingungen in dem schnell völlig überbelegten Ghetto katastrophal sind – es mangelt vor allem an Lebensmitteln, Kleidung und Brennmaterialien und die hygienischen Zustände sind mehr als schlecht – ermöglicht es die Anlage des Ghettos zumindest, dass Erna, ihr Mann und ihre Tochter zusammen bleiben und als Familie zusammen leben können.

Ab Herbst 1943 beginnen die Deutschen, das Ghetto aufzulösen und die dort internierten Menschen in andere Lager zu deportieren oder direkt zu ermorden. Die letzten Verbliebenen, zu denen auch Erna und ihre Familie gehören, werden schließlich im August 1944 vor der anrückenden Roten Armee in das KZ Stutthof bei Danzig „evakuiert“. Während Erna und ihre Tochter in Stutthof bleiben, wird Karl bereits am 16. August weiter nach Buchenwald deportiert. Hier wird er vermutlich zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Im KZ Stutthof herrschen sogar noch schlimmere Lebensbedingungen als im Ghetto in Riga. Mehrfach brechen Typhus- und Fleckfieberepidemien aus, denen das geschwächte Immunsystem der unterernährten Lagerhäftlinge nichts entgegenzusetzen hat, zumal eine medizinische Behandlung der jüdischen Häftlinge überhaupt nicht stattfindet. Obwohl das Lager nicht als Vernichtungslager eingerichtet worden war, hatte man eine Genickschussanlage errichtet und ermordete gezielt Gefangene. Wie Erna und ihre Tochter sterben, bleibt im Dunkeln. Der 18. Dezember 1944 gilt als Todesdatum von Erna. Ihre Tochter Margrit überlebt sie nur um wenige Wochen.

Begleitet von zahlreichen interessierten Zuschauern beginnt Gunter Demnig mit der Verlegung der insgesamt sechs Stolpersteine.

Jugendliche der Kirchengemeinde Victorbur verlesen die Biographien der früheren Bewohner des Hauses Wilhelmstraße 21, jetzt Burgstraße 21.

Die Jugendlichen legten zur Erinnerung auch noch einen von ihnen wiederentdeckten Kleiderbügel der Firma A. van Dyk nieder.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 22.12.2014)
Foto von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei;  Rep. 251, Nr. 1660;  Rep. 251, Nr. 374; Rep. 251, Nr. 419; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 248, Nr. 947

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html, Zugriff vom  11.10.2013

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_personen.htm (Über die Verdienste des Gemeindevorstehers A. v. Dyk 1936;), Zugriff vom 6.12.2013

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_texte.htm (Rückgang der Gemeindemit-gliederzahlen), Zugriff vom 06.12.2013

http://www.online-ofb.de/famreport.php?          ofb=juden_nw&ID=I6229&nachname=WOLFF&lang=de

http://ostfriesland.deutsch-israelische-gesellschaft.de/von-ostfriesland-nach-louisiana

Gespräch mit dem ehemaligen Nachbarn der Familie van Dyk, Fritz Schüt, am 9.9.2013

Literatur: http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Riga

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/religioeses-leben-der-koelner-juden-im-ghetto-von-riga/

http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Stutthof

http://www.das-polen-magazin.de/gehalten-bis-zum-letzen-tag-das-kz-stutthof/

Patenschaft: Fritz-Werner Schüt
Verlegetermin: 14. Dezember  2013