Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Marga Samson verh. Vangeebergen

Veröffentlicht: 11. März 2010 von westermayer in Verlegung

Marga SAMSON
geboren am 14. September 1926 in Aurich

Straße: Breiter Weg 21
Todesdatum: Flucht nach Belgien, überlebt den Holocaust
Todesort:

Marga Samson, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Marga Samson wird als erstes Kind des Viehhändlers Iwan Samson und seiner Frau Hannchen geb. Wolff am 14. September 1926 in Aurich geboren. Ihr jüngerer Bruder Hans kommt am 7. November 1929 zur Welt. Während die Kinder den Holocaust in Belgien überleben (s. u.), weil es gelingt, sie mit Hilfe eines katholischen Priesters zu verstecken, werden die Eltern dort verraten, nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Margas Mutter, Hannchen Wolff, stammt aus einer Familie von Schlachtern und Viehhändlern. Ihre Eltern sind Wolff Jacob Wolff und Marianne, geb. Aschendorf, aus Norden. Hannchen wird am 12. März 1900 geboren, im Abstand von rund zwei Jahren kommen jeweils ihre jüngeren Brüder Jacob, Richard und Walter zur Welt. Richard und Walter sollte später die Flucht nach New York bzw. nach Argentinien gelingen.

Hannchen lernt Iwan Wolff kennen. Das junge Paar heiratet am 2. Mai 1926 und zieht eine Woche später in die erste gemeinsame Wohnung in der Esenser Straße 14.

Iwan Samson ist der Sohn des Viehhändlers Ruben Samson und dessen Frau Amalie, geb. Simon. Iwan wird am 11. Mai 1899 in Aurich geboren, er ist das erste Kind seiner Eltern. Rund eineinhalb Jahre später erblickt sein jüngerer Bruder Josef am 17. Dezember 1900 das Licht der Welt. Josef Samson arbeitet als Viehhändler. Er kann mit Frau und Tochter nach Frankreich fliehen, wird aber nach der deutschen Besetzung interniert und wie seine Frau in Auschwitz ermordet. Für seine Familie wurden  Stolpersteine in der Straße Am Neuen Hafen 2 verlegt.

Die Samsons sind eine seit langem in Ostfriesland eingesessene und angesehene Familie: Iwans Vater, sein Großvater und seine Onkel sind erfolgreiche Schlachter und Viehhändler. Den Großeltern gehört das große Gut Coldehörn in Sandhorst und sein Onkel „Benjamin“ Bendit Samson sitzt schließlich sogar in Aurich im Stadtparlament. Wie sein Vater und Großvater und auch sein Bruder ergreift Iwan den Beruf des „Schlachters und Viehhändlers“. Ursprünglich wohnten Iwan und seine Eltern in der Wilhelmsstraße 19 (heute Burgstraße), 1926 kommt es jedoch zu mehreren Umzügen: Während die Eltern von Iwan sich zunächst in diesem Haus im Breiten Weg niederlassen, zieht Iwan in die Esenser Straße 14. und gründet nämlich nun seinen eigenen Haushalt mit Hannchen.
Schon bald nach der Hochzeit kommt das erste Kind des jungen Ehepaares zur Welt: Am 14. September 1926 wird Tochter Marga geborgen und nur wenige Monate später wird Hannchen erneut schwanger: Am 30. Januar 1928 erblickt der älteste Sohn Walter das Licht der Welt. Leider stirbt Walter jedoch plötzlich im Alter von nur 9 Monaten, am 20. November 1928. Im Sterberegister der Stadt ist als Todesursache „Herzschlag“ angegeben – möglicherweise verstarb er am „plötzlichen Kindstod“. Für Hannchen und Iwan muss dies ein schlimmer Schlag gewesen sein, über den auch Hannchens erneute Schwangerschaft wohl kaum hinwegtrösten konnte. Am 7. November 1929, fast ein Jahr nach dem Tode Walters, kommt schließlich Hans Samson zur Welt.

Der jungen Familie geht es finanziell gut, Iwan arbeitet zunächst im erfolgreichen Betrieb seines Vaters und seiner Onkel mit und hat schließlich auch selbst ein Gewerbe angemeldet. Hannchen wird im Haushalt sogar noch bis 1938 von Hausmädchen unterstützt.

Am 1. Februar 1933 zieht die junge Familie um in das Haus im Breiten Weg 21. Die Gründe für den Umzug zu diesem Zeitpunkt sind unklar – möglicherweise geht es Amalie, Iwans Mutter, gesundheitlich nicht mehr so gut und Hannchen und Iwan möchten die Eltern stärker unterstützen. Amalie Samson verstirbt schließlich am 15. Oktober 1933 im Alter von gerade einmal 60 Jahren.

In den folgenden Jahren geht es der Familie wirtschaftlich immer schlechter, so dass sie das Haus im Breiten Weg 1937 schließlich verkaufen müssen. In der Folge ziehen Iwan, Hannchen und die Kinder am 1. Juli 1937 in die Von-Jhering-Straße 27 um. Ruben Samson zieht bei seinem Bruder Bendit ein, dem das Haus in der Zingelstraße 3 gehört.

In der Von-Jhering-Straße wohnen die Samsons jedoch nur knapp neun Monate, dann zieht die Familie um nach Süderneuland – dort leben die Eltern von Hannchen. Von dort aus wandern Iwan und Hannchen mit ihren beiden Kindern schließlich nach Belgien aus und lassen sich in Brüssel nieder. Als Belgien von den Deutschen besetzt wird, taucht die Familie unter. Es gelingt den Eltern, ihre beiden Kinder mit Hilfe eines katholischen Priesters erfolgreich zu verstecken. Iwan und Hannchen jedoch werden verraten und verhaftet. Am 4. April 1944 werden beide gemeinsam mit dem Transport Nr. 24 vom Sammellager Malines aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Auf den Transportlisten sind sie unter Nr. 276 und 277 aufgeführt. Dies ist das letzte Lebenszeichen von Iwan und Hannchen. Mit dem Transport verliert sich ihre Spur. Nach dem Krieg werden beide schließlich für tot erklärt. Iwan wurde 44 Jahre alt, seine Frau Hannchen 43.

Hans und Marga überleben Dank der Hilfe des Priesters. Nach Ende des Krieges planen beide, in die USA auszuwandern. Doch Marga kommt etwas Entscheidendes „dazwischen“: Sie verliebt sich in den Belgier Gerard Vangeebergen, den sie heiratet und mit dem sie einen Sohn bekommt: Ivan. Sie lebt bis heute in Brüssel, hat inzwischen einen Enkelsohn, Vincent. Leider geht es ihr gesundheitlich nicht gut.

Hans wandert tatsächlich in die USA aus. Er dient dort zwei Jahre in der US-Army und lässt sich in Edison, New York, als Kaufmann nieder. Während er in Belgien unter dem Namen „Jean“ gelebt hatte, nennt Hans sich nun „Henri H.“ (Hans) Samson. 1965 lernt er Esther Meworach kennen, die über Italien und die Schweiz schließlich in die USA geflohen war und die ebenfalls viele Familienmitglieder im Holocaust verloren hat. 1966 heiratet das Paar. Esther und Hans/Henri bekommen zwei Töchter, Annette und Shari, und haben drei Enkelkinder: Andrew, Randy und Alexa. Am 27. April 2006 stirbt Hans/Henri. Seine Frau lebt anschließend bis zu ihrem Tod am 21. März 2020 in Somerset/New Jersey, nahe bei ihren Töchtern.

Foto der Stolpersteinverlegung (Günther Lübbers)

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 9.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: geni.com (Genealogie Datenbank)
Literatur:
Patenschaft: Familie Beninga-Arndt
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Hannchen Samson geb. Wolff

Veröffentlicht: 11. März 2010 von westermayer in Verlegung

Hannchen SAMSON geb. Wolff
geboren am 12. März 1900 in Norden

Straße: Breiter Weg 21
Todesdatum: Deportation nach Auschwitz am 4. April 1944
Todesort: Auschwitz
Hannchen Wolff stammt aus einer Familie von Schlachtern und Viehhändlern. Ihre Eltern sind Wolff Jacob Wolff und Marianne, geb. Aschendorf, aus Norden. Hannchen wird am 12. März 1900 geboren, im Abstand von rund zwei Jahren kommen jeweils ihre jüngeren Brüder Jacob, Richard und Walter zur Welt. Richard und Walter sollte später die Flucht nach New York bzw. nach Argentinien gelingen.

Hannchen lernt Iwan Wolff kennen. Das junge Paar heiratet am 2. Mai 1926 und zieht eine Woche später in die erste gemeinsame Wohnung in der Esenser Straße 14.

Iwan Samson ist der Sohn des Viehhändlers Ruben Samson und dessen Frau Amalie, geb. Simon. Iwan wird am 11. Mai 1899 in Aurich geboren, er ist das erste Kind seiner Eltern. Rund eineinhalb Jahre später erblickt sein jüngerer Bruder Josef am 17. Dezember 1900 das Licht der Welt. Josef Samson arbeitet als Viehhändler. Er kann mit Frau und Tochter nach Frankreich fliehen, wird aber nach der deutschen Besetzung interniert und wie seine Frau in Auschwitz ermordet. Für seine Familie wurden Stolpersteine in der Straße Am Neuen Hafen 2 verlegt.

Die Samsons sind eine seit langem in Ostfriesland eingesessene und angesehene Familie: Iwans Vater, sein Großvater und seine Onkel sind erfolgreiche Schlachter und Viehhändler. Den Großeltern gehört das große Gut Coldehörn in Sandhorst und sein Onkel „Benjamin“ Bendit Samson sitzt schließlich sogar in Aurich im Stadtparlament. Wie sein Vater und Großvater und auch sein Bruder ergreift Iwan den Beruf des „Schlachters und Viehhändlers“. Ursprünglich wohnten Iwan und seine Eltern in der Wilhelmsstraße 19 (heute Burgstraße), 1926 kommt es jedoch zu mehreren Umzügen: Während die Eltern von Iwan sich zunächst in diesem Haus im Breiten Weg niederlassen, zieht Iwan in die Esenser Straße 14. und gründet nämlich nun seinen eigenen Haushalt mit Hannchen.
Schon bald nach der Hochzeit kommt das erste Kind des jungen Ehepaares zur Welt: Am 14. September 1926 wird Tochter Marga geborgen und nur wenige Monate später wird Hannchen erneut schwanger: Am 30. Januar 1928 erblickt der älteste Sohn Walter das Licht der Welt. Leider stirbt Walter jedoch plötzlich im Alter von nur 9 Monaten, am 20. November 1928. Im Sterberegister der Stadt ist als Todesursache „Herzschlag“ angegeben – möglicherweise verstarb er am „plötzlichen Kindstod“. Für Hannchen und Iwan muss dies ein schlimmer Schlag gewesen sein, über den auch Hannchens erneute Schwangerschaft wohl kaum hinwegtrösten konnte. Am 7. November 1929, fast ein Jahr nach dem Tode Walters, kommt schließlich Hans Samson zur Welt.

Der jungen Familie geht es finanziell gut, Iwan arbeitet zunächst im erfolgreichen Betrieb seines Vaters und seiner Onkel mit und hat schließlich auch selbst ein Gewerbe angemeldet. Hannchen wird im Haushalt sogar noch bis 1938 von Hausmädchen unterstützt.

Am 1. Februar 1933 zieht die junge Familie um in das Haus im Breiten Weg 21. Die Gründe für den Umzug zu diesem Zeitpunkt sind unklar – möglicherweise geht es Amalie, Iwans Mutter, gesundheitlich nicht mehr so gut und Hannchen und Iwan möchten die Eltern stärker unterstützen. Amalie Samson verstirbt schließlich am 15. Oktober 1933 im Alter von gerade einmal 60 Jahren.

In den folgenden Jahren geht es der Familie wirtschaftlich immer schlechter, so dass sie das Haus im Breiten Weg 1937 schließlich verkaufen müssen. In der Folge ziehen Iwan, Hannchen und die Kinder am 1. Juli 1937 in die Von-Jhering-Straße 27 um. Ruben Samson zieht bei seinem Bruder Bendit ein, dem das Haus in der Zingelstraße 3 gehört.

In der Von-Jhering-Straße wohnen die Samsons jedoch nur knapp neun Monate, dann zieht die Familie um nach Süderneuland – dort leben die Eltern von Hannchen. Von dort aus wandern Iwan und Hannchen mit ihren beiden Kindern schließlich nach Belgien aus und lassen sich in Brüssel nieder. Als Belgien von den Deutschen besetzt wird, taucht die Familie unter. Es gelingt den Eltern, ihre beiden Kinder mit Hilfe eines katholischen Priesters erfolgreich zu verstecken. Iwan und Hannchen jedoch werden verraten und verhaftet. Am 4. April 1944 werden beide gemeinsam mit dem Transport Nr. 24 vom Sammellager Malines aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Auf den Transportlisten sind sie unter Nr. 276 und 277 aufgeführt. Dies ist das letzte Lebenszeichen von Iwan und Hannchen. Mit dem Transport verliert sich ihre Spur. Nach dem Krieg werden beide schließlich für tot erklärt. Iwan wurde 44 Jahre alt, seine Frau Hannchen 43.

Hans und Marga überleben Dank der Hilfe des Priesters. Nach Ende des Krieges planen beide, in die USA auszuwandern. Doch Marga kommt etwas Entscheidendes „dazwischen“: Sie verliebt sich in den Belgier Gerard Vangeebergen, den sie heiratet und mit dem sie einen Sohn bekommt: Ivan. Sie lebt bis heute in Brüssel hat inzwischen einen Enkelsohn, Vincent. Leider geht es ihr gesundheitlich nicht gut.

Hans wandert tatsächlich in die USA aus. Er dient dort zwei Jahre in der US-Army und lässt sich in Edison, New York, als Kaufmann nieder. Während er in Belgien unter dem Namen „Jean“ gelebt hatte, nennt Hans sich nun „Henri H.“ (Hans) Samson. Er lernt Esther Meworach kennen, die über Italien und die Schweiz schließlich in die USA geflohen war und die ebenfalls viele Familienmitglieder im Holocaust verloren hat. 1956 heiratet das Paar. Esther und Hans/Henri bekommen zwei Töchter, Annette und Shari, und haben drei Enkelkinder: Andrew, Randy und Alexa. Am 27. April 2006 stirbt Hans/Henri. Seine Frau Ester lebt noch viele Jahre in Somerset/New Jersey, nahe bei ihren Töchtern. Sie stirbt am 21. März 2020.

Foto der Stolpersteinverlegung (Günther Lübbers)

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 9.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: NLA Aurich Rep. 34c, 186a und 143
Rep. 248, Nr. 943 / Rep. 249b, Nr. 2930 / Rep. 248, Nr. 947 / Rep. 127, Nr. Acc 2010/064 Nr. 1449 / Rep., 54 Nr. 195
Literatur:
Patenschaft: Dr. Sandra Weferling und Heiko Schlake
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Iwan Samson

Veröffentlicht: 11. März 2010 von westermayer in Verlegung

Iwan SAMSON
geboren am 11. MaI 1899 in Aurich

Straße: Breiter Weg 21
Todesdatum: Deportation nach Auschwitz am 4. April 1944
Todesort: Auschwitz

Iwan Samson 1939 Foto der Kennkarte, NLA Aurich

Iwan Samson ist der Sohn des Viehhändlers Ruben Samson und dessen Frau Amalie, geb. Simon. Iwan wird am 11. Mai 1899 in Aurich geboren, er ist das erste Kind seiner Eltern.
Rund eineinhalb Jahre später erblickt sein jüngerer Bruder Josef am 17. Dezember 1900 das Licht der Welt. Josef Samson arbeitet als Viehhändler. Er kann mit Frau und Tochter nach Frankreich fliehen, wird aber nach der deutschen Besetzung interniert und wie seine Frau in Auschwitz ermordet. ermordet. Für seine Familie wurden Stolpersteine in der Straße Am Neuen Hafen 2 verlegt.
Die Samsons sind eine seit langem in Ostfriesland eingesessene und angesehene Familie: Iwans Vater, sein Großvater und seine Onkel sind erfolgreiche Schlachter und Viehhändler. Den Großeltern gehört das große Gut Coldehörn in Sandhorst und sein Onkel „Benjamin“ Bendit Samson sitzt schließlich sogar in Aurich im Stadtparlament. Wie sein Vater und Großvater und auch sein Bruder ergreift Iwan den Beruf des „Schlachters und Viehhändlers“.
Ursprünglich wohnten Iwan und seine Eltern in der Wilhelmsstraße 19 (heute Burgstraße), 1926 kommt es jedoch zu mehreren Umzügen: Während die Eltern von Iwan sich zunächst in diesem Haus im Breiten Weg niederlassen, zieht Iwan in die Esenser Straße 14: Iwan gründet nämlich nun seinen eigenen Haushalt – Iwan hatte Hannchen Wolff aus Norden kennen gelernt und sich in sie verliebt. Am 2. Mai 1926 heiratet das junge Paar und zieht eine Woche später in die erste gemeinsame Wohnung. Hannchen Wolff stammt ebenfalls aus einer Familie von Schlachtern und Viehhändlern. Ihre Eltern sind Wolff Jacob Wolff und Marianne, geb. Aschendorf, aus Norden. Hannchen wird am 12. März 1900 geboren, im Abstand von rund zwei Jahren kommen jeweils ihre jüngeren Brüder Jacob, Richard und Walter zur Welt. Richard und Walter sollte später die Flucht nach New York bzw. nach Argentinien gelingen.
Schon bald nach der Hochzeit kommt das erste Kind des jungen Ehepaares zur Welt: Am 14. September 1926 wird Tochter Marga geborgen und nur wenige Monate später wird Hannchen erneut schwanger: Am 30. Januar 1928 erblickt der älteste Sohn Walter das Licht der Welt. Leider stirbt Walter jedoch plötzlich im Alter von nur 9 Monaten, am 20. November 1928. Im Sterberegister der Stadt ist als Todesursache „Herzschlag“ angegeben – möglicherweise verstarb er am „plötzlichen Kindstod“. Für Hannchen und Iwan muss dies ein schlimmer Schlag gewesen sein, über den auch Hannchens erneute Schwangerschaft wohl kaum hinwegtrösten konnte. Am 7. November 1929, fast ein Jahr nach dem Tode Walters, kommt schließlich Hans Samson zur Welt. Der jungen Familie geht es finanziell gut, Iwan arbeitet zunächst im erfolgreichen Betrieb seines Vaters und seiner Onkel mit und hat schließlich auch selbst ein Gewerbe angemeldet. Hannchen wird im Haushalt sogar noch bis 1938 von Hausmädchen unterstützt. Am 1. Februar 1933 zieht die junge Familie um in das Haus im Breiten Weg 21. Die Gründe für den Umzug zu diesem Zeitpunkt sind unklar – möglicherweise geht es Amalie, Iwans Mutter, gesundheitlich nicht mehr so gut und Hannchen und Iwan möchten die Eltern stärker unterstützen. Amalie Samson verstirbt schließlich am 15. Oktober 1933 im Alter von gerade einmal 60 Jahren.In den folgenden Jahren geht es der Familie wirtschaftlich immer schlechter, so dass sie das Haus im Breiten Weg 1937 schließlich verkaufen müssen. In der Folge ziehen Iwan, Hannchen und die Kinder am 1. Juli 1937 in die Von-Jhering-Straße 27 um. Ruben Samson zieht bei seinem Bruder Bendit ein, dem das Haus in der Zingelstraße 3 gehört.

In der Von-Jhering-Straße wohnen die Samsons jedoch nur knapp neun Monate, dann zieht die Familie um nach Süderneuland – dort leben die Eltern von Hannchen. Von dort aus wandern Iwan und Hannchen mit ihren beiden Kindern schließlich nach Belgien aus und lassen sich in Brüssel nieder. Als Belgien von den Deutschen besetzt wird, taucht die Familie unter. Es gelingt den Eltern, ihre beiden Kinder mit Hilfe eines katholischen Priesters erfolgreich zu verstecken. Iwan und Hannchen jedoch werden verraten und verhaftet. Am 4. April 1944 werden beide gemeinsam mit dem Transport Nr. 24 vom Sammellager Malines aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Auf den Transportlisten sind sie unter Nr. 276 und 277 aufgeführt. Dies ist das letzte Lebenszeichen von Iwan und Hannchen. Mit dem Transport verliert sich ihre Spur. Nach dem Krieg werden beide schließlich für tot erklärt. Iwan wurde 44 Jahre alt, seine Frau Hannchen 43.

Hans und Marga überleben Dank der Hilfe des Priesters. Nach Ende des Krieges planen beide, in die USA auszuwandern. Doch Marga kommt etwas Entscheidendes „dazwischen“: Sie verliebt sich in den Belgier Gerard Vangeebergen, den sie heiratet und mit dem sie einen Sohn bekommt: Ivan. Sie lebt bis heute in Brüssel und hat inzwischen einen Enkelsohn, Vincent. Leider geht es ihr gesundheitlich nicht gut.

Hans wandert tatsächlich in die USA aus. Er dient dort zwei Jahre in der US-Army und lässt sich in Edison, New York, als Kaufmann nieder. Während er in Belgien unter dem Namen „Jean“ gelebt hatte, nennt Hans sich nun „Henri H.“ (Hans) Samson. Er lernt Esther Meworach kennen, die über Italien und die Schweiz schließlich in die USA geflohen war und die ebenfalls viele Familienmitglieder im Holocaust verloren hat. 1956 heiratet das Paar. Esther und Hans/Henri bekommen zwei Töchter, Annette und Shari, und haben drei Enkelkinder: Andrew, Randy und Alexa. Am 27. April 2006 stirbt Hans/Henri. Seine Frau Ester lebt noch viele Jahre in Somerset/New Jersey, nahe bei ihren Töchtern. Sie stirbt am 21. März 2020.

Foto der Stolpersteinverlegung (Günther Lübbers)

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 9.03.2020)
Foto: Foto der Kennkarte 1939
Opfergruppe: Juden
Quellen: NLA Aurich Rep. 34c, 186a und 143Dep. 248, Nr. 943 / Dep. 249b, Nr. 2930 / Dep. 248, Nr. 947 / Dep. 127, Nr. Acc 2010/064 Nr. 1449 / Dep., 54 Nr. 195

Auskunft der Tochter Shari v. 9.05.2020

Literatur:
Patenschaft: Aktion 9. November 2014
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Erika Wolff

Veröffentlicht: 9. März 2010 von westermayer in Verlegung

Erika WOLFF
geboren am 22. August 1933 in Aurich

Straße: Marktstraße 25
Todesdatum: Deportation nach Izbica am 22.04.1942
Todesort: unbekannt
Erika Wollf wird am 22.08.1933 als drittes und jüngstes Kind des Kaufmanns Wilhelm Moses Wolff und seiner Frau Erna geb. Wallheimer in Aurich geboren.

Die kleine Familie wohnt in Aurich zunächst im Kirchdorferweg 20 und in der Norderstraße 18. Erikas ältere Schwester Rosa wird am 26.01.1926 geboren und nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt. Als die Familie weiteren Zuwachs erhält, steht ein Umzug in die Tannenbergstraße 7 an: Erikas Bruder Berndt Leopold wird am 24. Januar 1930 in Aurich geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel. Zeitgleich mit Erikas Geburt im August 1933 zieht die Familie in eine Wohnung in der Marktstraße 25 um, wo auch die Stolpersteine verlegt wurden.

Am 16.06.1939 muss die Familie erneut umziehen, sehr wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen: Ab dem 16. Juni 1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1. April 1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben.

Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19. Februar 1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich, unter anderem ihrem Cousin Horst und ihrer Cousine Vera Wallheimer, nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1. April 1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.

Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind.

Am 5. Mai 1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen.

Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.

Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21. April 1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Zunächst wurden alle Juden, die mit dem Transport DA 52 deportiert werden sollten, genauestens kontrolliert und durchsucht. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Auch Erna, Rosa, Berndt und Erika werden an Kleidung und Familienandenken soviel mitgenommen haben, so viel sie nur tragen konnten. Am 22. April 1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.

Die Ankunft in Izbica muss für alle ein Schock gewesen sein: Nicht nur, dass allen Deportierten bereits in Lublin das Gepäck abgenommen wurde und die Menschen nun im wahrsten Sinne des Wortes „mittellos“ dastehen – Izbica ist ein ärmliches Dorf, überwiegend aus Holzhäusern errichtet und weitgehend ohne gepflasterte Straßen. Ursprünglich hatte der Ort gerade einmal rund 3000 Einwohner, nun wurde er mit immer neuen sogenannten „Umsiedlern“ vollgestopft. Arbeit gab es zudem fast gar keine. Izbica war ein Ghetto, genauer gesagt ein „Transitghetto“: Hier lebten die Deportierten einige Wochen bis Monate, bevor sie in die Vernichtungslager weiter verbracht wurden. Die Bedingungen in dem völlig überbevölkerten Ort sind katastrophal: Teilweise wohnen bis zu 10 Familien in einem Haus, es gibt kaum Toiletten und kaum etwas zu essen: Wer beispielsweise nicht arbeitet – und das sind fast alle Einwohner – erhält 50 Gramm Brot am Tag und etwas Suppe. Täglich verhungern 20 bis 30 Menschen, zudem grassieren mehrfach Seuchen wie Typhus. Insgesamt werden rund 16 000 Menschen in das das Ghetto Izbica deportiert, von denen rund 5000 im Ghetto selbst durch Krankheit und Hunger den Tod finden oder dort erschossen werden. Die übrigen werden in die Vernichtungslager deportiert, vor allem Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28. April 1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.

Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.

Ausführliche Informationen zu den Eltern und zur Geschichte der Familie finden sich in den Biografien von Wilhelm Moses Wolff und Erna Wolff geb. Wallheimer.

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 7.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Judenregister Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarte, NLA Aurich
Zwangsversteigerung: Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Deportationsliste: http://statistik-des-holocaust.de/OT420422-50.jpgStammbaum: https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114 http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I5932&nachname=WOLFF&modus=&lang=en0

Wolff Erika

 

Literatur: http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: Dr. Sandra Weferling und Heiko Schlake
Verlegetermin: 5. Dezember  2020

 

 

 

Berndt Leopold Wolff

Veröffentlicht: 9. März 2010 von westermayer in Verlegung

Berndt Leopold WOLFF
geboren am 24. Januar 1930 in Aurich

Straße: Marktstraße 25
Todesdatum: Deportation nach Izbica am 22.04.1942
Todesort: unbekannt
Berndt Leopold Wolff wird am 24.01.1930 als zweites Kind des Kaufmanns Wilhelm Moses Wolff und seiner Frau Erna geb. Wallheimer in Aurich geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel.

Die kleine Familie wohnt in Aurich zunächst im Kirchdorferweg 20 und in der Norderstraße 18. Das erste Kind, Rosa wird am 26.01.1926 geboren und nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt. Als Berndt Leopold geboren wird, steht ein Umzug in die Tannenbergstraße 7 an. Drei Jahre später ist die Familie dann komplett: Am 22. August 1933 kommt das Nesthäkchen Erika in Aurich zu Welt. Zeitgleich zieht die Familie in eine Wohnung in der Marktstraße 25 um, wo auch die Stolpersteine verlegt wurden.

Am 16.06.1939 muss die Familie erneut umziehen, sehr wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen: Ab dem 16. Juni 1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1. April 1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben.

Als die Familien Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19. Februar 1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich, unter anderem ihrem Cousin Horst und ihrer Cousine Vera Wallheimer, nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1. April 1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.

Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind.

Am 5. Mai 1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen.

Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.

Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21. April 1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Zunächst wurden alle Juden, die mit dem Transport DA 52 deportiert werden sollten, genauestens kontrolliert und durchsucht. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Auch Erna, Rosa, Berndt und Erika werden an Kleidung und Familienandenken soviel mitgenommen haben, so viel sie nur tragen konnten. Am 22. April 1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.

Die Ankunft in Izbica muss für alle ein Schock gewesen sein: Nicht nur, dass allen Deportierten bereits in Lublin das Gepäck abgenommen wurde und die Menschen nun im wahrsten Sinne des Wortes „mittellos“ dastehen – Izbica ist ein ärmliches Dorf, überwiegend aus Holzhäusern errichtet und weitgehend ohne gepflasterte Straßen. Ursprünglich hatte der Ort gerade einmal rund 3000 Einwohner, nun wurde er mit immer neuen sogenannten „Umsiedlern“ vollgestopft. Arbeit gab es zudem fast gar keine. Izbica war ein Ghetto, genauer gesagt ein „Transitghetto“: Hier lebten die Deportierten einige Wochen bis Monate, bevor sie in die Vernichtungslager weiter verbracht wurden. Die Bedingungen in dem völlig überbevölkerten Ort sind katastrophal: Teilweise wohnen bis zu 10 Familien in einem Haus, es gibt kaum Toiletten und kaum etwas zu essen: Wer beispielsweise nicht arbeitet – und das sind fast alle Einwohner – erhält 50 Gramm Brot am Tag und etwas Suppe. Täglich verhungern 20 bis 30 Menschen, zudem grassieren mehrfach Seuchen wie Typhus. Insgesamt werden rund 16 000 Menschen in das das Ghetto Izbica deportiert, von denen rund 5000 im Ghetto selbst durch Krankheit und Hunger den Tod finden oder dort erschossen werden. Die übrigen werden in die Vernichtungslager deportiert, vor allem Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28. April 1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.

Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.

Ausführliche Informationen zu den Eltern und zur Geschichte der Familie finden sich in den Biografien von Wilhelm Moses Wolff und Erna Wolff geb. Wallheimer.

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 7.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Judenregister Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarte, NLA Aurich
Zwangsversteigerung: Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Deportationsliste: http://statistik-des-holocaust.de/OT420422-50.jpgStammbaum: https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114 http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I5932&nachname=WOLFF&modus=&lang=en0

https://spurenimvest.de/2020/12/04/wolff-bernard/

Literatur: http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: Gymnasium Ulricianum Aurich
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Rosa Wolff

Veröffentlicht: 9. März 2010 von westermayer in Verlegung

Rosa WOLFF
geboren am 29. Januar 1926 in Aurich

Straße: Marktstraße 25
Todesdatum: Deportation nach Izbica am 22.04.1942
Todesort: unbekannt
Rosa Wollf wird am 29.01.1926 als erstes Kind des Kaufmanns Wilhelm Moses Wolff und seiner Frau Erna geb. Wallheimer in Aurich geboren. Sie wird nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt.
Die kleine Familie wohnt in Aurich zunächst im Kirchdorferweg 20 und in der Norderstraße 18. Als die Familie weiteren Zuwachs erhält, steht ein Umzug in die Tannenbergstraße 7 an: Rosas kleiner Bruder Berndt Leopold wird am 24. Januar 1930  in Aurich geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel. Drei Jahre später ist die Familie dann komplett: Am 22. August 1933 kommt das Nesthäkchen Erika in Aurich zu Welt. Zeitgleich zieht die Familie in eine Wohnung in der Marktstraße 25 um, wo auch die Stolpersteine verlegt wurden.
Am 16.06.1939 muss die Familie erneut umziehen, sehr wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen: Ab dem 16. Juni 1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1. April 1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben.Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19. Februar 1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich, unter anderem ihrem Cousin Horst und ihrer Cousine Vera Wallheimer, nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1. April 1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.

Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind.
Am 5. Mai 1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen.

Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.

Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21. April 1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Zunächst wurden alle Juden, die mit dem Transport DA 52 deportiert werden sollten, genauestens kontrolliert und durchsucht. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Auch Erna, Rosa, Berndt und Erika werden an Kleidung und Familienandenken soviel mitgenommen haben, so viel sie nur tragen konnten. Am 22. April 1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.

Die Ankunft in Izbica muss für alle ein Schock gewesen sein: Nicht nur, dass allen Deportierten bereits in Lublin das Gepäck abgenommen wurde und die Menschen nun im wahrsten Sinne des Wortes „mittellos“ dastehen – Izbica ist ein ärmliches Dorf, überwiegend aus Holzhäusern errichtet und weitgehend ohne gepflasterte Straßen. Ursprünglich hatte der Ort gerade einmal rund 3000 Einwohner, nun wurde er mit immer neuen sogenannten „Umsiedlern“ vollgestopft. Arbeit gab es zudem fast gar keine. Izbica war ein Ghetto, genauer gesagt ein „Transitghetto“: Hier lebten die Deportierten einige Wochen bis Monate, bevor sie in die Vernichtungslager weiter verbracht wurden. Die Bedingungen in dem völlig überbevölkerten Ort sind katastrophal: Teilweise wohnen bis zu 10 Familien in einem Haus, es gibt kaum Toiletten und kaum etwas zu essen: Wer beispielsweise nicht arbeitet – und das sind fast alle Einwohner – erhält 50 Gramm Brot am Tag und etwas Suppe. Täglich verhungern 20 bis 30 Menschen, zudem grassieren mehrfach Seuchen wie Typhus. Insgesamt werden rund 16 000 Menschen in das das Ghetto Izbica deportiert, von denen rund 5000 im Ghetto selbst durch Krankheit und Hunger den Tod finden oder dort erschossen werden. Die übrigen werden in die Vernichtungslager deportiert, vor allem Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28. April 1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.

Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.

Ausführliche Informationen zu den Eltern und zur Geschichte der Familie finden sich in den Biografien von Wilhelm Moses Wolff und Erna Wolff geb. Wallheimer.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Judenregister Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarte, NLA Aurich
Zwangsversteigerung: Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Deportationsliste: http://statistik-des-holocaust.de/OT420422-50.jpgStammbaum: https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114 http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I5932&nachname=WOLFF&modus=&lang=en0
Literatur: http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: Gymnasium Ulricianum Aurich
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Erna Wolff geb. Wallheimer

Veröffentlicht: 9. März 2010 von westermayer in Verlegung

Erna WOLFF geb. Wallheimer
geboren am 24. März 1896 in Aurich

Straße: Marktstraße 25
Todesdatum: Deportation nach Izbica am 22.04.1942
Todesort: unbekannt

Erna Wolff geb. Wallheimer Foto der Kennkarte 1939 NLA Aurich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erna ist die Tochter des Schlachters Benjamin Baruch Levy Wallheimer und dessen Frau Eva, geborene Herzberg. Sie kommt am 23. März 1896 zur Welt, wächst in Aurich im Kreise einer großen und weit verzweigten Familie auf: Insgesamt hat Erna 17 Geschwister, von denen jedoch nur acht das Erwachsenenalter erreichen – die meisten ihrer Brüder und Schwestern versterben in den ersten drei Lebensjahren, oft sogar noch in den ersten Tagen nach der Geburt. Die überlebenden Brüder und Schwestern von Erna lassen sich ebenfalls zum Teil in Aurich nieder – ihr Bruder Wilhelm Benjamin beispielsweise lebt mit seiner Familie im „Breiten Weg 1“, beim heutigen Europahaus („Haus Wallheimer“), und arbeitet dort als Schlachter und Viehhändler.
Ernas Geschwister:
Betti Wallheimer verh. Wolffs *1877 +1942 KZ Kulmhof/Chelmno (Stolperstein)
Goldine Wallheimer verh. Samson *1879 +1944 Auschwitz (Stolperstein)
Levy Wallheimer *1881 +in Buenos Aires
Selma Wallheimer verh. Schanzer *26.05.1884 +1942 KZ Kulmhof/Chelmno (Stolperstein)
Fanni Wallheimer *1890 +1944 Stutthof (Stolperstein)
Rebecca Wallheimer verh. Hoffmann *1893 + 1942 KZ Kulmhof/Chelmno (Stolperstein)
Wilhelm Wallheimer *1897 + 1943 Auschwitz (Stolperstein)

1923 heiratet Erna den Kaufmann Wilhelm Moses Wolff. Wilhelm Moses Wolff wird am 20. Januar 1898 in Aurich geboren. Er ist der Sohn des Kaufmanns Moses Levy Wolff (21.04.1850 – 16.04.1916) und seiner Frau Rosa, geb. Sternberg (5.03.1860 – 7.07.1917), die ebenfalls aus einer Auricher Kaufmannsfamilie stammt. Wilhelm wächst mit seinen neun Geschwistern (sein jüngster Bruder verstarb kurz nach der Geburt) in Aurich auf und tritt schließlich in die Fußstapfen seines Vaters: Wilhelm wird Kaufmann und lässt sich in Aurich nieder, wie auch mehrere seiner Brüder. Wilhelms Schwestern heiraten zum Teil wiederum in andere Auricher Kaufmannsfamilien ein, wie z.B. Wilhelms Schwester Erna (*1893), die Karl van Dyk ehelicht, der ein Kaufhaus in der Burgstraße (damals Wilhelmstraße) betreibt.Bereits im Jahr nach der Hochzeit kommt das erste Kind von Erna und Wilhelm zur Welt: Ihr Sohn Meinhard Wilhelm wird am 14. April 1924 geboren, er verstirbt jedoch noch am Tag seiner Geburt. Angesichts dessen, dass Erna so viele Geschwister und nun auch schon das erste Kind verloren hat, muss es ihr bei ihrer nächsten Schwangerschaft im darauffolgenden Jahr recht mulmig gewesen sein. Doch dieses Mal geht alles gut: Am 29. Januar 1926 erblickt Töchterchen Rosa das Licht der Welt. Sie wird nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt. Die kleine Familie wohnt in Aurich zunächst im Kirchdorferweg 20 und in der Norderstraße 18. Als die Familie weiteren Zuwachs erhält, steht ein Umzug in die Tannenbergstraße 7 an: Rosas kleiner Bruder Berndt Leopold wird am 24. Januar 1930  in Aurich geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel. Drei Jahre später ist die Familie dann komplett: Am 22. August 1933 kommt das Nesthäkchen Erika in Aurich zu Welt. Zeitgleich zieht die Familie in eine Wohnung hier in der Marktstraße 25 um, wo nun auch die Stolpersteine verlegt werden.Auf den Geburtsurkunden der Kinder ist als Beruf des Vaters zunächst Kaufmann, bei Berndt und Erika dann „Reisender“ angegeben. Wilhelm war demnach wohl als fahrender Händler tätig und besaß keine Geschäftsniederlassung in der Stadt. Die Geschäfte sind vermutlich nicht herausragend gut gelaufen, denn nur bis 1926 waren Dienstmädchen im Haushalt beschäftigt, um Erna zu unterstützen. Der Aufstieg der Nationalsozialisten und die ersten Boykottaktionen ab Frühjahr 1933 werden ein übriges getan haben, um die finanzielle Situation der Familie zu erschweren. Rosa, Berndt und Erika wachsen in Aurich in der Zeit des Nationalsozialismus auf – die einzige, die sich in Ansätzen an eine Zeit „davor“ erinnern kann, ist Rosa: Sie ist bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler immerhin schon sieben Jahre alt. Wie die anderen jüdischen Kinder aus Aurich werden Rosa, Berndt und Erika unter Schikanen, Drohungen und Misshandlungen durch sogenannte „arische“ Erwachsene und auch Kinder gelitten haben: Otto Wolffs beispielsweise, der in der Lindenstraße wohnte, berichtet, dass er als Kind mehrfach beschimpft und angefeindet und von zwei Hitlerjungen sogar um ein Haar ertränkt wurde.Als besonders schlimm müssen die Kinder die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erlebt haben: In der Pogromnacht werden reichsweit die Synagogen in Brand gesetzt und auch das Auricher Gotteshaus wurde zerstört. Alle jüdischen Familien werden geweckt und aus den Häusern getrieben, die Männer werden verhaftet und zur sogenannten „Bullenhalle“ gebracht. Auch Wilhelm Wolff ist darunter. Wilhelm, Erna und die Kinder wissen nicht, was als nächstes geschehen wird und was ihrem Ehemann und Vater bevorsteht:

In der Bullenhalle werden die Männer von der SA bedroht und gedemütigt, unter anderem müssen sie unter allgemeinem Gejohle Gebete aufsagen, singen und Exerzierübungen machen, und das die ganz Nacht hindurch. Am nächsten Morgen wird Wilhelm Wolff gemeinsam mit den übrigen verhafteten zum Ellernfeld gebracht, wo gerade ein Sportplatz angelegt wird. Die Männer müssen hier den ganzen Tag lang unsinnige Arbeiten ausführen, wie Sand von der einen Seite des Platzes zur anderen zu bringen, wobei viele Todesangst haben, denn sie befürchten, im nächsten Moment vor einem der Sandhügel erschossen zu werden. Erst um 18 Uhr ist die Tortur vorbei und die Männer werden ins Auricher Gefängnis gebracht, wo sie die Nacht verbringen und nun zum ersten Mal etwas zu essen und zu trinken erhalten. Am nächsten Morgen wird Wilhelm mit den übrigen Auricher Juden zunächst nach Oldenburg und dann ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Wilhelm kann sich zuvor nicht einmal von seiner Familie verabschieden – er weiß bei der Abfahrt selbst auch weder, wohin er gebracht wird, noch, wie lange er fort bleiben würde. Für Erna und die Kinder, die gerade einmal 12, 8 und 6 Jahre alt sind, muss die Situation sehr schwierig gewesen sein: Erna ist nun allein mit den Kindern, das Schicksal ihres Mannes ist unklar und durch die Abwesenheit ihres Mannes ist auch das Familieneinkommen weggefallen, was die finanzielle Situation der Familie erschwert haben dürfte. Wilhelm ist zu diesem Zeitpunkt zwar bereits nicht mehr als Händler tätig, doch muss er eine Anstellung gehabt haben, denn er ist als „Arbeiter“ gemeldet.

In Sachsenhausen leben und arbeiten die angeblich „in Schutzhaft“ genommenen  Auricher Juden unter schlimmsten Bedingungen. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sehr schlecht, die Bedingungen im KZ sind katastrophal: Es wird in den Baracken kaum oder gar nicht geheizt, die hygienischen Bedingungen sind schlecht und die Strafen für kleinste Vergehen übermäßig hart. Viele der Verhafteten kehren schwer krank oder als gebrochene Männer bei ihrer Entlassung nach Aurich zurück. Wilhelm wird deutlich früher als die meisten Auricher entlassen, die vielfach bis Mitte Januar in Sachsenhausen interniert waren: Er kann bereits am 15. Dezember 1938 zu seiner Familie heimkehren. Der Grund für die frühe Entlassung ist unklar. Mehrere Auricher wurden noch im Dezember entlassen, weil sie sehr krank waren und zudem im Ersten Weltkrieg mitgekämpft hatten. Da Wilhelm bei Kriegsausbruch bereits 16 Jahre alt war, ist es denkbar, dass auch er zu den Kriegsveteranen gehörte, die früher nach Hause zurückkehren durften.

Rund ein halbes Jahr später muss die Familie erneut umziehen, sehr wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen: Ab dem 16. Juni 1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1. April 1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben. Der jüdischen Gemeinde wurde dies jedoch erst im Februar mitgeteilt, sodass in aller Hast der Umzug organisiert werden musste. Das Problem bestand dabei nicht nur darin, Häuser und ggf. auch Mobiliar schnell zu verkaufen, sondern insbesondere darin, eine neue Wohnung zu finden, denn es gab Gesetze, die das Vermieten von Wohnungen an Juden stark einschränkten.

Die jüdische Gemeinde hatte zusammen mit den jüdischen Gemeinden in Köln und Hildesheim daher eine Notlösung organisiert: Eltern mit kleinen Kindern konnten diese zunächst nach Köln oder Hildesheim in eiligst eingerichtete Kinderheime schicken, um leichter bei Verwandten „unterkriechen“ und von dort aus eine Wohnung für die ganze Familie finden zu können. Wilhelm und Erna nutzen ebenfalls diese Möglichkeit: Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19. Februar 1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich, unter anderem ihrem Cousin Horst und ihrer Cousine Vera Wallheimer, nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1. April 1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.

Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind.
Am 5. Mai 1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen.

Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.

Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21. April 1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Zunächst wurden alle Juden, die mit dem Transport DA 52 deportiert werden sollten, genauestens kontrolliert und durchsucht. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Auch Erna, Rosa, Berndt und Erika werden an Kleidung und Familienandenken soviel mitgenommen haben, so viel sie nur tragen konnten. Am 22. April 1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.

Die Ankunft in Izbica muss für alle ein Schock gewesen sein: Nicht nur, dass allen Deportierten bereits in Lublin das Gepäck abgenommen wurde und die Menschen nun im wahrsten Sinne des Wortes „mittellos“ dastehen – Izbica ist ein ärmliches Dorf, überwiegend aus Holzhäusern errichtet und weitgehend ohne gepflasterte Straßen. Ursprünglich hatte der Ort gerade einmal rund 3000 Einwohner, nun wurde er mit immer neuen sogenannten „Umsiedlern“ vollgestopft. Arbeit gab es zudem fast gar keine. Izbica war ein Ghetto, genauer gesagt ein „Transitghetto“: Hier lebten die Deportierten einige Wochen bis Monate, bevor sie in die Vernichtungslager weiter verbracht wurden. Die Bedingungen in dem völlig überbevölkerten Ort sind katastrophal: Teilweise wohnen bis zu 10 Familien in einem Haus, es gibt kaum Toiletten und kaum etwas zu essen: Wer beispielsweise nicht arbeitet – und das sind fast alle Einwohner – erhält 50 Gramm Brot am Tag und etwas Suppe. Täglich verhungern 20 bis 30 Menschen, zudem grassieren mehrfach Seuchen wie Typhus. Insgesamt werden rund 16 000 Menschen in das das Ghetto Izbica deportiert, von denen rund 5000 im Ghetto selbst durch Krankheit und Hunger den Tod finden oder dort erschossen werden. Die übrigen werden in die Vernichtungslager deportiert, vor allem Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28. April 1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.

Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 7.03.2020)
Foto: Kennkarte Erna Wolff, NLA Aurich
Opfergruppe: Juden
Quellen: Judenregister Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarte, NLA Aurich
Zwangsversteigerung: Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Deportationsliste: http://statistik-des-holocaust.de/OT420422-50.jpgStammbaum: https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114 http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I5932&nachname=WOLFF&modus=&lang=en0
Literatur: http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: AK Stolpersteine am RPZ Aurich
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Wilhelm Moses Wolff

Veröffentlicht: 9. März 2010 von westermayer in Verlegung

Wilhelm Moses WOLFF
geboren am 20. Januar 1898 in Aurich

Straße: Marktstraße 25
Todesdatum: 5. Mai 1940
Todesort: Berlin
Wilhelm Moses Wolff wird am 20. Januar 1898 in Aurich geboren. Er ist der Sohn des Kaufmanns Moses Levy Wolff (21.04.1850 – 16.04.1916) und seiner Frau Rosa, geb. Sternberg (5.03.1860 – 7.07.1917), die ebenfalls aus einer Auricher Kaufmannsfamilie stammt. Wilhelm wächst mit seinen neun Geschwistern (sein jüngster Bruder verstarb kurz nach der Geburt) in Aurich auf und tritt schließlich in die Fußstapfen seines Vaters: Wilhelm wird Kaufmann und lässt sich in Aurich nieder, wie auch mehrere seiner Brüder. Wilhelms Schwestern heiraten zum Teil wiederum in andere Auricher Kaufmannsfamilien ein, wie z.B. Wilhelms Schwester Erna (*1893), die Karl van Dyk ehelicht, der ein Kaufhaus in der Burgstraße (damals Wilhelmstraße) betreibt.
Die Geschwister von Wilhelm Moses Wolff:
Rosalie Moses Wolff verh. Wolff *2.05.1889 +12.09.1970 USA
Moritz Moses Wolff *14.03.1890 +8.05.1942 Lodz (Stolperstein)
Leopold Moses Wolff *1891 +1916 Feldlazarett
Erna Moses Wolff verh. van Dyk *4.03.1893 +18.12.1944 KZ Sutthof (Stolperstein)
Frieda Moses Wolff verh. Sternberg *24.07.1894 +1986 USA
Iwan Moses Wolff *1896 +1937
Richard Wolff *1899 +1899
Hilde Wolff verh. Glück *17.07.1902 Flucht USA1923 heiratet auch Wilhelm – jedoch keine Frau aus einer Kaufmannsfamilie: Wilhelm hat sich in Erna Wallheimer verliebt. Sie ist die Tochter des Schlachters Benjamin Baruch Levy Wallheimer und dessen Frau Eva, geborene Herzberg. Auch Erna, die am 23. März 1896 zur Welt kommt, wächst in Aurich im Kreise einer großen und weit verzweigten Familie auf: Insgesamt hat Erna 17 Geschwister, von denen jedoch nur acht das Erwachsenenalter erreichen – die meisten ihrer Brüder und Schwestern versterben in den ersten drei Lebensjahren, oft sogar noch in den ersten Tagen nach der Geburt. Die überlebenden Brüder und Schwestern von Erna lassen sich ebenfalls zum Teil in Aurich nieder – ihr Bruder Wilhelm Benjamin beispielsweise lebt mit seiner Familie im „Breiten Weg 1“, beim heutigen Europahaus („Haus Wallheimer“), und arbeitet dort als Schlachter und Viehhändler.Bereits im Jahr nach der Hochzeit kommt das erste Kind von Erna und Wilhelm zur Welt: Ihr Sohn Meinhard Wilhelm wird am 14. April 1924 geboren, er verstirbt jedoch noch am Tag seiner Geburt. Angesichts dessen, dass Erna so viele Geschwister und nun auch schon das erste Kind verloren hat, muss es ihr bei ihrer nächsten Schwangerschaft im darauffolgenden Jahr recht mulmig gewesen sein. Doch dieses Mal geht alles gut: Am 29. Januar 1926 erblickt Töchterchen Rosa das Licht der Welt. Sie wird nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt. Die kleine Familie wohnt in Aurich zunächst im Kirchdorferweg 20 und in der Norderstraße 18. Als die Familie weiteren Zuwachs erhält, steht ein Umzug in die Tannenbergstraße 7 an: Rosas kleiner Bruder Berndt Leopold wird am 24. Januar 1930  in Aurich geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel. Drei Jahre später ist die Familie dann komplett: Am 22. August 1933 kommt das Nesthäkchen Erika in Aurich zu Welt. Zeitgleich zieht die Familie in eine Wohnung hier in der Marktstraße 25 um, wo nun auch die Stolpersteine verlegt werden.

Auf den Geburtsurkunden der Kinder ist als Beruf des Vaters zunächst Kaufmann, bei Berndt und Erika dann „Reisender“ angegeben. Wilhelm war demnach wohl als fahrender Händler tätig und besaß keine Geschäftsniederlassung in der Stadt. Die Geschäfte sind vermutlich nicht herausragend gut gelaufen, denn nur bis 1926 waren Dienstmädchen im Haushalt beschäftigt, um Erna zu unterstützen. Der Aufstieg der Nationalsozialisten und die ersten Boykottaktionen ab Frühjahr 1933 werden ein übriges getan haben, um die finanzielle Situation der Familie zu erschweren. Rosa, Berndt und Erika wachsen in Aurich in der Zeit des Nationalsozialismus auf – die einzige, die sich in Ansätzen an eine Zeit „davor“ erinnern kann, ist Rosa: Sie ist bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler immerhin schon sieben Jahre alt. Wie die anderen jüdischen Kinder aus Aurich werden Rosa, Berndt und Erika unter Schikanen, Drohungen und Misshandlungen durch sogenannte „arische“ Erwachsene und auch Kinder gelitten haben: Otto Wolffs beispielsweise, der in der Lindenstraße wohnte, berichtet, dass er als Kind mehrfach beschimpft und angefeindet und von zwei Hitlerjungen sogar um ein Haar ertränkt wurde.

Als besonders schlimm müssen die Kinder die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erlebt haben: In der Pogromnacht werden reichsweit die Synagogen in Brand gesetzt und auch das Auricher Gotteshaus wurde zerstört. Alle jüdischen Familien werden geweckt und aus den Häusern getrieben, die Männer werden verhaftet und zur sogenannten „Bullenhalle“ gebracht. Auch Wilhelm Wolff ist darunter. Wilhelm, Erna und die Kinder wissen nicht, was als nächstes geschehen wird und was ihrem Ehemann und Vater bevorsteht:

In der Bullenhalle werden die Männer von der SA bedroht und gedemütigt, unter anderem müssen sie unter allgemeinem Gejohle Gebete aufsagen, singen und Exerzierübungen machen, und das die ganz Nacht hindurch. Am nächsten Morgen wird Wilhelm Wolff gemeinsam mit den übrigen verhafteten zum Ellernfeld gebracht, wo gerade ein Sportplatz angelegt wird. Die Männer müssen hier den ganzen Tag lang unsinnige Arbeiten ausführen, wie Sand von der einen Seite des Platzes zur anderen zu bringen, wobei viele Todesangst haben, denn sie befürchten, im nächsten Moment vor einem der Sandhügel erschossen zu werden. Erst um 18 Uhr ist die Tortur vorbei und die Männer werden ins Auricher Gefängnis gebracht, wo sie die Nacht verbringen und nun zum ersten Mal etwas zu essen und zu trinken erhalten. Am nächsten Morgen wird Wilhelm mit den übrigen Auricher Juden zunächst nach Oldenburg und dann ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Wilhelm kann sich zuvor nicht einmal von seiner Familie verabschieden – er weiß bei der Abfahrt selbst auch weder, wohin er gebracht wird, noch, wie lange er fort bleiben würde. Für Erna und die Kinder, die gerade einmal 12, 8 und 6 Jahre alt sind, muss die Situation sehr schwierig gewesen sein: Erna ist nun allein mit den Kindern, das Schicksal ihres Mannes ist unklar und durch die Abwesenheit ihres Mannes ist auch das Familieneinkommen weggefallen, was die finanzielle Situation der Familie erschwert haben dürfte. Wilhelm ist zu diesem Zeitpunkt zwar bereits nicht mehr als Händler tätig, doch muss er eine Anstellung gehabt haben, denn er ist als „Arbeiter“ gemeldet.

In Sachsenhausen leben und arbeiten die angeblich „in Schutzhaft“ genommenen  Auricher Juden unter schlimmsten Bedingungen. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sehr schlecht, die Bedingungen im KZ sind katastrophal: Es wird in den Baracken kaum oder gar nicht geheizt, die hygienischen Bedingungen sind schlecht und die Strafen für kleinste Vergehen übermäßig hart. Viele der Verhafteten kehren schwer krank oder als gebrochene Männer bei ihrer Entlassung nach Aurich zurück. Wilhelm wird deutlich früher als die meisten Auricher entlassen, die vielfach bis Mitte Januar in Sachsenhausen interniert waren: Er kann bereits am 15. Dezember 1938 zu seiner Familie heimkehren. Der Grund für die frühe Entlassung ist unklar. Mehrere Auricher wurden noch im Dezember entlassen, weil sie sehr krank waren und zudem im Ersten Weltkrieg mitgekämpft hatten. Da Wilhelm bei Kriegsausbruch bereits 16 Jahre alt war, ist es denkbar, dass auch er zu den Kriegsveteranen gehörte, die früher nach Hause zurückkehren durften.

Rund ein halbes Jahr später muss die Familie erneut umziehen, sehr wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen: Ab dem 16. Juni 1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1. April 1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben. Der jüdischen Gemeinde wurde dies jedoch erst im Februar mitgeteilt, sodass in aller Hast der Umzug organisiert werden musste. Das Problem bestand dabei nicht nur darin, Häuser und ggf. auch Mobiliar schnell zu verkaufen, sondern insbesondere darin, eine neue Wohnung zu finden, denn es gab Gesetze, die das Vermieten von Wohnungen an Juden stark einschränkten.

Die jüdische Gemeinde hatte zusammen mit den jüdischen Gemeinden in Köln und Hildesheim daher eine Notlösung organisiert: Eltern mit kleinen Kindern konnten diese zunächst nach Köln oder Hildesheim in eiligst eingerichtete Kinderheime schicken, um leichter bei Verwandten „unterkriechen“ und von dort aus eine Wohnung für die ganze Familie finden zu können. Wilhelm und Erna nutzen ebenfalls diese Möglichkeit: Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19. Februar 1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich, unter anderem ihrem Cousin Horst und ihrer Cousine Vera Wallheimer, nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1. April 1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.

Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind.
Am 5. Mai 1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen.

Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.

Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21. April 1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Zunächst wurden alle Juden, die mit dem Transport DA 52 deportiert werden sollten, genauestens kontrolliert und durchsucht. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Auch Erna, Rosa, Berndt und Erika werden an Kleidung und Familienandenken soviel mitgenommen haben, so viel sie nur tragen konnten. Am 22. April 1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.

Die Ankunft in Izbica muss für alle ein Schock gewesen sein: Nicht nur, dass allen Deportierten bereits in Lublin das Gepäck abgenommen wurde und die Menschen nun im wahrsten Sinne des Wortes „mittellos“ dastehen – Izbica ist ein ärmliches Dorf, überwiegend aus Holzhäusern errichtet und weitgehend ohne gepflasterte Straßen. Ursprünglich hatte der Ort gerade einmal rund 3000 Einwohner, nun wurde er mit immer neuen sogenannten „Umsiedlern“ vollgestopft. Arbeit gab es zudem fast gar keine. Izbica war ein Ghetto, genauer gesagt ein „Transitghetto“: Hier lebten die Deportierten einige Wochen bis Monate, bevor sie in die Vernichtungslager weiter verbracht wurden. Die Bedingungen in dem völlig überbevölkerten Ort sind katastrophal: Teilweise wohnen bis zu 10 Familien in einem Haus, es gibt kaum Toiletten und kaum etwas zu essen: Wer beispielsweise nicht arbeitet – und das sind fast alle Einwohner – erhält 50 Gramm Brot am Tag und etwas Suppe. Täglich verhungern 20 bis 30 Menschen, zudem grassieren mehrfach Seuchen wie Typhus. Insgesamt werden rund 16 000 Menschen in das das Ghetto Izbica deportiert, von denen rund 5000 im Ghetto selbst durch Krankheit und Hunger den Tod finden oder dort erschossen werden. Die übrigen werden in die Vernichtungslager deportiert, vor allem Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28. April 1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.

Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 7.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Judenregister Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarte, NLA Aurich
Zwangsversteigerung: Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Deportationsliste: http://statistik-des-holocaust.de/OT420422-50.jpgStammbaum: https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114 http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I5932&nachname=WOLFF&modus=&lang=en0
Literatur: http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: Kollekte 27.01.2015
Verlegetermin: 5. Dezember  2015

 

 

 

Paul Rosenthal

Veröffentlicht: 8. März 2010 von westermayer in Verlegung

Paul ROSENTHAL
geboren am 26. Mai 1889 in Altona

Straße: Rudolf-Eucken-Allee 4
Todesdatum: 1. Januar 1944
Todesort: Theresienstadt
Paul Rosenthal wird am 26. Mai 1889 in Altona bei Hamburg geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren zieht Paul nach Aurich, möglicherweise macht er hier eine Ausbildung zum Kaufmann, es ist jedoch unklar, in welchem Betrieb. In Aurich lernt er seine spätere Frau Elisabeth Kirchner aus Oberellenbach kennen, die im Piqueurhof als „Servierfräulein“ arbeitet.

Paul und Elisabeth heiraten am 5. September 1925. Das Paar ist für damalige Verhältnisse schon eher „älter“ – Paul ist 36, Elisabeth 29 Jahre alt. Die beiden wohnen zunächst in der Hafenstraße 14, am 10. Juni 1926 ziehen sie in die Norderstraße 24. Ein halbes Jahr darauf, im Dezember 1926, konvertiert Elisabeth dann zum Judentum – sie war ursprünglich evangelisch-lutherisch. Im Oktober 1927 schließlich ziehen Paul und Elisabeth in das Haus in der Rudolf-Eucken-Allee 4 um. Hier sollten sie bis zum März 1939 leben, als sicherlich wirtschaftliche Schwierigkeiten beide zwingen, in die Julianenburger Straße Nr. 3 umzuziehen.

Als die Auricher Judengemeinde im Februar 1940 die Nachricht erhält, dass alle jüdischen Einwohner Ostfriesland bis zum 1. April 1940 zu verlassen haben, meldet sich zunächst Paul alleine ab, um  für sich und seine Frau eine neue Bleibe zu finden. Paul zieht nach Hamburg, wo er eine Wohnung in der Papagoyenstraße 1 findet. Am 4. März verlässt auch Elisabeth Aurich für immer und meldet sich nach Hamburg zu ihrem Mann ab.

Später zieht das Paar nach Berlin um, wo es in der Rosenthaler Straße 65 eine Unterkunft findet. Von hier wird Paul schließlich im Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert, Elisabeth bleibt allein in Berlin zurück: Obwohl Elisabeth zum Judentum konvertiert war, wurde sie nicht gemeinsam mit ihrem Mann deportiert. Elisabeth wurde als „Geltungsjüdin“ betrachtet und wurde daher zunächst von der Deportation ausgenommen. Zu einer Deportation von Elisabeth sollte es jedoch auch später nicht mehr kommen: Am 1. Januar 1944 wird Paul in Theresienstadt ermordet, genau sechs Monate später, am 1. Juli, nimmt Elisabeth sich das Leben. Sie wurde 48 Jahre alt, ihr Mann Paul 55.

Erschreckend bei der Recherche war, dass über Paul Rosenthal kaum Informationen zu finden waren – er und seine Frau hatten keine Kinder und keinen bedeutenden Besitz, so dass keine Unterlagen und Akten entstanden. Paul war bis zu dieser Recherche nicht einmal als Opfer des Nationalsozialismus im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt. Die Stolpersteinverlegung trägt damit in ganz besonderer Weise dazu bei, dass auch Paul Rosenthal nicht vergessen wird.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 2.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

XXXX Akten Arolsen

Literatur: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt

https://de.wikipedia.org/wiki/Geltungsjude

Patenschaft: Sandra Weferling und Heiko Schlake
Verlegetermin: 3. Juli  2015

Elisabeth Rosenthal geb. Kirchner

Veröffentlicht: 8. März 2010 von westermayer in Verlegung

Elisabeth ROSENTHAL geb. Kirchner
geboren am 1. Dezember 1896 in Oberellenbach, Krs. Hersfeld-Rotenburg

Straße: Rudolf-Eucken-Allee 4
Todesdatum: 1. Juli 1944
Todesort: Berlin
Elisabeth Kirchner wird am 1. Dezember 1896 in Oberellenbach geboren. Sie ist das Kind des Weisbinders (alte Bezeichnung für Maler) Christian Kirchner und seiner Ehefrau Elise Kirchner geb. Lier (Geburtsurkunde s. u.). Elisabeth zieht am 15.02.1922 von Gelsenkirchen (Bochumerstraße 105)  nach Aurich und arbeitet dort im Piqueurhof als „Servierfräulein“. Sie wohnt in der Bahnhofstraße 1, also im Hotel.

In Aurich lernt sie ihren späteren Mann Paul Rosenthal kennen. Paul Rosenthal wird am 26. Mai 1889 in Altona bei Hamburg geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren zieht Paul nach Aurich, möglicherweise macht er hier eine Ausbildung zum Kaufmann, es ist jedoch unklar, in welchem Betrieb.
Paul und Elisabeth heiraten am 5. September 1925. Das Paar ist für damalige Verhältnisse schon eher „älter“ – Paul ist 36, Elisabeth 29 Jahre alt. Die beiden wohnen zunächst in der Hafenstraße 14, am 10. Juni 1926 ziehen sie in die Norderstraße 24. Ein halbes Jahr darauf, im Dezember 1926, konvertiert Elisabeth dann zum Judentum – sie war ursprünglich evangelisch-lutherisch. Im Oktober 1927 schließlich ziehen Paul und Elisabeth in das Haus in der Rudolf-Eucken-Allee 4 um. Hier sollten sie bis zum März 1939 leben, als sicherlich wirtschaftliche Schwierigkeiten beide zwingen, in die Julianenburger Straße Nr. 3 umzuziehen.

Als die Auricher Judengemeinde im Februar 1940 die Nachricht erhält, dass alle jüdischen Einwohner Ostfriesland bis zum 1. April 1940 zu verlassen haben, meldet sich zunächst Paul alleine ab, um  für sich und seine Frau eine neue Bleibe zu finden. Paul zieht nach Hamburg, wo er eine Wohnung in der Papagoyenstraße 1 findet. Am 4. März verlässt auch Elisabeth Aurich für immer und meldet sich nach Hamburg zu ihrem Mann ab.

Später zieht das Paar nach Berlin um, wo es in der Rosenthaler Straße 65 eine Unterkunft findet. Von hier wird Paul schließlich im Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert, Elisabeth bleibt allein in Berlin zurück: Obwohl Elisabeth zum Judentum konvertiert war, wurde sie nicht gemeinsam mit ihrem Mann deportiert. Elisabeth wurde als „Geltungsjüdin“ betrachtet und daher zunächst von der Deportation ausgenommen. Zu einer Deportation von Elisabeth sollte es jedoch auch später nicht mehr kommen: Am 1. Januar 1944 wird Paul in Theresienstadt ermordet, genau sechs Monate später, am 1. Juli 1944, nimmt Elisabeth sich das Leben. Sie wurde 48 Jahre alt, ihr Mann Paul 55.

Erschreckend bei der Recherche war, dass über Paul und Elisabeth Rosenthal kaum Informationen zu finden waren – er und seine Frau hatten keine Kinder und keinen bedeutenden Besitz, so dass keine Unterlagen und Akten entstanden. Paul war bis zu dieser Recherche nicht einmal als Opfer des Nationalsozialismus im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt. Die Stolpersteinverlegung trägt damit in ganz besonderer Weise dazu bei, dass auch Paul Rosenthal nicht vergessen wird.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 2.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Geburtsurkunde: http://dfg-viewer.de/show/cache.off?tx_dlf%5Bpage%5D=40&tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fdigitalisate-he.arcinsys.de%2Fhstam%2F907%2F3974.xml&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=12e5db8a492fc8b42c97cdcc9178db6c

Literatur: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt

https://de.wikipedia.org/wiki/Geltungsjude

Patenschaft: Axel Gärtner
Verlegetermin: 3. Juli  2015