Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Hildegard Frenkel geb. Wolff

Veröffentlicht: 17. April 2010 von westermayer in Verlegung

Hildegard Wolff - SteinHildegard FRENKEL, geb. Wolff
geboren am 8. August 1922 in Aurich

 

 

 

Straße: Leerer Landstraße 18
Todesdatum: 11. Juli 1978
Todesort: Jerusalem
Hildegard Wolff ist das zweite Kind von Karoline (*1897) und Martin Wolff (1894-1942). Sie wird am 8. August  1922 in Aurich geboren. Ihr Vater arbeitet als Schlachter und Viehhändler im Betrieb seines Vaters Wolff Abraham Wolff (1858-1926) und führt nach dessen Tod den Betrieb weiter.

Hildegard wächst mit ihren Geschwistern Roesel, Hannelore, Wolfgang und Selly in der Leerer Landstraße 18 auf und geht später wie ihre ältere Schwester Roesel als Haustochter nach Fulda.
Im Jahr 1940 gelingt Hildegard über Jugoslawien die Flucht nach  Palästina. Hier wird sie zunächst wie viele jüdische Flüchtlinge als illegale Einwanderin von den Engländern interniert.
Nach ihrer Freilassung heiratet sie Max Frenkel (1913-1983), einen deutschen Juden aus Frankfurt am Main, und lässt sich mit ihrer Familie in Jerusalem nieder. Hildegard und Max haben drei Jungen.  Der Älteste wird nach seinem Großvater „Moshe“ (Martin) benannt.
Hildegard stirbt am 11. Juli 1978 im Alter von 56 Jahren an Leukämie.

Hannelores Mutter Karoline wurde nach der Deportation nach Lodz (10.05.1942) in Belzyce ermordet. Ihr Vater Martin wurde verhaftet, da er als Jude unerlaubterweise mit dem Fahrrad fuhr, zunächst in Buchenwald inhaftiert und am 12. März 1942 in der „Tötungsanstalt“ Bernburg ermordet. Ihre Brüder Wolfgang und Selly wurden im KZ Majdanek bzw. im KZ Budzyn ermordet.
Ihre Schwester Roesel konnte 1939 nach England auswandern, ihre Schwester Hannelore konnte den Lagerterror überleben, da sie auf Schindlers Liste gesetzt wurde.

Gunter Demnig mit Schülern und Lehrer Friedhelm Veith von der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II. Hans-Jürgen Westermayer verliest eine Biographie.

Das Haus Leerer Landstraße 18

Jörg Peter mit einem Foto von Wolfgang und Selly Wolff.

Verlesung weiterer Biographien

 

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand 21.03.2013)

Fotos von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Laura Hillman, „I Will Plant You a Lilac Tree: A Memoir of a Schindler’s List Survivor“ (2006). Die Übersetzung erschien im Jahre 2019 im Eckhaus Verlag Weimar unter dem Titel „Ich pflanze einen Flieder für dich“ (ISBN 978-3-945294-31-4)
Patenschaft: Johanna Willenbring
Verlegetermin: 21. Februar 2013

 

Roesel Siev geb. Wolff

Veröffentlicht: 17. April 2010 von westermayer in Verlegung

Roesel Martin Siev - SteinRoesel SIEV, geb. Wolff
geboren am 2. Juni 1921 in Aurich

 

 

 

Straße: Leerer Landstraße 18
Todesdatum: überlebt
 
Roesel Wolff ist das erste Kind von Karoline (*1897-1942) und Martin Wolff (1894-1942). Sie wird am 2. Juni  1921 in Aurich geboren. Ihr Vater arbeitet als Schlachter und Viehhändler im Betrieb seines Vaters Wolff Abraham Wolff (1858-1926) und führt nach dessen Tod den Betrieb weiter.

Roesel wächst mit ihren Geschwistern Hildegard, Hannelore, Wolfgang und Selly in der Leerer Landstraße 18 auf und besucht die höhere Töchterschule in Aurich. Sie arbeitet für einige Zeit als Haustochter in Fulda. Es gelingt ihren Eltern im März 1939, ihr die Ausreise nach England zu ermöglichen. Vor ihrer Ausreise kommt sie noch einmal nach Aurich, um Abschied von ihrer Familie zunehmen.

Roesel zieht später nach Dublin in Irland, heiratet dort einen Mr. Siev und gründet eine Familie.
Als Roesel Siev im Jahr 1992 gemeinsam mit früheren jüdischen Bürgen vom  Auricher Bürgermeister zu einer Woche der Begegnung in Aurich eingeladen wird, antwortet sie ihm: „Ich muss Ihnen sagen, dass ich nicht den Wunsch habe, jemals nach Aurich zurückzukehren oder jemals wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzten –  denn meine Erinnerungen sind sehr, sehr  traurig und bitter.( … ) Man nahm mir die Familie, meine Jugend und meine Erziehung, und bei Gott, warum soll ich nach Aurich zurückkehren? (…) 63 Mitglieder meiner Familie starben durch die Hand der Nazis, und sie laden mich ein zurückzukehren? Nein, mein Herr, ich will niemals zurückkehren.“

Roesels Mutter Karoline wurde nach der Deportation nach Lodz (10.05.1942) in Belzyce ermordet. Ihr Vater Martin wurde verhaftet, da er als Jude unerlaubterweise mit dem Fahrrad fuhr, zunächst in Buchenwald inhaftiert und am 12. März 1942 in der „Tötungsanstalt“ Bernburg ermordet. Ihre Brüder Wolfgang und Selly wurden im KZ Majdanek bzw. im KZ Budzyn ermordet.
Ihrer Schwester Hildegard gelang 1940 die Flucht nach Palästina, ihre Schwester Hannelore konnte den Lagerterror überleben, da sie auf Schindlers Liste gesetzt wurde.

Im Juli 2004 begleitet ihre Tochter Carolyn aus Manchester zusammen mit ihrem Ehemann Michael ihre Tante Hannelore (Laura) und deren Enkelsohn Aryeh auf einem Besuch in Aurich.

PS: Roesel Siev verstarb im April 2019 im Alter von 97 Jahren. Sie hatte 15 Enkelkinder und 35 Urenkel.

Hannelore zeigt im Juli 2004 ihrer Familie ihre Geburtsstadt, hier das Auricher Schloss.

Das ehemalige Gut Eschen in der Auricher Lützowallee.

Gunter Demnig mit Schülern und Lehrer Friedhelm Veith von der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II. Hans-Jürgen Westermayer verliest eine Biographie.

Das Haus Leerer Landstraße 18

Jörg Peter mit einem Foto von Wolfgang und Selly Wolff.

Verlesung weiterer Biographien

Fotos: Günther Lübbers

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand 21.03.2013/2019), ergänzt am 26.02.2025 durch Günther Lübbers
Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Laura Hillman, „I Will Plant You a Lilac Tree: A Memoir of a Schindler’s List Survivor“ (2006). Die Übersetzung erschien im Jahre 2019 im Eckhaus Verlag Weimar unter dem Titel „Ich pflanze einen Flieder für dich“ (ISBN 978-3-945294-31-4)
Patenschaft: Elfriede und Günther Lübbers
Verlegetermin: 21. Februar 2013

 

 

 

Wolff, Rosetta geb. Schöntal

Veröffentlicht: 17. April 2010 von westermayer in Verlegung

Rosetta Wolff - SteinRosetta WOLFF, geb. Schönthal
geboren am 15. September 1863 in Marienhafe

 

 

 

Straße: Leerer Landstraße 18
Todesdatum: 8. Dezember 1941
Todesort: Lodz/Litzmannstadt
Rosetta Wolff, geb. Schönthal, wurde am 15. September 1863 in Marienhafe als Tochter von Martin Moses Schönthal (1823-1916) und Catherina Schönthal, geb. Vogelier (1828-1888) geboren. Sie heiratet den Auricher Viehhändler Wolff Abraham Wolff (26.01.1858 – 31.01.1926). Wolff und Rosetta haben drei Kinder: die Zwillinge Abraham und Martin, geboren am 24.09.1894, sowie die Tochter Hannchen, geboren am 27.02.1901.
Abraham und Martin arbeiten im Betrieb ihres Vaters und führen ihn nach dessen Tod 1926 fort. Abraham heiratet 1925 und zieht 1929 nach Emden. Er wird am 9. August 1944 in Stutthof ermordet. Hannchen heiratet Carl Friedberg (*28.05.1895 in Elberfeld – 1983) und zieht am 3.02.1933 aus Aurich nach Mönchengladbach. Sie und ihr Mann können dem Völkermord entkommen. Sie verstirbt am 1. Juni 1973.
Rosetta Wolff führt zunächst mit ihren Söhnen das Geschäft ihres Mannes in der Leerer Landstraße 18 weiter. Im Juli 1934 zieht sie mit ihrem Sohn Martin und dessen Familie nach Sandhorst in das Gut Eschen.
Später zieht sie zu ihrem Sohn Abraham nach Emden. Im Oktober 1941 wird Rosetta in das jüdische Altenheim in Emden, Klaas-Tholen-Straße 19, gebracht und von dort am 23.10.1941 über Berlin in das Ghetto in Lodz (Litzmannstadt) deportiert. Dort wird sie im Alter von 78 Jahren am 8.12.1941 ein Opfer der unmenschlichen Lebensbedingungen. Daran erinnert eine Gedenktafel an der Mauer des jüdischen Friedhofes in Lodz.

 

Gunter Demnig mit Schülern und Lehrer Friedhelm Veith von der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II. Hans-Jürgen Westermayer verliest eine Biographie.

Jörg Peter mit einem Foto von Wolfgang und Selly Wolff.

Das Haus Leerer Landstraße 18

Die Stolpersteine für Familie Wolffs vor dem Haus Leerer Landstraße 18

Niederlegung von weißen Rosen

Gedenktafeln an der Mauer des jüdischen Friedhofs im polnischen Lodz

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand 21.03.2013)
Fotos Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Werner Hinrichs
Verlegetermin: 21. Februar 2013

 

 

 

Joseph Seckels

Veröffentlicht: 9. April 2010 von westermayer in Verlegung

Joseph SECKELS
geboren am 18. Januar 1861 in Aurich

Straße: Osterstraße 30
Todesdatum: 25. Februar 1936
Todesort: Aurich
Joseph Seckel Seckels wird 18. Januar 1861 in Aurich als Sohn von Joseph Jacob Feibelmann Seckels (*20.03.1823 Aurich +1.02.1900 Aurich) und Dine Moses Seckels geb. Cohen (*6.02.1823 Neustadtgödens +16.96.1908 Aurich) geboren.
Am 18. November 1890 heiratet Joseph die drei Jahre jüngere Sophie Isenburger (*13.07.1864 Friedberg) aus Friedberg in Hessen. Die Hochzeit wird in Friedberg gefeiert, danach zieht Sophie aus dem Wetterau-Kreis nach Ostfriesland. Aurich wird ihr nicht ganz unbekannt gewesen sein, denn ihre ältere Schwester Minna Eva, genannt Emma, hatte den Auricher Kaufmann Moses Feibelmann Seckels (geb. 25.11.1857) geheiratet.
In Aurich ziehen Joseph Seckel und Sophie Seckels in das Haus des Vaters/Schwiegervaters Joseph Jakob Seckels mit ein, der hier in der Osterstraße 30 spätestens seit 1887 wohnte und sein Geschäft betrieb. Wohl gemeinsam mit seinem Sohn Joseph Seckel betreibt er ein „Manufaktur- und Modewarengeschäft“ (vgl. Eintrag Adressbuch Aurich 1926). Sophie und Joseph Seckel ziehen drei Töchter und einen Sohn groß:
– Jacob Seckel, geb. 22.9.1891
– Elise, geb. 12.11.1892, verh. Halpern
– Georgine, geb. 21.11.1893, verh. Haberer
– Ottilie, geb. 6.5.1898, verh. Gottschalk

Der Sohn Jakob Seckels arbeitet ebenfalls in dem Geschäft seines Vaters und Großvaters. Im Jahr 1928 heiratet er Gitta Wolff aus Frielingen Krs. Ziegenhain. Sie zieht zu ihm nach Aurich in die Osterstr. 30. Gitta Wolff (lt. Geburtsurkunde „Gieta“) wird am 1. April 1896 als Tochter des Handelsmannes Salomon Wolff und seiner Ehefrau Bertha Wolff geb. Levisohn in Frielendorf im Haus Nr. 109 geboren.

Jacob und Gitta hatten keine Kinder. Nach der Flucht in die USA betreuen sie Pflegekinder, darunter auch den Sohn von Jacobs Schwester Georgine, Joseph Haberer.

Am  27.  März  1937  hat Jakob Seckels mit  seiner Frau Gitta  Aurich verlassen. Sein Elternhaus, bei dem es sich gleichzeitig auch um  ein  Manufakturen-  und  Bekleidungsgeschäft  in  der  Osterstraße  30  handelt,  war  kurz  zuvor  von  seiner  Mutter  Sophie  Seckels  verkauft  worden.  Dieser  Verkauf  und  der  Wille,  der  Heimatstadt  Aurich  fast  fluchtartig den Rücken zu kehren,  sind als Folgen des Boykotts zu verstehen,  zu dem die  Auricher am 20. Juli 1935 in der OTZ, der Ostfriesischen Tageszeitung, dem wichtigsten Propagandaorgan der NSDAP in Ostfriesland, aufgerufen worden waren.  Der Name der Familie Seckels stand in diesem  Boykott-Aufruf und machte eine Zukunft in Aurich zunichte.

Als Joseph Seckel Seckels an den Folgen eines vermutlich absichtlich herbeigeführten Verkehrsunfalls durch „Braunhemden“ am 25. Februar 1936 verstirbt,  bleibt seiner Frau Sophie, sowie seinem Sohn Jacob und dessen Frau Gitta Seckels nichts anderes übrig, als die Koffer zu packen. Sophie Seckels, die am 27. März 1937 zu ihrer Tochter Ottilie Gottschalk nach Krefeld  zieht, muss Krefeld  am 22 Sohn April 1942 gemeinsam mit ihrer Tochter Ottilie und deren Tochter Henriette (*19.09.1927) in einem Deportationszug mit 900 Juden mit dem Ziel „Durchgangsghetto“ Izbica in Polen verlassen. Der Zug erreicht Izbica am 24.April 1942. Dann verlieren sich die Spuren von Sophie, Ottilie und Henriette. Dem Ehemann von Ottilie, Emmanuel Gottschalk, gelingt noch am 31.10.1938 die Flucht nach Mexico/Cuba. Frau und Kind können ihm nicht mehr folgen.

Auch die beiden anderen Töchter von Joseph und Sophie werden Opfer des Völkermordes. Elise heiratet Sally Halpern und zieht nach Konstanz. Am 28.06.1939 flieht die Familie nach Brüssel, wird dort aber interniert, am 20.09.1943 ab Mechelen nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Georgine heiratet am 31. Oktober 1927 Berthold Haberer (1882-1942) aus Villingen und zieht zu ihm in den Schwarzwald. Ihr Sohn Joseph wird am 31.Januar 1929 geboren, seine Eltern schicken Joseph mit einem Kindertransport im Dezember 1938 nach England.  Die Eltern werden am 22.10.1940 ab Baden in das Internierungslager in Gurs (Frankreich) deportiert, von dort am 10.08.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Jacob, dem ältesten Kind von Joseph und Sophie Seckles, und seiner Frau Gitta Seckels  gelingt es, vor August 1939 in die USA zu  emigrieren. In Oakland, California, nimmt das kinderlose Paar Jugendliche auf, u.a. auch ihren Neffen Joseph Haberer, Sohn der Schwester Georgine aus Villingen, der durch Kindertransporte nach England gerettet werden konnte.
Josef Haberer absolviert erfolgreich die Highschool, nimmt seine Universitätskariere auf und wird Professor für Politik. Im Bundesstaat Indiana übernimmt er die Leitung der Jüdischen Schulen.
Als Ziehsohn Joseph Haberer im Jahr 2009 seinen Heimatort  Villingen im Schwarzwald  besucht, gibt er Schülerinnen und Schülern folgendes mit auf den Weg:
„Sogar Schüler können helfen, Hass und Vorurteile verschwinden zu lassen. Wenn Du Vorurteilen begegnest, spreche sie an, sitze nicht herum, sag etwas oder tu etwas! Mache Dich nicht geringer als Du bist. Du kannst mehr tun, als Du denkst.“(Joseph Haberer 2009)

Eine ausführliche Darstellung der Biografie der Familie Seckels findet sich bei der Biografie von Sophie Seckels auf dieser Homepage.

Recherche: Jugend Projektgruppe der Matthäusgemeinde Wallinghausen
Eingabe und Ergänzungen: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.04.2020)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: – StAA: Rep. 16/2, Nr. 1606; Rep. 107, Nrn. 1321, 2672 Rep. 251, Nrn. 392, 784; – Dep. 34 B, Nrn. 56, 1356.

– http://www.villingen-schwenningen.de/statdtarchiv/joseph-haberer-preis/joseph-haberer.html

– Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 (http://www.bundesarchiv.de)

Literatur: http://www.pro-stolpersteine-vs.de/biographien/BIO_3_haberer-berthold-u-georgine/index.php
https://virtuellestolpersteine.wordpress.com/judische-familien/familie-berthold-haberer/

https://de.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs#Deutschland

http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1

Patenschaft: DIG-Ostfriesland
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Jacob Seckels

Veröffentlicht: 9. April 2010 von westermayer in Verlegung

Jacob SECKELS
geboren am 22. September 1891 in Aurich

Straße: Osterstraße 30
Todesdatum: Flucht in die USA am 27. März 1937
Todesort:  
Als ältester Sohn der Eltern Sophie (*18.07.1864 +1942?) und Joseph  Seckel  Seckels  (*18.01.1861 +25.02.1936) wird  Jacob  Seckels am 22.  September 1891 in Aurich in eine alte Kaufmanns-  und Bankiersfamilie geboren. Ihm folgen die drei Schwestern Elise, Georgine und Ottilie.

Sein Vater Joseph Seckel Seckels wird 18. Januar 1861 in Aurich als Sohn von Joseph Jacob Feibelmann Seckels (*20.03.1823 Aurich +1.02.1900 Aurich) und Dine Moses Seckels geb. Cohen (*6.02.1823 Neustadtgödens +16.96.1908 Aurich) geboren.

Am 18. November 1890 heiratet Joseph die drei Jahre jüngere Sophie Isenburger (*13.07.1864 Friedberg) aus Friedberg in Hessen. Die Hochzeit wird in Friedberg gefeiert, danach zieht Sophie aus dem Wetterau-Kreis nach Ostfriesland. Aurich wird ihr nicht ganz unbekannt gewesen sein, denn ihre ältere Schwester Minna Eva, genannt Emma, hatte den Auricher Kaufmann Moses Feibelmann Seckels (geb. 25.11.1857) geheiratet.

In Aurich ziehen Joseph Seckel und Sophie Seckels in das Haus des Vaters/Schwiegervaters Joseph Jakob Seckels mit ein, der hier in der Osterstraße 30 spätestens seit 1887 wohnte und sein Geschäft betrieb. Wohl gemeinsam mit seinem Sohn Joseph Seckel betreibt er ein „Manufaktur- und Modewarengeschäft“ (vgl. Eintrag Adressbuch Aurich 1926). Sophie und Joseph Seckel ziehen drei Töchter und einen Sohn groß:
– Jacob Seckel, geb. 22.9.1891
– Elise, geb. 12.11.1892, verh. Halpern
– Georgine, geb. 21.11.1893, verh. Haberer
– Ottilie, geb. 6.5.1898, verh. Gottschalk

Der Sohn Jakob Seckels arbeitet ebenfalls in dem Geschäft seines Vaters und Großvaters. Im Jahr 1928 heiratet er Gitta Wolff aus Frielingen Krs. Ziegenhain. Sie zieht zu ihm nach Aurich in die Osterstr. 30. Gitta Wolff (lt. Geburtsurkunde „Gieta“) wird am 1. April 1896 als Tochter des Handelsmannes Salomon Wolff und seiner Ehefrau Bertha Wolff geb. Levisohn in ihrem Haus in Frielendorf im Haus Nr. 109 nachmittags geboren.

Kinder haben die beiden keine. Nach der Flucht in die USA betreuen sie Pflegekinder, darunter auch den Sohn von Jacobs Schwester Georgine, Joseph Haberer.

Am  27.  März  1937  hat Jakob Seckels mit  seiner Frau Gitta  Aurich verlassen. Sein Elternhaus, bei dem es sich gleichzeitig auch um  ein  Manufakturen-  und  Bekleidungsgeschäft  in  der  Osterstraße  30  handelte,  war  kurz  zuvor  von  seiner  Mutter  Sophie  Seckels  verkauft  worden.  Dieser  Verkauf  und  der  Wille,  der  Heimatstadt  Aurich  fast  fluchtartig den Rücken zu kehren,  sind als Folgen des Boykotts zu verstehen,  zu dem die  Auricher am 20. Juli 1935 in der OTZ, der Ostfriesischen Tageszeitung, dem wichtigsten Propagandaorgan der NSDAP in Ostfriesland, aufgerufen worden waren.  Der Name der Familie Seckels stand in diesem  Boykott-Aufruf und machte eine Zukunft in Aurich zunichte.

Als Joseph Seckel Seckels an den Folgen eines vermutlich absichtlich herbeigeführten Verkehrsunfalls durch „Braunhemden“  am 25. Februar 1936 verstirbt,  bleibt seiner Frau Sophie, sowie seinem Sohn Jacob und dessen Frau Gitta Seckels nichts anderes übrig, als die Koffer zu packen. Sophie Seckels, die am 27. März 1937 zu ihrer Tochter Ottilie Gottschalk nach Krefeld  zieht, muss Krefeld  am 22 Sohn April 1942 gemeinsam mit ihrer Tochter Ottilie und deren Tochter Henriette (*19.09.1927) in einem Deportationszug  mit 900 Juden mit dem Ziel „Durchgangsghetto“ Izbica in Polen verlassen. Der Zug erreicht Izbica am 24.April 1942. Dann verlieren sich die Spuren von Sophie, Ottilie und Henriette. Dem Ehemann von Ottilie, Emmanuel Gottschalk, gelingt noch am 31.10.1938 die Flucht nach Mexico/Cuba. Frau und Kind können ihm nicht mehr folgen.

Auch die beiden anderen Töchter von Joseph und Sophie werden Opfer des Völkermordes. Elise heiratet Sally Halpern und zieht nach Konstanz. Am 28.06.1939 flieht die Familie nach Brüssel, wird dort aber interniert, am 20.09.1943 ab Mechelen nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Georgine heiratet am 31. Oktober 1927 Berthold Haberer (1882-1942) aus Villingen und zieht zu ihm in den Schwarzwald. Ihr Sohn Joseph wird am 31.Januar 1929 geboren, seine Eltern schicken Joseph mit einem Kindertransport im Dezember 1938 nach England.  Die Eltern werden am 22.10.1940 ab Baden in das Internierungslager in Gurs (Frankreich) deportiert, am von dort 10.08.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Jacob, dem ältesten Kind von Joseph und Sophie Seckles,  und seiner Frau Gitta  Seckels  gelingt  es,  vor August 1939 in die USA zu  emigrieren. In Oakland, California, nimmt das kinderlose Paar Jugendliche auf, u.a. auch ihren Neffen Joseph Haberer, Sohn der Schwester Georgine aus Villingen, der über die Kindertransporte nach England gerettet werden konnte.
Josef Haberer absolviert erfolgreich die Highschool, nimmt seine Universitätskariere auf und wird Professor für Politik. Im Bundesstaat Indiana übernimmt er die Leitung der Jüdischen Schulen.
Als Ziehsohn Joseph Haberer im Jahr 2009 seinen Heimatort  Villingen im Schwarzwald  besucht, gibt er Schülerinnen und Schülern folgendes mit auf den Weg:
„Sogar Schüler können helfen, Hass und Vorurteile verschwinden zu lassen. Wenn Du Vorurteilen begegnest, spreche sie an, sitze nicht herum, sag etwas oder tu etwas! Mache Dich nicht geringer als Du bist. Du kannst mehr tun, als Du denkst.“(Joseph Haberer 2009)

Eine ausführliche Darstellung der Biografie der Familie Seckels findet sich bei der Biografie von Sophie Seckels auf dieser Homepage.

Recherche: Jugend Projektgruppe der Matthäusgemeinde Wallinghausen
Eingabe und Ergänzungen: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.04.2020)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: – StAA: Rep. 16/2, Nr. 1606; Rep. 107, Nrn. 1321, 2672 Rep. 251, Nrn. 392, 784; – Dep. 34 B, Nrn. 56, 1356.

– http://www.villingen-schwenningen.de/statdtarchiv/joseph-haberer-preis/joseph-haberer.html

– Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 (http://www.bundesarchiv.de)

Literatur: http://www.pro-stolpersteine-vs.de/biographien/BIO_3_haberer-berthold-u-georgine/index.php
https://virtuellestolpersteine.wordpress.com/judische-familien/familie-berthold-haberer/

https://de.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs#Deutschland

http://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1

Patenschaft: Jugend Projektgruppe der Matthäusgemeinde Wallinghausen
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Gitta Seckels geb. Wolff

Veröffentlicht: 9. April 2010 von westermayer in Verlegung

Gitta SECKELS geb. Wolff
geboren am 1. April 1896 in Frielendorf Kr. Zeigenhain (Hessen)

Straße: Osterstraße 30
Todesdatum: Flucht in die USA am 27. März 1937
Todesort:
Gitta Wolff (lt. Geburtsurkunde „Gieta“) wird am 1. April 1896 als Tochter des Handelsmannes Salomon Wolff und seiner Ehefrau Bertha Wolff geb. Levisohn in ihrem Haus in Frielendorf im Haus Nr. 109 geboren.

Im Jahr 1928 heiratet Gitta den Kaufmann Jacob Seckel Seckels und zieht zu ihm nach Aurich in die Osterstr. 30. Kinder haben die beiden keine. Nach der Flucht in die USA betreuen sie Pflegekinder, darunter auch den Sohn ihrer Schwägerin Georgine, Joseph Haberer.

Als ältester Sohn der Eltern Sophie (*18.07.1864 +1942?) und Joseph  Seckel  Seckels  (*18.01.1861 +25.02.1936) wird Jacob  Seckels am 22. September 1891 in Aurich in eine alte  Kaufmanns-  und  Bankiersfamilie  geboren.  Ihm  folgen  die  drei  Schwestern  Jacob, Elise, Georgine und Ottilie.

Sein Vater Joseph Seckel Seckels wird am 18. Januar 1861 in Aurich als Sohn von Joseph Jacob Feibelmann Seckels (*20.03.1823 Aurich +1.02.1900 Aurich) und Dine Moses Seckels geb. Cohen (*6.02.1823 Neustadtgödens +16.96.1908 Aurich) geboren.
Am 18. November 1890 heiratet Joseph die drei Jahre jüngere Sophie Isenburger (*13.07.1864 Friedberg) aus Friedberg in Hessen. Die Hochzeit wird in Friedberg gefeiert, danach zieht Sophie aus dem Wetterau-Kreis nach Ostfriesland. Aurich wird ihr nicht ganz unbekannt gewesen sein, denn ihre ältere Schwester Minna Eva, genannt Emma, hatte den Auricher Kaufmann Moses Feibelmann Seckels (geb. 25.11.1857) geheiratet.
In Aurich ziehen Joseph Seckel und Sophie Seckels in das Haus des Vaters/Schwiegervaters Joseph Jakob Seckels mit ein, der hier in der Osterstraße 30 spätestens seit 1887 wohnte und sein Geschäft betrieb. Wohl gemeinsam mit seinem Sohn Joseph Seckel betreibt er ein „Manufaktur- und Modewarengeschäft“ (vgl. Eintrag Adressbuch Aurich 1926). Sophie und Joseph Seckel ziehen drei Töchter und einen Sohn groß:
– Jacob Seckel, geb. 22.9.1891
– Elise, geb. 12.11.1892, verh. Halpern
– Georgine, geb. 21.11.1893, verh. Haberer
– Ottilie, geb. 6.5.1898, verh. Gottschalk

Der Sohn Jakob Seckels arbeitet ebenfalls in dem Geschäft seines Vaters und Großvaters.
Am  27.  März  1937  hat Jakob Seckels mit  seiner Frau Gitta  Aurich verlassen. Sein Elternhaus, bei dem es sich gleichzeitig auch um  ein  Manufakturen-  und  Bekleidungsgeschäft  in  der  Osterstraße  30  handelte,  war  kurz  zuvor  von  seiner  Mutter  Sophie  Seckels  verkauft  worden.  Dieser  Verkauf  und  der  Wille,  der  Heimatstadt  Aurich  fast  fluchtartig den Rücken zu kehren,  sind als Folgen des Boykotts zu verstehen,  zu dem die  Auricher am 20. Juli 1935 in der OTZ, der Ostfriesischen Tageszeitung, dem wichtigsten Propagandaorgan der NSDAP in Ostfriesland, aufgerufen worden waren.  Der Name der Familie Seckels stand in diesem  Boykott-Aufruf und machte eine Zukunft in Aurich zunichte.

Als Joseph Seckel Seckels an den Folgen eines vermutlich absichtlich herbeigeführten Verkehrsunfalls durch „Braunhemden“  am 25. Februar 1936 verstirbt,  bleibt seiner Frau Sophie, sowie seinem Sohn Jacob und dessen Frau Gitta Seckels nichts anderes übrig, als die Koffer zu packen. Sophie Seckels, die am 27. März 1937 zu ihrer Tochter Ottilie Gottschalk nach Krefeld  zieht, muss Krefeld  am 22 Sohn April 1942 gemeinsam mit ihrer Tochter Ottilie und deren Tochter Henriette (*19.09.1927) in einem Deportationszug  mit 900 Juden mit dem Ziel „Durchgangsghetto“ Izbica in Polen verlassen. Der Zug erreicht Izbica am 24.April 1942. Dann verlieren sich die Spuren von Sophie, Ottilie und Henriette. Dem Ehemann von Ottilie, Emmanuel Gottschalk, gelang noch am 31.10.1938 die Flucht nach Mexico/Cuba. Frau und Kind konnten ihm nicht mehr folgen.

Auch die beiden anderen Töchter von Joseph und Sophie werden Opfer des Völkermordes. Elise heiratet Sally Halpern und zieht nach Konstanz. Am 28.06.1939 flieht die Familie nach Brüssel, wird dort aber interniert, am 20.09.1943 ab Mechelen nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Georgine heiratet am 31. Oktober 1927 Berthold Haberer (1882-1942) aus Villingen und zieht zu ihm in den Schwarzwald. Ihr Sohn Joseph wird am 31.Januar 1929 geboren, seine Eltern schicken Joseph mit einem Kindertransport im Dezember 1938 nach England.  Die Eltern werden am 22.10.1940 ab Baden in das Internierungslager in Gurs (Frankreich) deportiert und am 10.08.1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Jacob, dem ältesten Kind von Joseph und Sophie Seckles,  und seiner Frau Gitta  Seckels gelingt es, vor August 1939 in die USA zu  emigrieren. In Oakland, California, nimmt das kinderlose Paar Jugendliche auf, u.a. auch ihren Neffen Joseph Haberer, Sohn der Schwester Georgine aus Villingen, der über die Kindertransporte nach England gerettet werden konnte.
Josef Haberer absolviert erfolgreich die Highschool, nimmt seine Universitätskariere auf und wird Professor für Politik. Im Bundesstaat Indiana übernimmt er die Leitung der Jüdischen Schulen.
Als Ziehsohn Joseph Haberer im Jahr 2009 seinen Heimatort  Villingen im Schwarzwald  besucht, gibt er Schülerinnen und Schülern folgendes mit auf den Weg:
„Sogar Schüler können helfen, Hass und Vorurteile verschwinden zu lassen. Wenn Du Vorurteilen begegnest, spreche sie an, sitze nicht herum, sag etwas oder tu etwas! Mache Dich nicht geringer als Du bist. Du kannst mehr tun, als Du denkst.“ (Joseph Haberer 2009)

Eine ausführliche Darstellung der Biografie der Familie Seckels findet sich bei der Biografie von Sophie Seckels auf dieser Homepage.

Recherche: Jugend Projektgruppe der Matthäusgemeinde Wallinghausen
Eingabe und Ergänzungen: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.04.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Geburtsurkunde Gieta Wolff: https://digitalisate-he.arcinsys.de/hstamr/920/1552/max/00016.jpg

– StAA: Rep. 16/2, Nr. 1606; Rep. 107, Nrn. 1321, 2672 Rep. 251, Nrn. 392, 784; – Dep. 34 B, Nrn. 56, 1356.

– http://www.villingen-schwenningen.de/statdtarchiv/joseph-haberer-preis/joseph-haberer.html

– Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 (http://www.bundesarchiv.de)

Literatur: http://www.pro-stolpersteine-vs.de/biographien/BIO_3_haberer-berthold-u-georgine/index.php
https://virtuellestolpersteine.wordpress.com/judische-familien/familie-berthold-haberer/https://de.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs#Deutschlandhttp://www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica-1
Patenschaft: Bernhard Siebelds
Verlegetermin: 16. November  2019

Else Inge Hess verh. de Lichtenstein

Veröffentlicht: 20. März 2010 von westermayer in Verlegung

Else Inge HESS verh. de Lichtenstein
geboren am 2. März 1930 in Aurich

Straße: Marktplatz 15
Todesdatum: 27.03.1939 Flucht nach Argentinien, verstorben 2015
Todesort:
Else Hess verh. Lichtenstein wurde am 2.03.1930 in Aurich geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Joseph Hess (*3.03.1871 in Papenburg) und Rosel Hess geb. Rothschild (*10.11.1889 in Waltersbrück bei Fritzlar). Else Hess wuchs zunächst in Aurich auf, floh dann mit ihren Eltern im März 1939 vor den Repressalien im Nazi-Deutschland nach Argentinien und gründete dort mit Bert Lichtenstein eine Familie.

Hier die Geschichte der Familie Joseph Hess:

Das Haus, in dem früher die Familie Hess gelebt hat, steht heute nicht mehr – es wurde abgerissen. Früher war hier am Marktplatz 15 das Warenhaus J.M. Valk und Söhne. Das Haus und das Geschäft gehörten Joseph Hess. Das Geschäft war eine Filiale eines großen und damals sehr bekannten Emder Kaufhauses. Filialen gab es auch in Norden (Neuerweg) und Jever (Neuestraße).

Joseph Hess kam eigentlich aus Papenburg. Er wurde 1871 dort geboren. Seine Eltern waren Moses Jacob Hess (*29.09.1829 in Nieuweschans +18.04.1904 Bunde) und Bertha geb. Rosenbaum (*1837 in Papaenburg +6.07.1931 in Bunde). Joseph hatte sieben Geschwister: sechs Brüder und eine Schwester.

Jacob Moses Hess *7.07.1861 Papenburg + 1942 Treblinka
Abraham Hess *18.06.1863 Papenburg *2.10.1874 Papenburg
Isaak Hess *19.03.1865 Papenburg
Samuel Hess *11.02.1867 Papenburg
Aaron Hess *14.03.1869 Papenburg
Friederike Hess verh. Lachmann *12.09.1873 Papenburg +7.01.1942 Lodz (Stolperstein)
David Hess *6.10.1876 +23.07.1943 Theresienstadt (Stolperstein)

Zwei seiner Geschwister, seine kleine Schwester Friederike und sein jüngerer Bruder David, zogen auch nach Aurich. Für Friederike und ihren Mann Moritz wurden vor diesem Haus schon Stolpersteine verlegt, denn sie lebten zuletzt hier in Josephs Haus. David und seine Familie wohnten zuletzt in der Julianenburger Straße 3. Auch für sie wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Joseph Hess heiratete 1929 Rosel Rothschild (*10.11.1889) aus Waltersbrück bei Fritzlar – das ist in Hessen. Wie die beiden sich kennengelernt haben, haben wir nicht herausfinden können. Rosel war die Tochter von Seligmann (1848-1925) und Hannchen Rothschild geb. Katzenstein aus Frankenau (1858-1932). Auch sie hatte viele Geschwister, nämlich acht.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekamen Rosel und Joseph ein Baby: Ihre Tochter Else Inge wurde am 2. März 1930 geboren. Als Else drei Jahre alt war, kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ab da wurde das Leben für Joseph, Rosel und Else in Aurich schwieriger. Es kauften z.B. immer weniger Leute im Kaufhaus von Joseph ein. Joseph überlegte schließlich, aus Aurich wegzuziehen, besonders, nachdem die Synagoge niedergebrannt worden war: Die jüdischen Männer waren in dieser Nacht alle verhaftet worden, die meisten wurden zwei Tage später in ein Konzentrationslager gebracht. Auch Joseph wurde verhaftet, weil er aber schon 67 Jahre alt war, durfte er am nächsten Morgen gehen.
In und nach der Pogromnacht wurden am 10.11. 1938 von der SA-Standarte 63 auch das Warenlager der Firma von Joseph Hess im Wert von 35 – 40.000 Reichsmark ausgeraubt.

Sicher hat Joseph spätestens nach den Ereignissen in der Reichspogromnacht beschlossen, Aurich zu verlassen. Sein Plan war, in die Niederlande auszuwandern und dort ein neues Geschäft zu eröffnen. Zum Glück hat seine Frau Rosel ihn davon abgehalten. Sie fürchtete zu Recht, dass die Familie auch in Holland nicht in Sicherheit wäre. Ein halbes Jahr später, am 27. März 1939, wanderten Joseph, Rosel und Else mit der „Monte Rosa“ nach Südamerika aus.

Eigentlich wollten sie nicht weg, schon gar nicht in ein ganz fremdes, tausende von Kilometern entferntes Land. Else war gerade einmal neun Jahre alt. Keiner aus der Familie sprach Spanisch. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es muss für sie sehr schwierig und traurig gewesen sein.

Viel Geld durften sie auch nicht mitnehmen: Gerade einmal 30 Reichsmark. Und das, obwohl Joseph das große Haus am Marktplatz für über 10.000 Reichsmark verkauft hatte (und eigentlich war das Haus sogar noch viel mehr Geld wert gewesen!). Aber die Nationalsozialisten erlaubten nicht, dass sie ihr Geld mitnahmen.

Der Start in Argentinien war schwer – zugleich war die Familie aber auch froh, dort nun in Sicherheit zu sein. Drei Schwestern von Rosel waren auch nach Argentinien ausgewandert, sodass sie sich gegenseitig etwas unterstützen konnten. Auch von der jüdischen Gemeinde gab es Hilfe. Else wuchs nun in Argentinien auf. Sie heiratete Bert Lichtenstein und bekam einen Sohn, Roberto, der bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Familie anwesend war und der seine Familie und ihr Schicksal näher vorstellte.

Nach Kriegsende versucht die Familie Hess, einen Ausgleich für die 1938 geraubten Waren und das unter Wert an die Stadt Aurich verkaufte Haus zu erlangen. Die Ermittlungen wegen der verschwundenen Waren werden eingestellt, eine Rückerstattung geraubter Waren wird abgewiesen, da nicht nachweisbar. Die Stadt wehrt sich nachdrücklich gegen Rückerstattungsforderungen.

Bei der Solpersteinverlegung am 19.09.2018 hielt der Sohn von Else Hess verh. de Lichtenstein, Roberto Lichtenstein, diese Ansprache:

Osten und Westen

Liebe Anwesende,

vor ca 7 Jahren wurden die Stolpersteine meiner Grosstante Friederike und Grossonkel Moritz Lachmann verlegt. Damals schrieb ich über den Tod, der sie im Osten erwartete. Diesmal möchte ich über den Weg zum Westen berichten, der für meine Grosseltern Joseph und Rosel und meiner Mutter Else Inge das Leben bedeutete.

Aber bevor sie auswanderten, mussten sie noch Schlimmes über sich ergehen lassen. Mein Mutter Else Inge erzählte mir von der Kristallnacht im November 1938, wo die Juden von Aurich mit zusehen mussten, wie die Nazis die Synagoge niederbrannten. Meine Mutter marschierte gerade vorbei als das Dach der Synagoge einbrach. Sie hat dann jahrelang keine Streichhölzer mehr angefasst, so beindruckt war sie von diesem Ereignis.

Sie erzählte mir auch wie sehr sie gelitten hat, bis ihr Vater, der zusammen mit allen Männern verhaftet worden war, am nächsten Tag wegen seines fortgeschrittenen Alters freigelassen wurde.

Die Reise gen Westen war nicht so ganz ohne. Mein Grossvater Josef wollte eigentlich nur nach Holland auswandern und dort ein Kohlegeschäft einrichten. Meine Grossmutter Rosel hat aber gesagt „aus diesem Kontinent müssen wir weg“, und so hat der gesunde Menschenverstand über den Tod triumphiert.

Als es dann soweit war, sind sie mit dem Schiff „Monterosa“ von Hamburg aus nach Südamerika gereist. Kurz nach der Abfahrt war die ganze Familie auf Deck und mein Grossvater war auf einmal verschwunden. Als sie in fanden, hat er geweint, in tiefer Trauer seine Heimat verlassen zu müssen.

In Buenos Aires angekommen, zogen sie in eine Wohnung in einem abgelegenen und nicht gerade schönen Viertel der Grosstadt Buenos Aires. Sie hatten Untermieter und mein Grossvater hatte im Stadtzentrum einen Job. Meine Mutter erzählte, dass er für die Reise 10 Cents bekam, die Strassenbahn jedoch nur 8 Cents kostete und er sich für die zwei restlichen Cents einen Expresso gönnte.

Es müssen schwere Jahre gewesen sein, nicht nur eine fremde Sprache, überhaput ist Argentinien so anders als Deutschland und kurz nach Kriegsende fing im Land gar auch noch der Populismus an. Aber ein Teil der Familie meiner Grossmutter war auch im Land, das hat es wahrscheinlich leichter gemacht. Trotz alle dem war meine Mutter dem Land Argentinien immer dankbar, dass es die Familie grosszügig aufgenommen hatte.

Wie zuvor berichtet, durften meine Grosseltern nur 30 Reichmark Bargeld mitnehmen. Sie durften jedoch einen Container packen, wo Geschirr, Bestecke, Kleidung verpackt wurde. Ein Teil davon wurde gestohlen oder zerbrach, aber nicht alles. So konnte meine Mutter zu den jüdischen Festtagen ihre Kochkünste auf schönstem Geschirr aufführen.

Meine Mutter ging dann in die Schule und fing danach an zu arbeiten. Ende der Fünfziger Jahre bekamen sie auch eine Wiedergutmachung, mit der sie ein Appartment in einem schöneren Viertel kauften, das immer noch im Besitz der Familie ist. Günther und Elfried haben die Wohnung kennengelernt.

Kurz danach machte meine Mutter eine Reise nach USA, wo sie ihre Cousins, die Söhne von Friederike und Moritz Lachmann, besuchte. Ein unvorstellbares Abenteur mit dem Flugzeug das unzählige Male stoppte und Sauerstoffmaske zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten und auch benutzt wurden. Der Kontakt mit ihnen wurde aufrecht erhalten und wir besuchten sie ein paar Mal, auch einmal mit meiner Frau Andrea.

Inzwischen hatte mein Mutter auch meinen Vater kennengelernt und dann geheiratet. Ich kam 1962 zur Welt und kurz danach verstarb mein Grossvater Joseph mit 92 Jahren. Ich weiss, dass er sich sehr über mich gefreut hat, aber ich kann mich leider nicht an ihn erinnern.

Zuhause wurde Deutsch gesprochen, meine Grossmutter hat nie Spanisch gelernt, hat sich aber trotzdem durchgeschlagen. Ich selbst habe zuerst Deutsch gesprochen und dann Spanisch im Kindergarten gelernt. Danach ging ich 15 Jahre in eine deutsche Schule, die zu der Zeit mehrheitlich von jüdischen Schülern besucht wurde.

Als ich 13 Jahre alt war, erlebte meine Grossmutter noch meine Bar Mitzwa, verstarb dann 85-jährig im Deutschen Hospital. Ich studierte dann in Argentinien, heiratete dann meine Frau Andrea und wir hatten zwei Kinder, von denen unsere Tochter Tamara heute dabei ist. Unser Sohn Ariel ist zur Zeit in Argentinien. Sie gingen beide in eine jüdische Schule und sprechen leider kein Deutsch, was übrigens ausschliesslich meine Schuld ist.

Meine Mutter war trotz ihres starken Charakters eine liebevolle Person, sehr grosszügig und humorvoll. Sie ist vor drei Jahren in einem jüdischem Altersheim verstorben. Noch bis zuletzt haben ihre Augen geleuchtet, als sie mich kommen sah.

Und so habe ich in Kurzfassung von der Auswanderung meiner Familie gen Westen berichtet.

Ich möchte mich bedanken, dass sie alle hier dieser Stolpersteinverlegung beiwohnen und natürlich Herrn Günther Demnig, der das ganze ins Rollen brachte.

Besonders zu diesen Zeiten, wo in Deutschland der Antisemitismus wieder präsent ist, ist es so besonders wichtig, dass das schreckliche Kapitel des Nationalsozialismus nicht vergessen wird.

Vielen Dank

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 251, Nr. 75 / Rep. 251, Nr. 75/ Rep. 251, Nr. 1743/ Rep. 107, acc. 2009/075, Nr. 2624
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 19. September  2018

Rosel Hess geb. Rothschild

Veröffentlicht: 20. März 2010 von westermayer in Verlegung

Rosel HESS geb. Rothschild
geboren am 10. November 1889 in Waltersbrück bei Fritzlar

Straße: Marktplatz 15
Todesdatum: 27.03.1939 Flucht nach Argentinien
Todesort:
Rosel Hess geb. Rothschild wird am 10. November in Waltersbrück bei Wetzlar (Hessen) geboren. Rosel war die Tochter von Seligmann Rothschild (1848-1925) und Hannchen Rothschild geb. Katzenstein aus Frankenau (1858-1932). Sie war das siebente von neun Kindern. Ihre Geschwister:
Antonia (Toni) verh. Pfifferling *1881
Markus Rothschild *1882 +1970 (Long Island)
Auguste verh. Nussbaum *1884 +1974 (New York)
Jettchen *1886 +1887
Betty *1887 +1888
Victor Friedrich *1888
Frieda verh. Silberberg *1892 Deportation 18.06.1943 (Auschwitz)
Emma verh. Edelmuth *1898Rosel Rothschild heiratete 1929 Joseph Hess (*4.03.1871) aus Papenburg. Wie die beiden sich kennengelernt haben, haben wir nicht herausfinden können.

Joseph Hess kam eigentlich aus Papenburg. Er wurde 1871 dort geboren. Seine Eltern waren Moses Jacob Hess (*29.09.1829 in Nieuweschans +18.04.1904 Bunde) und Bertha geb. Rosenbaum (*1837 in Papenburg +6.07.1931 in Bunde). Joseph hatte sieben Geschwister: sechs Brüder und eine Schwester.

Jacob Moses Hess *7.07.1861 Papenburg + 1942 Treblinka
Abraham Hess *18.06.1863 Papenburg *2.10.1874 Papenburg
Isaak Hess *19.03.1865 Papenburg
Samuel Hess *11.02.1867 Papenburg
Aaron Hess *14.03.1869 Papenburg
Friederike Hess verh. Lachmann *12.09.1873 Papenburg +7.01.1942 Lodz (Stolperstein)
David Hess *6.10.1876 +23.07.1943 Theresienstadt (Stolperstein)

Zwei seiner Geschwister, seine kleine Schwester Friederike und sein jüngerer Bruder David, zogen auch nach Aurich. Für Friederike und ihren Mann Moritz wurden vor diesem Haus schon Stolpersteine verlegt, denn sie lebten zuletzt hier in Josephs Haus. David und seine Familie wohnten zuletzt in der Julianenburger Straße 3. Auch für sie wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Das Haus, in dem früher die Familie Hess gelebt hat, steht heute nicht mehr – es wurde abgerissen. Früher war hier am Marktplatz 15 das Warenhaus J.M. Valk und Söhne. Das Haus und das Geschäft gehörten Joseph Hess. Das Geschäft war eine Filiale eines großen und damals sehr bekannten Emder Kaufhauses. Filialen gab es auch in Norden (Neuerweg) und Jever (Neuestraße).

Ein Jahr nach der Hochzeit bekamen Rosel und Joseph ein Baby: Ihre Tochter Else Inge wurde am 2. März 1930 geboren.  Als Else drei Jahre alt war, kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ab da wurde das Leben für Joseph, Rosel und Else in Aurich schwieriger. Es kauften z.B. immer weniger Leute im Kaufhaus von Joseph ein. Joseph überlegte schließlich, aus Aurich wegzuziehen, besonders, nachdem die Synagoge niedergebrannt worden war: Die jüdischen Männer waren in dieser Nacht alle verhaftet worden, die meisten wurden zwei Tage später in ein Konzentrationslager gebracht. Auch Joseph wurde verhaftet, weil er aber schon 67 Jahre alt war, durfte er am nächsten Morgen gehen.

In und nach der Pogromnacht wurden am 10.11. 1938 von der SA-Standarte 63 auch das Warenlager der Firma von Joseph Hess im Wert von 35 – 40.000 Reichsmark ausgeraubt.

Sicher hat Joseph spätestens nach den Ereignissen in der Reichspogromnacht beschlossen, Aurich zu verlassen. Sein Plan war, in die Niederlande auszuwandern und dort ein neues Geschäft zu eröffnen. Zum Glück hat seine Frau Rosel ihn davon abgehalten. Sie fürchtete zu Recht, dass die Familie auch in Holland nicht in Sicherheit wäre. Ein halbes Jahr später, am 27. März 1939, wanderten Joseph, Rosel und Else mit der „Monte Rosa“ nach Südamerika aus.

Eigentlich wollten sie nicht weg, schon gar nicht in ein ganz fremdes, tausende von Kilometern entferntes Land. Else war gerade einmal neun Jahre alt. Keiner aus der Familie sprach Spanisch. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es muss für sie sehr schwierig und traurig gewesen sein.

Viel Geld durften sie auch nicht mitnehmen: Gerade einmal 30 Reichsmark. Und das, obwohl Joseph das große Haus am Marktplatz für über 10.000 Reichsmark verkauft hatte (und eigentlich war das Haus sogar noch viel mehr Geld wert gewesen!). Aber die Nationalsozialisten erlaubten nicht, dass sie ihr Geld mitnahmen.

Der Start in Argentinien war schwer – zugleich war die Familie aber auch froh, dort nun in Sicherheit zu sein. Drei Schwestern von Rosel waren auch nach Argentinien ausgewandert, sodass sie sich gegenseitig etwas unterstützen konnten. Auch von der jüdischen Gemeinde gab es Hilfe. Else wuchs nun in Argentinien auf. Sie heiratete Bert Lichtenstein und bekam einen Sohn, Roberto, der bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Familie anwesend war und der seine Familie und ihr Schicksal näher vorstellte.

Nach Kriegsende versucht die Familie Hess, einen Ausgleich für die 1938 geraubten Waren und das unter Wert an die Stadt Aurich verkaufte Haus zu erlangen. Die Ermittlungen wegen der verschwundenen Waren werden eingestellt, eine Rückerstattung geraubter Waren wird abgewiesen, da nicht nachweisbar. Die Stadt wehrt sich nachdrücklich gegen Rückerstattungsforderungen.

Bei der Solpersteinverlegung am 19.09.2018 hielt der Enkelsohn von Rosel Hess, Roberto Lichtenstein, diese Ansprache:

Osten und Westen

Liebe Anwesende,

vor ca 7 Jahren wurden die Stolpersteine meiner Grosstante Friederike und Grossonkel Moritz Lachmann verlegt. Damals schrieb ich über den Tod, der sie im Osten erwartete. Diesmal möchte ich über den Weg zum Westen berichten, der für meine Grosseltern Joseph und Rosel und meiner Mutter Else Inge das Leben bedeutete.

Aber bevor sie auswanderten, mussten sie noch Schlimmes über sich ergehen lassen. Mein Mutter Else Inge erzählte mir von der Kristallnacht im November 1938, wo die Juden von Aurich mit zusehen mussten, wie die Nazis die Synagoge niederbrannten. Meine Mutter marschierte gerade vorbei als das Dach der Synagoge einbrach. Sie hat dann jahrelang keine Streichhölzer mehr angefasst, so beindruckt war sie von diesem Ereignis.

Sie erzählte mir auch wie sehr sie gelitten hat, bis ihr Vater, der zusammen mit allen Männern verhaftet worden war, am nächsten Tag wegen seines fortgeschrittenen Alters freigelassen wurde.

Die Reise gen Westen war nicht so ganz ohne. Mein Grossvater Josef wollte eigentlich nur nach Holland auswandern und dort ein Kohlegeschäft einrichten. Meine Grossmutter Rosel hat aber gesagt „aus diesem Kontinent müssen wir weg“, und so hat der gesunde Menschenverstand über den Tod triumphiert.

Als es dann soweit war, sind sie mit dem Schiff „Monterosa“ von Hamburg aus nach Südamerika gereist. Kurz nach der Abfahrt war die ganze Familie auf Deck und mein Grossvater war auf einmal verschwunden. Als sie in fanden, hat er geweint, in tiefer Trauer seine Heimat verlassen zu müssen.

In Buenos Aires angekommen, zogen sie in eine Wohnung in einem abgelegenen und nicht gerade schönen Viertel der Grosstadt Buenos Aires. Sie hatten Untermieter und mein Grossvater hatte im Stadtzentrum einen Job. Meine Mutter erzählte, dass er für die Reise 10 Cents bekam, die Strassenbahn jedoch nur 8 Cents kostete und er sich für die zwei restlichen Cents einen Expresso gönnte.

Es müssen schwere Jahre gewesen sein, nicht nur eine fremde Sprache, überhaput ist Argentinien so anders als Deutschland und kurz nach Kriegsende fing im Land gar auch noch der Populismus an. Aber ein Teil der Familie meiner Grossmutter war auch im Land, das hat es wahrscheinlich leichter gemacht. Trotz alle dem war meine Mutter dem Land Argentinien immer dankbar, dass es die Familie grosszügig aufgenommen hatte.

Wie zuvor berichtet, durften meine Grosseltern nur 30 Reichmark Bargeld mitnehmen. Sie durften jedoch einen Container packen, wo Geschirr, Bestecke, Kleidung verpackt wurde. Ein Teil davon wurde gestohlen oder zerbrach, aber nicht alles. So konnte meine Mutter zu den jüdischen Festtagen ihre Kochkünste auf schönstem Geschirr aufführen.

Meine Mutter ging dann in die Schule und fing danach an zu arbeiten. Ende der Fünfziger Jahre bekamen sie auch eine Wiedergutmachung, mit der sie ein Appartment in einem schöneren Viertel kauften, das immer noch im Besitz der Familie ist. Günther und Elfried haben die Wohnung kennengelernt.

Kurz danach machte meine Mutter eine Reise nach USA, wo sie ihre Cousins, die Söhne von Friederike und Moritz Lachmann, besuchte. Ein unvorstellbares Abenteur mit dem Flugzeug das unzählige Male stoppte und Sauerstoffmaske zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten und auch benutzt wurden. Der Kontakt mit ihnen wurde aufrecht erhalten und wir besuchten sie ein paar Mal, auch einmal mit meiner Frau Andrea.

Inzwischen hatte mein Mutter auch meinen Vater kennengelernt und dann geheiratet. Ich kam 1962 zur Welt und kurz danach verstarb mein Grossvater Joseph mit 92 Jahren. Ich weiss, dass er sich sehr über mich gefreut hat, aber ich kann mich leider nicht an ihn erinnern.

Zuhause wurde Deutsch gesprochen, meine Grossmutter hat nie Spanisch gelernt, hat sich aber trotzdem durchgeschlagen. Ich selbst habe zuerst Deutsch gesprochen und dann Spanisch im Kindergarten gelernt. Danach ging ich 15 Jahre in eine deutsche Schule, die zu der Zeit mehrheitlich von jüdischen Schülern besucht wurde.

Als ich 13 Jahre alt war, erlebte meine Grossmutter noch meine Bar Mitzwa, verstarb dann 85-jährig im Deutschen Hospital. Ich studierte dann in Argentinien, heiratete dann meine Frau Andrea und wir hatten zwei Kinder, von denen unsere Tochter Tamara heute dabei ist. Unser Sohn Ariel ist zur Zeit in Argentinien. Sie gingen beide in eine jüdische Schule und sprechen leider kein Deutsch, was übrigens ausschliesslich meine Schuld ist.

Meine Mutter war trotz ihres starken Charakters eine liebevolle Person, sehr grosszügig und humorvoll. Sie ist vor drei Jahren in einem jüdischem Altersheim verstorben. Noch bis zuletzt haben ihre Augen geleuchtet, als sie mich kommen sah.

Und so habe ich in Kurzfassung von der Auswanderung meiner Familie gen Westen berichtet.

Ich möchte mich bedanken, dass sie alle hier dieser Stolpersteinverlegung beiwohnen und natürlich Herrn Günther Demnig, der das ganze ins Rollen brachte.

Besonders zu diesen Zeiten, wo in Deutschland der Antisemitismus wieder präsent ist, ist es so besonders wichtig, dass das schreckliche Kapitel des Nationalsozialismus nicht vergessen wird.

Vielen Dank

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 251, Nr. 75 / Rep. 251, Nr. 75/ Rep. 251, Nr. 1743/ Rep. 107, acc. 2009/075, Nr. 2624
Literatur: https://www.geni.com/people/Therese-Hess/4996487824930063599
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 19. September  2018

Joseph Hess

Veröffentlicht: 20. März 2010 von westermayer in Verlegung

Joseph HESS
geboren am 4. März 1871 in Papenburg

Straße: Marktplatz 15
Todesdatum: 27.03.1939 Flucht nach Argentinien
Todesort:
Das Haus, in dem früher die Familie Hess gelebt hat, steht heute nicht mehr – es wurde abgerissen. Früher war hier am Marktplatz 15 das Warenhaus J.M. Valk und Söhne. Das Haus und das Geschäft gehörten Joseph Hess. Das Geschäft war eine Filiale eines großen und damals sehr bekannten Emder Kaufhauses. Filialen gab es auch in Norden (Neuerweg) und Jever (Neuestraße).

Joseph Hess kam eigentlich aus Papenburg. Er wurde 1871 dort geboren. Seine Eltern waren Moses Jacob Hess (*29.09.1829 in Nieuweschans +18.04.1904 Bunde) und Bertha geb. Rosenbaum (*1837 in Papaenburg +6.07.1931 in Bunde). Joseph hatte sieben Geschwister: sechs Brüder und eine Schwester.

Jacob Moses Hess *7.07.1861 Papenburg + 1942 Treblinka
Abraham Hess *18.06.1863 Papenburg *2.10.1874 Papenburg
Isaak Hess *19.03.1865 Papenburg
Samuel Hess *11.02.1867 Papenburg
Aaron Hess *14.03.1869 Papenburg
Friederike Hess verh. Lachmann *12.09.1873 Papenburg +7.01.1942 Lodz (Stolperstein)
David Hess *6.10.1876 +23.07.1943 Theresienstadt (Stolperstein)

Zwei seiner Geschwister, seine kleine Schwester Friederike und sein jüngerer Bruder David, zogen auch nach Aurich. Für Friederike und ihren Mann Moritz wurden vor diesem Haus schon Stolpersteine verlegt, denn sie lebten zuletzt hier in Josephs Haus. David und seine Familie wohnten zuletzt in der Julianenburger Straße 3. Auch für sie wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Joseph Hess heiratete 1929 Rosel Rothschild (*10.11.1889) aus Waltersbrück bei Fritzlar – das ist in Hessen. Wie die beiden sich kennengelernt haben, haben wir nicht herausfinden können. Rosel war die Tochter von Seligmann (1848-1925) und Hannchen Rothschild geb. Katzenstein aus Frankenau (1858-1932). Auch sie hatte viele Geschwister, nämlich acht.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekamen Rosel und Joseph ein Baby: Ihre Tochter Else Inge wurde am 2. März 1930 geboren.  Als Else drei Jahre alt war, kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ab da wurde das Leben für Joseph, Rosel und Else in Aurich schwieriger. Es kauften z.B. immer weniger Leute im Kaufhaus von Joseph ein. Joseph überlegte schließlich, aus Aurich wegzuziehen, besonders, nachdem die Synagoge niedergebrannt worden war: Die jüdischen Männer waren in dieser Nacht alle verhaftet worden, die meisten wurden zwei Tage später in ein Konzentrationslager gebracht. Auch Joseph wurde verhaftet, weil er aber schon 67 Jahre alt war, durfte er am nächsten Morgen gehen.
In und nach der Pogromnacht wurden am 10.11. 1938 von der SA-Standarte 63 auch das Warenlager der Firma von Joseph Hess im Wert von 35 – 40.000 Reichsmark ausgeraubt.

Sicher hat Joseph spätestens nach den Ereignissen in der Reichspogromnacht beschlossen, Aurich zu verlassen. Sein Plan war, in die Niederlande auszuwandern und dort ein neues Geschäft zu eröffnen. Zum Glück hat seine Frau Rosel ihn davon abgehalten. Sie fürchtete zu Recht, dass die Familie auch in Holland nicht in Sicherheit wäre. Ein halbes Jahr später, am 27. März 1939, wanderten Joseph, Rosel und Else mit der „Monte Rosa“ nach Südamerika aus.

Eigentlich wollten sie nicht weg, schon gar nicht in ein ganz fremdes, tausende von Kilometern entferntes Land. Else war gerade einmal neun Jahre alt. Keiner aus der Familie sprach Spanisch. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es muss für sie sehr schwierig und traurig gewesen sein.

Viel Geld durften sie auch nicht mitnehmen: Gerade einmal 30 Reichsmark. Und das, obwohl Joseph das große Haus am Marktplatz für über 10.000 Reichsmark verkauft hatte (und eigentlich war das Haus sogar noch viel mehr Geld wert gewesen!). Aber die Nationalsozialisten erlaubten nicht, dass sie ihr Geld mitnahmen.

Der Start in Argentinien war schwer – zugleich war die Familie aber auch froh, dort nun in Sicherheit zu sein. Drei Schwestern von Rosel waren auch nach Argentinien ausgewandert, sodass sie sich gegenseitig etwas unterstützen konnten. Auch von der jüdischen Gemeinde gab es Hilfe. Else wuchs nun in Argentinien auf. Sie heiratete Bert Lichtenstein und bekam einen Sohn, Roberto, der bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Familie anwesend war und der seine Familie und ihr Schicksal näher vorstellte.

Nach Kriegsende versucht die Familie Hess, einen Ausgleich für die 1938 geraubten Waren und das unter Wert an die Stadt Aurich verkaufte Haus zu erlangen. Die Ermittlungen wegen der verschwundenen Waren werden eingestellt, eine Rückerstattung geraubter Waren wird abgewiesen, da nicht nachweisbar. Die Stadt wehrt sich nachdrücklich gegen Rückerstattungsforderungen.

Bei der Solpersteinverlegung am 19.09.2018 hielt der Enkelsohn von Joseph Hess, Roberto Lichtenstein, diese Ansprache:

Osten und Westen

Liebe Anwesende,

vor ca 7 Jahren wurden die Stolpersteine meiner Grosstante Friederike und Grossonkel Moritz Lachmann verlegt. Damals schrieb ich über den Tod, der sie im Osten erwartete. Diesmal möchte ich über den Weg zum Westen berichten, der für meine Grosseltern Joseph und Rosel und meiner Mutter Else Inge das Leben bedeutete.

Aber bevor sie auswanderten, mussten sie noch Schlimmes über sich ergehen lassen. Mein Mutter Else Inge erzählte mir von der Kristallnacht im November 1938, wo die Juden von Aurich mit zusehen mussten, wie die Nazis die Synagoge niederbrannten. Meine Mutter marschierte gerade vorbei als das Dach der Synagoge einbrach. Sie hat dann jahrelang keine Streichhölzer mehr angefasst, so beindruckt war sie von diesem Ereignis.

Sie erzählte mir auch wie sehr sie gelitten hat, bis ihr Vater, der zusammen mit allen Männern verhaftet worden war, am nächsten Tag wegen seines fortgeschrittenen Alters freigelassen wurde.

Die Reise gen Westen war nicht so ganz ohne. Mein Grossvater Josef wollte eigentlich nur nach Holland auswandern und dort ein Kohlegeschäft einrichten. Meine Grossmutter Rosel hat aber gesagt „aus diesem Kontinent müssen wir weg“, und so hat der gesunde Menschenverstand über den Tod triumphiert.

Als es dann soweit war, sind sie mit dem Schiff „Monterosa“ von Hamburg aus nach Südamerika gereist. Kurz nach der Abfahrt war die ganze Familie auf Deck und mein Grossvater war auf einmal verschwunden. Als sie in fanden, hat er geweint, in tiefer Trauer seine Heimat verlassen zu müssen.

In Buenos Aires angekommen, zogen sie in eine Wohnung in einem abgelegenen und nicht gerade schönen Viertel der Grosstadt Buenos Aires. Sie hatten Untermieter und mein Grossvater hatte im Stadtzentrum einen Job. Meine Mutter erzählte, dass er für die Reise 10 Cents bekam, die Strassenbahn jedoch nur 8 Cents kostete und er sich für die zwei restlichen Cents einen Expresso gönnte.

Es müssen schwere Jahre gewesen sein, nicht nur eine fremde Sprache, überhaput ist Argentinien so anders als Deutschland und kurz nach Kriegsende fing im Land gar auch noch der Populismus an. Aber ein Teil der Familie meiner Grossmutter war auch im Land, das hat es wahrscheinlich leichter gemacht. Trotz alle dem war meine Mutter dem Land Argentinien immer dankbar, dass es die Familie grosszügig aufgenommen hatte.

Wie zuvor berichtet, durften meine Grosseltern nur 30 Reichmark Bargeld mitnehmen. Sie durften jedoch einen Container packen, wo Geschirr, Bestecke, Kleidung verpackt wurde. Ein Teil davon wurde gestohlen oder zerbrach, aber nicht alles. So konnte meine Mutter zu den jüdischen Festtagen ihre Kochkünste auf schönstem Geschirr aufführen.

Meine Mutter ging dann in die Schule und fing danach an zu arbeiten. Ende der Fünfziger Jahre bekamen sie auch eine Wiedergutmachung, mit der sie ein Appartment in einem schöneren Viertel kauften, das immer noch im Besitz der Familie ist. Günther und Elfried haben die Wohnung kennengelernt.

Kurz danach machte meine Mutter eine Reise nach USA, wo sie ihre Cousins, die Söhne von Friederike und Moritz Lachmann, besuchte. Ein unvorstellbares Abenteur mit dem Flugzeug das unzählige Male stoppte und Sauerstoffmaske zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten und auch benutzt wurden. Der Kontakt mit ihnen wurde aufrecht erhalten und wir besuchten sie ein paar Mal, auch einmal mit meiner Frau Andrea.

Inzwischen hatte mein Mutter auch meinen Vater kennengelernt und dann geheiratet. Ich kam 1962 zur Welt und kurz danach verstarb mein Grossvater Joseph mit 92 Jahren. Ich weiss, dass er sich sehr über mich gefreut hat, aber ich kann mich leider nicht an ihn erinnern.

Zuhause wurde Deutsch gesprochen, meine Grossmutter hat nie Spanisch gelernt, hat sich aber trotzdem durchgeschlagen. Ich selbst habe zuerst Deutsch gesprochen und dann Spanisch im Kindergarten gelernt. Danach ging ich 15 Jahre in eine deutsche Schule, die zu der Zeit mehrheitlich von jüdischen Schülern besucht wurde.

Als ich 13 Jahre alt war, erlebte meine Grossmutter noch meine Bar Mitzwa, verstarb dann 85-jährig im Deutschen Hospital. Ich studierte dann in Argentinien, heiratete dann meine Frau Andrea und wir hatten zwei Kinder, von denen unsere Tochter Tamara heute dabei ist. Unser Sohn Ariel ist zur Zeit in Argentinien. Sie gingen beide in eine jüdische Schule und sprechen leider kein Deutsch, was übrigens ausschliesslich meine Schuld ist.

Meine Mutter war trotz ihres starken Charakters eine liebevolle Person, sehr grosszügig und humorvoll. Sie ist vor drei Jahren in einem jüdischem Altersheim verstorben. Noch bis zuletzt haben ihre Augen geleuchtet, als sie mich kommen sah.

Und so habe ich in Kurzfassung von der Auswanderung meiner Familie gen Westen berichtet.

Ich möchte mich bedanken, dass sie alle hier dieser Stolpersteinverlegung beiwohnen und natürlich Herrn Günther Demnig, der das ganze ins Rollen brachte.

Besonders zu diesen Zeiten, wo in Deutschland der Antisemitismus wieder präsent ist, ist es so besonders wichtig, dass das schreckliche Kapitel des Nationalsozialismus nicht vergessen wird.

Vielen Dank

Recherche: Dr. Sandra Weferlin
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 251, Nr. 75/ Rep. 251, Nr. 1743/ Rep. 107, acc. 2009/075, Nr. 2624
Literatur: https://www.geni.com/people/Joseph-Hess/4996509362110102612
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 19. September 2018

Calmer Wolff (Karl) Wallheimer

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Calmer Wolff (Karl) WALLHEIMER
geboren am 17. Februar 1868 in Kirchdorf

Straße: Kirchdorf 11 (heute Kreuzstr. 6d)
Todesdatum: 21. Oktober 1942
Todesort: Theresienstadt

Calmer Wolff Wallheimer, 1.03.1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

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Calmer Wallheimer wird am 17.02.1868 in Kirchdorf geboren. Er hat zwei Schwestern Minkel und Goldine und zwei Brüder, Abraham Wolff und Samuel. Die Eltern heißen Wolff Wallheimer und Engel Aile geb. Wolff.

Die Schwestern wohnen zeitweilig auch mit Anhang in diesem Haus. Calmer Wolff (in bürgerlichem Umgang auf der Straße „Karl“ genannt) heiratet in erster Ehe Frieda Samson am 22.06.1900. Diese stirbt aber bereits am 24.09. desselben Jahres. Er heiratet noch mal am 24.05.1904 Julie Salinger aus Marienburg, Westpreußen.

Die Ehe bleibt kinderlos. Er ist Viehhändler. Das Haus in Kirchdorf liegt stadtnah und ist umgeben mit großem Grünlandbestand von gutem Bodenwert. Der Gesamtwert aller Immobilien beträgt ca. 48.000 RM, also war die Familie sehr wohlhabend. In den späten Einträgen in Akten steht unter Beruf Landgebräucher oder Rentner.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Calmer Wolff muss verkaufen, bzw. er fängt 1938 mit Verkaufsverhandlungen über sein Wohnhaus und Ländereien in Kirchdorf-Kreuzstraße (Nr. 11) und einer Hausbesitzung Nr. 166 südlich des Kanals an. Sie führen jedoch nicht zum Abschluss, sondern nur zur Verpachtung des Landes an Harm Frerich Harms – mehr dazu später im Text.
Im Haus wohnen nothalber der ruinierte Abraham Cohen (vorher wohnhaft Breiter Weg 3) mit Ehefrau Auguste und Sohn Dodo. Diese müssen später ausziehen in das Judenhaus Am Neuen Hafen 2.
Calmer Wolff zieht im Verlauf der Verkaufsverhandlungen schon 1938 mit Ehefrau und mitwohnender Schwester Minkel nach Bremen, zunächst in die Biebricher Straße 7, dem Haus seiner Schwester Goldine Grünberg. Aus hier nicht bekannten Gründen muss das Ehepaar später ohne Minkel aber mit Goldine in das Judenhaus Große Johannisstraße 85 in der Bremer Neustadt umziehen. Am 23.07.1942 werden alle von Bremen über Hannover in das KZ Theresienstadt deportiert.
Calmer Wolff Wallheimer stirbt dort bereits am 21.10.1942, vermutlich an Hunger und Entkräftung. Seine Frau Julie muss bald darauf unter ähnlichen Umständen am 10.12.1942 sterben. Seine Schwester Goldine stirbt am 25.07.1943 – amtliche Todesursache Marasmus senilis. Deren Tochter Elli Grünberg stirbt ebenfalls im Holocaust. Ihr Sohn wiederum, Hermann und Calmer Wolffs Nichte Lilly vom Kirchdorfer Weg 36 stellen später Rückgabe- und Wiedergutmachungsansprüche als Erben der überlebenden Schwester Minkel.

Die nun nachfolgenden Recherche über den im Staatsauftrag geraubten Besitz des Calmer Wolff Wallheimer zeigt in beispielhafter Weise, wie diese Verbrechenszeit nicht nur die Opfer vernichtete, sondern auch die Moral einer ganzen Gemeinde in dieser Generation schwer beschädigte. Das heißt, Erwerber jüdischen Eigentums in Aurich wussten in ihrer Zeit, dass diese sehr günstigen Opportunitäten Ergebnis staatlich organisierten Raubes waren.

Man muss diesen Erwerbern in ihrem Handeln die allgemeine Not und schlechte wirtschaftliche Lage als Folge des Weltkriegs und der großen Wirtschaftsdepression relativ zugute halten.

Diese Eigen-Beschädigungen verhinderten in der Nachkriegszeit lange Jahre jegliche lokale Aufarbeitung und Schulderkennung. Denn die Käufer der Arisierungszeit wünschten ja nichts mehr, als dass diese so Beraubten nie wiederkommen würden. Die heutige Darstellung des damaligen friedlichen Beieinanderseins der Religionsgemeinden muss vor diesem Hintergrund als Konstrukt einer Wohlfühlgeschichte gesehen werden.

Nach zahlreichen Gesetzen und Verordnungen, welche auf ein faktisches Gewerbeverbot jüdischer Handlungstätigkeit zielten, und die Beschneidung der Vermögens- und Vertragsrechte über jüdischen Grundbesitz, muss Calmer Wolff 1939 endgültig Verkaufsverhandlungen beginnen. Es meldet sich ein Harm Frerich Harms aus Kirchdorf südlich des Kanals. Dessen Vater wiederum war durch gemeinsame Gremienarbeit im Landwirtschaftsausschuss in Aurich mit Calmer Wolff bekannt.

Haus des Calmer Wolff Wallheimer, Kirchdorf Nr. 11

Beim Verkauf von Grundbesitz und Geschäften müssen per Reichserlass Stellen der Parteiorganisation, wie der Gauwirtschaftsberater, der Reichsnährstand, der Gauleiter und die örtliche Partei zwingend beteiligt werden. Letzte begnügt sich meistens mit einem eher akklamatorischen Nachtreten in Stil und Wortwahl der Seuchen- und Ungezieferbekämpfung: Das Haus ist vollständig judenfrei und alle Gegenstände entjudet zu übergeben – wie bei der Arisierung des Hauses und des Warenbestandes des Sally Goldschmidt aus der Osterstraße, geschehen.

Und zu Beginn muss der Käufer diesen gegenüber schriftliche Ergebenheitsadressen folgender Art abgeben oder entsprechende Befürwortungen erreichen: „Ich bin Parteigenosse und seit 1933 in der SS“ NSDAP Kreisleitung: […]  ist politisch zuverlässig gehört der Partei unter der Nr. an und tut aktiv Dienst als SS-Mann; meine Frau und sowohl als ich gehören der Partei an … usw.“

So muss es auch in diesem Fall gewesen sein, denn der Rechtsvertreter der Kläger Dr. Anklam bezeichnete in einer polemischen Bemerkung den Käufer Harms als SA-Mann, der auf diese Weise an das Geschäft kam.

Die Kaufpreisfestsetzung unterliegt ebenfalls den politischen generalideologischen Vorgaben dieser Zeit. Also recht günstig, die Not zwingt die Verkäufer ohnehin dazu. Verdiente Parteigenossen und Frontsoldaten sollen erwerben können. Aber nicht zu günstig, denn aufgelaufene Hypotheken örtlicher Sparkassen waren zu tilgen, und für den später vorgesehenen fiskalischen Gesamtzugriff auf das Geldvermögen sollte noch genügend Masse übrig sein.

Calmer Wolff fordert nun 17 000 RM für das Haus Nr. 11. Der Gesamtwert aller Besitzungen war 48.850 RM, wie später festgestellt wurde. Käufer Harms will jedoch nur 14.000 RM geben und weiß sich aus o.g. Gründen in guter Position. Nach Angaben eines Protokolls vom 2.12.1946, erstellt bei Dr. Anklam, wollte Harms freiwillig 17.000 RM bezahlen. Calmer Wolff bemüht sich um Hilfe beim Kreiswiesenbaumeister Lübbe, wohnhaft in der Nachbarschaft, der Calmer Wolff sogar den höheren Wert von 25.000 RM bestätigt.

Calmer Wolff unterzeichnet am 29.09.1939 deshalb unter Protest einen Kaufvertrag, der im Folgenden aber nicht mehr erfüllt wurde.

Harms ist zum Zeitpunkt des Kaufvertrags nicht im Besitz des Bauernfähigkeitsscheines. Der Reichsnährstand fordert zum Betrieb eines Bauernhofs und eines Erbhofs nach §5 Reichserbhofgesetz – das sollte hier Gegenstand der Arisierung sein –  einen erweiterten Ariernachweis – bis zu den Urgroßeltern, und zweitens die Anerbschaft, also das alleinige ungeteilte Erbrecht an einem Hof, eine standesgemäße Heirat und Kinderaufzucht im Geist der neuen Zeit soll ohnehin dabei sein. Die zweite Bedingung kann der Käufer nicht erfüllen, denn er ist der zweitjüngste und nicht zur Hofnachfolge bestimmt. Ergo kommt es durch den Einspruch des Reichsnährstandes nicht zur Vertragserfüllung. Harms zahlt als Bewohner und Landwirt eine jährliche Pacht 350 RM an Calmer Wolff.

Über die hier wirkende Blut- und Bodenideologie des Reichsministers für Ernährung Darré heißt es dazu in Auszügen und Paraphrasen:

Die Nordische Rasse habe sich ursprünglich aber nicht auf die Auslese (scharfe Ausmerze) bei den Neugeborenen beschränkt. Vielmehr sei das Ausjäten der Minderwertigen prinzipiell ein Gesetz gewesen, um die Kultur der Nordischen Rasse auf ihrer Höhe zu erhalten. In diesem Sinn pochte er auf die gesetzliche Bedeutung des Anerbenrechts, weil er darin eine züchterische Bedeutung erkannte. Das echte Ergebnis einer bewußten Hochzucht, die dem eisernen Gesetz der Leistungszucht folgte. Für die Aufnordung empfahl Darré tierzüchterische Tatsachen als Erkenntnisquelle um die Nordische Rasse durch Zucht aufzuarten.   (Gerhard Siegl –Bergbauern im Nationalsozialismus, Innsbruck 2013 – in Auszügen).

Am 17.06.1943 konfisziert das Reich wg. Reichsfeindlichkeit (!) des Besitzes und Handlungen des Besitzers die Güter des längst umgekommenen Calmer Wolff. Die Finanzdirektion Hannover verkauft und überlässt an Harms am 29.07.1943 zum Vertragskaufpreis abzüglich noch zweier anstehender Hypotheken, die Harms, bzw. dessen Eltern, tilgen. Das Haus im Ulenmoor, Kirchdorf Nr. 166 wird an den Kleinbahnbetriebsmeister Reinhard Kruse verkauft.

In den Rückgabeverhandlungen 1950 stehen als Kläger und Erben Lilly Knurr geb. Wallheimer, als weitere Erben ihre in Amerika lebenden Geschwister sowie Herman Grünberg vertreten durch Dr. Anklam und auf der Gegenseite Harms vertreten durch die RAin Luise Schapp.

Die Verhandlungen beginnen sogleich mit offensiven Schriftsätzen auf beiden Seiten, besonders mit polemischen des Anklam. Schapp führt in bekannter legalistischer Rechtfertigungsmanier aus, der Verkauf sei aus einem rechtmäßigen und deshalb auch heute gültigen Vertrag entstanden. Aber: Die absolute Grundbedingungen, nämlich Vertragsfreiheit und Privatautonomie waren durch diskriminierende Gesetzgebung nicht mehr gegeben. Es gab kein Recht mehr, nirgends (der Verf.). Der Verkauf war ungültig ex tunc.

Harms/ Schapp bietet am 14.03.1951 eine Nachzahlung von 3 bis 4000 Mark erfolglos an plus Verhandlung über Nutzungsentschädigung. Im Vergleich am 4.07.1951 endet der erste Teil dieses Prozesses.

Harms muss sämtlichen Besitz an die Kläger rückübereignen, bleibt jedoch wohnhaft und zahlt eine Jahrespacht von 800 DM an die Erben. Leistungen der Hypothekentilgung des Harms gelten als angeeignete Nutzungen in der Besitzzeit und somit als abgegolten. Harms erhält Vorkaufsrecht über den Rückkauf.

Die Erben aus New York entziehen Dr. Anklam das Mandat, welches er durch die Vergleichsannahme überzogen hätte. In den Folgejahren wird das Land rings um die Hofstelle zum Bauerwartungsland beplant mit der Folge stark gestiegener Erwerbspreise – die heutige Siedlung Kiebitzweg. Die Kläger fordern eine Entschädigung statt Restitution nach diesem neuen Wertansatz. Harms kann nur noch das Wohn- und Wirtschaftshaus zum zweiten Mal erwerben. Ob die Finanzdirektion den Verkaufspreis von 1943 an Harms zurückgezahlt hat, ist nicht bekannt.

Von dieser Amputation der betriebsnotwendigen hofnahen Flächen erholt sich der Hof nicht mehr. 1963 stirbt Harms vor der Zeit beim Ausheben eines Brunnens auf dem Hofgelände. Die fast mittellose Witwe mit z. T. noch nicht volljährigen Kindern muss verkaufen. 1976 wird es abgerissen. Der Makler Gerstmeier kauft das Grundstück und errichtet die heute sichtbare Wohnbebauung. Die Nachkommen des Harms bezeichnen dieses Haus und seine Geschichte als einzigen Fluch und Elend.

Die Geschichte des Danach lehrt, dass in Unrechtszeiten wie diesen, alle zu Verlierern werden können. Und es erklärt ein wenig die heutige Haltung der alteingesessenen Auricher Bevölkerung über diese Zeit.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 3.03.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: • Quellen: ehem. Melderegister, Kennkarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,

• Rep 20 Nr. 743; Rep 107 Nr 2801

• Interviews mit Nachkommen des Harms

Literatur:
Patenschaft: Jelda Poppen und Wilfried Schnabel
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Text für die Stolpersteine BREMEN

Calmer (Karl) Wolff Wallheimer
geb. 17.2.1868 in Aurich

Calmer Wallheimer wurde als Sohn des Schlachters Wolff Benjamin Abraham Wallheimer (geb. 4.6.1821 in Aurich) und Engeline Egle Samuel (geb. 2.11.1831) in Aurich geboren. Die Familie lebte in Aurich im Haus breiter Weg Nr. 1. Seine Mutter gebar 21 Kinder, von denen jedoch nur 10 überlebten. Die Familie Wallheimer gehörte zu den gut situierten jüdischen Familien, „Bewohner dieses Stadtteils berichteten …, dass sie als Kinder und Jugendliche oft bei Wallheimers gewesen seien, um Milch für die Familie zu holen. Der Alte, wohl Patriarch Benjamin, habe peinlich darauf geachtet, dass die gewünschte Menge auch exakt in die Gefäße gefüllt wurde. Am Scheunenausgang habe Frau Wallheimer gestanden, das Geld in Empfang genommen und, sicher, dass ihr Mann dies nicht gewahrte, fast immer einen Nachguss als Zugabe in den „Melkaker“ getan. Dies jeweils mit einem mütterlichen Lächeln.“

In erster Ehe war er mit Frieda Samson verheiratet, die 1900 starb. Später heiratete er Julie Salinger (geb. 27.9.1868 in Marienburg). Das Ehepaar war kinderlos. Sie lebten jahrzehntelang zusammen mit Calmers Schwester Minkel (Minna) Wallheimer in Aurich-Kirchdorf in der Kreuzstraße 166. Von Beruf war Calmer Wallheimer Viehhändler und Landwirt.

Als die Juden Ostfriesland verlassen mussten, zogen Calmer und Julie Wallheimer und Minna Ende 1939 zunächst in die Biebricher Straße 7 zu Calmers Schwester Goldine Grünberg. Das Ehepaar zog dann in das “Judenhaus” in die Große Johannisstraße 85. Dieses Haus gehörte von 1915 bis 1942 Goldine Grünberg. Das Haus wurde nach der Deportation von Goldine und Minna nach Theresienstadt im Jahr 1942 am 29.10.1942 “arisiert”.

Auch Calmer und Julie Wallheimer wurden am 23.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Calmer Wallheimer bereits am 21.10.1942 starb. Julie Wallheimer überlebte ihren Ehemann nur um zwei Monate und verstarb am 10.12.1942.

Nur seine Schwester Minna Wallheimer, die in der Biebricher Str. gelebt hatte und 1941 nach Theresienstadt verschleppt worden war, überlebte die Jahre im Ghetto Theresienstadt. Nach der Befreiung kehrte sie nach Bremen zurück und wohnte im Jüdischen Altersheim in der Gröpelinger Heerstraße 370. Sie starb am 27.2.1948.

Verfasserin:
Edith Laudowicz (2012)