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Prof. Adolf Friedrich Jensen

Veröffentlicht: 20. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Prof. Adolf Friedrich JENSEN
geboren am 21. Januar 1878 in Landwehr bei Kiel

Straße: Oldersumer Str. 74 (Ort des Verstecks)
Todesdatum: 6. Februar 1965
Todesort: Aurich
Adolf Friedrich Jensen wird am 21. Januar 1878 in Landwehr bei Kiel geboren. Sein Vater war dort Gutsinspektor auf dem Gut Quarmbeck. Adolf hat vier Brüder und vier Schwestern und wächst mit einer Gouvernante auf.

Prof. Adolf Friedrich Jensen, Foto: Wikipedia

Nach der Lehrerausbildung beginnt er 1899 seine Berufstätigkeit als Lehrer in Kiel. 1903 wird er nach Lauenburg versetzt, 1905 nach Hamburg.
1920 wird Adolf Jensen zum Rektor an die Neuköllner Versuchsschule „Rütlischule“ berufen. Hier kann er seine Vorstellungen von einer modernen, schülerfreundlichen Schule umsetzen. Nach Vortragsreisen im gesamten Reichsgebiet zur Reformpädagogik wird er 1929 als Professor für Methodik und Didaktik an die Technische Hochschule in Braunschweig berufen.

Im Jahr 1933 wird der Sozialdemokrat (Parteimitglied seit 1907) Adolf Jensen von den Nazis aus dem braunschweigischen Staatsdienst entlassen. Danach versucht er seinen Lebensunterhalt mit Privatunterricht zu verdienen und unterrichtet ab 1942 verwundetet deutsche Soldaten in Utrecht (NL). Seine Äußerungen „Juden seien auch nur Menschen“ werden von einer Agentin kolportiert und bringen ihn vor den Kriegsgerichtshof in Den Haag. Dort wird er zum Tode verurteilt, aber mit Rücksicht auf sein Alter nicht hingerichtet.

Als ihm kolportiert wird, dass er „auf der Flucht erschossen“ werden soll, flieht er aus den Niederlanden, erst mit dem Zug, dann zu Fuß über die Grenze und schließlich mit „Jan-Klein“ von Leer nach Aurich zu seiner Schwester. Bei ihr in Haxtum 49, heute: Oldersumer Straße 74 wird er auf dem Dachboden versteckt und kann sich nur in den Nachtstunden im Garten an frischer Luft bewegen.

Portrait von Adolf Friedrich Jensen, gemalt von dem mit ihm befreundeten Kunstmaler Rudolf Frederik

Nach Kriegsende wird er 1946 von der Technischen Hochschule in Braunschweig rehabilitiert, lehnt aber eine Lehrtätigkeit ab. Stattdessen hilft er in Aurich dabei, die SPD im Landkreis wieder aufzubauen.
Am 20.04.1947 wird Adolf Jensen für die 1. Wahlperiode des Niedersächsischen Landtages als Mitglied der SPD-Fraktion berufen und arbeitet dort bis zum 30.04.1951 als Mitglied im Schulausschuss.

In Aurich unterstützt Adolf Jensen die Gründung einer Ortsgruppe der SPD und hilft bei den Vorbereitungen für die anstehenden Wahlen zum Stadtrat und Kreistag.
Im November 1956 wird er in den Stadtrat und den Kreistag gewählt. Bis 1957 gehört er dem Kreistag und bis 1960 dem Stadtrat an.

Am 3.06.1963 wird ihm das „Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland“ verliehen.

Von 1963 an wohnt Adolf Jensen im Wilhelminenholz 4.
Er verstirbt am 6. Februar 1965.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 1.02.2023)
Foto:
Opfergruppe: Politisch Verfolgte
Quellen: https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/2232567

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Jensen_(Politiker)

Literatur: Groeneveld, Albert: Professor Adolf Jensen 23.01.1878 – 6.02.1965. Ein Sozialdemokrat und Schulreformer von ganzem Herzen, Aurich 2020

Jensen, Adolf; Lamszus, Wilhelm: Unser Schulaufsatz ein verkappter Schundliterat: ein Versuch zur Neugründung des deutschen Schulaufsatzes für Volksschule und Gymnasium, Hamburg, 1910

Patenschaft: IGS Aurich
Verlegetermin: x.04.2023 (in Planung)

David Cohen

Veröffentlicht: 20. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

David COHEN
geboren am 9. März 1925 in Aurich

Straße: Wallstraße 33
Todesdatum: überlebt
Todesort:
09.03.1925    in Aurich geboren, wohnt Wallstraße 33, Aurich

Eltern und Geschwister von David Cohen

Vor 1938       Aushilfsarbeiten bei Bauer Redenius in Kirchdorf

04.12.1938    Legale Einwanderung nach Palästina: von Aurich über Berlin nach Triest, von dort mit dem Schiff „Jerusalem“ innerhalb vier Tagen nach Palästina. Diese Emigrationsmöglichkeit wurde von einer englischen Kindereinwanderungsorganisation durchgeführt. Kurz¬fristiger Aufenthalt bei Verwandten in Palästina

Um 1940-42   Unterbringung in einem Jugenddorf, dort Erlernen landwirtschaftlicher Tätigkeiten. Zu dieser Zeit werden die Eltern und Geschwister über Veyesak nach Minsk deportiert, dort 1942 ermordet)

1942-44        Eineinhalbjähriges Leben im Kibbuz Tirat-Zvi, Tätigkeit als landwirtschaftlicher Gehilfe in Ra‘anana

1944-45        Fortsetzung dieser Arbeit zunächst in Naharija bei einer deutschstämmigen Familie, dann in der Nähe von Haifa (Kirjat Bialik)

1946-47        Tätigkeit als Bauarbeiter

Nov./Dez. 47 Einzug durch die (illegale) zionistische Armee

Nov. 1948     Anschluss an die Untergrundorganisation Hagana

Mai 1948-50   Militärdienst im neugegründeten Staat Israel. Durch eine Verwundung wird er Verbindungsmann verschiedener Organisationen (Transportsergant)

April 1950      Freistellung von der Armee

1950-54        Aufgreifen seiner Tätigkeit im Bauwesen

Seit 1954      Tätigkeit in einer Waffenfabrik

1958-1959     Rückkehr(versuch) nach Deutschland, geringe „Wiedergutmachung“ finanzieller Art, Rückkehr nach Israel

1961            Dreimonatiger Aufenthalt in Deutschland zur Beratung durch die Bundeswehr — Einweisung in gekaufte Waffensysteme.

David Cohen – 1985

Bis zur Pensionierung ist David Cohen Produktionsleiter der Waffenfabrik.

David Cohen mit Familie – 1985

Er hat zwei Söhne und eine Tochter und lebt in Yokneam in der Nähe von Haifa.

 

1983    Erste Kontakte zu Auricher IGS-Schülern (ständig aufrecht erhalten)

David Cohen mit Schülern der IGS-Aurich – 1987

1984, 1992, 2002     Besuch Aurichs zusammen mit anderen ehemaligen Mitbürgern, Unterbringung in privaten Familien; Durch Schülerbesuche und deren Eltern hat David Cohen inzwischen vielfältige Kontakte zu seiner alten Heimatstadt aufgebaut.

David Cohen bei seinem Besuch in Aurich 1992

David Cohen bei einem Besuch in Aurich – 2002

13. 03. 2009     David Cohen verstorben in YokneamElit

Das Leben in Ostfriesland

Noch vor der Pogromnacht. Bevor Cohen Aurich verließ, hatte er eine Konfrontation mit SA-Männern: Auf dem Weg zum Kirchdorfer Feld – er arbeitete bei dem Bauern Redenius – fuhr er mit seinem Fahrrad von Aurich in Richtung Kirchdorf. An der Brücke über dem Kanal traf er zwei SA-Männer, die ihn aufforderten, vom Fahrrad abzusteigen. Sie befragten ihn, wohin er wolle. Als er ihnen mitteilte, dass er auf dem Weg zur Arbeit bei Bauer Redenius sei, nahmen sie ihm sein Rad weg und warfen es in den Kanal. Mit der Bemerkung „Heute fällt die Arbeit aus!“ warfen sie auch ihn ins Wasser.

(Bericht Schülerbesuch 1983)

Erinnerung an eine Nachbarin aus der Wallstraße.

Eine damals schon ältere christliche(!) Mitbürgerin in der Wallstraße war wegen einer Behinderung auf die Hilfe und Versorgung durch ihre Nachbarn angewiesen. „Kaum krauchen konnte sie auf ihren Gliedern“ (Cohen). Cohen schildert sehr eindringlich, wie diese Frau nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten anfing, ihre jüdischen Mitbürger (Kinder) zu beschimpfen und auch ihn zu bespucken.

Bei seiner Rückkehr Ende der 50er Jahre nach Deutschland und einem kurzen Besuch in Aurich war diese Frau der einzige Mensch, den David Cohen verbunden mit persönlichen negativen Gefühlen gesucht hat. Er hat sie damals nicht gefunden.

( Bericht Schülerbesuch 1983 )

Progromnacht

Die ,Reichskristallnacht` war für meine Eltern der Anlass, meine Schwester und mich alleine nach Palästina zu schicken, weil meine Eltern nach der Kristallnacht kein Geld mehr hatten. Wir waren nicht sehr wohlhabend, aber wir hatten ein Haus. … Jeder musste sein Bußgeld bezahlen, und wir hatten kein Geld mehr. Wir hatten die Absicht, mit den Eltern nach Haifa (Palästina) oder Argentinien auszuwandern, ir¬gendwo nach Südamerika oder Zentralamerika. Aber das Geld war nicht mehr da!

Und da haben meine Eltern beschlossen, uns allein nach Palästina fahren zu lassen. Meine Schwester ist einen Monat bevor ich geschickt wurde, gefahren. Sie ist illegal unterwegs gewesen. Sie ist nachmittags angekommen, … nachdem sie fast zwei Jahre unterwegs war über Jugoslawien. Ich bin legal gekommen, ich kann mich jetzt noch erinnern. Ich bin am 04.12.1938 mit der Kinderalia, d. h. mit der Kindereinwanderung gekommen“.

(Ausschnitt Tonbandaufzeichnung März 1988)

Als David Cohen im Gespräch darauf kommt, inwiefern er bestimmte Gewohnheiten aus der alten Heimat hier in Israel weiter beibehalten hat, kommt das Gespräch auch aufs Teetrinken. Bei dieser Gelegenheit übergeben wir ihm den von der Firma Thiele und Freese — Emden — in einer hübschen Schmuckdose zur Verfügung gestellten Tee als Erinnerung an die alte Heimat.

Er freut sich darüber und wird sehr nachdenklich, als wir ihm dazu einen silbernen Löffel mit ostfriesischer Prägung schenken; als er nach der Pogromnacht seine Familie und seine Heimatstadt Aurich verlassen musste, gab ihm seine Mutter als einziges Andenken an die Familie und gleichzeitig als kleinen Wertgegenstand einen silbernen Löffel mit. Den hat er noch.

(Ausschnitt aus Notizen zum Besuch von David Cohen 1983)

Weg nach Palästina

„Ich sehe das noch ganz genau, wie ich von Zuhause wegging: Mein Vater ist mit zum Bahnhof gefahren nach Aurich. Meine Tante, die in Kirchdorf gewohnt hat, hat mich nach Berlin gebracht. In Berlin hat sich die Gruppe der Kindereinwanderungsorganisation gesammelt. Von Berlin sind wir nach Triest gefahren und von dort mit der „Jerusalem”, einem ziemlich großen Schiff, innerhalb von vier Tagen nach Palästina übergesetzt.

Zuerst habe ich einen Monat bei meinem Onkel gelebt, der in Ra’anana wohnte und zehn bis fünfzehn Jahre später nach Deutschland zurückging. Er hat mich zu meiner Tante nach Jerusalem geschickt. Ein Jahr später bin ich irgendwie in ein Jugenddorf gekommen. Zwei Jahre habe ich dort gelernt, später bin ich in einen Kibbuz gegangen für eineinhalb Jahre. Der Kibbuzz heißt Tirat-Zwi.

Am 4. Dezember 1939 bin ich hier angekommen. Ich bin legal gekommen, als ich erst 14 Jahre alt war. Im Jahre 1938 wurde ich dreizehn Jahre alt. Da haben wir meine Konfirmation (jüdisch: Bar Mitzva; Anm. d. Autors) gefeiert. Das war das letzte Mal, wo meine ganze Familie zusammen war. … 1938 ging es allen ziemlich dreckig.

Den Silberlöffel, den meine Mutter mir mitgegeben hat, habe ich noch, er ist noch vorhanden.

An sehr viele Sachen von früher kann ich mich nicht erinnern. Ich habe einen Teil vergessen. Ich habe nur die schönen Sachen erzählt!“

(Ausschnitt Tonbandaufzeichnung März 1988)

„Ich habe als landwirtschaftlicher Gehilfe gearbeitet. Nachdem ich den Kibbuzz verlassen habe, bin ich nach Naharija gegangen. Dort habe ich gearbeitet bei einer deutschen Familie, die einen großen Viehstall hatten. Der war der erste, der Weiden gehabt hat, wo die Kühe draußen geweidet haben. Der hat … an die fünfzig Kühe gehabt. Damals hat man die Kühe noch mit den Händen gemolken. Anschließend habe ich in der Gegend von Haifa bei einer Familie gearbeitet, ich habe die Landwirtschaft geführt.

Dann wurde ich Bauarbeiter, hauptsächlich musste ich Baumaschinen, Betonmaschinen und Kräne bedienen. Im November 1947 hat man mich eingezogen, dann war ich Soldat. Nachdem der Staat Israel ausgerufen war, kurz nach dem Mai 1948, wurde die israelische Armee gegründet. Dann habe ich zwei Jahre Wehrpflicht gemacht. Ich wurde offiziell in die Armee eingezogen, ich habe zwei Jahre gedient. Durch eine Verwundung wurde ich Verbindungsmann zwischen verschiedenen Positionen auf dem Motorrad. Anschließend wurde ich Transportsergeant bei einer gemischten Abteilung. Im April 1950 wurde ich vom Militär befreit. Bis 1954 war ich wieder am Bau tätig.

Und vom Februar 1954 bis zum heutigen Tag arbeite ich in einer Fabrik, die mich öfter nach Deutschland geschickt hat. Das Paradoxe dabei ist, dass im Jahre 1961 ich zur Bundeswehr geschickt worden bin, um eine Einweisung in gekaufte Waffensysteme zu ermöglichen.

Nachher ging das Leben normal weiter, ich habe drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter“.

(Ausschnitt Tonbandaufzeichnung März 1988)

Recherche: Wolfgang Freitag
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 7.02.2019
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Ursula und Wolfgang Freitag
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Caroline Wolff verh. Rothfeld

Veröffentlicht: 11. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

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Caroline WOLFF verh. Rothfeld
geboren am 5. Februar 1921 in Aurich

Straße: Wallstraße 54/54a
Todesdatum: überlebt
Todesort:
Lea Rothfeld wird am 05. Februar 1921 als Caroline Wolff in Aurich geboren und von ihren Eltern und Geschwistern „Lina“ gerufen. Sie ist das erste Kind des Viehhändlers Daniel Wolff und dessen Frau Henny, geborene Hartogsohn. Lea hat drei jüngere Geschwister: Ihre Schwester Senta ist nur eineinhalb Jahre jünger als sie, 1924 wird ihr Bruder Ernst geboren und 1929 folgt das Nesthäkchen Helmut.

Die Geschwister wachsen in Aurich behütet auf, die Familie Wolff ist in Aurich „alteingesessen“ und Leas Vater Daniel hat eine ganze Reihe von Geschwistern, die in Aurich und der näheren Umgebung leben. Die Familie wohnt zunächst in der Fockenbollwerkstraße Nr. 12, später in Nr. 16.
Die Geschäfte des Vaters laufen gut, sodass Henny, Leas Mutter, im Haushalt regelmäßig von Hausmädchen unterstützt wird. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 ändert sich diese positive Situation grundlegend: Noch im selben Jahr wird ein Gesetz erlassen, dass das Schächten von Tieren verbietet und damit Leas Vater die Ausübung seines Berufes unmöglich macht. Drei von Leas Onkeln verlassen Deutschland bereits in jenem Jahr: Jonas emigriert in die USA, Hermann und Levi (genannt Louis) ziehen in die Niederlande.

Daniel, Leas Vater, bleibt mit seiner Familie jedoch zunächst in Aurich, er ist nach der Aufgabe seines Betriebes als Arbeiter tätig. Da er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, hofft er möglicherweise auch, dass ihm und seiner Familie zu weitgehende Schikanen erspart bleiben.
1936 zieht die Familie in das Haus in der Wallstraße 56 um, hier bewohnen die Wolffs fortan die gesamte obere Etage. Lea wohnt hier jedoch nur sehr kurze Zeit, denn sie hatte die Familie bereits am 1. Mai 1935 verlassen, wohl, um in Wolfrathshausen „in Stellung zu gehen“. Am 03. April 1936 kehrt sie für rund fünf Wochen zurück nach Aurich, jedoch nur, um schon am 14. Mai 1936 erneut umzuziehen – diesmal nach Frankfurt am Main. Es ist unklar, welcher Tätigkeit Lea dort nachging und ob sie wirklich länger in Frankfurt wohnte. Möglicherweise war sie als Hausmädchen tätig, ihre Schwester Senta übernimmt zur etwa gleichen Zeit eine Stelle als Hausmädchen in Aurich, sie arbeitet bei Familie Sternberg.
Später versuchen zwei von Leas Geschwistern, durch eine landwirtschaftliche Ausbildung ihre Chancen für eine Auswanderung nach Palästina zu erhöhen – so sind Ernst und Senta ab 1938 auf „Lehrgütern“ tätig: Sie hoffen, auf legalem Wege nach Palästina einwandern zu dürfen, eine Hoffnung, die sich letztendlich leider nicht erfüllt.

Lea schlägt hier, wohl auch unter dem Eindruck der immer stärker zunehmenden Repressionen sowie der durch den Kriegsausbruch erschwerten Auswanderungsmöglichkeiten einen anderen Weg ein: Sie versucht, illegal nach Palästina zu gelangen.
Am 16. August 1940 beginnt für Lea eine sehr beschwerliche und abenteuerliche Reise: So schlägt sie sich per Schiff über die Donau schließlich bis zum Hafen Sulina in Rumänien durch. Das Schiff ist klein und überfüllt und droht mehrfach auf dem Fluss zu kentern. Lea ist heilfroh, als sie endlich den Hafen Sulina erreicht und dort am 11. Oktober 1940 die Fahrt nach Palästina antreten kann.
Das Schiff, das sie nach Palästina bringen soll, heißt „Pacific“. Es handelt sich um ein altes Frachtschiff, auf dem eigentlich nur rund 100 Personen transportiert werden sollten. Als die Pacific ausläuft, sind jedoch rund 1000 Menschen an Bord. Das Schiff ist gefährlich überladen und völlig überfüllt – es herrschen katastrophale hygienische Zustände, es gibt kaum Trinkwasser und gerade einmal einen einzigen Ofen, der Wärme spendet. Geschlafen werden kann nur abwechselnd, andernfalls reicht der Platz nicht aus.

Die Fahrt dauert bis zum 14. November – an diesem Tag wird die Pacific von zwei englischen Kriegsschiffen aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet. Um der illegalen Einwanderung Herr zu werden, beschließt die britische Mandatsregierung direkt darauf, alle illegal eingewanderten Personen bis Kriegsende in eine britische Kolonie zu deportieren. Lea soll daher mit den übrigen Passagieren der Pacific sowie weiteren illegalen Einwanderern mit der in Haifa liegenden Patria nach Mauritius gebracht werden. Um die Deportation der Flüchtlinge zu verhindern, schmuggelt die jüdische Widerstandsgruppe Haganah Sprengstoff an Bord des Schiffes: Die Patria soll seeuntüchtig gemacht werden. Doch dieser Versuch, die Aufnahme der Flüchtlinge zu erzwingen, schlägt gründlich fehl, da die Haganah die Sprengstoffmenge falsch berechnet. Die Patria sinkt im Hafen von Haifa, 270 Menschen kommen ums Leben. Lea überlebt zum Glück, doch darf sie sich zunächst doch nicht in Palästina niederlassen: Sie und die anderen Überlebenden des Unglücks werden im Lager Atlit in Palästina interniert.
Es ist unklar, wie lange sie dort bleiben muss – die letzten Internierten werden erst am 10. Oktober 1945 von der Haganah befreit. Lea lässt sich nach ihrer Internierung im Kibbutz Be´erot Yitzhak nieder und heiratet Abraham Rothfeld.
Von ihrer Familie überlebt nur ihr Bruder Ernst den Holocaust. Er wandert nach dem Krieg nach Israel aus und nennt sich Asher Wolff, nach seinem Großvater.

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 28.01.2018)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: – geni.com (Genealogiedatenbank)- http://www.infocenters.co.il/gfh/notebook_ext.asp? book=133459&lang=eng&site=gfh, Zugriff vom 12.10.2014
Literatur: http://records.ancestry.com/henny_hartogsohn_records.ashx?pid=76251347, Zugriff vom 12.10. 2014

http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/album_Auschwitz/index.asp

http://de.wikipedia.org/wiki/Atlit

http://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/ksp/schwarzmeer/juden_flucht_schiffe.htm
http://www.wlb-Stuttgart.de/seekrieg/ksp/schwarzmeer/juden_flucht_schiffe.htm

http://www.hagalil.com/archiv/2000/11/patria.htm

http://www.hagalil.com/israel/geschichte/palaestina-5.htm

https://stolpersteineaurich.wordpress.com/1914/12/08/levi-louis-wolff/, Zugriff vom 3.12.2014

Patenschaft: Amtsgericht Aurich/Ulrich Kötting
Verlegetermin: 27. Januar  2015

Dr. Werner Knurr – Ansprache am 23.10.2017

Veröffentlicht: 7. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Dr. Werner Knurr – Ansprache anlässlich der Stolpersteinverlegung am 23.10.2017

Ich bin sehr glücklich, heute hier sein zu können. Für die Einladung zu einer Rückkehr an meinen Geburtsort möchte ich mich herzlich bedanken. Es ist für meine Familie und mich eine Ehre heute hier sein zu können.

Mein  besonderer Dank gilt Frau Irmtraut Hausmann für die Stolperstein Patenschaft und Frau Christiane Messner für ihren Einsatz und ihr tiefes Verständnis bei der Recherche zu meiner Familie.

Vielen Dank auch an Günther und Elfriede Lübbers für alle Unterstützung  und den hilfreichen Kontakt über all die Jahre. Ich freue mich, Euch mit Beauly und Enya endlich persönlich kennen lernen zu können.

Schließlich auch vielen Dank an meine Freunde Tom und Jeanette Eilers, die Goldie und mich auf dieser Reise begleiten und an diesem für uns bedeutsamen und bewegenden Anlass heute bei uns sind.

Für meine Probleme mit der deutschen Sprache bitte ich um Verständnis und Geduld. Es war für mich nicht einfach, meine Familiengeschichte auf 20 Minuten zu verdichten. Einige von den hier Anwesenden haben mit ihren Familien vielleicht eine ähnliche Geschichte erlebt.

Es war im Jahr 1963. Ich war Captain in der US Air Force. Ich fuhr am Rhein entlang Richtung Aurich. Ich trug weder meine Uniform noch ein Namensschild und hatte kein Zimmer im Piquerhof reserviert. Als ich mich dort an der Rezeption anmelden wollte, tippte mir jemand auf die Schulter und sagte: „Verzeihung, sind sie nicht Hermann Knurr?“ Ich antwortete „Nein, Ich bin Werner, der Sohn von Erich. Hermann ist mein Onkel!“ Stellen Sie sich meine Überraschung vor! Nach 25 Jahren erkannte mich der Hotelbesitzer als ein Mitglied der Familie Knurr! Die drei Männer waren Schulkameraden gewesen. Ich sah meinem Onkel ähnlicher als meinem Vater.

Etwas später betrat ich das ehemalige Knurr Geschäft, das die Diermanns gekauft hatten und nun ein Obstgeschäft war. Im 3. Stock fand ich zu meiner Überraschung noch die Kleiderbügel und –haken von meinem Opa Lippmann. Das traf mich ins Herz und ich musste weinen. Das war meine erste Rückkehr nach Aurich.

14 Jahre später, im Jahr 1977, kam ich erneut nach Aurich um meinen  vier Kindern und meiner wunderbaren Frau Goldie zu zeigen, wo ich geboren bin und wo sich meine Wurzeln befinden.

Ich möchte jetzt in das Jahr 1938 zurückgehen, das Jahr unseres Exodus. Meine liebe Mutter Melanie, die ich in seliger Erinnerung behalte, hatte die Weitsicht, unsere Pässe bereits ein Jahr zuvor zu beantragen. Wie prophetisch! Aber sie war noch in anderer Hinsicht prophetisch. Ebenso wie viele jüdische Männer wollte auch mein Vater zunächst allein nach Amerika auswandern, um Arbeit und Wohnung zu finden und uns dann später nachzuholen. Meine Mutter erklärte damals: „Wenn Du uns verlässt, wirst Du uns nie wieder sehen!“  Sie sah das Menetekel an der Wand! Mein Opa Lippmann weigerte sich, seinen Pass zu beantragen und meinte, „Einem alten Mann wie mir werden sie nichts tun!“  Wir verließen Aurich nachdem uns ein hilfreicher Polizist gewarnt hatte, dass die Verhaftung meines Vaters kurz bevor stand.

Es gab Probleme mit unseren Visa. Damals war ich fast drei Jahre alt. Mein Vater musste aus Holland zurück nach Deutschland und dort zwischen Hannover und Hamburg hin- und herfahren um Visa für Belgien zu erhalten. Schließlich gelang es ihm, Visa für Frankreich zu bekommen. Während wir auf die Rückkehr meines Vaters warteten, mussten wir auf einem Bahnhof und dann in einem jüdischen Obdachlosenheim übernachten. An der holländischen Grenze passierten wir schwer bewaffnete Grenzposten. Eine Situation voller Angst und Stress.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris fuhren wir weiter nach Le Havre und gingen dort an Bord der SS Manhattan. Wir erreichten den Hafen von New York nach einer 7-tägigen Fahrt über den Atlantik. Da ich noch so jung war, kann ich mich kaum an die Überfahrt erinnern, nur daran, dass ein Waschlappen über Bord ging und meine Mutter und ich ziemlich seekrank waren.
Wir reisten zwar Erster Klasse, die Karten hatten wir lange zuvor gekauft, durften aber nur wenig Geld bei uns führen, gerade mal 100 Mark (25 Dollar pro Erwachsenen und nichts für ein Kind). Bevor wir Aurich verließen hatte mein Vater in einem Armenviertel Aurichs das Bargeld, das er nicht mitnehmen durfte, an die Leute verteilt.

Zum Glück war es uns möglich gewesen, unsere Möbel vor unserer Abfahrt zu verschicken.

Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was es bedeuten muss, wenn  man  sich von seinem Vater verabschieden muss mit der Gewissheit ihn nie wiederzusehen, wenn man von seinem Land, seinem Vaterland, Abschied nehmen muss, von seiner Muttersprache, seiner Synagoge, seinem Geschäft, einfach von allem und jedem, was einem in der Welt etwas bedeutete hat. Ich glaube, das könnte ich nicht über mich bringen. Ich hätte einfach nicht den Mut und die Kraft, das zu tun.

Als wir die Freiheitsstatue erblickten, weinten meine Eltern.
Als wir das Schiff verließen, erwarteten wir Cowboys und Indianer und waren verängstigt, als wir den ersten Farbigen sahen.
Wir kamen in New York am 27. Oktober 1938 an, genau zwei Wochen vor der Reichspogromnacht.

Der Einwanderungsbeamte fragte meinen Vater, ob wir unseren Namen ändern wollten. Mein Vater erwiderte: „Es ist schon nur eine Silbe. Was soll ich daraus noch machen?“ Darüber musste mein Vater herzlich lachen.

Einige Tage später fuhren wir mit dem Zug nach Baton Rouge, Louisiana. Vaters Schwester und ihr Mann, Erich Sternberg , waren schon zwei Jahre zuvor dorthin aus Aurich geflohen und hatten dort ein Kaufhaus erworben. In Aurich war Sternberg unser Konkurrent. Die beiden und Dr. Melville Sternberg hatten für uns eidesstattlichen Erklärungen unterschrieben, ohne die wir nicht hätten in die USA einreisen können.

Papa arbeitete im Warenlager für seinen Schwager. Sie stritten sich und mein Vater wurde entlassen.

Schon vor der Emigration hatte mein Vater  in der sicheren Annahme, dass es ohne Englischkenntnisse schwierig sein würde, eine Arbeitsstelle zu finden, eine sechswöchige Fußpfleger Ausbildung absolviert. Er eröffnete eine entsprechende Praxis in Louisiana und wurde prompt von der Polizei verhaftet, da er keine Lizenz hatte. Da er aber kein Englisch sprach, konnte er auch nicht die Prüfung ablegen. Er suchte also nach einem Bundesstaat, in dem er auch ohne Lizenz  praktizieren konnte. Es gab drei. Am dichtesten lag Alabama. Er nahm also den Zug nach Montgomery und fand die dortige jüdische Gemeinde gleich sehr ansprechend. Also ließen wir uns dort nieder.

Papa arbeitet dort als Fußpfleger, konnte damit aber nicht den Lebensunterhalt verdienen, da er nur einen oder zwei Dollar für eine Behandlung verlangte. Er besaß die besten und einzigen elektrischen Behandlungsinstrumente, was ihm den Neid seiner Kollegen einbrachte.

Papa wurde von der“ Jewish Federation“ finanzielle Unterstützung angeboten, die er aber ablehnte. Er war dafür zu stolz und meinte nur: „Besorgt mir einfach einen Job!“

Er arbeitete in der Nachtschicht auf einem Schrottplatz für 13 Dollar die Woche. Davon schickte er noch jede Woche 1-2 Dollar zur Schweizer Botschaft in Havanna, Kuba, für seinen Opa Lippmann, der noch immer in Deutschland lebte. Wir bezweifeln, dass er je etwas von dem Geld erhalten hat.

Das Leben war hart. Papa war 38 Jahre alt, Mama 28. Am Sabbat konnte er es sich nur leisten, Mama die 10 Cent Zitronen Drops mitzubringen, statt der teuren Bonbons wie früher in Aurich.  Das waren anrührende Momente.

Um Geld zu sparen gingen wir zu Fuß in die Stadt, anstatt für 5 Cent mit dem Bus zu fahren und wir teilten einen 5 Cent Hershey Schokoladenriegel durch drei. Wir waren wirklich sehr arm!

Papa hatte verschiedene Jobs, zum Beispiel arbeitete er für 5 Dollar am Tag in einem Schuhgeschäft, bevor er Arbeit bei Solomon Brothers Wholesale Dry Good bekam.

Im Jahr 1945 lernte mein Vater den Fleischer Leo Glick kennen, der über etwas Geld verfügte.  Papa verfügte über die Geschäftserfahrung. Also gründeten die beiden zusammen ein Geschäft im schwarzen Viertel der Stadt: „Glick and Knurr General Merchandising“. Glicks Namen setzen wird als ersten, weil er „Glück“ bedeutet. In dem Geschäft wurde alles verkauft: Lebensmittel, Früchte, Gemüse, Fleisch, Haushaltswaren, Medizin, Bier und Kleidung. Der Laden hatte 7 Tage in der Woche geöffnet, 12 Stunden jeden Tag, 14 am Samstag und 6 am Sonntag. Nach einigen Jahren starb Mr Glick und Papa zahlte die Witwe aus. Wir hofften, dass uns das „Glick“ dennoch treu bleiben würde.
Erst 1953, während meines ersten Studienjahres an der University of Aabama, konnten wir es uns leisten, ein Haus zu kaufen. Es war mit einer hohen Hypothek belastet. Unser erstes Heim in Amerika! Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie innerlich bewegt Papa war, als er die Vertragsurkunde für das Haus in den Safe des Ladens legte. Er hatte bereits 1950 im Alter von 50 Jahren seinen ersten Herzinfarkt erlitten und war Gott dankbar, dass er diesen Tag erleben durfte.

Papa trug zur Arbeit  immer Anzug und Schlips, immer ein Gentleman. Mama arbeitet Tag für Tag an seiner Seite. Es war ihr hoch anzurechnen, dass sie mit über 40 Jahren noch ihre Führerscheinprüfung ablegte.  Papa arbeitete jeden Tag in dem Geschäft bis er 1964 im Alter von 63 Jahren verstarb. Etwa zwei Jahre nach seinem Tod erlitt Mama einen schweren Schlaganfall. Sie lebte noch 13 Jahre in einem Pflegeheim und starb im Alter von 67 Jahren. Ich  bin mir sicher, dass die schweren Belastungen der Auswanderung zu ihrem schon so früh einsetzenden gesundheitlichen Verfall beigetragen haben.

Während des 2. Weltkriegs wollte Papa in die US Armee eintreten, wurde aber abgelehnt, weil er zu alt war und ein Kind zu versorgen hatte. Das FBI kontaktierte  ihn, um für eine mögliche Invasion am  D-Day Informationen über den deutschen Küstenbereich zu erhalten. Andere Optionen für eine Landung waren die Normandie, Calais  und Le Havre. Auf diese Weise diente er seiner neuen Wahlheimat. Das FBI bat ihn auch um die Etiketten aus seinen in Deutschland hergestellten Anzügen, die dann in die Anzüge von amerikanischen Spionen eingenäht wurden.

Ich musste für drei Jahre bis zum Alter von 7 Jahren in den Kindergarten gehen um English zu lernen. Das brachte ich dann zu Hause meinen Eltern bei. Meine Mutter sprach schon bald ein perfektes Englisch mit nur leichtem Akzent, aber mein Vater sprach nur ein gebrochenes Englisch garniert mit vielen Kraftausdrücken.
Im Jahr 1943 wurde meine Schwester Evelyn Gerta geboren – genau zu dem Zeitpunkt waren mein Vater und ich im Kino und sahen „Casablanca“ mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann. Wie peinlich!

Ein besonders komisches Ereignis war es, als Papa ein Telegramm von Göbbels erhielt, in dem er die Rückkehr meines Vaters nach Deutschland verlangte, damit er seinem Vaterland dienen könne. Er war 1918 in die Deutsche Armee eingezogen worden und gerade an die Front marschiert, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Ich nehme an, „Knurr“ ist kein typisch jüdischer Name. Mein Vater  jedenfalls zerknüllte das Telegramm und warf es in den Kamin. Heute wünsche ich mir, ich hätte das Papier aufgehoben. Ich hätte mich vielleicht viel eher zur Ruhe setzen können!

Im Jahr 1944 wurden wir stolze amerikanische Staatsbürger!
In dem Jahr sah ich meinen  Vater zum ersten  Mal weinen. Er hatte ein Telegramm vom Roten Kreuz erhalten, das ihn darüber informierte, dass sein Vater, Lippmann, 1942 gestorben war. Diese Szene hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt.

Als Kind und später als Jugendlicher hatte ich Albträume, in denen ich auf einen Bahnhof voller Sturmsoldaten blickte. Dieser wiederkehrende Albtraum und die Worte meines Vaters „Halte deinen Pass in Ordnung, einen Koffer gepackt und etwas Reisegeld bereit, da der Holocaust jederzeit überall wieder geschehen kann“ blieben mir immer bewusst und prägten den Rest meines Lebens.

Auch in den dunkelsten und schwierigsten Tagen war für meine Eltern klar, dass ihr Werner an der Universität studieren würde. Es war für sie von vorrangiger Bedeutung, dass ich eine gute Ausbildung erhielt. Während meiner gesamten Ausbildung besuchte ich öffentliche Schulen in Alabama und wurde schließlich im Jahr 1960 voll ausgebildeter Arzt.

Im Jahr 1961, als die Berliner Mauer errichtet wurde, wurde ich als Captain in die US Air Force eingezogen. Welch kolossale Ironie der Geschichte im Hinblick auf unsere Familie: Wir mussten gezwungenermaßen aus Deutschland fliehen und nun war ich einberufen, um Berlin vor den Sowjets zu schützen! Ich war froh, meinem neuen Heimatland dienen zu können,  in Dankbarkeit und Stolz und als Rückzahlung einer großen Schulden – eine edle Pflicht!

Nach meiner Entlassung aus der Air Force wurde ich Radiologe und praktizierte zunächst in Pennsylvania und später in Florida. Mit 70 Jahren ging ich in den Ruhestand und zog mit meiner Frau Goldie nach Aspen, Colorado und dann in die Berge nach Roaring Fork Valley.

Ich hatten vier Kinder. Der Sohn Erich Lippmann Knurr, nach meinem Vater und Großvater benannt, starb schon im Alter von 49 Jahren. Vielen Dank Elfriede für das wunderschöne Gedicht, das Du mir bei der Nachricht von seinem Tod geschickt hast.

Goldie hat zwei Kinder, von denen eines in der Israelischen Armee dient. Alle unsere Kinder und Enkelkinder haben eine gute Ausbildung erhalten – ein Zeichen für den Einfluss unseres kulturellen Erbes.

Wir hatten sieben Enkelkinder, von denen eines, Joshua, im Alter von zehn Monaten starb. Meine Schwester Evelyn starb im Alter von 70 Jahren.

Wir waren immer und sind auch heute eine stolze Familie mit dem Motto „Klein, fein, rein“.

Heute sind Goldie und ich aktive Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Aspen, Colorado. Goldie arbeitet mit im Vorstand der Gemeinde, ich helfe gelegentlich als Rabbi oder Kantor aus. Aufgrund meines Alters und meines  Engagements werde ich oft als Patriarch der Gemeinde angesehen. Wir unterrichten beide Hebräisch und bereiten die Kinder auf ihre Bar und Bat Mitzvah, ihre religiöse Mündigkeit, vor. Wir haben auch Englisch als zweite Fremdsprache für Latinos unterrichtet.

Wie Sie sich sicher vorstellen können, sind wir sehr aktiv in Organisationen, die gegen Massenausweisungen kämpfen.

Am Ende möchte ich noch ein kurzes Lied singen, das mir meine Mutter im Kindergartenalter beigebracht hat. Sie sind herzlich eingeladen mit mir zu singen!

Ich wünsche Ihnen  allen Gottes Segen und –  Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika!

„Kommt ein Vogel geflogen“

Dr. Werner Knurr – Speech for Aurich (23.10.2017)

Veröffentlicht: 7. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Speech for Aurich from Dr. Werner Knurr  (23.10.2017)

I am very happy to be here.  Thank you for inviting me to return to the place of my birth and for bestowing this honor upon me and my family.

Many thanks to Frau Irmtraud Hausmann for donating my stolperstein, and to Christiane Meissner for her encouragement and profound understanding.

My thanks to Gunther and Elfriede for everything over all the years of correspondence.  I finally get to meet you and Beauly and Enya.

Lastly, thank you to my friends, Tom and Jeanette Eilers, for accompanying Goldie and me on this trip and for participating in this momentous occasion.

I apologize for my weak and slow German and beg your indulgence. It has not been an easy task to condense my family’s history into twenty minutes. For some of you here today, this story may be similar to what you or your families experienced.

The year was 1963.   I was a Captain in the United States Air Force. I drove up the Rhine to Aurich. I did not wear my uniform, nor did I have my nametag, nor did I have a reservation at the Hotel Piquerhof.  As I picked up the pen to sign the registry, a man tapped me on the shoulder and said in German, ”Excuse me, but are you Hermann Knurr?” I responded in German, ”No, I am Werner, son of Erich. Hermann is my uncle.”  Imagine my schock!  After 25 years he, the owner of the hotel, recognized a Knurr.  All three men had been schoolmates. I resembled my uncle more than I did my father.
Later, I toured the Knurr store, which had been bought by the Diermann’s and had become a fruit and vegetable store (obst geschaft). On the third floor, to my great surprise, my Opa Lippmann’s clothes racks and hangers were still there!  I broke down and cried.That was my first return to Aurich.

The next was 34 years later in1977, to show my four children and my beautiful fiancé`, Goldie, where I was born, my roots, as it were.

Now let us go back in time to the year 1938, the year of our exodus. My dear Mother, Melanie, of blessed memory, had the foresight to get our passports a year in advance.  How prophetic! But she was prophetic in more than one way.  As so many Jewish men did, my father wanted to come to America first to find a job and housing and then send for us later.  My Mother declared, “ If you leave us, you will never see us again!” She saw the handwriting on the wall.  My Opa Lippmann refused to get his passport, saying, “They won’t bother an old man like me!” We left Aurich after a friendly policeman warned my father that he would be arrested shortly.
There were problems with our visas.  At this time, I was almost three years old. Papa had to travel back to Germany from Holland and go back and forth between Hannover and Hamburg in an effort to get Belgian visas. He finally secured visas to go to France. In the meantime, awaiting Papa’s return, Mama and I stayed overnight in a train station and in a Jewish stranger’s home. We had to pass through heavily armed checkpoints when we crossed the Dutch border.  Quite stressful!

After a few days in Paris, we travelled to Le Havre where we boarded the SS Manhattan and travelled the seven days across the Atlantic to arrive at the Port of New York.  Since I was so young, I remember very little of the trip, except that we lost a washcloth overboard and mother and I were quite seasick.
We travelled first class because we could take very little money with us, just DM100 ($25 per adult and nothing for me).  Prior to leaving, Papa also went to the poor section of town in Aurich and gave much of his money away. Fortunately, we were able to ship our furniture in advance  of our departure.
Imagine, if you can, saying goodbye to your father, knowing you would never see him again, to your country, to your Fatherland, to your mother tongue, to your synagogue, to your store, to everything and everyone in the world that meant  anything and everything to you. I don’t think I could or would do it.  I would not have had the courage or the strength.

When we first saw the Statue of Liberty, mama and papa wept.  Upon disembarking we expected to see cowboys and Indians, and were frightened by the first black person we saw!  We arrived New York on October27, 1938, two weeks before Kristallnacht.
The immigration official asked my father if he would like to change our name?  Father responded,” It is already one syllable.  What would you have me do to it?”  This caused my father to laugh rather heartily.

After a few days, we took the train to Baton Rouge, Louisiana. Lea, Papa’s sister, and her husband, Erich Sternberg had arrived about two years earlier and had already purchased a department store. Sternberg was our former competitor in Aurich. It was they and Dr. Melville Sternberg who signed affidavits of support, without which, we could not have entered the United States.
Papa went to work in the stockroom for his brother-in-law, Sternberg. They quarreled, and he fired Papa.

Prior to emigrating, knowing that he might encounter difficulties in obtaining employment and coupled with not knowing English, Papa apprenticed for six weeks as a chiropodist (podiatrist as it is known today).   He opened an office in Louisiana and was promptly arrested by the police for practicing without a license.  Since he didn’t know the language he couldn’t take the examination.  He then checked the directory for states that did not require an examination to obtain a license.  There were three.  The closest was Alabama. He took a train to Montgomery and he liked the orthodox Jewish congregation there. And that is where we settled.
Papa practiced podiatry for a year or so, but couldn’t make a living, charging only a dollar or two for a visit.  Incidentally, he had the best and only electrical instruments in town, causing much jealousy among his colleagues.
Papa was offered money (charity) from the Jewish Federation, which he declined, being too proud to accept, exclaiming, “Just get me a job!”

He worked the midnight shift 12 to 8 in a junk yard (scrap metal) for $13 a week, from which he sent $1or $2 every week to the Swiss Embassy in Havana, Cuba, for Opa Lippmann who was still in Germany. We doubt that he ever received it.
Life was hard.  Papa was 38 years old and Mama was 28. On Shabbat he was only able to bring Mama 10 cents lemon drops, instead of expensive bon-bons as in Aurich. It was a touching moment.

To save money, we walked to town instead of paying 5 cents bus fare each, and we divided a 5 cents Hershey chocolate bar three ways. Indeed we were so very poor!
Papa had several jobs, before getting a position at Solomon Brothers Wholesale Dry Goods business, where he worked for  four years. On Saturdays , our Sabbath, he worked in a shoe store for $5 a day.

In 1945 my father met Leo Glick, an illiterate butcher who had some money.  Papa had the business experience. So they went into business together: Glick and Knurr General Merchandise, in the black section of town.  We put Glick’s name first as it means “luck”. The store sold everything:  groceries, fruit, vegetables, meat, hardware, patent medicines, beer and clothing and was open 7 days a week, 12 hours a day, 14 on Saturday and 6 on Sunday.  After a few years Mr. Glick died and Papa bought out his widow.  We hoped luck, “glick”, would stay with us.

Not until 1953, during my first year at the University of Alabama, were we able to buy a house. It had to be heavily mortgaged.  Our first home in America! I remember vividly how emotional Papa got when he put the deed to the house in the store safe, for he had already suffered his first heart attack in 1950 at age 50, and he was grateful to God for having allowed him to reach that day.

Papa always wore a suit and tie to work, always the gentleman.  Mama worked beside him everyday. To her immense credit, when she was in her forties, she learned to drive a car. Papa worked at the store every day until he died in 1964 at the age of 63. Mama had a severe stroke about two years following Papa’s death and lived in a nursing home for13 years, dying at age of 67.  In my opinion, the severe stress of immigration, coupled with some bad genes, contributed to their early demise.

Papa tried to join the United States Army during WW11, but was rejected because he was too old and he had a child.  But the FBI sought him out for topographical information regarding the Lowlands for a possible invasion site for D-Day.  Other sites for consideration were Normandy, Pas de Calais and LeHavre.  In this way he was serving his newly adopted country. The FBI also requested the labels from his German made suits, to be sewn into the suits of American spies.

I had to attend kindergarten for three years until age seven to learn English, which I brought home to my parents. After some time Mother spoke a perfect, if slightly, accented English.  But, Father spoke a broken English laced with a lot of profanity!
In 1943, my sister, Evelyn Gerta was born, while Papa and I were at the movies watching “Casablanca” with Humphrey Bogart and Ingrid Bergman! How embarrassing!

A most comical event occurred when Papa received a telegram from Goebbels demanding he return to Germany to serve his fatherland.  He had been drafted into the German army in 1918 and was marching to the front when the armistice was declared.  I guess Knurr is not a typical Jewish name.  Anyway, Father crumpled up the telegram and threw it in the fireplace. I sure wish I had kept that piece of paper. I could have retired much earlier!

We became proud American citizens in1944! That year was the first time I saw Father cry. He had received a telegram from the Red Cross informing him that his father, Lippmann, had died in 1942, a scene indelibly imprinted in my mind’s eye.

As a child and then as an adolescent, I had nightmares in which I was looking down on a railroad station filled with storm troopers.  This recurring nightmare and what Papa always said, “Keep your passport in order, a suitcase packed, and some travelling money ready, for a Holocaust could happen again anywhere you are!” stayed with me and colored the rest of my life.

Throughout our darkest and most difficult days, Werner was going to go to the university.  My getting a good education was of paramount importance to my parents.  I attended public schools in Alabama for my entire education, becoming a Doctor of Medicine in 1960.
In 1961 on the day I finished my internship, as the Berlin Wall was erected, I was drafted into the United States Air Force as a Captain.  What a colossal irony when you consider our history, having been forced to flee Germany and then conscripted to protect Berlin from the Soviets! I served my country gladly, gratefully and proudly, repaying a mighty debt – a “noblesse oblige”!

After my discharge from the air force, I became a radiologist and practiced first in Pennsylvania and then in Florida, retiring at the age of 70. Goldie and I moved to Aspen, Colorado and then to the mountains of the Roaring Fork Valley.

I had four children: the one named Eric Lippman Knurr after my father and grandfather, died at age 49.  And thank you Elfriede for that beautiful poem that you sent me upon learning of the death of my son, Eric.

Goldie has two children, one of whom served in the Israeli Defense Forces.  All of our children and grandchildren are well educated, a manifestation of the influence of our culture and our heritage.

We had seven grandchildren, one of whom, Joshua, died at 10 months. My sister Evelyn died at age 70.
We are and always were a proud family whose motto is “Klein, Fein und Rein”. Over the years I have spoken to many different groups of different ages about my family’s wartime experiences.  I always end with showing my citizenship papers of which I remain so very proud.

Today, Goldie and I are active in the Jewish community in Aspen and especially the Temple where Goldie serves on the board and I occasionally substitute as rabbi and cantor.  At my age and level of involvement, I am often considered the patriarch of the congregation.  We both teach Hebrew and help prepare children for their Bar and Bat Mitzvahs.  We have also taught English, as a second language, to Latinos.
As you might well imagine, we are active in the organizations that oppose mass deportations.

Finally, I have two very short songs for you that my dear Mother taught me when I was in kindergarten. If you know them, please join in with me.

May G-d bless all of you here today and may G-d bless the United States of America.

Familie Erich Knurr

Veröffentlicht: 7. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Erich KNURR
geboren am 27. Juni 1900 in Aurich

Melanie KNURR geb. NUSSBAUM
geboren am 22. März 1910 in Mainstockheim

Dr. Werner KNURR
geboren am 29. Januar 1936

Straße: Norderstr. 2
Todesdatum: Überlebt, Flucht in die USA 1938
Todesort:

Erich Knurr ca. 1935

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Dr. Werner Knurr war mit seiner Frau Goldie bei dem ehrenden Gedenken seiner Familie, bei der Stolpersteinverlegung, zugegen. Er hielt eine beindruckende und anschauliche Ansprache, die Sie hier im Original auf Englisch oder in der deutschen Übersetzung lesen können. Hier finden Sie einen Bericht von der Verlegung am 23.10.2017.

Lippmann Knurr

Ida Knurr geb. Bienheim

Erich Knurr wird am 27.6.1900 geboren. Seine Eltern sind Lippmann Knurr (2.8.1859) und Ida Knurr geb. Bienheim (7.9.1872). Seine Mutter wurde in Duingen bei Ahlfeld, Hannover geboren. Erich  hat 6 Geschwister, Harry, Hermann, Lea, Gertrud, Theresa und Gerta. Theresa und Gertrude sterben im Kleinkindalter. Die  jüngste Gerta stirbt im Alter von 24 Jahren an einer Lungenentzündung.

Nathan Nussbaum

Rosa Nussbaum geb. Strupp

Melanie Nussbaum wird am 22.3.1910 geboren. Ihre Eltern sind Nathan Nussbaum und Rosa Strupp. Ihr Vater betreibt einen Viehhandel in Mainstockheim (zur jüdischen Gemeinde dort s. u.), einer Gemeinde in Unterfranken, Bayern.  Er litt an Diabetes.  Als er sich bei einem Unfall verletzte, starb er im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung.  Mutter Rosa war an Tuberkulose erkrankt. Aufgrund der TBC gab es keine Küsschen zwischen Mutter und Tochter Melanie. Einige Jahre, nach dem frühen Tod der Mutter,  lebte Melanie bei ihrem Schwager in Heilbronn. Melanie war die jüngste von insgesamt sechs Geschwistern: Walter, Saul, Recha, Lena und Jessie. Sie flüchteten alle vor den Nazis in die USA.

Melanie und Erich Knurr

Anzeige in der „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“ vom 1. März 1935

Erich heiratet Melanie Nussbaum am 5. 3.1935 in Hannover. Ihr erstes Kind Werner wird am 29. Januar 1936 in Aurich geboren.

Die Familie Knurr waren eine angesehene und integre Familie sowohl in der jüdischen Gemeinde, als auch in der Stadt Aurich.

Hochzeitsfeier Erich und Melanie Knurr – Vorne links Harry Knurr, rechts neben dem Brautpaar: Henny und Lippmann Knurr

Harry und Erich Knurr haben beide im 1. Weltkrieg gedient. Erich arbeitet mit seinem Bruder Hermann im elterlichen Manufactur- und Confektionsgeschäft H.C. Knurr, das der Familie auch als Wohnhaus dient. Zusammen mit seinem unverheirateten Bruder Abraham Joseph Heimann hatte sein Vater Lippmann das Geschäft gegründet auf den Namen Heimann Calmann Knurr, dem Vater der beiden Brüder. Im Haushalt lebte auch Erichs Tante Henny, die eine ältere Schwester von Ida war und den älteren Abraham  geheiratet hatte. Sie blieb kinderlos, war aber eine wertvolle Hilfe im Haushalt der Familie, als Erichs Mutter Ida zunehmend erkrankte.

Nach dem frühen Tod von Ida,  die 1927 im Alter von 54 Jahren nach langer Krankheit stirbt, werden Erich und Hermann Teilhaber des Geschäfts.

Geschäfts- und Wohnhaus der Familie Knurr

Die Brüder führten das Geschäft erfolgreich mit ihrem Vater Lippmann Knurr. Neben Damen-, Herren- und Kinderbekleidung verkauft die Familie Knurr Pelze, Teppiche, Gardinen, Federn, Kurzwaren und Stoffe. Erichs älterer Bruder Harry gründet ein Geschäft in Leer.

Ab 1933 ist die Familie zunehmenden Repressionen und Unmenschlichkeiten der Nazis ausgesetzt und in ihrer Existenz bedroht. Vor dem Haus werden zuletzt Wachposten der Polizei aufgestellt, um das Einkaufen der Bevölkerung zu verhindern.

Melanie und Werner Knurr

Erich Knurr

Nachdem die jüngere Schwester Lea mit ihrem Mann, dem Kaufmann  Erich Sternberg und ihrem noch unverheirateten Bruder Hermann 1936 in die USA flüchteten, reift auch bei Erich und Melanie Knurr der Gedanke, dass die Flucht der einzige Weg ist dem Terror zu entkommen. 1938 verabschieden sich Erich von seinem Vater und seiner Tante Henny und es beginnt die Odyssee von Flucht und Verfolgung, begleitet von Hindernissen und mit Ängsten, über Holland, Belgien und Frankreich. Sie verlassen ihr Leben in Aurich mit dem fast dreijährigen Sohn Werner und erreichen New York mit dem Schiff am 27. Oktober 1938. Erich ist 38 und Melanie 28 Jahre alt.
Auch der älteste von Erichs Geschwistern Harry hatte seine Flucht nach den Erfahrungen der Progromnacht am 9. November 1939 mit seiner Familie  in die USA angetreten.

Erichs Vater Lippmann, jetzt 80 Jahre alt bleibt mit seiner ebenfalls verwitweten Schwägerin Henny in Aurich. Er kann nicht glauben, dass man ihm in seinem Alter noch etwas antun wird. Doch er wird gezwungen Aurich zu verlassen und muss sein Geschäft aufgeben und unter Wert verkaufen. Ihre letzte Adresse ist die Lilienstraße 12 bei Hedwig Wolff.  Lippmann Knurr und seine Schwägerin Henny Knurr ziehen aus Aurich am 29. Februar 1940 zu Verwandten nach Bremen. In Bremen wird Lippmann Opfer  grausamer gewalttätiger Übergriffe von Nazischlägern und stirbt am 3. März 1942 in Bremen an den Folgen der Misshandlung.  Henny wird am 23.September 1943 im Alter von 78 Jahren im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Familie Knurr – Werner, Erich, Melanie, Evelyn

Erich Knurr hat einen Neuanfang in den USA unter schweren und aufreibenden Bedingungen begonnen und sich eine berufliche Existenz aufgebaut.  1943 bekam das Paar ihr 2. Kind namens Evelyn Gerta. 1942 erreichte Erich die traurige Nachricht des DRK über den Tod seines Vaters Lippmann.

Bereits mit 50 Jahren hatte Erich einen ersten Herzinfarkt. 1945 gründete Erich Knurr zusammen mit einem 2.Teilhaber ein Geschäft. Er arbeitete rund um die Uhr.

Melanie und Erich Knurr

1964 verstarb Erich im Alter von 63 Jahren. Etwa zwei Jahre nach seinem Tod erlitt Melanie Knurr einen schweren Schlaganfall. Sie lebte noch 13 Jahre in einem Pflegeheim und starb 1977 im Alter von 67 Jahren. Erich und Melanie Knurr liegen in Montgomery, Alabama begraben.

Werner Knurr wurde Arzt und ist seit 1988 mit Goldie Knurr verheiratet. Werner hat aus 1. Ehe vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Der Sohn Erich Lippmann Knurr, nach dem Vater und Großvater benannt, starb schon im Alter von 49 Jahren. Zweimal war Werner als Captain der US-Air Force in Deutschland.

Werner und Goldie Knurr

1977 reiste er nach Aurich, um seiner Familie den Herkunftsort seiner Familie zu zeigen. Werner Knurr war 37 Jahre als Radiologe tätig und ging mit 70 Jahren in Rente.
Goldie hat zwei Kinder, von denen eines in der Israelischen Armee dient. Sie hatten sieben Enkelkinder, von denen eines, Joshua, im Alter von zehn Monaten starb.
Werners Schwester Evelyn starb 2013 im Alter von 70 Jahren in Harrisburg, Pennsylvania.

Für das Birmingham Holocaust Education Centre (Birmingham, Alabama, USA) hat Dr. Werner Knurr die Geschichte seiner Familie erzählt. Hier kann man ihm zuhören.
Holocaust survivor Dr. Werner Knurr joins BHEC archivist Rachel Lopez to tell the story of his family’s escape from Nazi Germany through the rare and unique collection of artifacts he has generously donated to BHEC. From a comfortable life in Aurich, Germany, to hardships endured under the Nuremberg Laws, and finally to building a new life in Montgomery, Alabama, there is much to be learned from the Knurr family’s experiences.


Dr. Werner Knurr schickte uns diese Information über die jüdische Gemeinde in der Geburtsstadt seine Mutter:
„Mainstockheim
  Lower Franconia. Jews are first mentioned in 1594. In 1771 refugees from Kitzingensettled there. The Jewish population reached a peak of 212 in 1837 (total 1.374) with a synagogue built in 1836. Jews engaged mainly in the wine trade. From the late 19th century the Jewish population declined steadily, dropping to 74 in 1933. A local ordinance in 1933 banned nonresident Jews from entering the village and in 1934 local agitators called for the expulsion of resident Jews. On Kristallnacht (9-10 November 1938), SA troops and local residents vandalized the synagogue. During 1938, 13 Jews left the village, 12 for the United States; another 13 left in 1939. Of those remaining, 27 were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) via Wuerzburg on 24 March 1942 an another four to the Theresienstadt ghetto.“

Article from „The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust“.
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Am 23. Oktober 2017 besuchten Goldie und Werner zusammen mit Freunden Tom und Jeanette Eilers aus Carbondale / Colorado erneut Aurich und nahmen an der Verlegung der drei Stolpersteine für die Familie teil. Dabei entstanden die nun folgenden Fotos.

Treffen am Vorabend der Verlegung im Hotel Am Schloss: Werner und Christiane Meissner

Werner mit Günther Lübbers

Werner und Brigitte Weber

Dr. Werner Knurr

Goldie Knurr

v.l. Goldie Knurr, Carol Kain, Werner Knurr, Maureen Kavalar, Gary Kavalar, Howard Kain, Gunter Demnig und Tito Wolff vor dem Hotel „Hochzeitshaus“

Das ehemalige Geschäftshaus der Familie Knurr in der Norderstraße 2 / Ecke Marktstraße.

Dr. Werner Knurr bei der Verlesung seiner Ansprache während der Stolpersteinverlegung. Den Schirm hält Irmtraut Schulze-Rodenberg.

Nun liegen insgesamt acht Stolpersteine vor dem Haus Norderstraße 2, in dem sich jetzt die Firma Hörgeräte Isermann GmbH befindet.

Besuch auf dem jüdischen Friedhof beim Grabstein von Lippmann und Ida Knurr geb. Bienheim.

Rita Isermann-Claaßen zeigt Werner die Räume im Dachgeschoss, welche früher von der Familie Knurr bewohnt wurden.

Besuch der Stelen auf dem Synagogenplatz.

Abschließendes Gruppenfoto.

Werner und Goldie sind 2020 aus gesundheitlichen Gründen von Carbonedale /Colorade nach Tampa / Florida verzogen.

Karol Kain ist leider am 18. Mai 2024 in Evanston / Illinois verstorben.

Recherche: Christiane Meissner
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 25.05.2019)
Foto:

Fotos rund um die Verlegung:

Sammlung Familie Knurr

Günther Lübbers

Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Erich Knurr: Elfriede und Günther Lübbers
Melanie Knurr: Christiane Meissner
Dr. Werner Knurr: Irmtraud Hausmann
Verlegetermin: 23. Oktober  2017

Gertrude Gidansky geb. Hoffmann

Veröffentlicht: 6. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Gertrude GIDANSKy  geb. Hoffmann

geboren am 20. Februar 1885 in Aurich

Straße: Marktplatz 31
Todesdatum: 29. März 1983
Todesort: Baton Rouge, USA
Gertrude Gidansky wird am 20. Februar 1885 in Aurich geboren. Sie ist die Tochter von Zvi und Susannah Leers Hoffmann aus Aurich. Zvi hatte vier Söhne mit seiner ersten Frau, Caroline de Vries, die nach der Geburt des jüngsten Sohnes 1881 starb. Danach heiratete er wieder und hatte mit Susannah einen Sohn, Semmy,  und eine Tochter, nämlich Gertrude, genannt Gelli. Alle Kinder wachsen als Teil ein und derselben Familie auf, ohne dass zwischen ihnen Unterschiede gemacht werden. Als Heranwachsende hilft Gelli im Haus und im Geschäft ihres Vaters, der mit alten und gebrauchten Möbeln handelte.Im August 1910 heiratet sie Karl Gidansky, der 1883 in Memel (Litauen) geboren wurde und als Schlachter für koscheres Schlachten und als Mohel nach Aurich gekommen ist. Sie bekommen die Wohnung oberhalb der Synagoge, denn Karl ist zu der Zeit Hausmeister des Gebäudes, und Gelli hat die Verantwortung für die rituellen Bäder der jüdischen Frauen.      Die Tochter Merri  Therese wird im Mai 1911 geboren und der Sohn Erich im April 1914.

Gertrude „Gelli“ Gidansky mit ihrer Tochter Merri

Gelli ist als Hausfrau mit Kochen, Putzen und mit der Erziehung der Kinder beschäftigt. Seitdem die Familie 1921 in das Haus Marktplatz 31 gezogen ist und Karl dort einen Tabakladen betreibt, hilft sie ihm dabei und die Kinder später auch.
Als gläubige Juden sind Gelli und Karl in der Synagoge weiter sehr aktiv.

Einige Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten entdeckt sie einen Knoten in der Brust. Da sie als Jüdin kein Recht auf ärztliche Behandlung hat, entfernt ihr Neffe Manfred Hoffmann, der gerade seine medizinische Ausbildung abgeschlossen hat, ihr den Knoten auf dem Küchentisch. Die Familie hat niemals erfahren, ob es Krebs war oder nicht.

Auch Karl wird krank und stirbt im Februar 1936 mit 52 Jahren an einem Krebsleiden.

Da das Leben für Menschen jüdischen Glaubens immer schwieriger wird, denkt Gelli daran, Deutschland zu verlassen, und verkauft das Haus mit dem Geschäft im August 1938 an die Firma Silomon. Sie behält aber das Recht, bis zum 31. Dezember 1938 mit ihrer Tochter unentgeltlich in der Wohnung im Obergeschoss wohnen bleiben zu dürfen. Von dem Erlös ihres Hausverkaufs hat sie jedoch nicht viel, denn der Großteil ihres Geldes wird kurze Zeit später vom nationalsozialistischen Staat beschlagnahmt.

Nach ihrem Reisepass und ihrer Meldekarte zu urteilen, flieht sie im Januar 1939 aus Aurich, und zwar nach Luxembourg, wo ihr Bruder Semmy lebt und wo sie zu der Zeit sicher ist. Sie bleibt  dort und wartet auf ihr Visum für Amerika.  Am 14. Februar 1940 verlässt sie Luxembourg und kommt im März 1940 in Amerika an. In Pittsburgh PA oder in Chicago trifft sie wieder mit ihrer Tochter zusammen, die im Januar 1939 nach Hamburg und von dort aus nach Nordamerika geflohen ist.

Im Februar 1941 heiratet die Tochter, die sich nun Mary nennt, in Chicago den auch aus Aurich stammenden Hermann Knurr. Gelli geht mit ihnen nach Baton Rouge LA, denn dort gibt es Arbeit für beide, Hermann und Mary. Ein anderer früherer Auricher, Erich Sternberg, hat dort ein Geschäft gekauft.

Gelli, nun Gertrude oder auch Trude genannt, verbringt den Rest ihres langen Lebens im Haushalt der Familie Knurr. Jahrzehntelang führt sie den Haushalt, kocht und kümmert sich um alles. Für ihre Enkelin Carol Kain, Jahrgang 1944, ist sie wie eine zweite Mutter, denn Mary arbeitet. In der örtlichen Synagoge ist Trude sehr beliebt und wird von allen „Oma“ genannt. Sie überlebt ihren Schwiegersohn Hermann um fast 9 Jahre. Bis in ihre mittneunziger Jahre bleibt sie sehr gesellig und humorvoll und trinkt gern mal einen kleinen Likör. Beinahe bis ans Ende ihres Lebens jedoch wacht sie häufig schreiend aus Albträumen auf und glaubt, die Nazis hämmerten an ihre Tür.   In ihren mittneunziger Jahren wird sie sehr schwach und gebrechlich und wird dement. Dies ist vor allem für ihre Tochter Mary eine sehr schwierige Zeit.

Am 29. März 1983 stirbt Gertrude im Alter von 98 Jahren . Ihr Grab ist auf dem Synagogen-Friedhof in Baton Rouge, dicht bei dem von Hermann und Mary.

Recherche: Irmtraut Schulze Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.02.2019)
Foto: Fotonachweis: Carol Kain
Opfergruppe: Juden
Quellen: Nds. Landesarchiv Aurich, Rep. 16/1;Korrespondenz mit Nachkommen
Literatur: Rüdiger Musolf, Gerhard Silomon, Die Geschichte eines Textilhauses, Aurich 1994, S. 83
Patenschaft: Familie Knurr/Gidansky
Verlegetermin: 23. Oktober  2017

Karl Gidansky

Veröffentlicht: 6. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Karl GIDANSKY
geboren am 15. August 1883 in Memel (Litauen)

Straße: Marktplatz 31
Todesdatum: 27. Februar 1936
Todesort: Aurich
  Karl Gidansky, mit jiddischem Namen“ Yechetzkel“ oder „Chatzkel“ (für Karl),  wurde am 15. August 1883 in Memel in Litauen als Sohn des koscheren Schlachters Isaac Jacob Gidansky (auf Jiddisch: Itzig Jankel,  Jahrgang 1844) und seiner Frau Dora Chazket Lipschitz geboren.  Er hatte vier Brüder und drei Schwestern und eine große Verwandtschaft.  In dieser sehr orthodox eingestellten Familie wurden auch in den Gesprächen des Alltags die jiddischen Vornamen gebraucht z.B. „Yossel“ für Josef. Heutzutage werden solche jiddischen Vornamen nur zu besonderen Anlässen wie z.B. Hochzeiten oder Beerdigungen gebraucht.Karl macht wie bereits sein Vater eine Schlachterlehre für koscheres Schlachten,  die also den jüdischen Gesetzen entsprach, und wird ausgebildet zum Mohel, das ist einer, der die Beschneidung vornimmt. Als junger Mann kommt er nach Aurich auf der Suche nach passender Arbeit und weil er gehört hat, dass die Juden in Aurich jemanden mit seinen Fähigkeiten suchten.

 

 

Hier in Aurich lernt er seine spätere Frau kennen: Gertrude (Gelli) Hoffmann (geb. am 20.Februar 1885 in Aurich). Im August 1910 heiraten sie und wohnen zunächst oberhalb der Synagoge, denn Karl ist zu der Zeit der Hausmeister (shammos) des Gebäudes, und Gelli hat die Verantwortung für die rituellen Bäder der jüdischen Frauen, die mikvah. Sie haben sehr wenig Geld.

Am 25. Mai 1911 wird die Tochter geboren,  Merri Therese, und der Sohn Erich am 16. April 1914.  Einige Monate später beginnt der 1. Weltkrieg, und Karl zieht als Soldat in diesen Krieg und kämpft für den deutschen Kaiser.

Im Jahr 1921 sieht sich Karl in der Lage, das Haus am Marktplatz 31 zu kaufen, und die Familie zieht dorthin. Im Erdgeschoss betreibt Karl einen Tabakladen. Gelli hilft ihm dabei und die Kinder später auch. Karl fährt auch manchmal über Land, vermutlich mit dem Pferdewagen, um seine Tabakwaren zu verkaufen. Er soll ein sehr freundlicher Mann gewesen sein, für den Gastfreundschaft wichtig war und der jede Woche zum Kegeln ging.

Nach Hitlers Machtergreifung wird er eines Tages krank. Seine Familie vermutet, dass es Nierenkrebs war,  aber Genaueres weiß man nicht, denn unter dem NS-Regime ist es ihm verwehrt, einen Arzt aufzusuchen oder ins Krankenhaus zu gehen.

Sein Tod war wahrscheinlich vorgezeichnet,  aber eine ordentliche ärztliche Versorgung hätte vielleicht sein Leben verlängert oder das Leiden ein wenig gelindert.

Karl Gidansky stirbt am 27. Februar 1936 mit 52 Jahren  in Aurich.

Seiner Frau Gelli und seiner Tochter Merri gelingt es, vor den Nationalsozialisten aus Deutschland zu fliehen. Gelli verkauft das Haus mit dem Geschäft im August 1938 an die Firma Silomon, sie kann mit ihrer Tochter aber bis Ende Dezember 1938 unentgeltlich in der Wohnung im Obergeschoss wohnen bleiben. Der Großteil ihres Geldes wird jedoch kurze Zeit später vom nationalsozialistischen Staat beschlagnahmt.  Im Januar 1939 flieht Gelli nach Luxembourg, wo ihr Bruder Semmy lebt. Im Februar 1940 reist sie von dort aus nach Amerika und trifft dort wieder mit ihrer Tochter zusammen, die im Januar 1939 nach Hamburg und von dort aus nach Nordamerika geflohen ist. Sie leben dort in Baton Rouge LA.  1983 stirbt Gertrude mit 98 Jahren. Ihre Tochter Merri, die schon 1974 ihren Mann verloren hat, stirbt 2002 in Chicago, wo ihre Tochter Carol lebt.

Karls Sohn Erich hat Aurich schon 1933 verlassen, um bei Verwandten in Memel (Litauen) sicherer zu leben. 1941 wird er dort jedoch, zusammen mit vielen anderen aus der Familie, von den Nationalsozialisten verhaftet. Erich und sein Cousin Jacob Telser bleiben bis zum Ende des Krieges in Dachau inhaftiert. Nach der Befreiung trifft er nach längerer Suche seine Familie (Mutter und Schwester) in Baton Rouge (USA) wieder. Er heiratet eine andere Überlebende aus den Niederlanden und sie bekommen zwei Töchter. Erich  stirbt 2004 mit fast 90 Jahren in Milwaukee, wo die beiden Töchter mit ihren Familien leben.

  Recherche: Irmtraut Schulze Rodenberg

Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.02.2019)

Foto: Fotonachweis: Carol Kain
Opfergruppe: Juden
Quellen: Nds. Landesarchiv Aurich, Rep. 16/1;

Korrespondenz mit Nachkommen

Literatur: Habben, Hans-Joachim: Von der Emanzipation bis zum Ende des Weltkrieges, in: Reyer (Hrsg.): Die Juden in Aurich, 1935-1940, S. 124;

Rüdiger Musolf, Gerhard Silomon, Die Geschichte eines Textilhauses, Aurich 1994, S. 83

Patenschaft: Familie Knurr/Gidansky
Verlegetermin: 23. Oktober  2017

Rosi Hoffmann geb. Ronsheim

Veröffentlicht: 5. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Rosi HOFFMANN geb. RONSHEIM
geboren am 21. April 1911 in Abterode

Straße: Wallstraße 20
Todesdatum: Überlebt, Flucht in die USA 1939
Todesort:
Rosi Ronsheim wird am 21. April 1911 in Abterode bei Eschwege/Nordhessen geboren. Sie ist das erste Kind der Eltern Jacob Ronsheim, von Beruf Viehhändler, und Bertha geborene Goldschmidt.Sie heiratet am 14.01.1938 Dr. Manfred Hoffmann aus Aurich. Ihre Eltern sind zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, denn sie erscheinen nicht als Tauzeugen.
Rosi ist von Beruf Verkäuferin. Vor der Heirat wohnte sie in Aurich in der Norderstraße 18.Ihr Mann hat Praxis und Wohnhaus in der Wallstraße 24. Am 30. September 1938 verliert er per 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz seine Approbation. Er darf sich nicht mehr Arzt, sondern nur noch Krankenbehandler nennen.In der Reichspogromnacht stürmen SA-Leute ihre Wohnung und zerstören sämtliche Praxisgegenstände, Türen und Fenster und entwenden weitere Wertgegenstände. Zuvor schlägt eine Pistolenkugel über ihrem Bett in die Wand ein. Ihr Mann wird mit vielen anderen festgenommen und in das KZ Sachsenhausen gebracht.

Am 9.03.1939 besteigt sie mit Ehemann, Schwiegereltern, Schwager, Schwägerin und deren Eltern ein Auswandererschiff in Hamburg. Am 17.03. kommen sie in New York an. Beim Einlaufen stirbt ihre Schwiegermutter Lina.

Howard ein Monat alt, die Eltern Manfred und Rosi Hoffmann 1942

Sie wohnt mit ihrer Familie in Chicago. 1942 wird Sohn Howard geboren. Es müssen schwere und wirtschaftlich enge Jahre gewesen sein. Wohnung und Praxis waren über einem Laden in der Devon Avenue, einer stark befahrenen Ausfallstraße. Alle schlafen in einem Raum. Wohnzimmer und Praxis-/ Patientenempfang sind ein Raum. Zusätzlich lebt ihr Schwiegervater Lazarus Louis, in Amerika Witwer geworden, mit in der kleinen Wohnung.

Bild 2 – v. li. Carol Kain, Evelyn (Schwiegertochter zu Rosi), Rosi, Gertrude Gidansky in den 70ern

Sie stirbt am 3. 05. 1974 in Cook, Illenois.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 3.01.2018)
Foto: Fotonachweis: Nr. 1, 2  Carol Kain
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Staatsarchiv Aurich: Rep. 20 Nr. 743
– Meldeblätter
– Kennkarten
– Korrespondenz mit Nachkommen
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 23. Oktober 2017

Lina Hoffmann geb. Hirschberg

Veröffentlicht: 4. Februar 2010 von westermayer in Verlegung

Lina HOFFMANN geb. HIRSCHBERG
geboren am 28. November 1883 in Zwesten/Nordhessen

Straße: Wallstraße 20
Todesdatum: Überlebt, Flucht in die USA 1939
Todesort:
Lina Hirschberg wird am 28. November 1883 in Zwesten/Nordhessen geboren. Ihre Eltern sind Meier Hirschberg und Röschen geborene Schartenberg, ihre Geschwister Hermann, Bertha, David.
Lina heiratet den Tischler und Möbelhändler Louis Lazarus Hoffmann. Zusammen haben sie zwei Kinder: Manfred und Harri. Manfred studiert Medizin und praktiziert später in Aurich. Harri, ebenfalls Tischler, übernimmt das elterliche Geschäft.

Foto 1 – Lina Hoffmann mit Ehemann Louis Lazarus in der Wallstraße 20

Nach Schilderungen und bildervermittelnden Eindrücken führen die Hoffmanns ein bürgerliches Leben in kleinem aber sicherem Wohlstand.
In der Reichspogromnacht werden alle Hoffnungen auf ein Bleiben der Hoffmanns in Deutschland endgültig zerstört. Die Werkstatt wird von marodierenden SA-Leuten beschädigt, mobiles Inventar und Bargeld entwendet. Ihre Söhne werden verhaftet, Manfred ins KZ Sachsenhausen verbracht.
Wenige Tag vor Abreise in die USA heiratet ihr Sohn Harri seine Verlobte Herta Goldschmidt. Alle, auch die Schwiegereltern, besteigen am 9.03.1939 den Dampfer HANSA nach New York. Lina ist bereits bei Einschiffung krank. Sie stirbt am 17.03.1939 im Moment des Einlaufens in New York, querab von Ellis Island.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 3.01.2018)
Foto: Fotonachweis Nr. 1 Lorraine Hoffmann
Opfergruppe: Juden
Quellen: – Staatsarchiv Aurich: Rep. 20 Nr. 743
– Meldeblätter
– Kennkarten
– Korrespondenz mit Nachkommen
– Geburtsurkunde: Hessisches Staatsarchiv Marburg
Literatur:
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 23. Oktober 2017