Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Henny Wolff

Veröffentlicht: 26. Mai 1915 von westermayer in Verlegung

Henny Wolff gebHenny WOLFF geb. Hartogsohn
geboren am 29. August 1891 in Emden

Straße: Wallstraße 54/54a
Todesdatum: unbekannt (Deportation nach Auschwitz am 6. Oktober 1944)
Todesort: Auschwitz
Henny Wolff wird am 29. August 1891 in Emden geboren. Sie ist die Tochter von Asher Elias Hartogsohn und dessen Frau Sara, geb. Hartogsohn. Am 19. Februar 1920 heiratet Henny in Emden den Schlachter und Viehhändler Daniel Samuel Wolff aus Aurich. Das junge Paar lässt sich in Aurich nieder, wo Daniel, dessen Vater Samuel und mehrere Brüder von Daniel als Schlachter und Viehhändler tätig sind. Henny und Daniel leben in Aurich zunächst in der Fockenbollwerkstraße 12, später in der Fockenbollwerkstraße 16 zur Miete.

Rund ein Jahr nach der Eheschließung wird das erste Kind der beiden geboren: Am 5. Februar 1921 erblickt Tochter Caroline das Licht der Welt. Sie wird nach Daniels Mutter benannt. Senta Sara, die eineinhalb Jahre später geboren wird, bekommt als Zwischennamen den Namen von Hennys Mutter. Am 19. Februar 1924, dem Hochzeitstag von Henny und Daniel, wird dann Sohn Ernst geboren und das Nesthäkchen Helmut kommt schließlich fünfeinhalb Jahre später, am 8. Mai 1929 zur Welt. Die Geschäfte von Daniel scheinen in den zwanziger Jahren gut zu laufen, denn auf der Einwohnermeldekarte ist vermerkt, dass Henny im Haushalt von Hausmädchen und Dienstmädchen unterstützt wird.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten muss sich diese gute Situation jedoch grundlegend geändert haben – nicht nur, dass die Familie wie die übrigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde unter zahlreichen Repressalien und Schikanen zu leiden hatte: Die Schächtmesser der jüdischen Schlachter waren verbrannt worden, ab dem 1. Mai 1933 war das Schächten gesetzlich verboten. Die jüdischen Schlachter konnten ihren Beruf nun nicht mehr ausüben. Hennys Mann Daniel muss seinen Betrieb schließen, er ist später als Arbeiter tätig.

Am 29. April 1936 zieht die Familie in das Haus in der Wallstraße 56 und mietet dort die obere Etage, insgesamt sieben Räume. Kurz nach dem Umzug verlassen die beiden Töchter den Haushalt endgültig: Caroline, die bereits ein Jahr in Wolfratshausen gearbeitet hatte, zieht nach Frankfurt, und Senta geht „in Stellung“ bei Familie Sternberg, später arbeitet sie als Hausmädchen bei Knurrs – beide Kaufmannsfamilien sind durch die Hochzeit von Lea Knurr und Erich Sternberg miteinander verwandt.

Die Pogromnacht am 9. November 1938 war in mehrerer Hinsicht ein Schock für Henny: Nicht nur, dass in dieser Nacht die Auricher Synagoge niedergebrannt wird, ihr Mann Daniel wird verhaftet und einen Tag und zwei Nächte hindurch gefangen gehalten und gedemütigt. Da Daniel jedoch im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und mit dem „Eisernen Kreuz“ ausgezeichnet worden war, wird er am 11. November morgens wieder freigelassen.

Henny und Daniel wird klar, dass sie, wie bereits mehrere Brüder von Daniel, Deutschland verlassen sollten. Zunächst schicken sie ihren vierzehnjährigen Sohn Ernst in die Niederlande, zu Daniels Bruder Hermann. Aus einem Brief von Henny, der erhalten geblieben ist, wird deutlich, dass Henny und Daniel verzweifelt versuchten, für Ernst einen Platz auf einem Lehrgut zu erhalten: Sie wollten, dass ihr Sohn auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereitet wird. Senta, Hennys jüngere Tochter, hatte einen solchen Platz auf dem Gut Gehringshof bei Fulda bereits gefunden. Auch Henny und Daniel haben vor, mit ihrem jüngsten Kind Helmut zumindest in die Niederlande auszuwandern. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges macht jedoch alle Pläne zunichte.

Zu Beginn des Jahres 1940 erhalten Henny und ihr Mann die Aufforderung, Ostfriesland innerhalb der nächsten sechs Wochen, bis zum 1. April des Jahres, zu verlassen. Da sie nicht wissen, wo sie unterkommen werden – es war zu dieser Zeit sehr schwer für Juden, Wohnungen zu mieten – wird der elfjährige Helmut allein nach Köln geschickt, vermutlich in ein jüdisches Kinderheim. Die jüdische Gemeinde hatte diese Möglichkeit organisiert, um zumindest die Kinder ordentlich unterzubringen. Für Henny muss es sehr schwer gewesen sein, sich nun auch von ihrem jüngsten Kind auf unbestimmte Zeit zu verabschieden.

In Dortmund sind Henny und Daniel zunächst in der Märkischen Straße 70 gemeldet, später wohnen sie im Ostenhellweg 41, hier ist schließlich auch Helmut gemeldet. Auch Tochter Senta kehrt zur Familie zurück, sie wohnt aber sehr wahrscheinlich nicht mit den Eltern zusammen in Dortmund. Am 30. April 1942 muss Henny sich von ihrer Tochter Senta verabschieden: Diese wird von Dortmund aus nach Zamosc bei Lublin deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Henny, Daniel und Helmut werden drei Monate später ebenfalls deportiert: Sie werden zunächst nach Theresienstadt gebracht, wo sie Ernst wiedertreffen. Ernst war mit der Familie seines Onkels Hermann nach der deutschen Besetzung von Holland verhaftet und schließlich über das Lager Westerbork deportiert worden.

Am 28. September 1944 muss sich Henny von ihrem Mann trennen – sie sollte ihn nie wiedersehen. Daniel wird von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich direkt nach seiner Ankunft ermordet. Henny und ihr Sohn Helmut werden nur acht Tage später, am 6. Oktober 1944, ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Von beiden fehlt seither jede Spur, auch sie wurden sicher kurz nach ihrer Ankunft getötet. Henny Wolff wurde 53 Jahre alt.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 1..05.2015)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Liste der Häuser in jüdischem Besitz, Juni 1939; Rep. 248, Nr. 943

http://www.infocenters.co.il/gfh/notebook_ext.asp? book=133459&lang=eng&site=gfh, Zugriff vom 12.10.2014

http://www2.holocaust.cz/de/victims/PERSON.ITI.697568, Zugriff vom 12.10.2014

http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=495472&language=en

http://www.statistik-des-holocaust.de/X1-4.jpg, Zugriff vom 15.12.2014

Literatur: http://records.ancestry.com/henny_hartogsohn_records.ashx?pid=76251347, Zugriff vom 12.10. 2014

http://de.wikipedia.org/wiki/Gehringshof, Zugriff vom 3.12.2014

http://fuldawiki.de/fd/index.php?title=Gehringshof, Zugriff vom 3.12.2014

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html, Zugriff vom 10.10.2014

http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/album_Auschwitz/index.asp

Patenschaft: Ida Fangmeyer
Verlegetermin: 27. Januar 2015

wolff transportliste

Josef Ruben Samson

Veröffentlicht: 12. Mai 1915 von westermayer in Verlegung

Josef (Ruben) SAMSON
geboren am 17. Dezember 1900 in Aurich

 

 

 

Straße: Am Neuen Hafen 2
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Auschwitz 1942
Todesort: Auschwitz
Josef Samson ist der zweite Sohn der Familie Ruben Josef Samson und Amalia geborene Simons. Sein ein Jahr älterer Bruder Iwan wohnt mit Familie in der von-Jhering-Straße 27. Josef ist Viehhändler, sein Vater Ruben Josef und dessen drei weitere Brüder sind ebenfalls Viehhändler. In einer am 16. 2. 31 ausgegebenen Legitimationskarte [zur Einhegung des gewerblichen Bettelunwesens] heißt es: Josef Samson ist berechtigt, Groß- und Kleinvieh für Ruben Samson aufzukaufen. So verlangt es die Reichsgewerbeordnung für das Wander- und Reisegewerbe. Zusätzlich ist zur persönlichen Erkennbarkeit festgehalten: Augen graublau, Körpergröße mittel.

1928 beantragt die Mutter Amalia einen Staatsangehörigkeitsausweis für ihren Sohn. Dieser will Carla Hoffmann aus dem Saarland heiraten. Das Saarland, damals noch unter französischer Verwaltung, gehört nicht zum Reichsgebiet. Das Amt befindet [zu dieser Zeit noch], dass die Eltern beide deutsch sind, … denn sie haben immer in Aurich gewohnt [sic].

Josef heiratet am 13. 4. 28 in Dillingen Carla Hoffmann. Am 3. 6. 28 zieht das junge Paar nach Aurich Am Neuen Hafen 2. Dieses Haus hat der Schwiegervater Adolf Hoffmann 1928 gekauft. Adolf Hoffmann stammt selbst aus Aurich Wallstraße 20.

Am 30. 1. 31 wird das erste und einzige Kind Sonja geboren. Die Ehe erweist sich aber nicht als glücklich. Die Mutter, Carla, ist oft außer Haus und eine Kinderpflegerin kümmert sich um Sonja.

Josef und Carla erkennen früh die Zeichen der neuen Zeit. Bereits am 13. Mai 1937 verlassen sie Aurich und ziehen nach Frankreich. Sonja selbst wird bereits ein Jahr vorher nach Luxemburg gebracht. Dort in Ringelerhof, ein Einödhof an der Nordwestgrenze, sind die Mutter der Ehefrau und ihr Bruder Ludwig ausgewandert. Josef und Carla treffen ihre Tochter erst wieder in Frankreich. Josef meldet sich als Freiwilliger zur französischen Armee und wird auch eingeschrieben.

Mit Kriegsausbruch 1939 werden beide interniert. Joseph Samson kann vor dem Verlassen des Reichs erhebliches Geldvermögen auf ein schweizer Nummernkonto transferieren. Es soll der jungen Familie das Überleben und die Emigration sichern. Leider hat die Verwandtenseite der Ehefrau sich dieses Vermögens durch den Kontozugang bemächtigt, welcher an sich für die Versorgung der vorausziehenden Sonja gedacht war.

Das Haus Am Neuen Haus 2 wird nicht im Rahmen der Arisierung verkauft, sondern geht 1940 in den Besitz der Schwiegermutter, der Witwe Hildegard Hoffmann geborene Löw über. Es wird zu einer Sammel- und Durchgangsstation vieler, ein Judenhaus also. 1943, nachdem die Besitzerin deportiert und ermordet wird, wird es nach § 3 der 11. Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz von der Oberfinanzdirektion Oldenburg vereinnahmt.

Die Familie wird mit Übernahme der Rassegesetze durch das Vichy-Régime kurzzeitig in Gurs – Südfrankreich – interniert, dann leben sie frei in Garlin, einem Dorf in der Nähe. Am 26. August 42 nimmt die französische Polizei alle in einer Razzia fest und inhaftiert sie erneut in Gurs. Am 4. September werden sie nach Rivesaltes bei Perpignan verlegt und am 16. 9. 42 mit dem Transport convoi n°33 endgültig über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Zuvor gelingt es Carla, ihr Kind Sonja an eine Hilfsorganisation für jüdische Kinder – Œuvre de Secours aux Enfants (OSE) – abzugeben. Josef Ruben Samson ist wahrscheinlich sofort bei Ankunft in Auschwitz ermordet worden.

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 21.04.2013)
Fotos:  Hochzeitsfoto Carla Hoffmann und Josef Samson
– Josef Samson als Soldat der Französischen Armee
– Transportliste
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158; Rep. 16/1, 5398http://www.gratz.edu/default.aspx?p=11288 … Abstrakt einer Abschrift eines Tonbandinterviews mit Sonja Samson aus fünf Audio-Kassetten, durchgeführt am 3.Juni 1985 von Nora Lewin
Literatur: Johannes Diekhoff: Die Auricher Judengemeinde, in: Aurich im Nationalsozialismus, hrsg. v. Herbert Reyer (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 69), 247-299;Jan Lokers: Boykott und Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben Ostfrieslands (1933-1938), in: Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-38, hrsg. v. Herbert Reyer, Aurich 1999, S. 63-82.
Patenschaft: Rolf von der Recke
Verlegetermin: 22. März 2012

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Carla Hoffman & Joseph Samson wed

Hochzeitsfoto Carla Hoffmann und Josef Samson

Joseph Samson, French Army

Josef Samson als Soldat der Französischen Armee

transportliste drancy

Transportliste

Foto von der Stolpersteinverlegung am 22. März 2012(Günther Lübbers)

Magnus Wolff

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Magnus WOLFFMagnus Wolff
geboren am 16. Mai 1902 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 9
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Auschwitz 18.09.1942
Todesort: Auschwitz
In der Lilienstraße 9 wohnte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Familie von Henriette und Selke Levy gen. „Selly“ Wolff. Das Haus gehörte Selly Wolff seit er es 1895 von Wolf Samson erwarb. Henriette und Selly Wolff hatten zusammen 12 Kinder. Nur 3 ihrer Kinder überleben den Völkermord an den Juden.

Henriette von der Walde (Lt. Geburtenregister 1844-1931: „van der Walde“) wurde am 24. Juli 1875 als einziges Kind von Magnus Abraham von der Walde (1848 – 1932) und Karoline Gütel Levy, geb. Wolf (1853 – 1917) in Aurich geboren.
Henriette heiratete am 4.12.1894 im Alter von 19 Jahren den Schlachter und Viehhändler „Selly“ Wolff (1863 -1930).
Selly Wolff war das jüngste von sieben Kindern von Levy (1818-1869) und Eva Wolff (1825-1901). Sein älterer Bruder Abraham wohnte mit seiner Familie gegenüber in der Lilienstraße 12.
Selly Wolff war ein nicht nur in der Stadt Aurich, sondern auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Viehhändler und Schlachter, der regelmäßig in den „Ostfriesischen Nachrichten“ sein „Ausstellungs- Fleisch, Das Beste vom Besten“ annoncierte. Seine Enkeltochter, Hannelore Wolff, die heute in den USA lebende Laura Hillman, die den Völkermord überlebte, weil ihr Name auf Schindlers Liste gesetzt wurde, erzählt in ihrem Buch „I will plant you a lilac tree“ /Ich werde Dir einen Fliederbaum pflanzen“, dass sie im KZ Brünnlitz auf einen SS-Wachmann aus Moordorf traf, der sie zunächst schikanierte, dann aber, als ihr ein Plattdeutsches Wort herausrutschte, freundlicher wurde und erzählte, dass er in Ostfriesland einen Viehhändler namens Selly Wolff gekannt habe. Hannelore wagt es damals nicht, sich als dessen Enkeltochter erkennen zu geben.

In einer Mail berichtet Laura Hillman über ihren Großvater, dass er immer hilfsbereit gewesen sei und anderen oft aus finanziellen Schwierigkeiten geholfen habe, oft so, dass diese nicht bemerken konnten, woher die Hilfe kam.

Kalli Gramberg erzählt im 3. Band seiner Rückblicke auf die Auricher Geschichte über den Schlachter Selly Wolff folgende Anekdote: „Als seine vielen Kinder noch klein waren, saßen sie oft auf den Steinen des Bürgersteigs. Selly rief: “Jonni, Luti, Abi“ (usw.)“wollt ihr wohl mit de blode Moors von de kalte Schteine ab!“

Selly Wolff verstirbt am 23. August 1930. Seine Söhne Ludwig , Magnus und Abraham, die schon 1926 als Schlachter und Viehhändler in der Lilienstraße 9 aufgelistet werden, führen das Geschäft ihres Vaters unter seinem Namen weiter.

Magnus Wolff, geboren am 16.05.1902, ist das 6. Kind von Selly und Henriette Wolff, geb. von der Walde. Magnus arbeitet zunächst bei seinem Vater als Schlachter und Viehhändler.
Magnus zieht 1926 nach Hamburg und 1938 nach Bremen. Von dort flieht er nach Frankreich. Er wird verhaftet und am 18.09.1942 von dem 20km nordöstlich von Paris gelegenen Sammel- und Durchgangslager Drancy aus nach Auschwitz deportiert. Hier verliert sich seine Spur.
Von Drancy aus wurden 65.000 überwiegend französische Juden nach Auschwitz deportiert. Die meisten von Ihnen wurden ermordet oder starben an den katastrophalen Umständen des Transports, der Unterbringung und Behandlung.
Auch Magnus Wolff ist in Auschwitz ermordet worden.

    Schüler der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II mit den zu verlegenden Stolpersteinen

Das Haus Lilienstraße 9

Die Biographien der Opfer werden vorgetragen und deren Fotos gezeigt

 

Sieben weiße Rosen zieren die Stolpersteine

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 9.11.2012)
Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Gerd-D. Gauger, Aurich in Kaisers Rock und Petticoats 1918-1959, Aurich 2002, S. 73;
Kalli Gramberg, Aurich von C. B. Meyer bis auf unsere Tage, Drittes Buch , Aurich 1996;
Patenschaft: Hilmar Dunkmann
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

Lea Sternberg, geb. Knurr

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Lea STERNBERG, geb. Knurr
geboren am 10. Januar 1904 in Aurich

 

 

 

Straße: Norderstraße 2  und  Osterstraße 16/18
Überlebt, Flucht in die USA
 
Lea Sternberg wird am 10. Januar 1904 in Aurich geboren. Sie ist das vierte von sieben Kindern des Ehepaars Lippmann und Ida Knurr, geborene Bienheim. Ihr Vater betreibt in Aurich das renommierte Geschäft „H.C. Knurr“, das bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts bestand und der Familie ein gutes Auskommen sichert. Lea und ihre Geschwister verbringen eine sorglose Jugend in Aurich und genießen eine gute Ausbildung: Lea beispielsweise erlernt gleich zwei moderne Fremdsprachen, Englisch und Französisch, wovon sie später profitiert.

Zu Beginn der 1920er Jahre kommen Lea und Erich Sternberg, dessen Familie nur zwei Straßenecken entfernt das Geschäft „Meyer Sternberg“ führt, einander näher. Obwohl das Paar sich bereits 1922 verlobt, dauert es fünf Jahre bis zur Hochzeit: Lea kümmert sich um ihre schwer erkrankte Mutter und ist erst nach deren Tod 1927 zur Eheschließung bereit.

Das Paar bekommt drei Kinder: Bereits im Mai 1928 wird der älteste Sohn Josef geboren, fast exakt zwei Jahre darauf kommt die Tochter Insa zur Welt. Im Juli 1935 schließlich erblickt Hans Joachim Sternberg das Licht der Welt.

Zum Zeitpunkt der Geburt des jüngsten Sohnes spielt die Familie bereits mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen. Einerseits wird die wirtschaftliche Situation der jungen Familie immer schwieriger, da das Geschäft „Meyer Sternberg“, das zu einem Drittel Leas Ehemann gehört, infolge von Boykottaktionen durch die Nationalsozialisten immer weniger Gewinn abwirft. Andererseits fühlt sich das Paar aufgrund von Diskriminierung und offenen Anfeindungen immer weniger wohl in Deutschland, auch wenn die Familie von einzelnen Aurichern immer wieder Hilfe und Unterstützung erfährt. Erich Sternberg versucht daher, in den USA eine neue Existenz für seine Familie aufzubauen. Hierfür sind jedoch umfangreiche Vorarbeiten, Geschick und Glück nötig: Am 27. Januar 1936 reist Erich von Bremen nach New York, Lea bleibt mit den Kindern allein in Aurich zurück. Trotz vorhandenen Kapitals und der Hilfe von Verwandten, die bereits um die Jahrhundertwende in die USA ausgewandert waren, hat Erich große Mühe, eine Existenzgrundlage für seine Familie zu finden und zieht sogar die Rückkehr nach Deutschland in Betracht. Lea, die in Aurich die Verschlimmerung der Lage der jüdischen Bevölkerung tagtäglich erlebt und im Sommer 1936 mit ansehen muss, wie ihr fünfjähriger Sohn Josef im Kindergarten im Beisein der Erzieher mit Steinen beworfen wird, weil er ein Jude ist, besteht jedoch darauf, dass Erich in den USA bleibt und versucht, eine Lösung zu finden.

Im Herbst 1936 gelingt es Erich schließlich, in das Kaufhaus „Goudchaux“ in Baton Rouge, Louisiana, einzusteigen, das er später übernehmen sollte. Lea stellt daraufhin ebenfalls einen Antrag auf Auswanderung, der jedoch erst im letzten Moment, 48 Stunden vor Abfahrt des Schiffes nach New York, genehmigt wird. Am 27. Dezember 1936 verlässt Lea mit ihren Kindern mit dem Passagierschiff „Washington“  über Hamburg Aurich für immer. Am 8. Januar 1937 erreichen sie New York.  Ihr Vater, Lippmann Knurr, bleibt in Aurich zurück. Lea und er sollten sich nie wiedersehen.

In Louisiana gelingt es Lea und Erich, durch harte Arbeit ein florierendes Unternehmen aufzubauen. Lea trägt hierzu erheblich bei, da sie nicht nur die Kinder erzieht, sondern zudem tatkräftig im Geschäft mitarbeitet und schließlich die Leitung des Verkaufs übernimmt. Von Vorteil ist für Lea, dass sie, anders als ihr Ehemann, bereits Englisch sprechen kann. Da Erich bald Inhaber des Kaufhauses ist, hat er die Möglichkeit, Bürgschaften für Personen, die ein Visum für die USA beantragen, zu übernehmen. Dem Paar gelingt es so, einem großen Teil der Familien Sternberg und Knurr die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Leas Brüder Harry, Hermann und Erich sowie Erichs Vater Jakob und sein Bruder Max und deren Familien entkommen so dem Holocaust. Lippmann Knurr, Leas Vater, stirbt 1942 im Alter von 83 Jahren in Bremen. Henny Knurr, Leas Tante, wird in Treblinka ermordet. Beide hatten ihre Ausreise aus Deutschland zu lange hinausgezögert, im Glauben, dass „sich alles wieder normalisieren“ würde und man zwei so alten Menschen nichts antun würde.

Lea verliert ihren Ehemann 1965, als dieser an einem Herzinfarkt stirbt. Sie heiratet nicht wieder. Ihre Söhne Josef und Hans führen das Unternehmen sehr erfolgreich fort, so dass es schließlich zum größten Kaufhaus in Familienbesitz in den USA aufsteigt. Leas Kinder heiraten in den USA und sie sieht ihre neun Enkelkinder und zahlreiche Urenkel aufwachsen. Am 23. Juli 1998 verstirbt Lea Sternberg in Baton Rouge unter großer Anteilnahme. Ihre Kinder Hans-Joachim und Insa besuchen Aurich mit ihren Familien, zu denen noch ein lebhafter Kontakt besteht. Für Lea wurde nach der Stolpersteinverlegung am 9. November 2012 vor dem Haus Norderstraße 2 (bei Vater und Bruder) neun Jahre später am 5. Oktober 2021 ein weiterer Stolperstein bei der Familie ihres Ehemannes und bei ihren Kindern verlegt.

Schüler der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II bereiten die Verlegung vor dem Haus Norderstraße 2 vor

Das frühere Geschäftshaus der Familie H.C. Knurr

Die Stolpersteine vor dem Haus Norderstraße 2

 

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)

Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer

Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 943;
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012.
Patenschaft: Katholische Kirchengemeinde St. Ludgerus (9.11.12) und Dirk Freese (5.10.21)
Verlegetermin: 9. November 2012 (Norderstr. 2) und 5. Oktober 2021 (Osterstraße 16/18)

 

 

 

Lippmann Knurr

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Lippmann KNURRLippmann Knurr
geboren am 2. August 1859 in Aurich

 

 

 

Straße: Norderstraße 2
Todesdatum: 3. März 1942
Todesort: Bremen
Lippmann Knurr wurde am 2. August 1859 in Aurich geboren. Er ist der Sohn von Heyman Cassen Knurr und Gertrude Knurr, geb. Heimann. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts betreibt die Familie das Geschäft „H.C. Knurr“ in Aurich, an der Ecke Marktstraße/Norderstraße. Neben Damen-, Herren- und Kinderbekleidung vertreiben die Knurrs erfolgreich Pelze, Teppiche, Gardinen, Federn, Kurzwaren und Stoffe.

Lippmann Knurr übernimmt das Geschäft von seinem Vater und führt es erfolgreich fort. Er heiratet Ida Bienheim aus Duingen, Kreis Alfeld, deren Schwester Henriette („Henny“) wiederum Lippmanns Bruder Abraham ehelicht. Lippmann und Ida haben sieben Kinder: Harry (geb. 14.08.1896), Erich (geb. 27.06.1899), Gertrude (geb. 20.06.1901, gest. 14.03.1903), Lea (geb. 10.01.1904), Theresa (geb. 01.04.1905, gest. 21.06.1906), Hermann (geb. 02.10.1908) und Gerta (03.06.1912). Gertrude und Theresa versterben bereits als Kleinkinder. Die jüngste Tochter, Gerta, stirbt im November 1936 im Alter von 24 Jahren an einer Lungenentzündung. Die übrigen vier Kinder von Lippmann und Ida Knurr überleben jedoch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust: Allen gelingt rechtzeitig die Flucht aus Deutschland.

Die Familie Knurr gilt als sehr religiös und kultiviert. Lippmann und Ida legen großen Wert auf eine gute Erziehung und Bildung ihrer Kinder, die später, bei ihrer Immigration in die USA, von ihren Englischkenntnissen profitieren sollten. Innerhalb der jüdischen Gemeinde spielt die Familie eine herausragende Rolle, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass der Auricher Rabbiner regelmäßig bei den Knurrs verkehrt und zu Mittag isst. Lippmann Knurr fungiert als Sprecher der jüdischen Gemeinde und wird bei Streitigkeiten, die das Geschäftsleben oder die jüdische Gemeinde betreffen, als Experte zu Rate gezogen. Doch auch außerhalb der jüdischen Gemeinde genießt Lippmann großes Ansehen: 1913 beispielsweise wir er zum Stadtverordneten gewählt. Die jüdische Schule liegt Lippmann besonders am Herzen: Er leitet den Neubau der Schule in die Wege und ist mindestens dreißig Jahre lang im Schulvorstand tätig. Außerdem engagiert er sich im sozialen Bereich und sorgt für Waisenkinder, denen er in seinem Geschäft eine Ausbildungsstelle und Unterkunft gewährt. 1939 wird Lippmann anlässlich seines 80. Geburtstags schließlich als eine der führenden und angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde ausgezeichnet.

1927 verstirbt Ida Knurr vierundfünfzigjährig nach langer Krankheit, Lippmann ist nun Witwer. Die Söhne Erich und Hermann arbeiten im Geschäft mit und werden Teilhaber der Firma „H.C. Knurr“. Lea Knurr heiratet den Sohn von Jakob Sternberg, Erich, der mit seinem Bruder gemeinsam das Bekleidungsgeschäft „Meyer Sternberg“ führt. Als Lea und Erich Mitte der 30er Jahre erste Überlegungen zu einer Auswanderung anstellen, steht ein Teil der Familie Knurr dem zunächst wohl eher skeptisch gegenüber: Lippmann und seine Söhne gehen davon aus, dass der „Spuk“ bald ein Ende haben werde und die Situation sich wieder „normalisieren“ würde.

Lea und ihrem Mann Erich gelingt es mit Geschick und Glück, ein Kaufhaus in Baton Rouge in Louisiana zu erwerben und 1936/37 dorthin auszuwandern. Als die Situation in Deutschland Ende der 30er Jahre immer schwieriger wird, immigrieren auch die übrigen Kinder Lippmanns mit ihren Familien in die USA, wobei sie von Lea und Erich unterstützt werden. Lippmann möchte Deutschland jedoch noch immer nicht verlassen. Er glaubt nicht, dass ihm aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – er ist 1939 80 Jahre alt – etwas angetan werden würde. Im Februar 1939 verkauft er jedoch nach der Auswanderung seines Sohnes Erich das Geschäftshaus und das dazugehörige Grundstück. Das Unternehmen „H. C. Knurr“ wird ab diesem Moment aufgelöst, zum 08. Oktober 1941 gilt die Gesellschaft als erloschen. Nach dem Ende des Krieges stellen Lippmanns Söhne einen Antrag auf Rückerstattung des Besitzes. Das Verfahren endet mit einem Vergleich zwischen den Parteien.

Da die Ausreise zum Ende der 30er Jahre immer schwieriger wird und die Einwanderungsquoten für die USA überzeichnet sind, schlägt Erich Sternberg, Lippmanns Schwiegersohn, Lippmann vor, standesamtlich seine verwitwete Schwägerin Henny zu heiraten, um ein Notvisum für Ehepaare für die USA beantragen zu können. Die strenggläubige Henny weigert sich jedoch, ihren Schwager zu ehelichen, da dies dem jüdischen Glauben nach verboten war, so dass beide in Deutschland bleiben müssen. Anfang 1940 erhalten beide dann die Aufforderung, Ostfriesland zu verlassen – aus „sicherheitspolizeilichen Gründen“ sollte die Region „judenfrei“ werden. Lippmann und Henny ziehen am 29. Februar 1940 zu Verwandten nach Bremen.
In Bremen wird der 81jährige Lippmann im Frühjahr 1941 von antisemitischen Schlägern in der Straßenbahn überfallen und aus dem noch fahrenden Wagen geworfen, wobei er einen Fuß verliert, der von den Rädern der Bahn abgetrennt wird. Am 3. März 1942 verstirbt Lippmann Knurr in Bremen. Sein Enkelsohn Hans Sternberg schreibt später, Lippmann sei trotz all der Schikanen und des ihm angetanen Leids immerhin noch als freier Mann gestorben. Henny Knurr hingegen wird am 23. September 1942 in Treblinka ermordet.

Der Grabstein / Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof für Lippmann und Ida Knurr.

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Fotos: Günther Lübbers

Schüler der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS        Aurich II bei der Vorbereitung der Stolpersteinverlegung

 

Das frühere Geschäft H.C. Knurr

 

Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 947; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E, Nr. 4/1.
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012;

Gerd D. Gauger: Aurich in Kaisers Rock und Petticoats 1918-1959, Aurich 2002.

Herbert Reyer: Aurich, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, hrsg. v. Herbert Obenaus, Göttingen 2005, S. 3-28.;

http://grabsteine.genealogy.net/tomb.php?cem=172&tomb=455&b=J

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_personen.html

Patenschaft: CDU-Fraktion des Auricher Stadtrates
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

Hermann Knurr

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Hermann KNURRHerrmann Knurr
geboren am 2. Oktober 1908 in Aurich

 

 

 

Straße: Nordersraße 2
Todesdatum: Überlebt, Flucht in die USA
 
Hermann Knurr wird am 02. Oktober 1908 als sechstes von sieben Kindern des Kaufmanns Lippmann und Ida Knurr, geb. Bienheim, geboren. Wie sein Vater und seine Brüder wird er Kaufmann. Von 1924 bis 1927 macht er in Halberstadt eine Lehre zum kaufmännischen Angestellten, nach seiner Rückkehr nach Aurich arbeitet er im väterlichen Betrieb, dem Geschäft „H. C. Knurr“ mit und wird gemeinsam mit seinem älteren Bruder Erich schließlich Teilhaber.

Anders als seine beiden älteren Brüder, die eigene Familien gründen, bleibt Hermann zunächst ledig und lebt mit seinem Vater in der Norderstraße 2. Da die Situation in Aurich für die jüdische Bevölkerung infolge von Schikanen und Boykotten immer schwieriger wurde, wandert zunächst Lea, Hermanns ältere Schwester, mit ihrer Familie in die USA aus. Hermann, seine Brüder und sein Vater hoffen hingegen zunächst noch, dass sich die Situation wieder verbessern würde. Spätestens die Pogromnacht vom 09.11.1938 macht den in Aurich verbliebenen Familienmitgliedern jedoch klar, wie ernst die Lage ist: In dieser Nacht wird nicht nur die Auricher Synagoge niedergebrannt und das Geschäft „H. C. Knurr“ geplündert, sondern die jüdischen Männer der Stadt werden allesamt verhaftet und in der „Viehauktionshalle“ (Bullenhalle) zusammengetrieben. Auch Hermann gehört zu den Verhafteten und muss in dieser Nacht und am folgenden Tag allerhand Schikanen über sich ergehen lassen: So müssen Hermann und sein Bruder am 10.11. auf dem Ellernfeld unter Beschimpfung und Misshandlungen durch die anwesenden S.A.-Leute Erdarbeiten versehen und Exerzierübungen machen. Hermann und sein Bruder Erich werden am darauf folgenden Tag gemeinsam mit 40 anderen Auricher Juden ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo sie mehrere Wochen gefangen gehalten und malträtiert werden.

Leas Mann, Erich Sternberg, ist ab 1938 Inhaber eines Kaufhauses in Baton Rouge, Louisiana, wodurch er die Möglichkeit hat, Bürgschaften für ausreisewillige Juden aus Deutschland zu übernehmen. Hermann bekommt so die Möglichkeit, in die USA zu immigrieren. Am 26. März 1939, kurz nach seinem Bruder Erich, verlässt auch Hermann Aurich. Lippmann Knurr, Hermanns Vater, bleibt in Ostfriesland zurück und löst nach der Abreise seiner Söhne die Firma „H. C. Knurr“ auf. Hermann und er sollten sich nie wieder sehen.

In Baton Rouge arbeitet Hermann im Kaufhaus seines Schwagers Erich Sternberg. Er leitet schließlich die Abteilung für Herrenbekleidung und unterstützt Erich bei der Leitung des Kaufhauses.

In den USA heiratet er schließlich auch – und zwar eine junge Frau, die ebenfalls aus Aurich stammte und der wie Hermann gerade noch rechtzeitig die Flucht gelungen war: Merri/Mary Gidansky (geb. 25.05.1911 in Aurich, gest. 14.03.2002 in Chicago), Tochter des Auricher Kaufmanns Carl Gidansky. Das Paar bekommt eine Tochter, Carol. Diese besucht Aurich und nimmt an der Stolpersteinverlegung für ihre Mutter und deren Eltern am 23.10.2017 vor dem Haus Marktplatz 31 teil.

Am 24. Juli 1974 verstirbt Hermann an einem Herzinfarkt. Er wurde 66 Jahre alt.

Schüler der Berufsfachschulklasse Bautechnik der BBS Aurich II bereiten die Stolpersteinverlegung vor

Das ehemalige Geschäftshaus der Firma H.C. Knurr

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 31.01.2013)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Foto: Hermann Knurr mit Mitgliedern der Familie Samson
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E, Nr. 4/1.
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012;
Johannes Diekhoff: Die Auricher Judengemeinde, in: Aurich im Nationalsozialismus, hrsg. v. Herbert Reyer (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 69), 247-299;
Gerd D. Gauger: Aurich in Kaisers Rock und Petticoats 1918-1959, Aurich 2002;http://articles.chicagotribune.com/2002-03-18/news/0203180102_1_baton-rouge-chicago-beth-shalom-synagogue
Patenschaft: Elsabe Kottmeyer
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

Jakob Wolff

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Jakob WOLFFJakob Wolff
geboren am 18. Mai 1910 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 9
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Belzyce am 10.05.1942
Todesort: Majdanek
In der Lilienstraße 9 wohnte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Familie von Henriette und Selke Levy gen. „Selly“ Wolff. Das Haus gehörte Selly Wolff seit er es 1895 von Wolf Samson erwarb. Henriette und Selly Wolff hatten zusammen 12 Kinder. Nur 3 ihrer Kinder überleben den Völkermord an den Juden.

Henriette von der Walde (Lt. Geburtenregister 1844-1931: „van der Walde“) wurde am 24. Juli 1875 als einziges Kind von Magnus Abraham von der Walde (1848 – 1932) und Karoline Gütel Levy, geb. Wolf (1853 – 1917) in Aurich geboren.

Henriette heiratete am 4.12.1894 im Alter von 19 Jahren den Schlachter und Viehhändler „Selly“   Wolff (1863 -1930).

Selly Wolff war das jüngste von sieben Kindern von Levy (1818-1869) und Eva Wolff (1825-1901). Sein älterer Bruder Abraham wohnte mit seiner Familie gegenüber in der Lilienstraße 12.

Jakob Wolff, geboren am 18.05.1910, ist das 10. Kind von Henriette und Selly Wolff. Jakob arbeitet wie seine Brüder zunächst mit seinem Vater zusammen als Schlachter und Viehhändler und führt nach dem Tod des Vaters im Jahr 1930 den Betrieb weiter. Sein Beruf wird auf der Kennkarte mit „Schlachtergeselle“ angegeben.
Sein Vater, Selly Wolff, war ein nicht nur in der Stadt Aurich, sondern auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Viehhändler und Schlachter, der regelmäßig in den „Ostfriesischen Nachrichten“ sein „Ausstellungs- Fleisch, Das Beste vom Besten“ annoncierte.   Seine Enkeltochter, Hannelore Wolff, die heute in den USA lebende Laura Hillman, die den Völkermord überlebte, weil ihr Name auf Schindlers Liste gesetzt wurde, erzählt in ihrem Buch „I will plant you a lilac tree“ /Ich werde Dir einen Fliederbaum pflanzen“, dass sie im KZ Brünnlitz   auf einen SS-Wachmann aus Moordorf traf, der sie zunächst schikanierte, dann aber, als ihr ein Plattdeutsches Wort herausrutschte, freundlicher wurde und erzählte, dass er in Ostfriesland einen Viehhändler namens Selly Wolff gekannt habe. Hannelore wagt es damals nicht, sich als dessen Enkeltochter erkennen zu geben.
Jakob bleibt ledig. Er wohnt bei seiner Mutter Henriette in der Lilienstraße 9 bis er wie alle noch in Aurich lebenden Juden im Januar 1940 die Aufforderung erhält, die Stadt zu verlassen. Er zieht am 27.02.1940 nach Weimar – so wie auch seine Mutter Henriette und seine Schwester Karoline mit ihrer Familie.

Am 10. Mai 1942 wird er ebenso wie seine Schwester Karoline mit den Kindern Hannelore, Wolfgang und Sally und wie seine jüngste Schwester Ilse und deren Mann Fritz Gutmann nach Belzyce deportiert. Als das Ghetto Belzyce Anfang 1943 aufgelöst wird, wird Jakob in das KZ Majdanek in der Nähe von Lublin deportiert und dort ermordet. Das Todesdatum ist unbekannt.

Recherche und Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 9.11.2012)
Foto: Jakob Wolff (Kennkarte v.
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Helge Hohmeier
Patenschaft: Insa-M. Sibelis
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

Jakob Abraham Wolff

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Jakob Abraham WOLFFJakob Abraham Wolff
geboren am 25. Februar 1907 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 12
Todesdatum: unbekannt
Todesort: Riga

Jakob Abraham Wolff 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jakob Abraham Wolff wird am 25. Februar 1907 in Aurich geboren. Er ist das dritte von neun Kindern von Abraham Levy und Hedwig Wolff, geb. von/van der Walde. Abraham Levy Wolff, der Vater von Jakob, betreibt in Aurich einen Viehhandel. Ihm gehören das Haus in der Lilienstraße 12, in dem die Familie wohnt, sowie Acker- und Weideland im Hammerkeweg.
Als Jakob gerade erst sechzehn Jahre alt ist, verstirbt sein Vater Abraham an einer Lungen- und Kehlkopftuberkulose. Jakobs ältere Brüder, Nachmon und Ludwig, führen nun das Geschäft des Vaters fort. Auch Jakob selbst steigt später in den Familienbetrieb ein und arbeitet wie sein Vater und seine Brüder als „Schlachter und Viehhändler“. Während Jakobs Geschwister Ludwig, Erna, Herta und Alfred in den folgenden Jahren heiraten und eigene Familien gründen, bleibt Jakob wie sein ältester Bruder Nachmon ledig.
Gemeinsam mit ihrer Mutter und der jüngsten, im Todesjahr des Vaters geborenen Schwester Ruth leben die beiden Brüder im Haus in der Lilienstraße 12.Durch Boykottaktionen und Repressalien durch das NS-Regime dürfte die finanzielle Lage der Familie ab 1933 immer schwieriger geworden sein. Vermutlich sind es jedoch die Ereignisse vom 09. November 1938, die für Jakobs Mutter Hedwig den Ausschlag dazu geben, Aurich zu verlassen und zu versuchen, sich in den Niederlanden eine neue Existenz aufzubauen: In jener Nacht werden alle männlichen jüdischen Einwohner Aurichs verhaftet und in der sogenannten „Bullenhalle“ in der Emder Straße zusammengetrieben. Nachdem sie dort während der Nacht allerhand Schikanen über sich ergehen lassen müssen, dürfen die Alten und Kranken am nächsten Morgen wieder gehen. Die als „arbeitsfähig“ eingestuften Männer werden jedoch zum Ellernfeld getrieben, wo sie den ganzen Tag über unsinnige Erdarbeiten oder „Exerzierübungen“ zur allgemeinen Erheiterung der Zuschauer durchführen müssen. Es ist unklar, ob Jakob unter jenen Männern ist, die auf dem Ellernfeld schikaniert und dann um 18 Uhr ins Auricher Gefängnis gesperrt wurden. Unter den insgesamt einundvierzig Verhafteten befindet sich jedoch sicher Jakobs ältester Bruder Nachmon, der schließlich am 12. November über Oldenburg ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht wird. Nachmon bleibt rund einen Monat in Haft, er kehrt erst am 15. Dezember wieder zurück nach Aurich. Jakobs Schicksal ist an diesem Punkt unklar: Die Verhaftung der „arbeitsfähigen“ Männer durch die Nationalsozialisten zielte darauf ab, den Familien mit dem „Ernährer“ die Einkommensgrundlage zu entziehen und sie somit zum Verkauf ihres Besitzes und zum Verlassen Deutschlands zu zwingen. Da sich auf Jakobs Fotokennkarte der Hinweis findet, Jakob sei geistig behindert gewesen, besteht die Möglichkeit, dass Jakob, sofern er als nicht dazu geeignet, den Viehhandel allein zu betreiben, eingeschätzt wurde, nicht nach Sachsenhausen verbracht wurde.

Wenige Monate nach der Rückkehr Nachmons aus der Haft verlässt Jakobs Mutter Hedwig gemeinsam mit Jakobs Schwester Ruth Aurich. Jakob und sein Bruder bleiben jedoch in der Stadt und bewohnen weiterhin das Haus in der Lilienstraße 12, wo im Juni 1939 auch weitere Familienmitglieder und andere Angehörige der jüdischen Gemeinde Unterschlupf gefunden haben: Neben Ludwig Wolff, Jakobs Bruder, und dessen Familie ist auch der Kaufmann Lippmann Knurr unter dieser Adresse gemeldet. Spätestens im Oktober 1939 hat nur noch Jakob eine Anstellung, denn er wird in den Einwohnermeldelisten als „Arbeiter“ geführt, sein Bruder Nachmon, mit dem er sich den „Hausboden“ im Gebäude in der Lilienstraße teilt, ist arbeitslos.

Als alle in Aurich verblieben Juden zu Beginn des Jahres 1940 die Aufforderung erhalten, den Regierungsbezirk bis zum 01. April zu verlassen, müssen auch Jakob und sein Bruder ihrer Heimatstadt den Rücken kehren. Obwohl die Mutter Hedwig sowie sämtliche Geschwister nach Holland geflohen sind, melden sich Jakob und Nachmon nicht in die Niederlande, sondern nach Berlin ab. Beide Brüder leben dort in der Neuen Friedrichstraße 77.

Rund zweieinhalb Jahre später, am 26. Oktober 1942, werden sie gemeinsam mit dem Transport 22 (Osttransport) nach Riga verschleppt. Der Zug traf dort drei Tage später, am 29. Oktober, ein. Hier verliert sich die Spur beider Männer. Im Zuge der Rückerstattungsverfahren, die ihre Schwester Erna, die einzige Überlebende der Familie, später anstrengt, werden beide Brüder 1955 für tot erklärt.

Die Stolpersteine vor dem Haus Lilienstraße 12

 

 

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Fotos von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Fotokennkartendatei; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 248, Nr. 947; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E; Rep. 241, A 210; Rep. 251, Nr. 306; Rep. 251, Nr. 307; Dep. 34C, Nr. 137; Dep. 34C, Nr. 143.

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Literatur: Johannes Diekhoff: Die Auricher Judengemeinde, in: Aurich im Nationalsozialismus, hrsg. v. Herbert Reyer (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 69), 247-299;

Jan Lokers: Boykott und Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben Ostfrieslands (1933-1938), in: Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-38, hrsg. v. Herbert Reyer, Aurich 1999, S. 63-82.

Patenschaft: Reformierte Kirchengemeinde Aurich
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

Albert Wolff

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Albert WOLFF Albert Wolff
geboren am 20.August 1937 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 12
Todesdatum: 9. November 1942
Todesort: Auschwitz
Albert Wolff wurde am 20. August 1937 in Aurich als erstes von drei Kindern der Eheleute Ludwig Abraham Wolff und Johanna Wolff geb. Samson geboren.
Sie hatten am 16.Juni 1936 geheiratet-  Ludwig Abraham Wolff wurde am 14. Oktober 1905 als zweites von neun Kindern der Eheleute Abraham Wolff und Hedwig Wolff geb. van der Walde geboren, die in der Lilienstraße 12 wohnten. Das Haus gehörte seit 1907 dem Vater, später (ab 1926) der Mutter.
Ludwig Wolff wurde, wie auch sein Vater, Viehhändler. Der Vater starb im Dezember 1923, als Ludwig 18 Jahre alt war.Johanna und Ludwig Wolff hatten zusammen drei Kinder: Albert, Simon und Hedwig. Am 25. März 1938 floh die damals noch 3-köpfige Familie nach Beilen in Holland und wohnte dort zunächst in der Marktstraße. Als spätere Adresse ist „Eursingerweg 1“ zu finden. Der zweite Sohn Simon wurde am 11. November 1938 in Beilen geboren und die Tochter Hedwig am 6. Juni 1941. Ludwig Wolff arbeitete in Beilen als Landarbeiter.
Anfang Oktober 1942 wurde die Familie im Lager Westerbork inhaftiert und am 6. November 1942 nach Auschwitz deportiert.Als Todesdatum wird für Albert Wolff, seine Mutter Johanna und die beiden Geschwister Simon und Hedwig der 9. November 1942 angegeben, was bedeutet, dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet wurden. Albert war damals fast 5 Jahre alt, seine Bruder Simon fast 4 Jahre und seine Schwester Hedwig 1 Jahr.
Für seinen Vater, Ludwig Wolff, wird der 31. März 1944 als Todesdatum angegeben. Als Todesort gibt die Westerbork-Liste für ihn   „Midden-Europa“ an, an anderer Stelle Cosel (ein Landkreis im heutigen Polen), also nicht Auschwitz. Daher erscheint es denkbar, dass Ludwig Wolff noch in einem der Zwangsarbeitslager im oberschlesischen Industriegebiet arbeiten musste und dort mit 38 Jahren umgekommen ist. Es gab Ende 1943 über 500 KZ-Außenlager, die Industriebetrieben zugeordnet waren.

Wahrscheinlich hat Ludwig Wolff noch einige Zeit gelebt, weil er möglicherweise in Cosel/Kosel (in der Nähe von Oppeln, Oberschlesien) aus dem Transport geholt worden; zwischen August und Dezember 1942 werden arbeitsfähige Männer von der SS aus den Transporten geholt und in Arbeitslager gebracht. Zwischen dem 26. August und dem 9. November 1942 lässt die SS „Organisation Schmelt“ mit Erlaubnis Himmlers mehrere Deportationszüge aus Westeuropa in Kosel halten, um dort insgesamt 8.000 bis 10.000 kräftige Juden als Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Alte Leute und Frauen mit Kindern wurden nach Auschwitz weitertransportiert und viele von ihnen dort sofort ermordet.

Dieses Foto entstand im Dezember 1937 und wurde von Dr. Samson Munn zur Verfügung gestellt. Seine Mutter Grete war eine Cousine von Alberts Mutter Johanna.

Die Stolpersteine vor dem Haus Lilienstraße 12

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 9.12.2012)
Fotos von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Weinmann, Das nationalsozialistische Lagersystem, 2001         (4.Aufl.), S.126
Patenschaft: A. und G. Pollmann
Verlegetermin: 9. Dezember 2012

 

 

 

Johanna Wolff, geb. Samson

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Johanna WOLFF geb. Samson Johanna Wolff
geboren am 28.Februar 1913 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 12
Todesdatum: 9. November 1942
Todesort: Auschwitz
Johanna Samson wurde am 28. Feruar 1913 in Aurich geboren. Sie war das Dritte von fünf Kindern der Eheleute Simon Josef Samson und Goldine Samson geb. Wallheimer, die in der Rudolf Eucken Allee 4 wohnten.
Der Vater Simon Samson, geb. am 5.12.1877 in Wittmund, war Schlachter und Viehhändler. Die Mutter war am 11.06.1879 in Aurich geboren worden. Beide haben im Januar 1939 Aurich verlassen. Laut Mitteilung des Amtsgerichtes Aurich ist das Ehepaar am 31.12.45 für tot erklärt worden. Für ihre Tochter Johanna Samson ist als Beruf „Haustochter“ angegeben. Einer weiteren Meldekarte zufolge, auf der als Vorname Hanna angegeben ist, hat sie vor ihrer Heirat an verschiedenen Orten als Pflegerin gearbeitet. So lebte sie von Anfang Januar bis Ende Juli 1933 in Osnabrück, ein paar Tage später zog sie nach Emden und kehrte am 4.September wieder zurück nach Aurich. Im Dezember 1934 ging sie nach Breslau und lebte dort bis zum 15. März 1935 in der Kastanienallee 22. Danach wohnte sie wieder bei ihren Eltern in Aurich in der Rudolf- Eucken- Allee 4.
Im Juni 1936 heiratete sie den sieben Jahre älteren Viehhändler Ludwig Wolff (geb. am 14.10.1905 in Aurich). Trauzeugen bei der Hochzeit waren ihr Vater Simon Samson, damals 58-jährig, und der ältere Bruder ihres Mannes, der Viehhändler Nachmann Wolff, der zu dem Zeitpunkt 32 Jahre alt war. Der Vater von Ludwig und Nachmann Wolff und von weiteren sieben Geschwistern war schon 1923 gestorben, als Ludwig 18 Jahre alt war. Ludwig Wolff wurde, wie auch sein Vater, Viehhändler.Johanna Wolff lebte seit ihrer Heirat zusammen mit ihrem Mann in der Lilienstraße 12 im Hause ihrer Schwiegermutter.
Johanna und Ludwig Wolff hatten zusammen drei Kinder: Albert, Simon und Hedwig. Das älteste, Albert, wurde am 20.8.1937 in Aurich geboren. Am 25. März 1938 floh die damals noch 3-köpfige Familie nach Beilen in Holland und wohnte dort zunächst in der Marktstraße. Als spätere Adresse ist „Eursingerweg 1“ zu finden.
Der zweite Sohn Simon wurde am 11. November 1938 in Beilen geboren und die Tochter Hedwig am 6. Juni 1941.
Ludwig Wolff arbeitete in Beilen als Landarbeiter.
Anfang Oktober 1942 wurde die Familie im Lager Westerbork inhaftiert und am 6. November 1942 nach Auschwitz deportiert.
Als Todesdatum wird für Johanna Wolff und ihre drei Kinder der 9. November 1942 angegeben, was bedeutet, dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet wurden.Für ihren Mann Ludwig Wolff wird der 31. März 1944 als Todesdatum angegeben. Als Todesort gibt die Westerbork-Liste für ihn „Midden-Europa“ an, an anderer Stelle Cosel (ein Landkreis im heutigen Polen), also nicht Auschwitz. Daher erscheint es denkbar, dass Ludwig Wolff noch in einem der Zwangsarbeitslager im oberschlesischen Industriegebiet arbeiten musste und dort mit 38 Jahren umgekommen ist. Es gab Ende 1943 über 500 KZ-Außenlager, die Industriebetrieben zugeordnet waren.
Wahrscheinlich hat Ludwig Wolff noch einige Zeit gelebt, weil er möglicherweise in Cosel/Kosel (in der Nähe von Oppeln, Oberschlesien) aus dem Transport geholt worden; zwischen August und Dezember 1942 werden arbeitsfähige Männer von der SS aus den Transporten geholt und in Arbeitslager gebracht. Zwischen dem 26. August und dem 9. November 1942 lässt die SS „Organisation Schmelt“ mit Erlaubnis Himmlers mehrere Deportationszüge aus Westeuropa in Kosel halten, um dort insgesamt 8.000 bis 10.000 kräftige Juden als Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Alte Leute und Frauen mit Kindern wurden nach Auschwitz weitertransportiert und viele von ihnen dort sofort ermordet.

Die Stolpersteine vor dem Haus Lilienstraße 12

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 9.12.2012)
Fotos von der Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur: Weinmann, Das nationalsozialistische Lagersystem, 2001         (4.Aufl.), S.126
Patenschaft: Helmut Mattheus
Verlegetermin: 9. Dezember 2012