Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Abraham Levy Wolff

Veröffentlicht: 14. August 2011 von westermayer in Verlegung

Abraham Levy WOLFF
geboren am 23. Juni 1901 in Aurich

 

 

 

Straße: Osterstraße 25
Todesdatum: 27. Juli 1942
Todesort: Auschwitz

Abraham Levy Wolff (1938) Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abraham Levy Wolff wird am 23. Juni 1901 in Aurich geboren. Er ist das erste Kind des Schlachters und Viehhändlers Levy Abraham Wolff (geb. 10.08.1862 in Aurich) und seiner Ehefrau Clara / Clärchen geb. Wolffs (geb. 5.10.1872 in Aurich).
Sein Bruder Wolf wird am 3.6.1902, seine Schwester Gelly am 9.7.1906 geboren. Zwei weitere Brüder versterben noch im Kindesalter. Das Ehepaar führt in der Osterstr. 25 einen Viehhandel und Schlachtbetrieb. Auf der Meldekarte der Stadt Aurich ist zusätzlich vermerkt, dass sie koschere Wurstwaren auch zum Versand anboten.

Abraham erlernt das Handwerk seines Vaters und wird ebenfalls Schlachter wie auch sein Bruder Wolff. Dieser geht aber schon 1918 nach Frankfurt und arbeitet 1932 auch kurz auf Norderney. Am 11.2.1938 flieht Wolff Wolff nach Palästina, Haifa. Gelly heiratet 1926 den Händler Gustav Wolff aus Sandhorst, 1935 wird die Ehe wieder geschieden. Auch sie schafft es, rechtzeitig mit ihren beiden Kindern Cläre und Josef am 2.4.1937 nach Haifa, Palästina, zu fliehen. Während Gelly auf die Ausreisepapiere wartet, schickt sie ihre Kinder für einige Monate zu ihrem Bruder Abraham und ihrer Schwägerin Frieda nach Groningen.  

Abraham Wolff heiratet am 15.01.1928 Frieda Hess (*22.07.1902) aus Weener. Ihr Vater war ebenfalls Viehhändler und Fleischverkäufer. Das Ehepaar entschließt sich schon bald nach der Machtübernahme Hitlers, in die Niederlande zu fliehen. Am 13.09.1933 emigrieren die beiden nach Groningen in die Folkingestraat 19. Ihre Ehe wird kinderlos bleiben.  

Am 22.09.1937 stirbt Abrahams Vater im Alter von 75 Jahren. Daraufhin hält seine Mutter nichts mehr in Aurich, sie zieht im März 1938 zu ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter nach Groningen.  

Abraham wird 1942 im Sammellager Westerbork interniert und von dort am 16. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. In diesen Julitagen werden in drei Transporten etwa 3.000 Internierte von Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 

Seine Ehefrau Frieda wird zusammen Abrahams Mutter Clara am 12. bzw. 13.03.1943 in Westerbork interniert. Warum sie erst ein Jahr später als ihr Mann Abraham aufgegriffen wurden, können wir nicht erklären. Vielleicht konnte sie sich einige Zeit versteckt halten. Kurz nach der Internierung werden Frieda und ihre Schwiegermutter Clara am 23.03.1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort nach ihrer Ankunft ermordet. 

Das Eckhaus Osterstraße 25 / Wallstraße 1

Fotos von der Verlegung Günther Lübbers

 

  Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 24.06.2021)
Foto: Familienbesitz
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 249b 320
Judenregister Aurich, Rep. 248
Meldekarte, NLA Aurich
geni.com (Familiendatenbank)
Literatur:  
Patenschaft: Wolfgang Ontijd
Verlegetermin: 12. Juni  2012

Hilde Glück geb. Wolff

Veröffentlicht: 31. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Hilde GLÜCK geb. Wolff
geboren am 17. Juli 1902 in Aurich

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: 1937 Flucht in die USA, verstorben 1992
Todesort: Los Angeles
Hilde Glück wird am 17. Juli 1902 als Tochter von Moses und Rosa Wolff (geb. Sternberg) in Aurich geboren. Ihr Vater (21.04.1859 – 16.04.1916) ist ein erfolgreicher Kaufmann mit eigenem Geschäft in Aurich, lt. Adressbuch von 1897 wohnhaft Wallstr. 49. Auch ihre Mutter kommt aus einer Kaufmannsfamilie. Rosas Vater Meyer Salmon Sternberg betreibt ein Manufaktur- und Produktengeschäft in der Osterstraße 16. Hilde wächst als jüngstes Kind in einer großen Familie mit sieben Geschwistern auf, deren Namen sind: Rosalie, Moritz, Leopold, Erna, Frieda, Iwan und Wilhelm. Ihr jüngster Bruder Richard (geb. am 18.07.1899) ist schon am 6. September 1899, wenige Wochen nach der Geburt gestorben. Hilde verliert ihre Eltern recht früh. Ihr Vater stirbt 1916 und ihre Mutter 1917 beide mit nur 57 Jahren.

Am 4. Dezember 1926 heiratet sie Abraham Glück, der am 1. Mai 1899 in Odessa im damaligen Russland geboren wurde. Er hat schon als Kleinkind beide Eltern verloren und sein Leben als Waisenkind war nicht leicht. Er muss schon früh nach Deutschland gekommen und in Hamburg-Altona aufgewachsen sein. Von dort ist er Ende April 1918 nach Aurich gekommen.

Als Kaufmann betreibt er zusammen mit Gustav Katz das Leder-und Pelzgeschäft „Glück und Katz“ in der Marktstr. 13.

Trauzeugen bei der Hochzeit von Abraham Glück und Hilde Wolff sind der Kaufmann Jakob Sternberg und Moritz Wolf, Hildes Bruder und ebenfalls Kaufmann. Nach der Hochzeit ziehen Abraham und Hilde Glück in das Haus: Leerer Landstraße 14.

Schon 1925, also vor der Hochzeit, stellt Abraham Glück einen Einbürgerungsantrag, der aber nicht sofort bewilligt wird. Das Antragsverfahren zieht sich sehr in die Länge.

Am 11. Mai 1928 wird der Sohn Heinz geboren. Erst danach bekommt Abraham Glück die deutsche bzw. preußische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Am 16. Februar 1935 wird die Tochter Ursula geboren. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die nun vierköpfige Familie im September 1935 noch einmal umzieht, nämlich in die damalige Gartenstraße, heute von-Jheringstr. 27.

Vielleicht spielen auch Fluchtgedanken dabei schon eine Rolle, denn ab 1935 wird die Situation für Juden in Deutschland immer schwieriger. Die Familie Glück macht sich im September 1937 auf den Weg in die USA. Ursula ist zu der Zeit 2 1/2 Jahre alt, ihr Bruder Heinz neun. Die Schiffsreise geht von Hamburg über Le Havre nach New York. In einer Passagierliste sind die Namen aller Familienmitglieder zu lesen. Das Schiff „Georgic“ kommt am 26. September 1937 in New York an. Die Familie wohnt zunächst in Philadelphia in Pennsylvania.

Hildes Schwestern Rosalie (geb. 02.05.1889) und Frieda (geb. 24.07.1894, verh. Sternberg) fliehen ebenfalls in die USA.  Von ihren Brüdern überlebt jedoch niemand das Ende des 2. Weltkrieges und der Naziherrschaft, auch nicht ihre Schwester Erna.  Moritz (geb. 14.03.1890) wird 1942 im Ghetto Lodz (Polen) ermordet. Erna (geb. 04.03.1893, verh. van Dyk) wird 1941 nach Riga deportiert und am 18.12.1944 im KZ Stutthof (Polen) umgebracht. Ihr Bruder Leopold M. Wolff (geb. am 6.8.1891) ist schon 1916 als Soldat des 1. Weltkrieges im Lazarett in Aurich gestorben. Auch Iwan (geb. am 23.06.1896) stirbt bereits 1937 in Aurich. Wilhelm (geb. am 20. Januar 1898) flieht im April 1940 mit Frau und Kindern aus Aurich und stirbt am 5. Mai 1940 in Berlin (Stolperstein).

Hilde Glück mit Sohn Henry (stehend), vorn v. l. Henrys Tochter Tracey, ihre Mutter Arline und deren Mutter

Das Schicksal der Familienmitglieder wirft einen dunklen Schatten auf Hildes und Abrahams Leben, aber der Start in ein neues Leben in Amerika ist voller Hoffnung. Etwa 1967 ziehen sie um nach Los Angeles. Das „Highlight“ ihres Lebens, wie Sohn Henry es nennt, besteht darin, dass sie lange genug gelebt haben, um ihre beiden Kinder glücklich verheiratet zu sehen und wunderbare Enkel bekommen zu haben. Sie sind sehr stolz auf das, was ihre Kinder erreicht haben.

Ihr Sohn Heinz, in Amerika Henry genannt, wächst in Philadelphia auf und studiert an der Universität von Pennsylvania Wirtschaft, Finanzen und internationalen Handel. Nach dem Studium ist er beruflich sehr erfolgreich. Am 22. Mai 1953 heiratet er in Los Angeles die damals 20-jährige Arline Renee Mayers. Auch die Kinder der beiden, Ronald und Tracey, sind beruflich sehr erfolgreich.

Henrys Schwester Ursula Glück heiratet am 6.Juli 1957 in Los Angeles den vielfach ausgezeichneten Sänger und Komponisten Richard Morton Sherman, der 1928 in New York geboren wurde. Sie haben zusammen zwei inzwischen erwachsene Kinder, Gregory und Victoria, und leben in Beverly Hills/California.

Hildes Mann Abraham, in Amerika Abe Gluck genannt, stirbt am 13. Februar 1970 in Los Angeles. Hilde, in Amerika Hilda Gluck, wird 89 Jahre alt und stirbt mehr als 20 Jahre später, am 13. Januar 1992. Sie wird lt. „Los Angeles Times“ vom 16. Januar 1992 auf dem Hillside Friedhof beigesetzt.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 5.10.2021)
Foto: Tracey Gluck
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte Abraham Glück; NLA Aurich, Rep.249b Nr.4535; Adressbuch der Stadt Aurich für 1897, S. 65; http://www.geni.com/people/Rosa-Wolff; https://search.ancestry.com/cgi-bin/  Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York,1897-1957; https://www.myheritage.de/research/; „The Los Angeles Times“, 16.Jan. 1992, S.23
Korrespondenz mit Nachkommen
Literatur:
Patenschaft: Dr. Jörg Leeners für Friederike Leeners
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

Louis Wolff

Veröffentlicht: 31. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Louis WOLFF
geboren am 4. März 1901 in Sandhorst

Straße: Norderstraße 11
Todesdatum: Deportation 13.12.1941 nach Riga
Todesort: Riga
Louis Wolff, geboren am 4. März 1901 in Sandhorst, lebte Anfang der 30ger Jahre bei seinem Bruder Adolf (ein Stolperstein für ihn wurde verlegt) in der Norderstraße 11.

Geboren wurde er in Sandhorst, sein Elternhaus stand ungefähr an dem Platz, wo heute die Esenser Straße 80/82 liegt. An jener Stelle wurden die Stolpersteine für seinen Bruder Gustav Wolff und dessen Familie verlegt.

Insgesamt hatte Louis fünf ältere Geschwister und einen jüngeren Bruder. Vier seiner Geschwister starben in den Vernichtungslagern im Osten (Frieda 1943 in Auschwitz, Eva 1943 in Sobibor, Adolf 1944 in Auschwitz und Gustav 1944 in Auschwitz. Für alle sind Stolpersteine in Aurich verlegt.), zwei schon im Kindes- und frühen Erwachsenenalter. Auch Louis wird die Judenverfolgung nicht überleben.

Eltern dieser sieben Kinder sind der Viehhändler Joseph Levy Wolff und Regine von der Wall aus Norden. Als der Vater starb, übernahm sein Sohn Gustav den Viehhandel.

Louis Wolff gründete nie eine eigene Familie und machte auch keine Ausbildung, er arbeitete als „Haussohn“. Sein Handicap: 1935 wurde bei ihm „angeborener Schwachsinn“ diagnostiziert. Ein Jahr später wurde er auf Anweisung des Kreisarztes zwangsweise der Sterilisation unterzogen.

1934 war von den Nationalsozialisten das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (bekannt als Erbgesundheitsgesetz) erlassen worden. Jeder, der von der Norm abwich, so wie sie die nationalsozialistische Rassenhygiene definierte, lief Gefahr, Opfer der Zwangssterilisation zu werden. Auf der Liste standen Depressionen, Schizophrenie und geistige Behinderungen. Selbst wer schlechte Noten in der Schule bekam, geriet schnell in den Verdacht, ein Idiot“ zu sein oder an „angeborenem Schwachsinn“ zu leiden. Auch Louis Wolff war mehrfach in der Schule sitzengeblieben.

Auf der Grundlage dieses Gesetzes wurden bis 1945 etwa 400.000 Menschen zwangsweise sterilisiert.

Louis‘ Vater Joseph Wolff war 1920 und seine Mutter 1929 gestorben. Von da an kümmerten sich die Geschwister um ihn. So wohnte er abwechselnd bei seinem Bruder Adolf in der Norderstraße, in Sandhorst bei seinem Bruder Gustav und bei der Familie seiner Schwester Frieda in der Julianenburger Straße. Mitte der dreißiger Jahre lebte er auch ein Jahr in Sögel im Hümmling.

Louis Wolff wird von den Folgen des Novemberpogroms 1938 nicht verschont. Er wird mit vielen anderen jüdischen Männern aus Aurich im KZ Sachsenhausen interniert. Als er im Januar 1939 wieder nach Aurich zurückkehrt, haben seine Geschwister Aurich schon verlassen oder stehen kurz vor der Flucht ins benachbarte Ausland.

Louis findet seine letzte Unterkunft in Aurich in der Emder Straße 16, dem jüdischen Gemeindehaus. Dort hatten auch seine Schwester Eva, deren Mann und Stiefsohn Aufnahme gefunden. Als im Frühjahr 1940 alle Juden aus Aurich vertrieben werden, entschließt sich Louis Wolff nach Werlte, ganz in der Nähe von Sögel zu ziehen.

Sein Name steht auf einer Transportliste mit ca. 200 weiteren jüdischen Menschen aus Werlte und Umgebung, die am 13. Dezember 1941 mit einem Zug über Osnabrück in das Ghetto Riga gebracht wurden. Der Transport erreichte das Lager am 16. Dezember 1941. Dort verliert sich die Spur von Louis Wolff.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen:  
Literatur:  
Patenschaft: Astrid Parisius
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

 

 

 

Grete Samson verh. Munn

Veröffentlicht: 31. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Grete SAMSON verh. Munn
geboren am 31. Mai 1922 in Aurich (mehr …)

Berta Moses geb. Heilbrunn

Veröffentlicht: 31. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Berta MOSES geb. HEILBRUNN
geboren am 14. Oktober 1883 in Sontra, Kreis Rotenburg (Nordhessen)

Straße: Kirchstraße 13
Todesdatum: 29. Juli 1949
Todesort: Chicago
Berta Heilbrunn wurde am 14. Oktober 1883 in Sontra, Kreis Rotenburg (Nordhessen) geboren. Ihr Vater war der Buchbinder Hirsch Heilbrunn, ihre Mutter Caroline Vogel.
Sie hatte vermutlich fünf Geschwister, zwei ihrer Brüder fielen im Ersten Weltkrieg. Ihr Bruder Simon emigrierte schon im Dezember 1933 in die USA.Am 3. November 1907 heiratet sie den Lehrer Max Moses, mit dem sie zwei Kinder hat: Martha, geb. 29. Dezember 1907, und Eugen, geb. 6. Juli 1909. Beide Kinder kommen in Gimbsheim bei Worms zur Welt. Max Moses ist zu der Zeit, von Oktober 1907 bis Dezember 1910, an der dortigen Religionsschule tätig.

Im Jahr 1911 erhält er eine Lehrerstelle in Vlotho, ein Jahr später in Herleshausen. Von 1922 bis 1925 lebt die Familie in Spangenberg. Als die dortige jüdische Volksschullehrerstelle abgebaut wird, bewirbt sich Max Moses auf die Lehrerstelle in Aurich, die er im August 1925 antritt.

Bis zum Novemberpogrom 1938 wohnen Berta und Max Moses in der Kirchstraße 13, wo die Auricher Synagoge stand. Nach der Zerstörung der Synagoge findet das Ehepaar zunächst Unterschlupf in der Leerer Landstr. 14, dann in der Fockenbollwerkstraße 7. Am 1. Juni 1939 gelingt ihnen die Flucht in die USA.

Ihre Kinder Martha und Eugen sind auch ab und an in der Kirchstraße gemeldet, verlassen aber Aurich endgültig 1933. Eugen, Student der Medizin, hat in Marburg, Köln, Berlin und Freiburg i. B., gewohnt, er zieht im Oktober 1933 nach Basel in die Schweiz.

Martha, die eine Ausbildung zur Buchhalterin gemacht hat, in Köln und Freiburg i.B. wohnte, heiratet im Februar 1933 den Kaufmann Julius Gottschalk, geboren in Osnabrück. Sie wohnen in Oberhausen – Kerkrade. Im Dezember 1938 gelingt ihnen die Flucht in die USA.

Berta und Max Moses fliehen am 1. Juni 1939 aus Aurich in die USA. Berta Moses verstirbt am 29. Juli 1949 in Chicago im Alter von 65 Jahren. Sie hat ihren Ehemann nur um drei Jahre überlebt.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 29.12.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Werner Kranz
Verlegetermin: 16. November 2019

 

 

 

Max Moses

Veröffentlicht: 31. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Max MOSES
geboren am 17. März 1883 in Lobsens, Kreis Wirsitz, Provinz Posen (heute: Polen)

Straße: Kirchstraße 13
Todesdatum: 19. Juni 1946
Todesort: Chicago
Max Moses wird am 17. März 1883 in Lobsens, Kreis Wirsitz, Provinz Posen (heute: Łobżenica, Polen), geboren als Sohn von Schneidermeister Salomon Moses (12.03.1845 in Lobsens +4.03.1923 Berlin) und seiner Ehefrau Ernestine Moses (1843 in Bromberg – 0ktober 1919 in Lobsens).

Die jüdische Gemeinde in Lobsens (Provinz Posen, heute Łobżenica in Polen) erreichte in den 1820/1830er Jahren ihren zahlenmäßigen Zenit; ab Mitte des 19.Jahrhunderts ging die Zahl der Gemeindemitglieder stetig zurück. Wie groß der Einfluss der jüdischen Bevölkerung in Lobsens war, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in den 1860er Jahren das Amt des Bürgermeisters von einem Juden ausgeübt wurde.

Max Moses wird Lehrer. Er beginnt seine Ausbildung im Lehrerseminar Cassel und legt dort seine erste Prüfung am 16. Februar 1904 ab, seine zweite Prüfung am 4. Mai 1907 in Büren, Westfalen. Von Juli 1904 bis Oktober 1905 ist er an der Religionsschule in Oberwesel tätig, dann folgen Stellen in Driburg (1905-1907) und Gimbsheim (1.10.1907-15.12.1910).

Max Moses heiratet am 3. November 1907 Berta Heilbrunn. Bertas Eltern waren der Buchbindermeister Hirsch Heilbrunn (1856 in Wichmannshausen – 1922 in Sontra) und Karoline Vogel (1855-1909 in Sontra).

Max und Berta Moses haben zwei Kinder: Martha, geb. 29.12.1907, und Eugen, geb. 6.7.1909.

Schulhaus der jüdischen Volksschule Herleshausen

1911 wechselt Max an eine Privatschule in Vlotho, 1912 bis 1922 ist er an der jüdischen Volksschule in Herleshausen tätig (dort unterrichtete er 1922 nur noch 7 Kinder), von 1923 bis Juli 1925 in Spangenberg. Im August 1925 übernimmt er die alleinige Lehrerstelle an der jüdischen Schule in Aurich, wo er im Nebenamt auch als Kultusbeamter arbeitet und die Rechnungsführung der Synagogengemeinde übernimmt.

Zu seinem 25-jährigen Amtsjubiläum am 1. April 1929 wird Max Moses von der Auricher jüdischen Gemeinde, von Bürgermeister Anklam und von Vertretern der Kirchen gewürdigt, denn er „hat es in seiner kaum vierjährigen Tätigkeit verstanden, durch seine gewissenhafte, hingebungsvolle und erfolgreiche Lehramtstätigkeit, sein offenes und wahrheitsliebendes Wesen und seine aufopfernde seelsorgerische Tätigkeit sich die größte Wertschätzung und Hochachtung nicht nur innerhalb unserer jüdischen Gemeinde, sondern auch im öffentlichen Leben unserer Stadt zu erwerben.“ („Der Israelit“ vom 11. April 1929)

Max Moses war als Soldat vom 2.05. bis 8.06.1916 und vom 16.06.1917 bis 27.11.1918 im Ersten Weltkrieg. Dort zieht er sich ein langwieriges Ischias Leiden zu. Das Ehrenkreuz, das ihm als Kriegsteilnehmer verliehen wurde, schützt ihn nicht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Nach der Pogromnacht im November 1938 werden er und Berta die Emigration aus Aurich geplant haben.

Ihre Kinder Martha und Eugen sind auch ab und an in der Kirchstraße gemeldet, verlassen aber Aurich endgültig 1933. Eugen, Student der Medizin, hat in Marburg, Köln, Berlin und Freiburg i. B., gewohnt, er zieht im Oktober 1933 nach Basel in die Schweiz.

Martha, die eine Ausbildung zur Buchhalterin gemacht hat, in Köln und Freiburg i. B. wohnte, heiratet im Februar 1933 den Kaufmann Julius Gottschalk, geboren in Osnabrück. Sie wohnen in Oberhausen-Kerkrade. Im Dezember 1938 gelingt ihnen die Flucht in die USA.

Bis zum Novemberpogrom 1938 wohnen Berta und Max Moses in der Kirchstraße 13, wo die Auricher Synagoge stand. Nach der Zerstörung der Synagoge findet das Ehepaar zunächst Unterschlupf in der Leerer Landstr. 14, dann in der Fockenbollwerkstraße 7.
Am 31. Mai 1939 meldet Max Moses aus Hamburg dem Regierungspräsidenten in Aurich, dass er „infolge besonderer Umstände (s)eine Auswanderung nach U.S.A. angetreten habe und zur Unterrichtserteilung an der dortigen jüdischen Volksschule nicht mehr zurückkehre.“ Weiterhin teilt er mit, dass der Lehrer Hermann Hartog aus Wilhelmshaven sich in Aurich befinde und ihn vertreten werde.

Die Flucht gelingt. Am 19. Juni 1946 verstirbt Max Moses in Chicago im Alter von 63 Jahren, seine Ehefrau Berta ebenfalls dort am 29. Juli 1949.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 29.12.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Elementarschule_(Herleshausen)
25-jähriges Dienstjubiläum: https://www.alemannia-judaica.de/aurich_rabbinat_lehrer.htm#25-j%C3%A4hriges%20Amtsjubil%C3%A4um%20von%20Lehrer%20Max%20Moses%20(1929)
Literatur:
Patenschaft: Werner Kranz
Verlegetermin: 16. November 2019

Johanna Wolffs verh. Löb

Veröffentlicht: 30. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Johanna WOLFFS verh. LÖB
geboren am 26. August 1908 in Fraustadt, Provinz Posen

Straße: Wallstraße 14
Todesdatum: 4.10.1987
Todesort: Buenos Aires
Johanna Wolffs wird am 26.08.1908 in Fraustadt, Provinz Posen (ab 1945 polnisch: Wschowa), geboren. Sie ist die Tochter des Ehepaares Glasermeister Meyer Moritz Wolffs, geb. 13.02.1876 in Aurich, und Cäcilie Wolffs geb. Schwarzwald, geb. 08.09.1869 in Fraustadt. Die Eltern ihres Vaters sind Wolff Selig Wolffs (18.11.1838 – 03.04.1891 in Aurich) und Eva Abraham Wolffs (01.11.1845 – 11.03.1920 in Aurich). Ihr Vater Meyer Wolffs fällt am 24.11.1915 im 1. Weltkrieg.

Johanna hat einen älteren Bruder, Wilhelm Wolffs, geb. am 26.05.1905 in Fraustadt. Wilhelm kommt im November 1915 im Alter von 10 Jahren, kurz bevor sein Vater im 1. Weltkrieg fällt, offensichtlich allein, nach Aurich und arbeitet bei seinem Onkel Abraham Wolffs als Kaufmannsgehilfe. Er bleibt ledig und zieht am 29.02.1940 in ein Waisenhaus nach Emden in die Klaas-Tholen-Str. 19. Am 23.10.1941 wird er nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert, von wo er seinem Onkel Siegfried Wolffs, Münster, noch einen Brief, allerdings mit unbekanntem Datum, schreibt. Danach gilt er als verschollen. Für ihn wurde am 27.01.2015 ein Stolperstein in der Wallstraße 14 verlegt.

In Fraustadt gab es auch eine kleine jüdische Elementarschule, die in den 1820er Jahren geschaffen wurde und bis wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges existierte; danach besuchten die jüdischen Kinder die örtliche evangelische Schule.

Abwanderung kennzeichnete die Jahre unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg; denn die verschlechterte ökonomische Situation der Stadt – sie lag nun in unmittelbarer Grenzlage zu Polen und war damit von den bisherigen Absatzmärkten isoliert – veranlasste zahlreiche Familien zum Weggang.

Wann genau Johanna Wolffs Fraustadt verlässt, ist nicht bekannt. In Osnabrück erhält sie in der „Provinzial Hebammenlehranstalt“ in der Caprivistraße eine Ausbildung zur Hebamme. Die Hebammenanstalt galt als eine der modernsten und am besten ausgestatteten Einrichtungen in Preußen.

Johanna Wolff ist also bestens ausgebildet, als sie nach Aurich kommt. Sie zieht am 16.04.1929 im Alter von 21 Jahren aus Osnabrück (Caprivistr. 1) nach Aurich in die Wallstr. 14 zu ihrem Onkel Abraham Wolffs – vielleicht um wieder näher bei ihrem Bruder Wilhelm zu sein, der seit 1915 in Aurich lebt. In Aurich arbeitet Johanna als Wochenpflegerin (Hebamme).

Am 15.05.1932 wechselt Johanna in die Wallstr. 8 zu Familie Stoppelmann. Es folgen 1933 und 1934-1935 kurze Aufenthalte in Delmenhorst und Papenburg (Friederikenstraße), von denen sie in die Wallstraße 14 zurückkehrt.

Am 15.02.1937 zieht sie in eine eigene Wohnung in der Kirchstraße 13. Von dort geht sie am 18.10.1937 für einige Monate nach Berlin und wohnt dort in die Brückenallee 29 (im Hansaviertel, eine gute Adresse – Akademiker, Rechtsanwälte, Künstler wohnen hier) und kehrt am 12.05.1938 wieder nach Aurich zurück in die Kirchstraße 13.

Drei Monate später, am 1.8.1938, verlässt Johanna Aurich und zieht nach Borken/Westfalen, in die Bahnhofstr. 9 zur Familie Haas. Die Gebrüder Hass betrieben in Borken eine auch international agierende Holz- und Furniergroßhandlung. Sie bewohnten ein großes, repräsentatives mehrstöckiges Wohn-Doppelhaus. Johanna Wolffs arbeitet in der Familie als Krankenschwester und versorgt Ricka Haas, die unter schwerer Diabetes litt.

In diesem Haus durchleidet Johanna die Pogromnacht vom 9./10. November 1938 und muss miterleben, wie gegen Mitternacht das Borkener SA -Kommando das Haus überfällt. Die SA -Männer brechen die Haustür auf und verschleppen Jonas Haas, die Haushälterin und die jungen Frauen ins Gerichtsgefängnis. Hier verhören sie die Frauen, um den Verbleib von Erich Haas zu erfahren. Das Kindermädchen mit den drei Jungen bleibt mit Ricka Haas und ihrer jüdischen Krankenschwester (Johanna) im Haus. Die SA-Männer zerschlagen die Fensterscheiben, verwüsten die Wohnungen und zerstören das Büro von Erich Haas. Die SA -Männer verbringen anschließend die Nacht im Wohnhaus der Familien Haas.

In der Folgezeit wird die Familie systematisch enteignet. Nur Erich Haas gelingt die Flucht in die Niederlande. Alle anderen Familienmitglieder werden Opfer der Shoa.

Johanna Wolffs gelingt es irgendwie nach Argentinien zu emigrieren. Dort kommt sie am 27.10.1940 in Buenos Aires an. Sie lernt Berthold Löb kennen und die beiden heiratet.

Berthold Löb wird am 26.12.1907 in Schifferstadt geboren. Seine Eltern sind Maximilian Löb (Jg. 1887) und Melanie Löb geb. Dreyfuss (Jg. 1882). Er hat einen Bruder Fritz (Jg. 1906). Für alle vier wurden Stolpersteine in Schifferstadt verlegt.

Max Löb arbeitet als Viehhändler gearbeitet. Aufgrund der Boykottmaßnahmen des Naziregimes wird er bereits 1935 so zahlungsunfähig, dass dieses Haus zwangsversteigert wird. Die Familie zieht daraufhin hinter die Synagoge und muss deren Brand am 10.11.1938 miterleben.

Am 23.09.1939 können die Eltern nach Argentinien auswandern. Die Söhne sind zu dieser Zeit schon dort. Fritz Löb ist neben seinem Beruf Viehhändler, Metzger und Landwirt ein begeisterter Motorsportler. Er kann 1938 nach Argentinien auswandern. Berthold, der jüngere Bruder, arbeitet als Einkäufer und Abteilungsleiter eines großen Kaufhauses und versucht schon ab 1936 auszuwandern. 1937 schaffte er es und wird in Argentinien zur Anlaufstelle für alle seine Familienmitglieder.

Johanna und Berthold Löb haben eine Tochter Claudia Orduwa. Sie lebt in Mar de Ajó, einem Küstenbadeort etwa 350 km südlich von Buenos Aires.

Berthold Löb stirbt am 31.05.1976 im Alter von 68 Jahren. Seine Frau Johanna lebt Ende seit dem Januar 1983 im Altersheim San-Miguel, Buenos Aires. Sie stirbt am 4.10.1987 im Alter von 79 Jahren.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 19.12.2021)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: geni.com (Familiendatenbank)
Dokumente: http://archive.org/details/hansheinzaltmann08reel08/mode/1up?view=theater

Hartmut Bringmann, Erich Haas — Ein jüdisches Leben in Borken https://d-nb.info/1150778903/34

Literatur:
Patenschaft: Hartwig Kuiper
Verlegetermin: 16. November 2019

Rosa „Reisel“ Seckels geb. Kleinberger

Veröffentlicht: 30. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Rosa SECKELS geb. KLEINBERGER
geboren am 25. Januar 1886 in Klęczany in Galizien

Straße: Marktstraße 22
Todesdatum: 1943 Deportation nach Theresienstadt
Todesort: unbekannt
Rosa Kleinberger wird am 25.01.1886 in Klęczany in Galizien geboren. Galizien gehörte zu diesem Zeitpunkt zu Österreich, nach dem 1. Weltkrieg zu Polen.
Rosa heiratet am 21.09.1926 den Auricher Kaufmann Moses Feibelmann Seckels. Die Hochzeit findet wenige Monate nach dem Tod von dessen zweiter Frau Rieke statt. Die Ehe von Rosa und Moses Seckels bleibt kinderlos.Rosa musse zusammen mit ihrem Mann und dessen Sohn Fritz am 5. April 1940 Aurich verlassen – so wie alle Auricher Juden. Sie ziehen nach Braunschweig, wohnen dort unter schwierigen Verhältnissen in einem mehrstöckigen „Judenhaus“ in der Ferdinandstraße 9 und werden am 16.03.1942 nach Theresienstadt deportiert. Hier verliert sich ihre Spur.

Moses Feibelmann Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Zur Geschichte der Familie ihres Mannes:
Moses Feibelmann Seckels gehört einer alteingesessenen, weitverzweigten Auricher Familie an. Während der ersten Auricher Stolpersteinverlegung in der Osterstraße haben wir schon seiner Verwandten gedacht: Sein Cousin Seckel Seckels führte dort ein Bekleidungsgeschäft.

Moses Zwy Feibelmann wird am 25. November 1857 geboren. Er stammt aus einer Kaufmanns- und Händlerfamilie. Sein Vater ist Feibelmann Jacob Seckels (1821-1907), seine Mutter Mienke Moses Cohen (1819-1874) stammt aus Neustadt-Gödens.

Moses heiratet in seiner ersten Ehe Emma Isenburger (1856 – 1901) aus Friedberg in Hessen. Ihre jüngere Schwester Sophie (1864- 1943 nach Auschwitz deportiert) heiratet ebenfalls nach Aurich (den Kaufmann Seckel Joseph Seckels (1861-1936). Für Sophie Seckels wurde am 8.11.2011 der erste von über 400 Stolpersteinen in Aurich verlegt, für ihren Mann Seckel am 16.11.2019 ein weiterer.

Aus der Ehe von Moses und Emma Seckels stammen neun Kinder:
21.08.1883 Julius Jacob (überlebt den Holocaust)
24.07.1885 – 8.09.1931 Minchen verh. Leezen
2.05.1887 Siegmund, gefallen 7.03.1917
17.02.1889 Ella
20.01.1891 Albert, gefallen 6.07.1917
27.01. 1893 Olga, verschollen 1916
17.10.1895 Selma Moses, von Köln nach Litzmannstadt deportiert am 22.10.1041,
dann nach Kulmhof am 6.05.1942
28.05.1898 Harry, von Drancy nach Auschwitz deportiert am 28.08.1942
28.05.1898 Richard (Zwillingsbruder), von Köln nach Minsk deportiert am 20.07.1942

Zwei seiner Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. 1935 wird Moses von der Stadt noch ein Ehrenkreuz verliehen für Eltern, die ihre Kinder im Krieg verloren hatten.

Die Kinder aus erster Ehe verlassen Aurich in den zwanziger Jahren. Den Holocaust überlebt hat nur Julius Jacob und zwei Töchter seines Sohnes Harry, die in Israel überlebten.

Moses Feibelmanns erste Frau Emma Isenburger stirbt 1901, sie hat sich tragischerweise das Leben genommen.

In zweiter Ehe heiratet Moses Feibelmann Seckels die in Gronau, Westfalen, geborene Rieke Rothschild (geb. am 21. September 1871). Sie stirbt mit 55 Jahren am 24. März 1926 in Aurich an „Herzschwäche“. Aus dieser Ehe stammen die beiden Söhne Fritz, geboren am 30. Mai 1907, und Josef, geboren am 6. August 1911. Für sie wurden ebenfalls Stolpersteine verlegt.

In dritter Ehe heiratet Moses Feibelmann die aus Galizien stammende Rosa Kleinberger, geboren am 25. Januar 1886 in Klęczany in Galizien. Er heiratet sie am 21. September 1926 wenige Monate nach dem Tod seiner zweiten Frau Rieke. Diese Ehe bleibt kinderlos.

Wohl in den zwanziger Jahren zieht Moses Feibelmann Seckels von der Wallstraße in die Marktstraße 22. Er betreibt ein Geschäft für Antiquitäten, wird auch als „Produktenhändler“ bezeichnet.  Im Juli 1935 wird in dem Sprachrohr der Nationalsozialisten, der Ostfriesischen Tageszeitung, zum Boykott jüdischer Geschäfte in Aurich aufgerufen. Auf der veröffentlichten Liste steht auch das Geschäft von Moses Feibelmann Seckels. Die Boykottaktionen und Verfolgungen treiben ihn letztlich in den Ruin.

In den späteren Entschädigungsverfahren formuliert Dr. Karl Anklam es so, „es handele sich um einen typischen Entziehungsfall. Bis zur Verfolgung lebte die Familie in geordneten und guten Verhältnissen. Moses Seckels Antik Sachen waren von anerkanntem Wert und er verdiente Geld, bis die Partei ihm den Handel nach auswärts untersagte und anordnete, dass er alles hier unter ungünstigen Absatzverhältnissen veräußern musste. In den Akten befindet sich auch eine mit Zeugenaussagen belegte Feststellung, dass man ihm sogar wesentliche Geldbeträge erpresst habe“. Soweit eine Stellungnahme von Karl Anklam aus der Nachkriegszeit. Am 1. April 1940 musste Moses Seckels sein Haus und Geschäft zur Zwangsversteigerung freigeben. Die Volksbank verkaufte es am 16.5.1940 dann weiter. (Entschädigungsverfahren endet 1956 in einem Vergleich mit Geldzahlung: 4.300 DM an Julius Seckels am 27.4.1956)

Fritz und Josef Seckels, die Söhne aus zweiter Ehe, wohnen im Elternhaus und helfen so gut sie können. Josef hilft als Kaufmann im Laden seines Vaters mit. Er muss sich aber, als die Geschäfte schlechter laufen, in der Landwirtschaft Arbeit suchen.

Beide Söhne werden im November 1938 wie viele andere jüdische Bürger aus Aurich nach der sogenannten Reichskristallnacht“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.

In der Pogromnacht in Aurich vom 9. auf den 10. November 1938 brannte die Synagoge. In der Landwirtschaftlichen Halle zusammengetrieben, wurden die Männer schikaniert. Diejenigen, die jünger als 60 Jahre waren, wurden in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. 42 Auricher wurden noch am gleichen Abend ins Gefängnis gebracht. Am 11. November 1938 wurden sie in Bussen nach Oldenburg transportiert. Ein Zug brachte sie von dort weiter in das KZ Sachsenhausen. Viele Auricher Männer blieben dort bis Ende Dezember. Joseph und sein Bruder Fritz konnten am 23. Dezember wieder nach Hause zurückkehren.

Josef Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Josef Seckels heiratet am 14. Februar 1939 Hedwig Marx, die zu der Zeit als landwirtschaftliche Arbeiterin in Sandhorst gemeldet ist. Hedwig (geb. 1. September 1910) stammt aus Brohl, einem kleinen Dorf in der Eifel. Das Ehepaar entschließt sich, Aurich zu verlassen. Sie wählen die Emigration nach Belgien, in der Hoffnung dort den Verfolgungen entgehen zu können. Am 11. November 1939 emigrierten sie nach Brüssel. Vielleicht träumten auch Joseph und Hedwig von einer Auswanderung nach Amerika oder Palästina.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Belgien mindestens 56.000 Juden – Schätzungen gehen sogar von 60.000 bis 70.000 aus. Unter ihnen waren viele Juden aus Deutschland und Österreich, die vor den nationalsozialistischen Verfolgungen geflohen waren.

Belgien war bei Kriegsausbruch neutral geblieben, aber bis Ende Mai 1940 hatten die Deutschen Belgien besetzt. Nach dem Einmarsch verabschiedeten die deutschen Besatzer zahlreiche antijüdische Verordnungen und Gesetze. Die jüdische Bevölkerung wurde in den vier großen Städten Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi konzentriert, ihre Besitztümer wurden registriert und ab dem 27. Mai 1942 musste sie zur Kennzeichnung einen gelben Stern tragen. Am 11. Juni 1942 erhielt die Brüsseler „Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten“ aus Berlin den Auftrag, die Deportation der ersten 10.000 Juden aus Belgien vorzubereiten. Für diesen Zweck wurde in einer alten Kaserne (Dossinkaserne) in Mechelen (Flämisch) / Malines (französisch), ein SS-Sammellager eingerichtet: das „SS-Sammellager Mechelen“ (zwischen Brüssel und Antwerpen) eingerichtet.

Am 4. August 1942 verließ der erste Transport das Lager. Bis zum 31. Juli 1944 folgten 27 weitere, die bis auf wenige Ausnahmen in Auschwitz-Birkenau endeten. Insgesamt wurden aus Belgien 25.124 Juden, darunter 5.430 Kinder, deportiert. Nur 1.207 (weniger als 5 Prozent) von ihnen überlebten die Deportation und kehrten nach dem Krieg zurück.

Josef und Hedwig Seckels können sich nicht verstecken. Sie egefangen genommen und im Sammellager Mechelen/Malines interniert. Am 15. Januar 1944 werden sie deportiert – der Zug erreicht am 17. Januar 1944 das Vernichtungslager Auschwitz (23. Transport, 657 Juden und Sinti und Roma).

Auch der in Osnabrück geborene jüdische Künstler Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek waren nach ihrer Verhaftung am 20. Juni 1944 in Brüssel für einige Wochen Gefangene in Mechelen. Mit dem letzten Transport am 31. Juli wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort am 9. August 1944 ermordet.

Fritz Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Fritz Seckels bleibt in Aurich, er steht seinem alten Vater und seiner Stiefmutter Reisel/Rosa bei. Sie gehören zu den letzten 20 jüdischen Bürgern Aurichs, die im März 1940 noch in der Stadt wohnen. Zum 1. April sollte Aurich für „judenfrei“ erklärt werden können. Das ist auch der Tag, an dem Moses, Rosa und Fritz ihr Haus, ihr Eigentum, ihre Heimat verlieren. Sie hatten sich bemüht, außerhalb Aurichs eine Unterkunft zu finden. Am 5. April liegt endlich auch die Zuzugsgenehmigung von Braunschweig vor. Sie finden Aufnahme in der Ferdinandstraße 9. Das war ein mehrstöckiges Haus, das ursprünglich einen jüdischen Besitzer hatte. Erst ab 1942 lebten nur noch Juden in der Ferdinandstraße 9, von denen die meisten um die 70 Jahre alt waren. Bis 1943 lebten sie hier, auf die Spenden jüdischer Bürger angewiesen.

Am 16. März 1943 werden Moses, Rosa und Fritz mit anderen Juden zum Alten Bahnhof getrieben. Der Zug hält noch einmal in Berlin. Am 17. März verlässt der Transport Berlin, er erreicht das Ghetto Theresienstadt am 18. März 1943. Dort verlieren sich die Spuren. Moses Feibelmann verstirbt schon während der Deportation. Er wird 86 Jahre alt.

Moses Seckels wurde ein Opfer der unmenschlichen Umstände des Transportes. Die Juden wurden in Viehwaggons gezwängt, es gab keine Toilette. Die kleinen Fenster, die einzige Luftzufuhr, waren mit Stacheldraht umwickelt, es gab nichts zu trinken. Auch die Dauer des Transportes (2-3 Tage) war ein Grund für die hohe Sterberate unter den Deportierten.

Nachtrag:

2010 wurde in Braunschweig am Haus in der Ferdinandstraße 9 eine Gedenktafel mit folgender Aufschrift angebracht:
„Dieses Haus wurde 1939 ein sogenanntes ‚Judenhaus’. / Ihrer Würde beraubt, mussten jüdische Mitmenschen hier leben. / Charlotte, Fritz und Miriam [sic![24]] Hirsch emigrierten im November 1940 nach Brasilien. / Isidor Baron und Käthe Ziegelstein starben hier. / In das Ghetto Warschau oder in das Konzentrationslager / Theresienstadt wurden 1942/43 deportiert: / Amalie und Luise Baron, Franziska Deppe, Rosa Falk, Lina Nachod, / Fritz, Moses und Rosa Seckels, Anna und Robert Weil.“

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 17.12.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
geni.com (Familiendatenbank)
Literatur:
Patenschaft: GAP Aurich, Wiard Coordes
Verlegetermin: 14. Dezember 2013

Moses Feibelmann Seckels

Veröffentlicht: 30. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Moses Feibelmann SECKELS
geboren am 25. November 1857 in Aurich

Straße: Marktstraße 22
Todesdatum: 1943 Deportation nach Theresienstadt
Todesort: unbekannt
Moses Feibelmann Seckels gehört einer alteingesessenen, weitverzweigten Auricher Familie an. Während der ersten Verlegung in der Osterstraße haben wir schon seiner Verwandten gedacht: Sein Cousin Seckel Seckels führte dort ein Bekleidungsgeschäft.

Moses Feibelmann Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Moses Zwy Feibelmann wird am 25. November 1857 geboren. Er stammt aus einer Kaufmanns- und Händlerfamilie. Sein Vater ist Feibelmann Jacob Seckels (1821-1907), seine Mutter Mienke Moses Cohen (1819-1874) stammt aus Neustadtgödens.

Moses heiratet in seiner ersten Ehe Emma Isenburger (1856 – 1901) aus Friedberg in Hessen. Ihre jüngere Schwester Sophie (1864-1943 nach Auschwitz deportiert) heiratet ebenfalls nach Aurich (den Kaufmann Seckel Joseph Seckels (1861-1936). Für Sophie Seckels wurde am 8.11.2011 der erste von über 400 Stolpersteinen in Aurich verlegt, für ihren Mann Seckel am 16.11.2019 ein weiterer.

Aus der Ehe von Moses und Emma Seckels stammen neun Kinder:
21.08.1883 Julius Jacob (überlebt den Holocaust)
24.07.1885 – 8.09.1931 Minchen verh. Leezen
2.05.1887 Siegmund, gefallen 7.03.1917
17.02.1889 Ella
20.01.1891 Albert, gefallen 6.07.1917
27.01.1893 Olga, verschollen 1916
17.10.1895 Selma Moses, von Köln nach Litzmannstadt deportiert am 22.10.1041,
dann nach Kulmhof am 6.05.1942
28.05.1898 Harry, von Drancy nach Auschwitz deportiert am 28.08.1942
28.05.1898 Richard (Zwillingsbruder), von Köln nach Minsk deportiert am 20.07.1942

Zwei seiner Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. 1935 wird Moses von der Stadt noch ein Ehrenkreuz verliehen für Eltern, die ihre Kinder im Krieg verloren hatten.

Die Kinder aus erster Ehe verlassen Aurich in den zwanziger Jahren. Den Holocaust überlebt hat nur Julius Jacob und zwei Töchter seines Sohnes Harry, die in Israel überlebten.

Moses Feibelmanns erste Frau Emma Isenburger stirbt 1901, sie hat sich tragischerweise das Leben genommen.

In zweiter Ehe heiratet Moses Feibelmann Seckels die in Gronau, Westfalen, geborene Rieke Rothschild (geb. am 21. September 1871). Sie stirbt mit 55 Jahren am 24. März 1926 in Aurich an „Herzschwäche“. Aus dieser Ehe stammen die beiden Söhne Fritz, geboren am 30. Mai 1907, und Josef, geboren am 6. August 1911. Für sie wurden ebenfalls Stolpersteine in Aurich verlegt.

In dritter Ehe heiratet Moses Feibelmann die aus Galizien stammende Rosa Kleinberger, geboren am 25. Januar1886 in Klęczany in Galizien. Er heiratet sie am 21. September 1926 wenige Monate nach dem Tod seiner zweiten Frau Rieke. Diese Ehe bleibt kinderlos. Auch für Rosa wurde ein Stolperstein in Aurich verlegt.

Wohl in den zwanziger Jahren zieht Moses Feibelmann Seckels von der Wallstraße in die Marktstraße 22. Er betreibt ein Geschäft für Antiquitäten, wird auch als „Produktenhändler“ bezeichnet.  Im Juli 1935 wird in dem Sprachrohr der Nationalsozialisten, der Ostfriesischen Tageszeitung, zum Boykott jüdischer Geschäfte in Aurich aufgerufen. Auf der veröffentlichten Liste steht auch das Geschäft von Moses Feibelmann Seckels. Die Boykottaktionen und Verfolgungen treiben ihn letztlich in den Ruin.

In den späteren Entschädigungsverfahren formuliert Dr. Karl Anklam es so, „es handele sich um einen typischen Entziehungsfall. Bis zur Verfolgung lebte die Familie in geordneten und guten Verhältnissen. Moses Seckels Antik Sachen waren von anerkanntem Wert und er verdiente Geld, bis die Partei ihm den Handel nach auswärts untersagte und anordnete, dass er alles hier unter ungünstigen Absatzverhältnissen veräußern musste. In den Akten befindet sich auch eine mit Zeugenaussagen belegte Feststellung, dass man ihm sogar wesentliche Geldbeträge erpresst habe“. Soweit eine Stellungnahme von Karl Anklam aus der Nachkriegszeit.

Am 1. April 1940 muss Moses Seckels sein Haus und Geschäft zur Zwangsversteigerung freigeben. Die Volksbank verkauft es am 16.5.1940 dann weiter. (Entschädigungsverfahren endet 1956 in einem Vergleich mit Geldzahlung: 4.300 DM an Julius Seckels am 27.4.1956)

Fritz und Joseph Seckels, die Söhne aus zweiter Ehe, wohnen im Elternhaus und helfen so gut sie können. Joseph hilft als Kaufmann im Laden seines Vaters mit. Er muss sich aber, als die Geschäfte schlechter laufen, in der Landwirtschaft Arbeit suchen.

Beide Söhne werden im November 1938 wie viele andere jüdische Bürger aus Aurich nach der sogenannten Reichskristallnacht“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.

In der Pogromnacht in Aurich vom 9. auf den 10. November 1938 brannte die Synagoge. In der Landwirtschaftlichen Halle zusammengetrieben, wurden die Männer schikaniert. Diejenigen, die jünger als 60 Jahre waren, wurden in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. 42 Auricher wurden noch am gleichen Abend ins Gefängnis gebracht. Am 11. November 1938 wurden sie in Bussen nach Oldenburg transportiert. Ein Zug brachte sie von dort weiter in das KZ Sachsenhausen. Viele Auricher Männer blieben dort bis Ende Dezember. Joseph und sein Bruder Fritz können am 23. Dezember 1938 wieder nach Hause zurückkehren.

Josef Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Josef Seckels heiratet am 14. Februar 1939 Hedwig Marx, die zu der Zeit als landwirtschaftliche Arbeiterin in Sandhorst gemeldet ist. Hedwig (geb. 1. September 1910) stammt aus Brohl, einem kleinen Dorf in der Eifel. Das Ehepaar entschließt sich, Aurich zu verlassen. Sie wählen die Emigration nach Belgien, in der Hoffnung, dort den Verfolgungen entgehen zu können. Am 11. November 1939 emigrieren sie nach Brüssel. Vielleicht träumten auch Joseph und Hedwig von einer Auswanderung nach Amerika oder Palästina.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Belgien mindestens 56.000 Juden – Schätzungen gehen sogar von 60.000 bis 70.000 aus. Unter ihnen waren viele Juden aus Deutschland und Österreich, die vor den nationalsozialistischen Verfolgungen geflohen waren.

Belgien war bei Kriegsausbruch neutral geblieben, aber bis Ende Mai 1940 hatten die Deutschen Belgien besetzt. Nach dem Einmarsch verabschiedeten die deutschen Besatzer zahlreiche antijüdische Verordnungen und Gesetze. Die jüdische Bevölkerung wurde in den vier großen Städten Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi konzentriert, ihre Besitztümer wurden registriert und ab dem 27. Mai 1942 musste sie zur Kennzeichnung einen gelben Stern tragen. Am 11. Juni 1942 erhielt die Brüsseler „Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten“ aus Berlin den Auftrag, die Deportation der ersten 10.000 Juden aus Belgien vorzubereiten. Für diesen Zweck wurde in einer alten Kaserne (Dossinkaserne) in Mechelen (Flämisch) / Malines (französisch), ein SS-Sammellager eingerichtet: das „SS-Sammellager Mechelen“ (zwischen Brüssel und Antwerpen).

Am 4. August 1942 verließ der erste Transport das Lager. Bis zum 31. Juli 1944 folgten 27 weitere, die bis auf wenige Ausnahmen in Auschwitz-Birkenau endeten. Insgesamt wurden aus Belgien 25.124 Juden, darunter 5.430 Kinder, deportiert. Nur 1.207 (weniger als 5 Prozent) von ihnen überlebten die Deportation und kehrten nach dem Krieg zurück.

Joseph und Hedwig Seckels können sich nicht verstecken. Sie werden gefangen genommen und im Sammellager Mechelen/Malines interniert. Am 15. Januar 1944 werden sie deportiert – der Zug erreicht am 17. Januar 1944 das Vernichtungslager Auschwitz (23. Transport, 657 Juden und Sinti und Roma).

Fritz Seckels, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Auch der in Osnabrück geborene jüdische Künstler Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek waren nach ihrer Verhaftung am 20. Juni 1944 in Brüssel für einige Wochen Gefangene in Mechelen. Mit dem letzten Transport am 31. Juli wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort am 9. August 1944 ermordet.

Fritz Seckels bleibt in Aurich, er steht seinem alten Vater und seiner Stiefmutter Reisel/Rosa bei. Sie gehören zu den letzten 20 jüdischen Bürgern Aurichs, die im März 1940 noch in der Stadt wohnen. Zum 1. April sollte Aurich für „judenfrei“ erklärt werden können. Das ist auch der Tag, an dem Moses, Rosa und Fritz ihr Haus, ihr Eigentum, ihre Heimat verlieren. Sie hatten sich bemüht, außerhalb Aurichs eine Unterkunft zu finden. Am 5. April liegt endlich auch die Zuzugsgenehmigung von Braunschweig vor. Sie finden Aufnahme in der Ferdinandstraße 9. Das war ein mehrstöckiges Haus, das ursprünglich einen jüdischen Besitzer hatte. Erst ab 1942 lebten nur noch Juden in der Ferdinandstraße 9, von denen die meisten um die 70 Jahre alt waren. Bis 1943 lebten sie hier, auf die Spenden jüdischer Bürger angewiesen.

Am 16. März 1943 werden Moses, Rosa und Fritz mit anderen Juden zum Alten Bahnhof getrieben. Der Zug hält noch einmal in Berlin. Am 17. März verlässt der Transport Berlin, er erreicht das Ghetto Theresienstadt am 18. März 1943. Dort verlieren sich die Spuren. Moses Feibelmann verstirbt schon während der Deportation. Er wird 86 Jahre alt.

Moses Seckels wurde ein Opfer der unmenschlichen Umstände des Transportes. Die Juden wurden in Viehwaggons gezwängt, es gab keine Toilette. Die kleinen Fenster, die einzige Luftzufuhr, waren mit Stacheldraht umwickelt, es gab nichts zu trinken. Auch die Dauer des Transportes (2-3 Tage) war ein Grund für die hohe Sterberate unter den Deportierten.

Nachtrag:

2010 wurde in Braunschweig am Haus in der Ferdinandstraße 9 eine Gedenktafel mit folgender Aufschrift angebracht:
„Dieses Haus wurde 1939 ein sogenanntes ‚Judenhaus’. / Ihrer Würde beraubt, mussten jüdische Mitmenschen hier leben. / Charlotte, Fritz und Miriam [sic![24]] Hirsch emigrierten im November 1940 nach Brasilien. / Isidor Baron und Käthe Ziegelstein starben hier. / In das Ghetto Warschau oder in das Konzentrationslager / Theresienstadt wurden 1942/43 deportiert: / Amalie und Luise Baron, Franziska Deppe, Rosa Falk, Lina Nachod, / Fritz, Moses und Rosa Seckels, Anna und Robert Weil.“

 

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 17.12.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
geni.com (Familiendatenbank)
Literatur:
Patenschaft: Gerd Seckels
Verlegetermin: 14. Dezember 2013

Josef Seckels

Veröffentlicht: 30. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

Josef SECKELS
geboren am 6. August 1911 in Aurich

Straße: Marktstraße 22
Todesdatum: 1944 Deportation nach Auschwitz
Todesort: Auschwitz

Josef Seckels, Kennkarte 1939, NLA Aurich

Josef Seckels wird am 6.08.1911 als Sohn von Moses Feibelmann Seckels (1857-1943) und seiner Ehefrau Rieke geb. Rothschild (1871-1926) geboren. Moses Seckels war mit ihr in zweiter Ehe verheiratet. Joseph hat einen älteren Bruder Fritz, geboren am 30.05.1907.

Josef wohnt zunächst bei seinen Eltern und hilft im Antik Geschäft seines Vaters. Als die Geschäfte schlechter laufen, muss er sich eine Arbeit in der Landwirtschaft suchen.

In der Reichspogromnacht vom 9./10.11.1938 wird er – ebenso wie sein Bruder Fritz – verhaftet, misshandelt und anschließend bis zum 23.12.1938 im KZ Sachsenhausen interniert.

Josef Seckels heiratet am 14. Februar 1939 Hedwig Marx. Sie war im März 1937 von Köln nach Aurich gezogen und wohnte in der Lilienstr.12 (bei Hedwig Wolff). Etwa ein Jahr später am 9.04.1938 zieht sie nach Sandhorst und wird dort auf Gut Coldehörn bei der jüdischen Familie Samson als landwirtschaftliche Arbeiterin tätig. Vielleicht hat Josef sie dort kennengelernt.

Hedwig Marx, Kennkarte 1939, NLA Aurich

Hedwig stammt aus Brohl, einem kleinen Dorf in der Eifel. Sie wird am 1. September 1910 in Brohl, Kreis Cochem in der Eifel geboren. Ihre Eltern sind Moses Marx (geboren am 12. Oktober 1866 in Binningen/Cochem) und Jetta geb.  Bender (geboren am 22. Juni 1876). Hedwig hat eine jüngere und eine ältere Schwester: Frieda Marx (geboren am 07. Juni 1908 in Brohl/Cochem), Helene Marx (geboren am 20. November 1911 in Brohl/Cochem).

Das Ehepaar entschließt sich, Aurich zu verlassen. Sie wählen die Emigration nach Belgien, in der Hoffnung dort den Verfolgungen entgehen zu können. Am 11. November 1939 emigrieren sie nach Brüssel. Vielleicht träumen auch Josef und Hedwig von einer Auswanderung nach Amerika oder Palästina.

Während ihrer Emigration in Brüssel sorgt ein Soldat aus dem benachbarten Möntenich dafür, dass der Kontakt zwischen Hedwig und ihren Eltern nicht abreist. Er ist der Briefbote. Um sich nicht verdächtig zu machen, kann er das Haus der Familie Marx nicht betreten. Deshalb ist der „Briefkasten“ die nachbarliche Wohnstube.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Belgien mindestens 56.000 Juden – Schätzungen gehen sogar von 60.000 bis 70.000 aus. Unter ihnen waren viele Juden aus Deutschland und Österreich, die vor den nationalsozialistischen Verfolgungen geflohen waren.

Belgien war bei Kriegsausbruch neutral geblieben, aber bis Ende Mai 1940 hatten die Deutschen Belgien besetzt. Nach dem Einmarsch verabschiedeten die deutschen Besatzer zahlreiche antijüdische Verordnungen und Gesetze. Die jüdische Bevölkerung wurde in den vier großen Städten Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi konzentriert, ihre Besitztümer wurden registriert und ab dem 27. Mai 1942 musste sie zur Kennzeichnung einen gelben Stern tragen. Am 11. Juni 1942 erhielt die Brüsseler „Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten“ aus Berlin den Auftrag, die Deportation der ersten 10.000 Juden aus Belgien vorzubereiten. Für diesen Zweck wurde in einer alten Kaserne (Dossinkaserne) in Mechelen (Flämisch) / Malines (französisch), ein SS-Sammellager eingerichtet: das „SS-Sammellager Mechelen“ (zwischen Brüssel und Antwerpen) eingerichtet.

Am 4. August 1942 verließ der erste Transport das Lager. Bis zum 31. Juli 1944 folgten 27 weitere, die bis auf wenige Ausnahmen in Auschwitz-Birkenau endeten. Insgesamt wurden aus Belgien 25.124 Juden, darunter 5.430 Kinder, deportiert. Nur 1.207 (weniger als 5 Prozent) von ihnen überlebten die Deportation und kehrten nach dem Krieg zurück.

Josef und Hedwig Seckels können sich nicht verstecken. Sie werden gefangen genommen und im Sammellager Mechelen/Malines interniert. Am 15. Januar 1944 werden sie nach Auschwitz deportiert – der Zug erreichte am 17. Januar 1944 das Vernichtungslager (23. Transport, 657 Juden und Sinti und Roma) – und dort ermordet.

Die Eltern und Geschwister von Hedwig werden ebenfalls Opfer der Shoah. Für alle wurden im Jahr 2014 Stolpersteine in Brohl verlegt. Ausführliche Informationen zur Familie von Hedwig Marx finden sich weiter unten.

Auch der in Osnabrück geborene jüdische Künstler Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek waren nach ihrer Verhaftung am 20. Juni 1944 in Brüssel für einige Wochen Gefangene in Mechelen. Mit dem letzten Transport am 31. Juli wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort am 9. August 1944 ermordet.

Zunächst zur ausführlichen Geschichte der Familie Moses Seckels:

Moses Feibelmann Seckels gehört einer alteingesessenen, weitverzweigten Auricher Familie an. Während der ersten Verlegung in der Osterstraße haben wir schon seiner Verwandten gedacht: Sein Cousin Seckel Seckels führte dort ein Bekleidungsgeschäft.

Moses Feibelmann Seckels, Kennkarte 1939, NLA Aurich

Moses Zwy Feibelmann wird am 25. November 1857 geboren. Er stammt aus einer Kaufmanns- und Händlerfamilie. Sein Vater ist Feibelmann Jacob Seckels (1821-1907), seine Mutter Mienke Moses Cohen (1819-1874) stammt aus Neustadt-Gödens.

Moses heiratet in seiner ersten Ehe Emma Isenburger (1856 – 1901) aus Friedberg in Hessen. Ihre jüngere Schwester Sophie (1864- 1943 nach Auschwitz deportiert) heiratet ebenfalls nach Aurich (den Kaufmann Seckel Joseph Seckels (1861-1936). Für Sophie Seckels wurde am 8.11.2011 der erste von über 400 Stolpersteinen in Aurich verlegt, für ihren Mann Seckel am 16.11.2019 ein weiterer.

Aus der Ehe von Moses und Emma Seckels stammen neun Kinder:
21.08.1883 Julius Jacob (überlebt)
24.07.1885 – 8.09.1931 Minchen verh. Leezen
2.05.1887 Siegmund, gefallen 7.03.1917
17.02.1889 Ella
20.01.1891 Albert, gefallen 6.07.1917
27.01. 1893 Olga, verschollen 1916
17.10.1895 Selma Moses, von Köln nach Litzmannstadt deportiert am 22.10.1041,
nach Kulmhof am 6.05.1942
28.05.1898 Harry, von Drancy nach Auschwitz deportiert am 28.08.1942
28.05.1898 Richard (Zwillingsbruder), von Köln nach Minsk deportiert am 20.07.1942

Zwei seiner Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. 1935 wird Moses von der Stadt noch ein Ehrenkreuz verliehen für Eltern, die ihre Kinder im Krieg verloren hatten.

Die Kinder aus erster Ehe verlassen Aurich in den zwanziger Jahren. Den Holocaust überlebt hat nur Julius Jacob und zwei Töchter seines Sohnes Harry, die in Israel überlebten.

Moses Feibelmanns erste Frau Emma Isenburger stirbt 1901, sie hat sich tragischerweise das Leben genommen.

In zweiter Ehe heiratet Moses Feibelmann Seckels die in Gronau, Westfalen, geborene Rieke Rothschild (geb. am 21. September 1871). Sie stirbt mit 55 Jahren am 24. März 1926 in Aurich an „Herzschwäche“. Aus dieser Ehe stammen die beiden Söhne Fritz, geboren am 30. Mai 1907, und Josef, geboren am 6. August 1911. Für sie wurden ebenfalls Stolpersteine verlegt.

In dritter Ehe heiratet Moses Feibelmann die aus Galizien stammende Rosa Kleinberger, geboren am 25. Januar 1886 in Klęczany in Galizien. Er heiratete sie am 21. September 1926 wenige Monate nach dem Tod seiner zweiten Frau Rieke. Diese Ehe bleibt kinderlos. Auch für Rosa wurde ein Stolperstein verlegt.

Wohl in den zwanziger Jahren zieht Moses Feibelmann Seckels von der Wallstraße in die Marktstraße 22. Er betreibt ein Geschäft für Antiquitäten, wird auch als „Produktenhändler“ bezeichnet.  Im Juli 1935 wird in dem Sprachrohr der Nationalsozialisten, der Ostfriesischen Tageszeitung, zum Boykott jüdischer Geschäfte in Aurich aufgerufen. Auf der veröffentlichten Liste steht auch das Geschäft von Moses Feibelmann Seckels. Die Boykottaktionen und Verfolgungen treiben ihn letztlich in den Ruin.

In den späteren Entschädigungsverfahren formuliert Dr. Karl Anklam es so, „es handele sich um einen typischen Entziehungsfall. Bis zur Verfolgung lebte die Familie in geordneten und guten Verhältnissen. Moses Seckels Antik Sachen waren von anerkanntem Wert und er verdiente Geld, bis die Partei ihm den Handel nach auswärts untersagte und anordnete, dass er alles hier unter ungünstigen Absatzverhältnissen veräußern musste. In den Akten befindet sich auch eine mit Zeugenaussagen belegte Feststellung, dass man ihm sogar wesentliche Geldbeträge erpresst habe“. Soweit eine Stellungnahme von Karl Anklam aus der Nachkriegszeit. Am 1. April 1940 musste Moses Seckels sein Haus und Geschäft zur Zwangsversteigerung freigeben. Die Volksbank verkaufte es am 16.5.1940 dann weiter. (Entschädigungsverfahren endet 1956 in einem Vergleich mit Geldzahlung: 4.300 DM an Julius Seckels am 27.4.1956)

Fritz und Josef Seckels, die Söhne aus zweiter Ehe, wohnen im Elternhaus und helfen so gut sie können. Josef, hilft als Kaufmann im Laden seines Vaters mit. Er muss sich aber, als die Geschäfte schlechter laufen, in der Landwirtschaft Arbeit suchen.
Beide Söhne werden im November 1938 wie viele andere jüdische Bürger aus Aurich nach der sogenannten Reichskristallnacht“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.

In der Pogromnacht in Aurich vom 9. auf den 10. November 1938 brannte die Synagoge. In der Landwirtschaftlichen Halle zusammengetrieben, wurden die Männer schikaniert. Diejenigen, die jünger als 60 Jahre waren, wurden in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. 42 Auricher wurden noch am gleichen Abend ins Gefängnis gebracht. Am 11. November 1938 wurden sie in Bussen nach Oldenburg transportiert. Ein Zug brachte sie von dort weiter in das KZ Sachsenhausen. Viele Auricher Männer blieben dort bis Ende Dezember. Josef und sein Bruder Fritz können am 23. Dezember 1938 wieder nach Hause zurückkehren.

Fritz Seckels, Kennkarte 1939, NLA Aurich

Fritz Seckels bleibt in Aurich, er steht seinem alten Vater und seiner Stiefmutter Reisel/Rosa bei. Sie gehören zu den letzten 20 jüdischen Bürgern Aurichs, die im März 1940 noch in der Stadt wohnen. Zum 1. April sollte Aurich für „judenfrei“ erklärt werden können. Das ist auch der Tag, an dem Moses, Rosa und Fritz ihr Haus, ihr Eigentum, ihre Heimat verlieren. Sie hatten sich bemüht, außerhalb Aurichs eine Unterkunft zu finden.
Am 5. April liegt endlich auch die Zuzugsgenehmigung von Braunschweig vor. Sie finden Aufnahme in der Ferdinandstraße 9. Das war ein mehrstöckiges Haus, das ursprünglich einen jüdischen Besitzer hatte. Erst ab 1942 lebten nur noch Juden in der Ferdinandstraße 9, von denen die meisten um die 70 Jahre alt waren. Bis 1943 lebten sie hier, auf die Spenden jüdischer Bürger angewiesen.

Am 16. März 1943 werden Moses, Rosa und Fritz mit anderen Juden zum Alten Bahnhof getrieben. Der Zug hält noch einmal in Berlin. Am 17. März verläßt der Transport Berlin, er erreicht das Ghetto Theresienstadt am 18. März 1943. Dort verlieren sich die Spuren. Moses Feibelmann verstirbt schon während der Deportation. Er wird 86 Jahre alt.

Moses Seckels wurde ein Opfer der unmenschlichen Umstände des Transportes. Die Juden wurden in Viehwaggons gezwängt, es gab keine Toilette. Die kleinen Fenster, die einzige Luftzufuhr, waren mit Stacheldraht umwickelt, es gab nichts zu trinken. Auch die Dauer des Transportes (2-3 Tage) war ein Grund für die hohe Sterberate unter den Deportierten.

Nachtrag:

2010 wurde in Braunschweig am Haus in der Ferdinandstraße eine Gedenktafel mit folgender Aufschrift angebracht:

„Dieses Haus wurde 1939 ein so genanntes ‚Judenhaus’. / Ihrer Würde beraubt, mussten jüdische Mitmenschen hier leben. / Charlotte, Fritz und Miriam [sic![24]] Hirsch emigrierten im November 1940 nach Brasilien. / Isidor Baron und Käthe Ziegelstein starben hier. / In das Ghetto Warschau oder in das Konzentrationslager / Theresienstadt wurden 1942/43 deportiert: / Amalie und Luise Baron, Franziska Deppe, Rosa Falk, Lina Nachod, / Fritz, Moses und Rosa Seckels, Anna und Robert Weil.“

Nun zur Familie von Hedwig Marx:

Die Familie Marx lebt in dem kleinen Ort Brohl mit etwa dreihundert Einwohnern. in Brohl lebten bis 1942 zwei jüdische Familien nebeneinander: die Familien Marx und Gärtner. Ihre ehemaligen Wohn- und Geschäftshäuser sind bis heute erhalten. Vor ihnen wurden im August 2014 Stolpersteine verlegt.

Moses Marx ist Kolonial- und Viehhändler. Außerdem ist er Kantor in der Synagoge Binningen. Brohl hatte keine eigene Synagoge, sondern in Binningen waren die Synagoge und der Friedhof für die Juden der umliegenden Dörfer.

Hedwigs Vater Moses Marx betreibt In Brohl einen Gemischtwarenladen. Genau gegenüber der Dorfkirche hatte die jüdische Familie den Laden eröffnet und versorgte die Dorfbewohner jahrelang mit Alltagswaren.

Doch mit Beginn der Nazi-Herrschaft war es den Brohlern verboten, dort weiter einzukaufen. „Wer sich dagegen widersetzte, wurde verfolgt“, berichtet ein Nachbar, Alfons Klinkner, damals 10 Jahre alt. Unter Strafe verboten sei auch der Kontakt zu Juden im Ort gewesen. Die Nachbarn, neben Familie Marx war das auch Familie Gaertner, die bisher zu seinem Leben gehörten, sollten plötzlich Feinde sein.

Am 9. November 1938, an dem Tag, der als ‚Reichspogromnacht‘ in die Geschichte einging, zerstören Nazis den Gemischtwarenladen, der sich gegenüber dem Elternhaus von Alfons Klinkner befand und der Familie Marx gehörte.

Gegenseitige Besuche müssen im Schutz der Dunkelheit stattfinden. So wie in jener Nacht, als Moses Marx vor der Deportation das Elternhaus von Alfons Klinkner aufsuchte. „Er brachte meinem Vater einen siebenarmigen Kerzenleuchter“, berichtet er. „Er bat ihn, den Kerzenleuchter einem Juden zu geben, der zurückkehrt oder einem Verwandten.“

Am Tag nach diesem Besuch von Moses Marx fuhr ein Pferdegespann vor die Häuser der jüdischen Familien und brachte sie bis zur Straße, die nach Treis-Karden führt. „Dort mussten sie in einen Lkw umsteigen, dann ging es vermutlich zum Bahnhof nach Karden.“

Brohl sei kein ‚Nazi-Dorf‘ gewesen. Doch ‚die wenigen Ausnahmen‘ schafften es, die Bewohner in Angst und Schrecken zu versetzen. Ein Brohler soll etwa mitgeholfen haben, die Binninger Synagoge und den Brohler Laden zu demolieren. Der gleiche Mann stahl sich nach dem Krieg aus der Verantwortung. Als er über das Radio gesucht wurde, nahm er sich das Leben. In seinem Testament hatte er offenbar darum gebeten, unter seiner Lieblingseiche begraben zu werden. Alfons Klinkners Vater, der unmittelbar nach dem Krieg zum Bürgermeister gewählt wurde, lehnte das ab. „Er wollte kein Nazi-Denkmal“, erinnert er sich.

Alfons Vater kann Jahre später das Versprechen einlösen, dass er Moses Marx in jener Nacht vor dessen Deportation gegeben hatte. „Eines Tages besuchte eine Verwandte der Familie Marx das Dorf und erkundigte sich nach deren Schicksal“, erzählt der 80-Jährige. Ihr überließ der Bürgermeister den siebenarmigen Kerzenleuchter.

Moses Marx, seine Frau Jetta und seine Schwester Amalie werden am 27.Juli 1942 ab Trier über Köln in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Amalie stirbt im Ghetto am 08. November 1942 im Alter von 76 Jahren. Moses wird mit seiner Frau am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Auch die drei Töchter von Moses und Jetta Marx werden Opfer der Shoa.

Frieda, die älteste Tochter, konnte zunächst aus Deutschland vor dem Naziterror fliehen – wann, das ist nicht mehr herauszufinden, auch nicht, wohin. Spanien oder Frankreich? Offensichtlich heiratet sie dort, den sie führt den Familiennamen Rodriguez. Die gesicherten Nachrichten betreffen leider ihren Todesweg: sie war im Transport Nr. 74, der am 22. Mai 1944 vom Internierungslager Drancy bei Paris nach Auschwitz ging. Ob sie zu denen gehörte, die direkt in die Gaskammer geführt wurden, das wissen wir nicht.

Hedwig konnte noch mit ihrem Mann Josef Seckel im November 1939 nach Brüssel flüchten – aber auch sie wurde aufgegriffen und von 1944 von Mechelen nach Auschwitz deportiert.

Helene wohnt in Iheringsfehn und in Wattenscheid. Sie heiratet einen Herrn Weinthal, der aber noch vor ihrer Deportation verstirbt, denn sie wird als Witwe gelistet. Helene wird am 30.04.1942 ab Dortmund in das Ghetto Zamosc (nahe Lublin) deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Das Ghetto wurde in den Tagen vom 16. bis 18. Oktober 1942 liquidiert.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 17.12.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
geni.com (Familiendatenbank)
Familie Marx: https://www.brohl-eifel.de/gesch2.html
Erinnerungen an Familie Marx: https://www.alemannia-judaica.de/binningen_synagoge.htm
Literatur:
Patenschaft: Petra Quintini
Verlegetermin: 14. Dezember 2013