Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Selma Wolff verh. Tandi

Veröffentlicht: 12. Juli 2010 von westermayer in Verlegung

Selma WOLFF verh. Tendi
geboren am 15. Juni 1923 in Aurich

Straße: Marktstraße 2
Todesdatum: Flucht nach Palästina
Todesort: überlebt
Selma Wolff wird am 15. Juni 1923 als jüngste Tochter des Schlachters Benjamin Wolff, genannt Benno, und seiner Ehefrau Regina Wolff, geb. Wolff in Aurich geboren. Beide Eltern sind in Aurich aufgewachsen und ihre Väter waren auch Schlachter. Geheiratet haben Benno und Regina Wolff am 19. August 1919.  Sie wohnen in der Marktstr.2, in der sich auch die Schlachterei befindet.

Selma Wolff hat zwei ältere Schwestern: Karoline, die am 07. August 1920 geboren wird, und Fanni, geboren am 24. September 1921. Die Kindheit der drei Schwestern mag bis 1933 noch unbeschwert gewesen sein – wie die vieler jüdischer Kinder in Aurich. In dem Haus Marktstr. 2 waren zwischen1926 und 1933 verschiedene Hausmädchen gemeldet, was auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen lässt.
Ab 1935 wurden jedoch die antijüdischen Schikanen im Handel immer stärker, und die Übernahme von jüdischem Haus- und Grundstückseigentum durch die Nationalsozialisten bringt viele jüdische Bürger dazu, Aurich zu verlassen.
Benno Wolff war 1932 noch, neben vielen christlichen Schlachtern, Mitglied der Fleischer-Zwangsinnung und bildete Lehrlinge aus. Aber nach der Pogromnacht vom November 1938 wird er bis zum 17. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Erst im Februar 1940 flieht er mit seiner Frau Regina nach Düsseldorf. Von dort werden beide im November 1941 nach Minsk deportiert und haben das Lager dort nicht überlebt.

Ihre drei Töchter wohnen zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr in Aurich.

Karoline, die älteste, zieht im April 1936 mit knapp 16 Jahren nach Wuppertal-Elberfeld. Es konnte jedoch nicht ermittelt werden, wo und wie lange sie dort gelebt hat. Sie flieht später nach Palästina und heiratet dort Chjim Zuker. Sie selbst heißt nun Lina Zuker (Tzuker). 1944 wird ihre erste Tochter geboren, Nurit Zuker, und 1951 die zweite Tochter, Raaja Zuker. Beide Töchter heiraten später und bekommen jeweils drei Kinder.

Auch Fanni und Selma Wolff leben später in Israel. Von ihnen ist jedoch bekannt, dass sie zunächst nach Großbritannien geflohen sind.

Fanni Wolff verlässt Aurich im Juni 1937 und bleibt bis Februar 1939 in Mannheim. Dort lebt seit 1936 auch ihre Cousine Netta Kussel und die Tante von beiden, Auguste Sommer, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Fanni arbeitet als Hausangestellte bei dem Ehepaar Richard und Mia Neter, das am 5. Februar 1939 mit dem Ziel Tel Aviv auswandert. Bis zu dem Datum ist Fanni Wolff dort auch nur gemeldet.

Das Archiv der Jüdischen Organisation WJR (World Jewish Relief) in London hat bestätigt, dass es Informationen über Fannis Ankunft in GB gibt.  Später lebt sie in Israel, wohin auch ihre Tante Auguste Sommer geflohen war. Fanni nennt sich nun Fani Tziporah Wolf und heiratet am 10. Oktober 1952 in Kiryat Motzkin  Reuven (Ruben) Weitzner, der am 22. Dezember 1915 in Kalusz / Ukraine geboren wurde. Sie hat mit ihm einen Sohn, Michael Weizner (geb. 1954). Am 29. Dezember 1954 stirbt Fanni Weitzner mit 33 Jahren als junge Mutter in Kiryat Bialik. Ihr Mann Ruben Weitzner wird 91 Jahre alt, er stirbt am 15. November 2007 in Kiryat Bialik. Die Gräber von beiden sind in Tzur Shalom.
Die jüngste der drei Schwestern, Selma Wolff, geht Anfang Mai 1938 ebenfalls als „Haustochter“ nach Mannheim und ist dort in der Kirschenstr. 3 bei Löffler bis zum 10. Dezember 1938 gemeldet. Sie gelangt mit einem „Kindertransport“ nach England. Durch „Kindertransporte“, die auch im Englischen so genannt werden, konnten vom Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, nach einem Beschluss des britischen Parlaments, rund 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei vor dem Holocaust gerettet werden.

Selma Wolff muss von England aus einen Suchantrag nach ihren Familienangehörigen gestellt haben. Sie nennt sich dort Selina und lebt als Studentin in Bournemouth. Am 6.Oktober 1944 heiratet sie Josef Tandeciarz (späterer Name: Jo Tendi), der aus Polen stammt und am 9. Juli 1938 im Hafen von Southampton angekommen war. 1945 bekommen sie einen Sohn, Stevan Tandi. Die Familie zieht ebenfalls nach Israel. Der Sohn Stevan Tandi heiratet später Bat-Sheva Weiss (geb. 1950). Die beiden sind die Eltern von Ido Tandi, der 1976 geboren wird.  Selma Tendi stirbt 1987.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.07.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich Rep. 248, Nr. 943
Adressbuch für Stadt und Kreis Aurich 1926
Habben, Johannes in: Reyer, Diekhoff, Die Juden in Aurich, Aurich, 1992, S. 124
Literatur:
Patenschaft: Eckhaus Verlag Weimar / Katja Völkel
Verlegetermin: 16. November 2019

Karoline Wolff verh. Zuker

Veröffentlicht: 12. Juli 2010 von westermayer in Verlegung

Karoline WOLFF verh. Zuker
geboren am 7. August 1920 in Aurich

Straße: Marktstraße 2
Todesdatum: Flucht nach Palästina
Todesort: überlebt
Karoline Wolff wird am 07. August 1920 als älteste Tochter des Schlachters Benjamin Wolff, genannt Benno, und seiner Ehefrau Regina Wolff, geb. Wolff in Aurich geboren. Beide Eltern sind in Aurich aufgewachsen und ihre Väter waren auch Schlachter.
Geheiratet haben Benno und Regina Wolff am 19. August 1919.  Sie wohnen in der Marktstr.2, in der sich auch die Schlachterei befindet.

Karoline Wolff hat zwei jüngere Schwestern: Fanni, die am 24. September 1921 geboren wird, und Selma, geboren am 15. Juni 1923. Die Kindheit der drei Schwestern mag bis 1933 noch unbeschwert gewesen sein – wie die vieler jüdischer Kinder in Aurich. In dem Haus Marktstr. 2 waren zwischen1926 und 1933  verschiedene Hausmädchen gemeldet, was auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen lässt.

Ab 1935 wurden jedoch die antijüdischen Schikanen im Handel immer stärker, und die Übernahme von jüdischem Haus- und Grundstückseigentum durch die Nationalsozialisten bringt viele jüdische Bürger dazu, Aurich zu verlassen.

Benno Wolff war 1932 noch, neben vielen christlichen Schlachtern, Mitglied der Fleischer-Zwangsinnung und bildete Lehrlinge aus. Aber nach der Pogromnacht vom November 1938 wird er bis zum 17. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Erst im Februar 1940 flieht er mit seiner Frau nach Düsseldorf. Von dort werden beide im November 1941 nach Minsk deportiert und haben das Lager dort nicht überlebt.

Karoline Wolff, die älteste Tochter, zieht im April 1936 mit knapp 16 Jahren nach Wuppertal-Elberfeld. Es konnte jedoch nicht ermittelt werden, wo und wie lange sie dort gelebt hat. Sie flieht später nach Palästina und heiratet dort Chjim Zuker. Sie selbst heißt nun Lina Zuker (Tzuker). 1944 wird ihre erste Tochter geboren, Nurit Zuker, und 1951 die zweite Tochter, Raaja Zuker. Beide Töchter heiraten später und bekommen jeweils drei Kinder. Nurit und Jaakov Golda (geb. 1943) sind die Eltern von Ran Golda, Gil Golda (geb.1967) und Dan Golda (geb. 1971).  Raaja und Meir Eshet (geb. 1948) haben ebenfalls drei Kinder: Iris Eshet (geb.1973), Nitzan Eshet (geb.1979) und Dikla Eshet (geb.1981).
Auch Karolines zwei Schwestern, Fanni und Selma Wolff, leben später in Israel. Von ihnen ist jedoch bekannt, dass sie zunächst nach Großbritannien geflohen sind.

Fanni Wolff hat Aurich im Juni 1937 verlassen und ist bis Februar 1939 in Mannheim geblieben. Dort lebte seit 1936 auch ihre Cousine Netta Kussel und die Tante von beiden, Auguste Sommer, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Fanni war Hausangestellte bei dem Ehepaar Richard und Mia Neter, das am 5. Februar 1939 mit dem Ziel Tel Aviv ausgewandert ist. Bis zu dem Datum ist Fanni Wolff dort auch nur gemeldet.

Das Archiv der Jüdischen Organisation WJR (World Jewish Relief) in London hat bestätigt, dass es Informationen über Fannis Ankunft in GB gibt.  Später lebt sie in Israel, nennt sich dort Fani Tziporah Wolf und heiratet am 10. Oktober 1952 in Kiryat Motzkin Reuven (Ruben) Weitzner, der am 22. Dezember 1915 in Kalusz / Ukraine geboren wurde. Sie hat mit ihm einen Sohn, Michael Weizner (geb. 1954). Am 29. Dezember 1954 stirbt Fanni Weitzner mit 33 Jahren als junge Mutter in Kiryat Bialik. Ihr Mann Ruben Weitzner wird 91 Jahre alt, er stirbt am 15. November 2007 in Kiryat Bialik. Die Gräber von beiden sind in Tzur Shalom.
Karolines jüngste Schwester, Selma Wolff, geht Anfang Mai 1938 ebenfalls nach Mannheim und ist dort bis zum 10. Dezember1938 gemeldet. Sie gelangt mit einem „Kindertransport“ nach England. Durch „Kindertransporte“, die auch im Englischen so genannt werden, konnten vom Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, nach einem Beschluss des britischen Parlaments, rund 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei vor dem Holocaust gerettet werden.

Selma Wolff lebt zunächst als Studentin in Bournemouth und heiratet am 6.Oktober 1944 Josef Tandeciarz (späterer Name: Jo Tendi), der aus Polen stammt. 1945 bekommen sie einen Sohn, Stevan Tandi. Die Familie zieht ebenfalls nach Israel.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.07.2022)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich Rep. 248, Nr. 943
Adressbuch für Stadt und Kreis Aurich 1926
Habben, Johannes in: Reyer, Diekhoff, Die Juden in Aurich, Aurich, 1992, S. 124
Literatur:
Patenschaft: Günter Schulze
Verlegetermin: 16. November 2019

Paul Spangenthal

Veröffentlicht: 27. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Paul SPANGENTHAL
geboren am 10. Juni 1913 in Spangenberg (Hessen)

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: 15. Mai 1989
Todesort: Hazel Crest, Illinois, USA
Paul Spangenthal  wird am 10. Juni 1913 als Sohn von Moritz (Moses) und Frieda Spangenthal in Spangenberg im heutigen Schwalm-Eder-Kreis (früher: Kreis Melsungen) geboren. Schon früh verliert er seinen Vater (geb. am 18. April 1879 in Spangenberg), der sich im 1. Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte und am 18. September 1918  mit 39 Jahren als Pilot  in Le Cateau stirbt. Seine Mutter, Frieda Windmüller, geb. am 18. Oktober 1884, stammt aus Korbach (Hessen).  Geheiratet haben die beiden am 9. März 1909.

Moritz Spangenthal (Vater von Paul Spangenthal) als Pilot im 1. Weltkrieg (ganz links)

Paul kann sich später, wie seine Tochter berichtet, an seinen Vater kaum erinnern. Nur an eine Begegnung bei einem Heimaturlaub des Vaters, der kurz danach als Pilot abgeschossen worden ist. Paul ist zu dem Zeitpunkt erst 5 Jahre alt.
Seine Mutter ist nun Witwe mit drei kleinen Kindern: Max, geb. am 25. Januar 1910, Fritz, geb. am 21. Mai 1911, und Paul. Sie versorgt ihre Söhne durch die Arbeit im Eisenwarengeschäft der Familie. Die Jungen haben nur Unfug im Kopf, und ihre Streiche sind legendär. In einem Bericht werden sie als „Lümmel“ bezeichnet.

Frieda Spangenthal mit ihren Söhnen Fritz (links), Paul (rechts) und Max (hinten)

Das Geld reicht nur aus, um einem von ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen. Max, der älteste, wird zum Studieren fortgeschickt und wird Doktor der Rechtswissenschaften. Auch Fritz geht fort und beginnt eine Berufsausbildung, Paul bleibt zu Hause und hilft seiner Mutter im Geschäft.

Das Geschäft der Spangenthals in Spangenberg (Hessen)

An einem Tag in den frühen 1930-er Jahren kommt Paul mit seinem Motorrad nach Hause, als zwei Nazis sich ihm nähern und ihm sagen, er solle sein Motorrad weggeben, denn er würde es sowieso nicht mehr gebrauchen. (Er  ist  auch belauscht worden, als er Hitler kritisierte.)  Danach muss er an einem Nazi-Trainingslager teilnehmen und wird dort geschlagen und gequält. Seine Mutter geht deshalb zu einem  Beamten, den ihr Mann kannte, und bittet um das Leben ihres Sohnes. Der Beamte kann zu seinen Gunsten intervenieren und benachrichtigt das Camp, ihn freizulassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man Paul bereits gezwungen, sein eigenes Grab auszuheben. Widerwillig lassen die Nazis ihn frei und setzen ihn in einen Zug nach Hause. Sie drohen ihm an, ihn zurückzubringen und zu erschießen, falls er irgendjemandem im Zug erzählen würde, was geschehen ist.

Später wird er zur deutschen Armee eingezogen, zusammen mit den anderen Jungen aus seiner Schulklasse (von denen die meisten im Kampf während der deutschen Invasion in Russland sterben). Bald gibt es jedoch einen Erlass, der Juden den Dienst in der deutschen Wehrmacht verbietet. Paul wird unehrenhaft entlassen, sein befehlshabender Offizier sagt ihm, dass er ihm einen Vorsprung geben werde, damit er durch den Wald nach Hause laufen kann.  Danach könne er nicht mehr für seine Sicherheit garantieren.

Ironie des Schicksals:  Jahre später wird er erneut eingezogen, in Nashville in Tennessee, diesmal zur US-Armee, aber er wird abgelehnt, weil er Deutscher ist  und weil er noch in Deutschland lebende Familienangehörige hat.

Paul Spangenthal

Im Sommer 1933, also im Alter von 20 Jahren, zieht Paul Spangenthal von Spangenberg nach Aurich und wohnt seit dem 1. August in der Leerer Landstr. 14 zunächst bei Katz, später bei Ludwig Wolffs. Als Beruf ist auf der Meldekarte „kaufmännischer Angestellter“ angegeben, später geändert in „Kaufmann“.

In Spangenberg leben zu Beginn der NS-Zeit noch mehr als 100 Juden. Verschiedene gewaltsame Aktivitäten von NSDAP-Angehörigen gegenüber den jüdischen Bürgern führen zu einer beschleunigten Abwanderung der jüdischen Familien. Nur wenige emigrieren in die USA oder nach Palästina, die allermeisten Juden fliehen in andere Städte innerhalb Deutschlands. Schon Ende 1938 sollen in Spangenberg keine Juden mehr gelebt haben.

Paul Spangenthals Mutter zieht im August 1936 von Spangenberg nach Köln zu ihrem Sohn Fritz, der seit 1929, von Konstanz kommend, in Köln, Lochnerstr. 16, lebt. Auch Fritz ist Kaufmann, später „Handelsvertreter“. Er heiratet im Januar 1938  Henriette Eisler. Der 27-jährige Bruder Max Spangenthal, inzwischen Doktor der Rechtswissenschaft in Berlin, ist einer der beiden Trauzeugen in Köln. Nach seiner Hochzeit zieht Fritz Spangenthal in Köln um in die Aegidienberger Str. 8, seine Mutter zieht am 2. März 1938 auch dorthin.

Die Familie Spangenthal will unbedingt Deutschland verlassen, obwohl es extrem schwierig ist. Man braucht einen Lotteriegewinn und einen Förderer in den Vereinigten Staaten, der für einen bürgen würde. Pauls Bruder Fritz fährt extra nach Berlin, um die nötigen Unterlagen zu besorgen, weil er der Post nicht traut.

Im Mai 1938 verlässt auch Paul Spangenthal seinen bisherigen Wohnort Aurich und zieht ebenfalls nach Köln in die Lochnerstr.16.  Ende Februar 1939 macht er sich zusammen mit seinem Bruder Fritz und dessen Frau Henriette auf den Weg nach New York. Dort kommen sie am 13. März an. Max Spangenthal flieht nach Palästina. Ihre Mutter, Frieda, verlässt Köln im Juli 1939 und geht zunächst nach London.  Sie hatte  im Januar 1939 einen Pass für Amerika beantragt. Dorthin ist sie später, als ihre Familie schon in Chicago wohnt, auch gelangt.

Paul Spangenthal lebt anfangs zusammen mit seinem Bruder Fritz (Fred) und dessen Frau Henriette (Henny) bei Friedas Bruder Richard Windmiller und dessen Frau Meta in Nashville, Tennessee. Dort wird ihm am 6. November 1939 die US-Staatsbürgerschaft zuerkannt, und er heißt nun Paul Spangler . Da die Arbeitsmöglichkeiten dort begrenzt sind, beschließen sie, nach Chicago zu ziehen, wo es mehr Möglichkeiten und andere Einwanderer gibt. Ihre Mutter kommt später nach und lebt bei Paul. Zu der Zeit arbeitet er als Hausmeister.

1943 wird er in Chicago einer jungen Krankenpflegeschülerin vorgestellt, Gertrude Sofie Buff aus München (geb. 1920). Ihre Mutter Else (Elizabeth), geb. 1895 in München, lebt auch in Chicago. Ihr Vater, Dr. Berthold Buff, war ein bei seinen Patienten sehr beliebter Hausarzt, der täglich Hausbesuche machte. 1938 ist er zusammen mit seiner Frau und einem anderen Arzt festgenommen und zum Nazi-Hauptquartier gebracht worden, wo beide Ärzte Selbstmord begangen haben (Holocaust-Selbstmord). Seine Frau wurde freigelassen.

Gertrude Spangler geb. Buff, 1945

Paul und Gertrude heiraten 1944 nach einer kurzen Verlobungszeit, während der Gertrude ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Auf dem Foto von 1945 ist Gertrude als examinierte Krankenschwester in Chicago zu sehen.  Frieda, Pauls Mutter, lebt bis zu ihrem Tod 1946 bei ihnen. Sie war nach allem, was sie durchgemacht hat, gesundheitlich sehr geschwächt.

Paul und Gertrude bekommen zwei Kinder, die Tochter Anne (geb. 1947) und den Sohn David (1949). Beide sind inzwischen verheiratet und leben in Chicago.

Paul arbeitet schließlich in der Buchhaltung bei U.S. Steel, und so können sie sich in Chicago ein Haus kaufen. Er arbeitet gern im Garten, spielt gern Schach und sammelt Briefmarken. Er liebt Tiere, so dass es in seiner Familie immer Katzen, Hühner und Vögel gibt, sogar eine Ente „Mariechen“. Später in seinem Leben beschäftigt er sich gern mit seinen zwei Enkelkindern (ein weiteres wird nach seinem Tod geboren).

Ungefähr 25 Jahre arbeitet Paul bei U.S. Steel, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1980. Er hat jahrzehntelang unter Herzproblemen gelitten und stirbt am 15. Mai 1989 in Hazel Crest, Illinois an einem Herzinfarkt, einen Monat vor seinem 76. Geburtstag.

Seine Frau Gertrude Spangler stirbt  2018 mit knapp 98 Jahren.

Paul Spangler hat in regem Briefwechsel gestanden mit seinem Bruder Max, der nach Israel geflohen war. Nach dessen Tod wurden diese Briefe an das Leo-Baeck-Institut übergeben und können so eingesehen werden. Daraus geht hervor, dass Paul 1972  seine Heimatstadt Spangenberg besucht hat. Er beschreibt seine Eindrücke und Begegnungen mit früheren Mitbürgern. Sein Interesse an der Erinnerungsarbeit zeigt sich auch darin, dass er Schülern ausführlich geantwortet hat, die ihm einen Fragebogen zur Situation der Juden im nationalsozialistischen Spangenberg geschickt hatten.

Das Wohnhaus Leerer Landstraße 14 am Tag der Verlegung.

Der Stolperstein von Paul Spangler ist einer von insgesamt zehn, die nun vor diesem Haus liegen.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.06.2022)
Foto:

 

 

Fotos von der Verlegung:

Moritz Spangenthal (David Spangler)
Frieda Spangenthal mit ihren 3 Söhnen und Paul Spangenthal
Geschäftshaus Spangenthal (David Spangler)
Gertrude Spangler, 1945 (Anne Hollenbeck, geb. Spangler)Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
http://www.ancestry.com/family-tree/116292747              www.myheritage.de/names/gertrude_buff
https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/1172115https://de.wikipedia.org/wiki/ Spangenberghttps://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1834-spangenberg-hessen
Meldekarte, NLA-Aurich
Historisches Archiv der Stadt Köln: HAStK Bestand 541HB R3594,  Korrespondenz mit Anne Hollenbeck
Literatur:
Patenschaft: Dieter Emler
Verlegetermin: 5. Oktober 2021

 

Bettina Wolff geb. Ronsheim

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Bettina WOLFF geb. Ronsheim
geboren am 10. Mai 1908 in Abterode

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben am 15.07.1982
Todesort: Buenos Aires, Argentinien
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bettina Ronsheim in den 1920gerJahren – Foto: Marcelo Cohen Wolff

 

Bettina Wolff wird am 10. 5. 1908 in Abterode als Bettina Ronsheim geboren. Sie hat eine Schwester Rosi. Diese heiratete auch nach Aurich und zwar den Arzt Manfred Hoffmann von der Wallstraße. Ihre Eltern sind Jakob Ronsheim und Bertha Goldschmidt. Bettina hat im Übrigen noch eine Kusine Herta Ronsheim, welche ebenso später nach Argentinien emigrierte – mit ihrem Ehemann Jacob Wolff auch aus Aurich.

Geburtsurkunde Bettina Ronsheim

Bettina ist verheiratet mit Siegfried Wolff aus Aurich. Die Ehe bleibt kinderlos.

Sie wohnt zusammen mit zwei Schwägerinnen – Schwestern des Siegfried – und einer Tochter einer dieser, im Haus Norderstraße 18.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 Siegfrieds Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern und dann Siegfried und Bettina nach Paraguay.

Bettina „Bendida“  und Siegfried Wolff – Foto: Marcelo Cohen Wolff

Das Ehepaar Wolff lebt in Buenos Aires, wo Siegfried Kantor in einer Gemeinde ist. Über die Berufstätigkeit von Bettina ist nichts bekannt. Da Bettina im Spanischen ein ungeläufiger Name ist, heißt sie dort „Bendina“ oder auch umgänglich „Dina“ genannt. So ist es in späteren Quellen notiert, auch auf ihrem Grabstein des Cementerio Berazategui in Buenos Aires.
Sie stirbt am 15.07.1982.

 

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Bernd Clemenz Weber
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Rosa Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Rosa WOLFF
geboren am 15. August 1904 in Großefehn

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939
Todesort: Santiago de Chile
Rosa Wolff wird am 15.08.1904 in Großefehn geboren. Ihre Geschwister sind Hannchen, Abraham, Siegfried, Auguste, Wilhelm, Jeanette, Rescha, Erna und Frieda. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Drei Geschwister sind dort auch geboren.

Rosa hat ein Down-Syndrom. Sie lebt mit ihrem Bruder Siegfried, dessen Ehefrau Bettina und der Schwester Frieda zusammen im Haus Norderstraße 18. Inwieweit ihre Behinderung Auswirkung auf ihre tägliche Lebensführung hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall lebt sie nicht selbstständig und bleibt bis zum Lebensende bei ihrer Schwester Frieda im Haushalt.

Als allen Auricher Juden klar wird, sie können hier nicht mehr bleiben, flieht zuerst 1939 Rosas Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern, dann Siegfried und Bettina nach Paraguay, und zuletzt Frieda mit Tochter Ruth und Rosa auch nach Paraguay.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich dann bereit diese Gruppe vorübergehend aufzunehmen. In Argentinien werden sie für einige Wochen interniert. Und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen. Die Geschwister fürchten, sie wird wegen ihrer Behinderung nicht eingelassen. Die Behörden lassen sie jedoch durch.

Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Über eine Erwerbsarbeit von Rosa ist nichts bekannt.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:  
Patenschaft: Bernd Clemenz Weber
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Siegfried Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried  WOLFF
geboren am 4. Februar 1902 in Aurich

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben 5.04.1992
Todesort: Buenos Aires, Argentinien

Das Haus in der Norderstraße 18

Siegfried Wolff in den 1920ger Jahren – Foto: Marcelo Cohe Wolff

Siegfried Wolff wird am 4.02.1902 in Aurich geboren. Seine Geschwister sind Hannchen, Abraham, Auguste, Wilhelm, Frieda, Jeanette, Rescha, Erna und Rosa. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Die älteren drei Geschwister sind dort auch geboren.

Siegfried ist verheiratet mit Bettina Ronsheim aus Abterode in Nordhessen. Die Ehe bleibt kinderlos.

Siegfried und Bettina wohnen zusammen mit seinen Schwestern Frieda und Rosa im Haus Norderstraße 18. Das war zu dieser Zeit üblich, denn unverheiratete Frauen galten als unversorgt und blieben im Haus ihrer Eltern oder im Haus bei einem verheirateten Geschwisterteil. Eine weitere Schwester, Hannchen Cohen verh. mit Moses Cohen, wohnt direkt hinter dem Haus in der Wallstraße 33. Die Kinder der Cohens spielten hinter dem Haus zusammen. „Motjes Kinner sünd all dor“, hieß es wenn sie bei Onkel Siegfried spielten.

Bettina „Bendida“ und Siegfried „Sigfrido“ Wolff – Foto: Marcelo Cohen Wolff

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 sein Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern und dann Siegfried und Bettina nach Paraguay.

Siegfried ist später Kantor in einer Gemeinde in Buenos Aires. Er stirbt am 5.04.1992 und ist auf dem Cementerio Berazategui als Sigfrido Wolff beerdigt.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Foto 1992, Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Fa. Gerhard Liebert, Inh. Jürgen Liebert
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Ruth Wolff verh. de Espinoza

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Ruth WOLFF  verh. de Espinoza
geboren am 5. Oktober 1928 in Aurich

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben 10.02.2009
Todesort: Santiago de Chile

Ruth de Espinoza geb. Wolff bei der Begegnungswoche 1992 in Aurich, Foto: G. Lübbers

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ruth Wolff verh. de Espinoza wird am  5. 10. 1928 in Aurich geboren. Ihre Mutter ist Frieda Wolff, einen Vater gibt es nicht. Ihre Mutter bleibt unverheiratet. Ruth lebt mit ihrem Onkel Siegfried und den Tanten Bettina und Rosa im Haus Norderstraße 18.

Ruth flieht 1939 mit ihrer Mutter und Tante Rosa nach Paraguay.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich dann bereit diese Gruppe vorübergehend aufzunehmen. Dort werden sie für einige Wochen interniert und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen.

Ruth lernt Näherin. Ihre Mutter Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Ihre behinderte Schwester Rosa lebt bei ihr.

In Chile in der Hauptstadt Santiago existiert eine große jüdische Gemeinde, welche Synagogen, Schulen, Theater und Klubs unterhalten. Viele Gemeindeglieder sind deutsch. Es gibt keinen Rassismus und jeder konnte sein jüdisches Leben, sei es konservativ oder liberal, leben wie er will.

Ruth heiratet in Chile Adan de Espinoza. Es werden drei Kinder geboren: David, Sigfrido und Sonia. David lebt heute in Australien, Sonia in Chile, nach neuester Information in den USA.
Das Ehepaar gründet einen Feinkostladen in Santiago. Der Anfang ist hart, aber im Lauf der Jahre prosperiert das Geschäft und sie kommen zu kleinem Wohlstand. Leider stirbt ihr Ehemann früh. Ruth Wolff de Espinoza besucht 1992 mit ihrer Kusine Martha Isaac im Rahmen der „Woche der Begegnung“ ihre Geburtsstadt und äußert sich sehr angetan über den Besuch und Empfang in der Stadt ihrer frühen Jugend.  Hierbei ist dieses Foto entstanden. Sie stirbt am 10.02.2009 in Chile.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Foto 1992, G. Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Elfriede und Günther Lübbers
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Frieda Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Frieda WOLFF
geboren am 28. Dezember 1897 in Großefehn

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939
Todesort: Santiago de Chile

Frieda David Wolff, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Frieda Wolff wird am 28.12.1897 in Großefehn geboren. Ihre Geschwister sind Hannchen, Abraham, Siegfried, Auguste, Wilhelm, Jeanette, Rescha, Erna und Rosa. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Die älteren drei Geschwister sind dort auch geboren.

Frieda lebt unverheiratet, hat jedoch eine Tochter aus unehelicher Beziehung – Ruth. Die beiden und die Schwester Rosa leben im Haus Norderstraße 18 mit ihrem Bruder Siegfried und dessen Ehefrau Bettina.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 Friedas Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern, dann Siegfried und Bettina nach Paraguay, und zuletzt Frieda und Ruth und Rosa.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich bereit, diese Gruppe vorübergehend für einige Wochen in Internierung aufzunehmen. Und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen. Die Geschwister fürchten, dass ihre Schwester Rosa weil behindert, nicht eingelassen wird. Die Behörden lassen sie jedoch durch.

Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Ihre behinderte Schwester Rosa lebt bei ihr.

In Chile in der Hauptstadt Santiago existiert eine große jüdische Gemeinde, welche Synagogen, Schulen, Theater und Klubs unterhalten. Viele Gemeindeglieder sind deutsch. Es gibt keinen Rassismus und jeder konnte sein jüdisches Leben, sei es konservativ oder liberal, leben wie er will.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Kennkarte, NLA Aurich
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Christel und Dirk Berends
Verlegetermin: 16. November  2019

Josef Samson

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Josef SAMSON
geboren am 20. Dezember 1920 in Aurich

Straße: Wallstraße 22
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt am 2. März 1987
Todesort: Peterborough / England

Josef Samson 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

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Josef Samson ist das zweite Kind der Eltern Abraham Josef und Frieda geb. Wolff aus Sandhorst. Die Familie wohnt in der Wallstraße 22 und zuletzt kurzzeitig im Haus Emder  Straße 16. Die Familie ist sehr religiös und beachtet alle Gesetze der Religion. Um sie herum gibt es viel weitere Verwandtschaft der beiden Elternteile. Wie alle jüdischen Kinder kann Josef nach der jüdischen Volksschule keine weitere Schul- oder Berufsausbildung in Aurich anschließen. Der Antrag auf Aufnahme in das Ulricianum wird abgelehnt. Er arbeitet bei einem Bauern als landwirtschaftliche Hilfskraft in der Erwartung, dass diese Fähigkeiten bei einem Pionierleben in Palästina wichtig sind.

In der Nacht des reichsweiten Pogroms, als die Auricher Synagoge brennt und die anderen jüdischen Kultuseinrichtungen zerstört werden, werden Josef und sein Vater von marodierenden SA-Leuten gefangengenommen. Josef muss mit anderen Altersgenossen auf dem Ellernfeld schikanöse Turnübungen und Sandschaufeln unter dem Gejohle des zuschauenden Mobs aushalten. Später werden sie in der Viehhalle an der Emder Straße unter Schlägen zusammengetrieben, wo sich die Quälereien fortsetzen. Die Alten entlässt man abends, die Jungen, darunter Josef, werden am nächsten Tag unter Bewachung der beiden Auricher Ortspolizisten per Bahn nach Oldenburg gebracht. Von dort geht es weiter mit anderen Gefangenen nach Oranienburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Sein Vater reist ihm nach und es gelingt ihm, seinen Sohn nach 13 Tagen gegen ein Lösegeld freizukaufen.
Aber Josef ist verändert. Man sagt, er ist nicht mehr der gleiche wie vor 13 Tagen, er ist ein anderer. Sein Verstand scheint ohne Schärfe, ohne bestimmenden Ausdruck. Seine Äußerungen sind dumpf und müde. Er ist wohl mitteilsam und freundlich, aber seinen Vorstellungen fehlt jede Kraft und eigene Richtung. Er erholt sich nie wieder. „Was sie ihm in den 13 Tagen antaten, blieb mir und meiner Mutter und ihrer Schwester Herta unbekannt.“ [Samson Munn über seinen Onkel]

Nach einem halben Jahr, am 12.04.1939, kommt er mit einem Kindertransport nach England, nach London. Er tritt in die britische Armee ein. Er will seine Muttersprache dort nützlich einsetzen. Er wird jedoch bald, zwar in Ehren, aber wegen psychischer Auffälligkeit entlassen. Denn er erweist sich als nicht genügend belastbar.

Er geht dann als Arbeiter zur British Railroad. Hier das gleiche Ergebnis. Er wird schon in seinen frühen Zwanzigern als arbeitsunfähig entlassen und frühverrentet. Er lebt den Rest seines Lebens in einem Wohnwagen, einem Trailer home. Er lebt von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe [on the dole]. Er heiratet nicht und hat auch keine Kinder. Er stirbt nach schwerer Krankheit am 2. März 1983 im Alter von 66 Jahren.

Ich traf ihn zweimal, beide Male war ich schon erwachsen, einmal war meine Mutter [d. h. Josefs Schwester] dabei. Er war freundlich, sehr zuvorkommend, aber sein Geist war wirklich erloschen. Er sprach nicht von selbst in Sätzen, sondern nur in Beantwortung von Fragen, dann aber ohne Zögern. Wenn ich nichts fragte, dann verstrich eine lange Zeit, ohne dass er ein Wort sagte [Samson Munn].

Die Stolpersteine vor dem Haus Wallstraße 22

Dr. Samson Munn (Bildmitte) mit Ehefrau Rachel und den Kindern Amalia und Saul nahmen in Begleitung einer befreundeten Familie aus Berlin sowie Joan Chantrell aus England an der Verlegung teil.

 

Recherche:Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2015)
Foto: – Geburtsurkunde Josef Samson
– Kennkarte Josef Samson v. 24.02.1939
– Familie Samson
Opfergruppe: Juden
Quellen:  – ehem. Melderegister Stadt Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,- Kennkarten Rep. Nds. Staatsarchiv
– Standesregister Standesamt Aurich
– Korrespondenz Samson Munn (Boston)
Literatur:
Patenschaft: Tim und Nele Jungenkrüger
Verlegetermin: 17. Juli 2014
Geburtsurkunde Josef Samson

Geburtsurkunde

Samson, Josef, geb. 20.12.1920 in Aurich

Kennkarte

Familie Samson

Siegfried Samson

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried SAMSON
geboren am 4. April 1925 in Aurich

Straße: Wallstraße 22
Todesdatum: Unbekannt, Todesmarsch nach Theresienstadt April 1945
Todesort: Unbekannt, vermutlich Erzgebirge

Siegfried Samson 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Siegfried Samson ist das vierte und jüngste Kind der Eltern Abraham Josef und Frieda geb. Wolff aus Sandhorst. Die Familie wohnt in der Wallstraße 22 und zuletzt kurzzeitig im Haus Emder Straße 16. Die Familie war sehr religiös, aß koscher und ging am Sabbat in die Synagoge. Um sie herum gab es viel weitere Verwandtschaft.

Wie auch alle anderen jüdischen Kinder kann Siegfried nach der jüdischen Volksschule keine weitere Schul- oder Berufsausbildung anschließen. Er arbeitet von 1939 bis zur Ausweisung der Familie aus Aurich als landwirtschaftliche Hilfskraft bei einem Bauern in Ludwigsdorf: Zusammen mit seinen Altersgenossen Henry Hoffmann und Menno Cohen fährt er mit dem Fahrrad dorthin. Am 27. Februar 1940 muss er zusammen mit seinen Eltern Aurich „aus militärischen Gründen“ verlassen und mit Hilfe der jüdischen Sozialversorgung in Berlin unterkommen. Die Eltern müssen Zwangsarbeit leisten, die älteste Schwester Grete lernt bereits Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Gesundbrunnen. Die Familie will in die USA auswandern. Sie erhalten im Mai 1940 von der amerikanischen Botschaft aber nur eine Wartenummer.

Nach Erinnerungen von Grete schließt sich Siegfried einer jüdischen Bildungseinrichtung an, welche ihn beruflich zur Emigration nach Israel vorbereiten soll. Er wird jedoch nach Dachau gebracht, von wo er erstmal nicht zurückkam. Aus vergleichbaren Umgebungsereignissen kann man – aus Mangel sicherer Details – hilfsweise annehmen, dass Siegfried Samson nach Dachau wieder in der jüdischen Vorbereitungsorganisation bei Berlin gelebt und gearbeitet hat. Diese Einrichtungen konnten allerdings nach der Reichspogromnacht ihren Bildungszweck kaum noch erfüllen. Sie waren zuletzt reine landwirtschaftliche Zwangsarbeitslager unter ständiger Aufsicht der Gestapo. Im April 1943 wird es aufgelöst und die Insassen mit dem Transport 37 am 19. April 43 von Potsdam nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Landwirtschaftliche Jugendliche galten in der Verwertungsmechanik der Judenvernichtung als besonders arbeitsfähig. Die Gruppe wird daher in das Arbeitslager Monowitz überstellt. Siegfried Samson erhält die Häftlingsnummer 116965.

Als im Januar 45 die Rote Armee täglich dichter an das Lager heranrückt, wird Siegfried Samson mit einem Massentransport nach Buchenwald verlegt. Am 23. 1. 45 trifft er dort ein. Er bekommt eine neue Haftnummer 119926 und wird als politischer jüdischer Häftling im Block 56 des „Kleinen Lagers“ untergebracht. Das „Kleine Lager“ wurde die Hölle von Buchenwald genannt. Siegfried Samson wird am 6. 2. 45 nach Tröglitz-Rehmsdorf gebracht, einem Außenlager von Buchenwald. Dieses Konzentrationslager „Wille“ entstand zunächst als provisorisches Lager in Gleina und wurde später in Rehmsdorf eingerichtet und war Standort der kriegsindustriellen Braunkohleverflüssigung der BRABAG. Die Häftlinge schuften täglich zwölf Stunden bei völlig unzureichender Unterbringung und Versorgung, hauptsächlich in der Beseitigung von Bombardierungsschäden an den Anlagen. Siegfried Samson übersteht auch diese Strapazen. Sein Name findet sich nicht in den Sterbe- oder Rücküberstellungslisten nach Buchenwald (letztes ist gleichbedeutend mit Ermordung). Das Lager gilt heute als eines der brutalsten des Lagersystems überhaupt. Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat seine Erfahrungen dort im „Roman eines Schicksallosen“ beschrieben.

In der Nacht zum 7. April 1945 wird das Lager geräumt, die verbliebenen ca. 3000 Insassen mit dem Ziel KZ Theresienstadt in offene Kohlewaggons gepfercht. Es ist möglich, daß Siegfried Samson dabei war. Diesen Transport überleben 900 Häftlinge während der Fahrt nicht.

Der Transportzug erreichte erst am 15. April 1945 den Erzgebirgskamm. Auf dem Bahnhof Marienberg-Gelobtland zwingen amerikanische Jagdbomber den Zug zum Halten, was einige Häftlinge nutzen, um zu fliehen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 146 Häftlinge gestorben, die in einem Massengrab bestattet wurden. Während der Fahrt gelingt es einigen Häftlingen, abzuspringen und in die nahen Wälder zu fliehen. Vor dem Bahnhof Reitzenhain zerstören amerikanische Jagdbomber die Lokomotive. Viele Gefangene versuchen zu fliehen. Unter dem Kommando von Transportleiter SS-Oberscharführer Schmidt beteiligen sich Einwohner an der Jagd auf die Geflohenen. Dabei kommen weitere 388 Häftlinge ums Leben. Am nächsten Tag, dem 18. April 1945, befiehlt Schmidt den Fußmarsch Richtung Theresienstadt. Auf diesem Todesmarsch sterben weitere 354. Erst am 7. Mai wird der Rest bei Kaplitze von tschechischen Partisanen befreit.
Siegfried Samson ist nicht mehr darunter.

Die Stolpersteine vor dem Haus Wallstraße 22

 

Dr. Samson Munn (Bildmitte) mit Ehefrau Rachel und den Kindern Amalia und Saul nahmen in Begleitung einer befreundeten Familie aus Berlin sowie Joan Chantrell aus England an der Verlegung teil.

Recherche:Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2015)
Fotos: – Geburtsurkunde Siegfried Samson
– Kennkarte Siegfried Samson v. 27.04.1939
– Familie Samson
– Befreite Häftlinge am 16. April 1945 im Block 56 des Kleinen Lagers. Foto Private Harry Miller der 166 Signal Photo Company.Gedenkstätte Buchenwald

-Stolpersteinverlegung (Günther Lübbers)

Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister Stadt Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,- Kennkarten Rep. Nds. Staatsarchiv

– Standesregister Standesamt Auricho

– Korrespondenz Lothar Czoßek mit Vf.

– Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv und ebenda.

Literatur: DER ORT DES TERRORS Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band 3 Sachsenhausen, Buchenwald dort im weiteren Lothar Czoßek KZ Wille, herausgegeben von Wolfgang Benz und Barbara Distel
Patenschaft: Andra Meinen
Verlegetermin: 17. Juli 2014
Geburtsurkunde Siegfried Samson

Geburtsurkunde Siegfried Samson

Samson, Siegfried, geb. 04.04.1925 in Aurich(1)

Kennkarte

Block 56 des Kleinen Lagers

Familie Samson 1937