Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Artur Schmidt

Veröffentlicht: 3. Oktober 2010 von westermayer in Verlegung

Artur SCHMIDT
Geburtsdatum unbekannt

Straße: Wallstraße 26
Todesdatum: unbekannt
Todesort: unbekannt
Artur Schmidt ist das älteste Kind seiner Eltern Adolf Schmidt (*18.04.1898 Bottrop, +16.12.1943 Auschwitz) und Frieda Schmidt geb. Weiß (*8.05.1904 Hessen, +9.03.1944 Auschwitz). Artur hat insgesamt fünf Geschwister.

Als die Familie ab 1942 in Barßel-Lohe lebt, hilft er seinem Vater bei der Anfertigung von Pantoffeln. Im Juni 1943 muss er – wie seine Eltern – das „Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung“ unterschreiben. Damit wird ihnen verboten, den Wohnort zu verlassen. Artur verlässt dennoch die Familie am 10.03.1943, dem Tag vor der Verhaftung der Familie zur weiteren Deportation nach Auschwitz und fährt mit der Eisenbahn nach Langförden. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Weitere Informationen über sein Leben sind leider nicht bekannt.

Sein Vater, Adolf Schmidt, wird am 18. April 1898 in Bottrop geboren. Über seine Eltern und Vorfahren ist nichts bekannt. Auf der Meldekarte der Stadt Aurich wird sein Beruf mit „Händler“ angegeben. Er heiratet Frieda Weiß, geboren am 8. Mai 1904 in Hessen. Zusammen haben Adolf und Frieda Schmidt sechs Kinder: Artur (Geburtsdatum und -ort unbekannt), Anna (geboren am 6.02.1931 in Haselünne), Emil (geboren am 1.07.1934 in Aurich), Georg (geboren am 26.02.1937 in Aurich), Rudolf (geboren am 26.08.1940 in Köln), Thekla (geboren am 20.10.1942 in Barßel).

Anhand der Geburtsorte der Kinder lässt sich der Lebensweg der Familie rekonstruieren. Anfang der 30ger Jahre wohnt die Familie in Haselünne. Dort wird im Februar 1931 ihre Tochter Anna geboren. Ab September 1933 wohnt die Familie in Aurich in der Wallstraße 6. Der Sohn Emil wird im Juli 1934 in Aurich geboren.

Lt. Meldekarte ist die Familie im August 1934 „auf Wanderschaft“ und meldet sich im November 1936 zurück in Aurich, wohnhaft Breiterweg 1. Im Februar 1937 wird der Sohn Georg geboren, ebenfalls in Aurich. Seit Ende Oktober 1937 wohnt die Familie Schmidt in der Wallstraße 26. Die Meldekarte vermerkt den Zusatz „mit Wohnwagen“.
Im Sommer 1938 wird Adolf Schmidt im Zuge der Verhaftungsaktion „Arbeitsscheu Reich“ von der Kriminalpolizei verhaftet und am 15. Juni 1938 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Hier wird sein Beruf mit „Schausteller“ vermerkt.
Die Massenverhaftungen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ im Frühjahr und Sommer 1938 waren in ihrer systematischen und reichsweiten Form neu für die NS-Verfolgungspolitik. Sie richteten sich gegen Personen, denen Polizei sowie Arbeits- und Wohlfahrtsämter vorwarfen, Arbeitsstellen abzulehnen und nicht arbeiten zu wollen. Erst nach etwa einem halben Jahr am 3. Dezember 1938 wird Adolf Schmidt aus dem KZ Buchenwald nach Aurich entlassen.

Am 3. Juni 1939 verlässt die Familie Schmidt Aurich in Richtung Osnabrück. Dieser Weggang ist ganz sicher nicht freiwillig, da umherreisende Sinti und Roma seit dem Dezember 1938 Ostfriesland verlassen müssen.

Wo sich die Familie in den Jahren 1939 bis 1942 aufhält, können wir nur aus den Geburtsorten ihrer Kinder erschließen.

Ihr Sohn Rudolf wird im August 1940 in Köln geboren, ihre Tochter Thekla im Oktober 1942 in Barßel.
Da sich die Familie noch im August 1940 in Köln aufgehalten haben muss, konnte sie offensichtlich den Deportationen von Sinti und Roma aus Köln im Mai 1940 entgehen. Damals wurden über 1.000 Sinti und Roma in Arbeits- und Vernichtungslager in das besetzte Polen deportiert. (Gunter Demnig, Initiator der Stolperstein Aktion, erinnerte 1990 an diese Deportation mit einer „Spur der Erinnerung“, die er mit einer selbstgebauten Druckwalze auf der Strecke der Deportation von Sinti und Roma quer durch Köln zog.)

Im Januar 1941 zieht die Familie Schmidt nach Barßel-Lohe (Das liegt etwa in der Mitte zwischen Leer und Oldenburg). In einem Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung vom 3. Juni 1942 wird vermerkt: „In der Gemeinde Barßel war die Familie Adolf Schmidt im Ortsteil Lohe ansässig. Zu ihrem Haushalt gehörten acht Personen, das Ehepaar Schmidt und seine sechs Kinder“. Wenn es tatsächlich sechs Kinder der Familie Schmidt waren, muss es noch ein weiteres unbekanntes Kind gegeben haben, da das uns bekannte sechste Kind Thekla erst 4 Monate später im Oktober 1942 geboren wird. Die Eheleute Schmidt und ihr ältester Sohn, Artur, müssen das Protokoll der Eröffnungsverhandlung unterschreiben. Ihnen wird bei Androhung der Einweisung in ein Konzentrationslager verboten, die Gemeinde Barßel zu verlassen. Nur aufgrund dieser Quelle wissen wir von dem Sohn Artur.

Im Juni 1942 beschweren sich Anwohner über die Anwesenheit der Sinti Familie Schmidt. Daraufhin begutachtet die Nebenstelle Friesoythe des Arbeitsamtes Vechta die „Arbeitsfähigkeit“ von Adolf und Artur Schmidt und kommt im Dezember 1942 zu dem Ergebnis, „dass Sch. für den allgemeinen Arbeitseinsatz wegen Magenkrankheit (muss Diät leben, trägt Gummikorsett) nicht einsatzfähig ist. Sch. fertigt Pantoffeln an. Sein Sohn Artur hilft bei der Anfertigung von Pantoffeln, soll aber ab 1.1.43 bei Schachtbau A.G. Damme angesetzt werden.“

Im „Auschwitz-Erlass“ des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 wird die Deportation der innerhalb des Deutschen Reichs lebenden Sinti und Roma angeordnet, um sie als Minderheit komplett zu vernichten. Auf dieser Grundlage werden 23.000 Menschen aus ganz Europa nach Auschwitz in einen speziellen Lagerabschnitt, das sog. Zigeunerfamilienlager deportiert. Ein erster Transport traf dort am 26. Februar 1943 ein.

Am 11.03.1943 wird die Familie Schmidt in Barßel festgenommen und nach Auschwitz deportiert.  Der zuständige Gendarm berichtet dem Landrat von der Festnahme und dem Abtransport sieben „zigeunerischer Personen.“ Mit Ausnahme des Sohnes Artur werden die Eltern Adolf und Frieda Schmidt sowie ihre fünf Kinder nach Auschwitz deportiert. Keines der sieben Familienmitglieder überlebt.

Der älteste Sohn, Artur Schmidt, kann am Vortag der Festnahme mit der Eisenbahn nach Langförden reisen. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

In Auschwitz wird Adolf Schmidt am 16.Dezember 1943 im Alter von 45 Jahren ermordet, seine Frau Frieda am 9. März 1944 im Alter von 39 Jahren.

Die Tochter Anna wird am 2. Juli 1943 im Alter von 12 Jahren ermordet, ihre Brüder Emil am 27. März 1943 im Alter von 8 Jahren, Georg am 8. Dezember 1943 im Alter von 6 Jahren und Rudolf am 18. August 1943 im Alter von fast 3 Jahren. Für das jüngste Kind, Thekla, ist kein Todesdatum bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation erst 4 Monate alt.

Dieser Text ist weitgehend eine Zusammenfassung des Artikels von Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999.

Zusammenfassung und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 28.09.2026)
Foto:
Opfergruppe: Sinti
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Literatur: – Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999
– Namen der aus dem Weser-Ems Gebiet deportierten Sinti und Roma in den Jahren 1940 bis 1944, Oldenburg, Amt für Kultur, Museen und Sport (www.oldenburg.de)
Patenschaft: DIG – Ostfriesland
Verlegetermin: 28. September 2026

 

 

 

Anna Schmidt

Veröffentlicht: 3. Oktober 2010 von westermayer in Verlegung

Anna SCHMIDT
geboren am 6. Februar 1931 in Haselünne

Straße: Wallstraße 26
Todesdatum: 2. Juli 1943
Todesort: KZ Auschwitz
Anna Schmidt wird am 6. Februar 1931 in Haselünne geboren. Sie ist das zweite ihrer Eltern Adolf Schmidt (*18.04.1898 Bottrop, +16.12.1943 Auschwitz) und Frieda Schmidt geb. Weiß (*8.05.1904 Hessen, +9.03.1944 Auschwitz). Anna hat insgesamt fünf Geschwister. Weitere Informationen über ihr Leben sind leider nicht bekannt. Sie wird am 11.03.1943 mit ihrer Familie festgenommen, nach Auschwitz deportiert und dort am 2.07.1943 ermordet.

Ihr Vater, Adolf Schmidt, wird am 18. April 1898 in Bottrop geboren. Über seine Eltern und Vorfahren ist nichts bekannt. Auf der Meldekarte der Stadt Aurich wird sein Beruf mit „Händler“ angegeben. Er heiratet Frieda Weiß, geboren am 8. Mai 1904 in Hessen. Zusammen haben Adolf und Frieda Schmidt sechs Kinder: Artur (Geburtsdatum und -ort unbekannt), Anna (geboren am 6.02.1931 in Haselünne), Emil (geboren am 1.07.1934 in Aurich), Georg (geboren am 26.02.1937 in Aurich), Rudolf (geboren am 26.08.1940 in Köln), Thekla (geboren am 20.10.1942 in Barßel).

Anhand der Geburtsorte der Kinder lässt sich der Lebensweg der Familie rekonstruieren. Anfang der 30ger Jahre wohnt die Familie in Haselünne. Dort wird im Februar 1931 ihre Tochter Anna geboren. Ab September 1933 wohnt die Familie in Aurich in der Wallstraße 6. Der Sohn Emil wird im Juli 1934 in Aurich geboren.

Lt. Meldekarte ist die Familie im August 1934 „auf Wanderschaft“ und meldet sich im November 1936 zurück in Aurich, wohnhaft Breiterweg 1. Im Februar 1937 wird der Sohn Georg geboren, ebenfalls in Aurich. Seit Ende Oktober 1937 wohnt die Familie Schmidt in der Wallstraße 26. Die Meldekarte vermerkt den Zusatz „mit Wohnwagen“.
Im Sommer 1938 wird Adolf Schmidt im Zuge der Verhaftungsaktion „Arbeitsscheu Reich“ von der Kriminalpolizei verhaftet und am 15. Juni 1938 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Hier wird sein Beruf mit „Schausteller“ vermerkt.
Die Massenverhaftungen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ im Frühjahr und Sommer 1938 waren in ihrer systematischen und reichsweiten Form neu für die NS-Verfolgungspolitik. Sie richteten sich gegen Personen, denen Polizei sowie Arbeits- und Wohlfahrtsämter vorwarfen, Arbeitsstellen abzulehnen und nicht arbeiten zu wollen. Erst nach etwa einem halben Jahr am 3. Dezember 1938 wird Adolf Schmidt aus dem KZ Buchenwald nach Aurich entlassen.
Am 3. Juni 1939 verlässt die Familie Schmidt Aurich in Richtung Osnabrück. Dieser Weggang ist ganz sicher nicht freiwillig, da umherreisende Sinti und Roma seit dem Dezember 1938 Ostfriesland verlassen müssen.

Wo sich die Familie in den Jahren 1939 bis 1942 aufhält, können wir nur aus den Geburtsorten ihrer Kinder erschließen.

Ihr Sohn Rudolf wird im August 1940 in Köln geboren, ihre Tochter Thekla im Oktober 1942 in Barßel.
Da sich die Familie noch im August 1940 in Köln aufgehalten haben muss, konnte sie offensichtlich den Deportationen von Sinti und Roma aus Köln im Mai 1940 entgehen. Damals wurden über 1.000 Sinti und Roma in Arbeits- und Vernichtungslager in das besetzte Polen deportiert. (Gunter Demnig, Initiator der Stolperstein Aktion, erinnerte 1990 an diese Deportation mit einer „Spur der Erinnerung“, die er mit einer selbstgebauten Druckwalze auf der Strecke der Deportation von Sinti und Roma quer durch Köln zog.)

Im Januar 1941 zieht die Familie Schmidt nach Barßel-Lohe (Das liegt etwa in der Mitte zwischen Leer und Oldenburg). In einem Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung vom 3. Juni 1942 wird vermerkt: „In der Gemeinde Barßel war die Familie Adolf Schmidt im Ortsteil Lohe ansässig. Zu ihrem Haushalt gehörten acht Personen, das Ehepaar Schmidt und seine sechs Kinder“. Wenn es tatsächlich sechs Kinder der Familie Schmidt waren, muss es noch ein weiteres unbekanntes Kind gegeben haben, da das uns bekannte sechste Kind Thekla erst 4 Monate später im Oktober 1942 geboren wird. Die Eheleute Schmidt und ihr ältester Sohn, Artur, müssen das Protokoll der Eröffnungsverhandlung unterschreiben. Ihnen wird bei Androhung der Einweisung in ein Konzentrationslager verboten, die Gemeinde Barßel zu verlassen. Nur aufgrund dieser Quelle wissen wir von dem Sohn Artur.

Im Juni 1942 beschweren sich Anwohner über die Anwesenheit der Sinti Familie Schmidt. Daraufhin begutachtet die Nebenstelle Friesoythe des Arbeitsamtes Vechta die „Arbeitsfähigkeit“ von Adolf und Artur Schmidt und kommt im Dezember 1942 zu dem Ergebnis, „dass Sch. für den allgemeinen Arbeitseinsatz wegen Magenkrankheit (muss Diät leben, trägt Gummikorsett) nicht einsatzfähig ist. Sch. fertigt Pantoffeln an. Sein Sohn Artur hilft bei der Anfertigung von Pantoffeln, soll aber ab 1.1.43 bei Schachtbau A.G. Damme angesetzt werden.“

Im „Auschwitz-Erlass“ des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 wird die Deportation der innerhalb des Deutschen Reichs lebenden Sinti und Roma angeordnet, um sie als Minderheit komplett zu vernichten. Auf dieser Grundlage werden 23.000 Menschen aus ganz Europa nach Auschwitz in einen speziellen Lagerabschnitt, das sog. Zigeunerfamilienlager deportiert. Ein erster Transport traf dort am 26. Februar 1943 ein.

Am 11.03.1943 wird die Familie Schmidt in Barßel festgenommen und nach Auschwitz deportiert.  Der zuständige Gendarm berichtet dem Landrat von der Festnahme und dem Abtransport sieben „zigeunerischer Personen.“ Mit Ausnahme des Sohnes Artur werden die Eltern Adolf und Frieda Schmidt sowie ihre fünf Kinder nach Auschwitz deportiert. Keines der sieben Familienmitglieder überlebt.

Der älteste Sohn, Artur Schmidt, kann am Vortag der Festnahme mit der Eisenbahn nach Langförden reisen. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

In Auschwitz wird Adolf Schmidt am 16.Dezember 1943 im Alter von 45 Jahren ermordet, seine Frau Frieda am 9. März 1944 im Alter von 39 Jahren.

Die Tochter Anna wird am 2. Juli 1943 im Alter von 12 Jahren ermordet, ihre Brüder Emil am 27. März 1943 im Alter von 8 Jahren, Georg am 8. Dezember 1943 im Alter von 6 Jahren und Rudolf am 18. August 1943 im Alter von fast 3 Jahren. Für das jüngste Kind, Thekla, ist kein Todesdatum bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation erst 4 Monate alt.

Dieser Text ist weitgehend eine Zusammenfassung des Artikels von Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999.

Zusammenfassung und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 28.09.2026)
Foto:
Opfergruppe: Sinti
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Literatur: – Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999
– Namen der aus dem Weser-Ems Gebiet deportierten Sinti und Roma in den Jahren 1940 bis 1944, Oldenburg, Amt für Kultur, Museen und Sport (www.oldenburg.de)
Patenschaft: Reiner Albers
Verlegetermin: 28. September 2026

 

 

 

Adolf Schmidt

Veröffentlicht: 3. Oktober 2010 von westermayer in Verlegung

Adolf SCHMIDT
geboren am 18. April 1898 in Bottrop

Straße: Wallstraße 26
odesdatum: 16. Dezember 1943
Todesort: KZ Auschwitz
Adolf Schmidt wird am 18. April 1898 in Bottrop geboren. Über seine Eltern und Vorfahren ist nichts bekannt. Auf der Meldekarte der Stadt Aurich wird sein Beruf mit „Händler“ angegeben. Er heiratet Frieda Weiß, geboren am 8. Mai 1904 in Hessen. Zusammen haben Adolf und Frieda Schmidt sechs Kinder: Artur (Geburtsdatum und -ort unbekannt), Anna (geboren am 6.02.1931 in Haselünne), Emil (geboren am 1.07.1934 in Aurich), Georg (geboren am 26.02.1937 in Aurich), Rudolf (geboren am 26.08.1940 in Köln), Thekla (geboren am 20.10.1942 in Barßel).
Anhand der Geburtsorte der Kinder lässt sich der Lebensweg der Familie rekonstruieren. Anfang der 30ger Jahre wohnt die Familie in Haselünne. Dort wird im Februar 1931 ihre Tochter Anna geboren. Ab September 1933 wohnt die Familie in Aurich in der Wallstraße 6. Der Sohn Emil wird im Juli 1934 in Aurich geboren.Lt. Meldekarte ist die Familie im August 1934 „auf Wanderschaft“ und meldet sich im November 1936 zurück in Aurich, wohnhaft Breiterweg 1. Im Februar 1937 wird der Sohn Georg geboren, ebenfalls in Aurich. Seit Ende Oktober 1937 wohnt die Familie Schmidt in der Wallstraße 26. Die Meldekarte vermerkt den Zusatz „mit Wohnwagen“.
Im Sommer 1938 wird Adolf Schmidt im Zuge der Verhaftungsaktion „Arbeitsscheu Reich“ von der Kriminalpolizei verhaftet und am 15. Juni 1938 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Hier wird sein Beruf mit „Schausteller“ vermerkt.
Die Massenverhaftungen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ im Frühjahr und Sommer 1938 waren in ihrer systematischen und reichsweiten Form neu für die NS-Verfolgungspolitik. Sie richteten sich gegen Personen, denen Polizei sowie Arbeits- und Wohlfahrtsämter vorwarfen, Arbeitsstellen abzulehnen und nicht arbeiten zu wollen. Erst nach etwa einem halben Jahr am 3. Dezember 1938 wird Adolf Schmidt aus dem KZ Buchenwald nach Aurich entlassen.

Am 3. Juni 1939 verlässt die Familie Schmidt Aurich in Richtung Osnabrück. Dieser Weggang ist ganz sicher nicht freiwillig, da umherreisende Sinti und Roma seit dem Dezember 1938 Ostfriesland verlassen müssen.

Wo sich die Familie in den Jahren 1939 bis 1942 aufhält, können wir nur aus den Geburtsorten ihrer Kinder erschließen.

Ihr Sohn Rudolf wird im August 1940 in Köln geboren, ihre Tochter Thekla im Oktober 1942 in Barßel. Da sich die Familie noch im August 1940 in Köln aufgehalten haben muss, konnte sie offensichtlich den Deportationen von Sinti und Roma aus Köln im Mai 1940 entgehen. Damals wurden über 1.000 Sinti und Roma in Arbeits- und Vernichtungslager in das besetzte Polen deportiert.

Im Januar 1941 zieht die Familie Schmidt nach Barßel-Lohe (Das liegt etwa in der Mitte zwischen Leer und Oldenburg). In einem Protokoll der Eröffnungsverhandlung zur Festsetzung vom 3. Juni 1942 wird vermerkt: „In der Gemeinde Barßel war die Familie Adolf Schmidt im Ortsteil Lohe ansässig. Zu ihrem Haushalt gehörten acht Personen, das Ehepaar Schmidt und seine sechs Kinder“. Wenn es tatsächlich sechs Kinder der Familie Schmidt waren, muss es noch ein weiteres unbekanntes Kind gegeben haben, da das uns bekannte sechste Kind Thekla erst 4 Monate später im Oktober 1942 geboren wird. Die Eheleute Schmidt und ihr ältester Sohn, Artur, müssen das Protokoll der Eröffnungsverhandlung unterschreiben. Ihnen wird bei Androhung der Einweisung in ein Konzentrationslager verboten, die Gemeinde Barßel zu verlassen. Nur aufgrund dieser Quelle wissen wir von dem Sohn Artur.
Im Juni 1942 beschweren sich Anwohner über die Anwesenheit der Sinti Familie Schmidt. Daraufhin begutachtet die Nebenstelle Friesoythe des Arbeitsamtes Vechta die „Arbeitsfähigkeit“ von Adolf und Artur Schmidt und kommt im Dezember 1942 zu dem Ergebnis, „dass Sch. für den allgemeinen Arbeitseinsatz wegen Magenkrankheit (muss Diät leben, trägt Gummikorsett) nicht einsatzfähig ist. Sch. fertigt Pantoffeln an. Sein Sohn Artur hilft bei der Anfertigung von Pantoffeln, soll aber ab 1.1.43 bei Schachtbau A.G. Damme angesetzt werden.“
Im „Auschwitz-Erlass“ des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 wird die Deportation der innerhalb des Deutschen Reichs lebenden Sinti und Roma angeordnet, um sie als Minderheit komplett zu vernichten. Auf dieser Grundlage werden 23.000 Menschen aus ganz Europa nach Auschwitz in einen speziellen Lagerabschnitt, das sog. Zigeunerfamilienlager deportiert. Ein erster Transport traf dort am 26. Februar 1943 ein.

Am 11.03.1943 wird die Familie Schmidt in Barßel festgenommen und nach Auschwitz deportiert.  Der zuständige Gendarm berichtet dem Landrat von der Festnahme und dem Abtransport sieben ‚zigeunerischer Personen.‘ Mit Ausnahme des Sohnes Artur werden die Eltern Adolf und Frieda Schmidt sowie ihre fünf Kinder nach Auschwitz deportiert. Keines der sieben Familienmitglieder überlebt.

Der älteste Sohn, Artur Schmidt, kann am Vortag der Festnahme mit der Eisenbahn nach Langförden reisen. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

In Auschwitz wird Adolf Schmidt am 16.Dezember 1943 im Alter von 45 Jahren ermordet, seine Frau Frieda am 9. März 1944 im Alter von 39 Jahren.

Die Tochter Anna wird am 2. Juli 1943 im Alter von 12 Jahren ermordet, ihre Brüder Emil am 27. März 1943 im Alter von 8 Jahren, Georg am 8. Dezember 1943 im Alter von 6 Jahren und Rudolf am 18. August 1943 im Alter von fast 3 Jahren. Für das jüngste Kind, Thekla, ist kein Todesdatum bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation erst 4 Monate alt.

Dieser Text ist weitgehend eine Zusammenfassung des Artikels von Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999.

Zusammenfassung und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 28.09.2026)
Foto:
Opfergruppe: Sinti
Quellen: Meldekarte, NLA Aurich
Literatur: – Jens Schreiber „Familie Adolf Schmidt – Vertrieben aus Aurich“, in: Hans Hesse/Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Tectum Verlag, Marburg 1999
– Namen der aus dem Weser-Ems Gebiet deportierten Sinti und Roma in den Jahren 1940 bis 1944, Oldenburg, Amt für Kultur, Museen und Sport (www.oldenburg.de)
Patenschaft: Dr. Hans Hesse
Verlegetermin: 28. September 2026

 

 

 

Amalie Wolff geb. Fromm

Veröffentlicht: 12. September 2010 von westermayer in Verlegung

Amelie WOLFF geb. FROMM
geboren am 22. November 1862 in Homburg (heute Bad Homburg)

Straße: Krähennestergang 1
Todesdatum: 4. Dezember 1940
Todesort: Berlin
Amalie Fromm wird am 22. November 1862 in Bad Homburg vor der Höhe, einem bekannter Kurort nördlich von Frankfurt am Main, geboren.  Ihr Vater Dr. Seligmann Fromm (1822-1898) ist in Bad Homburg als Landrabbiner tätig, ihre Mutter Rachel (1831-1893) ist eine Tochter des einflussreichen Rabbiners Seligmann Bär Bamberger aus Würzburg, der als Vertreter eines neo-orthodoxen Judentums gilt. Amalie Fromm stammt somit aus einer tief religiösen Familie. Sie hat noch fünf Schwestern und vier Brüder.

1866 zieht die vielköpfige Familie nach Frankfurt am Main, da der Baron Willi Carl von Rothschild ihren Vater als Hauslehrer und Hausrabbiner anstellt. Amalie verbringt ihre Kindheit und Jugendzeit in Frankfurt am Main.

Ihr jüngerer Bruder Naphtali Fromm (1860-1930) heiratet 1900 Rosa Krause (1876-1959), die im selben Jahr Erich Pinchas Fromm zur Welt bringt. Erich Fromm (1900-1980) wird als Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe berühmt. Amalie Fromm, die am 26. August 1889 in Frankfurt den Auricher Benjamin Wolff heiratet, ist somit seine Tante.

Die Ehe mit dem 1854 geborenen Benjamin Wolff ist vermutlich weder eine Liebes- noch eine Geldheirat. Amalies Eltern haben einen Mann gesucht, der in religiösen Fragen und im geistigen Umfeld mit ihnen übereinstimmte. Sie fanden ihn in dem über 400 km entfernten Aurich. Dort arbeitet er seit 1878 als zweiter Lehrer an der jüdischen Volksschule, ab 1912 als erster Lehrer und Prediger der Gemeinde. Auf sein Betreiben wird 1921 der Talmud-Tora-Verein in Aurich gegründet.

Amalie und Benjamin Wolff bekommen vier Kinder:
– 25.8.1891 Naftali Baruch: Er fällt im Ersten Weltkrieg  in Frankreich – südlich von Arras in Frankreich am 23.7.1916;
– 20.9.1890 Abraham Baruch: Auch er nimmt am Krieg teil. Seine (seelischen) Verwundungen heilen nicht, er stirbt am 1.7.1919 in der Jacoby’schen Anstalt in Bendorf-Sayn, einer  Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke.
-Wilhelm, geb. am 19.2.1896, deportiert am 26.09.1942 nach Raasiku bei Tallinn in Estland
– Recha, geb. am 12.7.1900, deportiert am 26.09.1942 nach Raasiku  bei Tallinn in Estland.
Für Wilhelm und Recha Wolff wurden am 12. Juni 2012 Stolpersteine im Krähennestergang 1 verlegt.

Benjamin Wolff arbeitet über sein Ruhestandsjahr 1921 hinaus noch bis 1926 als Lehrer und stirbt an „Herzschwäche“ am 28. August 1934 in Aurich nach 45 Jahren gemeinsamer Ehe.
1937 wird Amalie im November 75 Jahre alt. Ihr Geburtstag wird in der Zeitung „Der Israelit“ gewürdigt: Sie wird als „würdige und gleichstrebende Gattin unseres unvergesslichen Lehrers Benjamin Wolff – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -, bedacht und sei „selbst ein Muster von Gottesfurcht und Opferbereitschaft.“

Drei Jahre später muss Amalie Wolff mit ihren Kindern aus Ostfriesland fliehen. Sie verlässt Aurich am 17. Februar 1940 und kommt zunächst in der Linienstraße 50 I in Berlin unter. Ihre Kinder Wilhelm und  Recha folgen ihr am 15. Februar 1940, deren erste Anlaufstelle ist die Rosenstraße, in der sich die Behörde für Wohlfahrtswesen und Jugendfürsorge der Jüdischen Gemeinde befindet. Im Juli 1940 muss Amalie Wolff das Haus in Aurich verkaufen, über den Kaufpreis kann die Familie nicht verfügen. Von ihr ist ein Brief überliefert, in dem sie noch im Mai 1940 bat, dass man ihr die elektrische Uhr nachsende, die im Flur unter dem elektrischen Zähler angebracht war.

Amalie Wolff stirbt im Jüdischen Krankenhaus Berlin am 4.12.1940 im Alter von 78 Jahren, sehr wahrscheinlich an den Folgen der Vertreibung aus Aurich, der Verfolgung und Demütigung.
Amalie wurde auf dem jüdischen Friedhof im Bezirk Weißensee in Berlin begraben.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 12.09.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Astrid Parisius
Verlegetermin: 3. Juli  2015

Simon Samson

Veröffentlicht: 11. September 2010 von westermayer in Verlegung

Simon SAMSON
geboren am 20. August 1857 in Aurich

Straße: Marktstraße 19
Todesdatum: 28. Februar 1942
Todesort: Emden

Simon Samson Foto der Kennkarte 1939 StA Aurich

Im Jahr 2012 besuchte Joram Samson aus Berlin mit seiner Frau und seinem Sohn Aurich. Günther Lübbers hat sie durch die Stadt geführt, ich habe sie auf den jüdischen Friedhof begleitet, auf dem sein Großvater Jakob 1934 begraben wurde. Sein Großvater war der Bruder von Simon und Minka.  Jakob lebte in der Nürnburger Straße 24. Jakobs Sohn Hugo gelang die Emigration und Flucht 1939 nach Palästina, er heiratete dort. Joram wurde 1950 in Petach Tikva, Israel geboren. 1956 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, nach Berlin.
Joram Samson hat die Verfolgung und Entwürdigung seiner Familie nicht vergessen. Nur sein Vater überlebte den Holocaust. Joram Samson kam 2012 nach Aurich, um den Ort der Verfolgung seiner Familie kennen zu lernen. Und auch, um als Erbberechtigter die Häuser und die Bankguthaben nach seinem Großvater, Vater und Großonkel Simon Samson zurückzufordern. Für ihn sind die Entschädigungsverfahren in der Nachkriegszeit nicht „gerecht“ verlaufen. Er verlangte, so sagte er „Gerechtigkeit“. Die Ostfriesischen Nachrichten und die Ostriesen Zeitung haben im Herbst 2012 ausführlich darüber berichtet. Ich möchte die rechtlichen, die juristischen Sachverhalte hier außen vor lassen. Mir wurde bei der Begegnung mit diesem auch humorvollen Menschen sehr klar, dass die Verlegung von Stolpersteinen nicht das Letzte ist, was getan werden muss.Simon Samson wurde am 20. August 1857 als Sohn von Rahel Jacob Wolff und Hartog Simon Samson in Aurich geboren. Sein Vater war Schlachter und so wurde er – wie auch sein Bruder Hartog – Schlachter. Mit seiner älteren Schwester Minka (geb. 13.7.1856) betrieb er in der Marktstraße 19 ein kleines Schlachtergeschäft, gemeinsam mit seiner Schwester wohnte er auch hier. Simon hatte nicht geheiratet, so führte ihm seine Schwester, die ebenfalls nicht heiratete, den Haushalt. Weitere Geschwister von Simon Samson:
Jacob wohnte mit seiner Familie in der Nürnburger Str. 24 und verstarb am 9.5.1934 in Aurich (siehe Stolperstein dort).
Schewa Hartog Samson, geb. 28.5.1859, verstorben 31.3.1879
Abraham Hartog Samson, geb. 29.6.1863, verstorben 12.3.1864Simon und Minka wurden gezwungen, im März 1940 Aurich zu verlassen. Ostfriesland sollte zum 1. April 1940 „judenfrei“ sein. Älteren Menschen wurde allerdings `gestattet`, in Emder Altersheime zu übersiedeln. Die 83jährige Minka wird am 18. März 1940 aus Aurich vertrieben und in das Emder Altersheim in der Klaas-Tholen Straße 19 gebracht.
Simon, 84 Jahre alt, wird am 29. März 1940 in das Emder Altersheim in der Schoonhovenstraße gebracht. Minka überlebt die Zwangsumsiedlung nicht. Sie stirbt im Emder Altersheim noch im Jahr 1940.  Simon erleidet noch ein weiteres Jahr die unwürdigen Zustände. Dann werden auch die Insassen des Emder Altersheims deportiert. Vorher mussten sie sämtliche in ihrem Besitz befindlichen Wertgegenstände und Geld abliefern. Simon Samson verließ mit 121 weiteren Insassen am 23. Oktober 1941 in einem Transportzug Emden, am 24.  Oktober wurde Berlin erreicht, einige Tage später der Bahnof Radegast im Ghetto Litzmannstadt (in der polnischen Stadt Lodz).  Simon Samson stirbt am 28. Februar 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Das geht aus einer Karteikarte/Abmeldekarte hervor, die Rolf Uphoff mit Schülern im Staatsarchiv von Lodz entdeckte.Simon Samson hatte sein Haus verkaufen müssen.  Am 1. Juli 1940 hatte ein Vermittler einen Käufer gefunden. Der Kaufpreis in Höhe von 1.800 Reichsmark wurde einem Notar überwiesen, Simon Samson hatte nie Zugriff darauf. Sein Konto bei der Sparkasse Aurich Norden ging verloren.

Der Bahnhof Radegast anlässlich einer Gedenkfeier zur Befreiung des Gettos Litzmannstadt im Jahre 2019.

Die Stolpersteine vor dem Haus Marktstraße 18.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Fotos:  Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Jann Willms
Verlegetermin: 14. November 2013

Minka Samson

Veröffentlicht: 11. September 2010 von westermayer in Verlegung

Minka SAMSON
geboren am 13. Juli 1856 in Aurich

Straße: Markstraße 19
Todesdatum: 21.03.1940
Todesort: Emden
Im vergangenen Jahr (2012) besuchte Joram Samson aus Berlin mit seiner Frau und seinem Sohn Aurich. Günther Lübbers hat sie durch die Stadt geführt, ich habe sie auf den jüdischen Friedhof begleitet, auf dem sein Großvater Jakob 1934 begraben wurde. Sein Großvater war der Bruder von Simon und Minka.

Jakob lebte in der Nürnburger Straße 24. Jakobs Sohn Hugo gelang die Emigration und Flucht 1939 nach Palästina, er heiratete dort. Joram wurde 1950 in Petach Tikva, Israel geboren. 1956 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, nach Berlin.

Joram Samson hat die Verfolgung und Entwürdigung seiner Familie nicht vergessen. Nur sein Vater überlebte den Holocaust. Joram Samson kam 2012 nach Aurich, um den Ort der Verfolgung seiner Familie kennen zu lernen. Und auch, um als Erbberechtigter die Häuser und die Bankguthaben nach seinem Großvater, Vater und Großonkel Simon Samson zurückzufordern. Für ihn sind die Entschädigungsverfahren in der Nachkriegszeit nicht „gerecht“ verlaufen. Er verlangte, so sagte er, „Gerechtigkeit“. Die Ostfriesischen Nachrichten und die Ostriesen Zeitung haben im Herbst 2012 ausführlich darüber berichtet. Ich möchte die rechtlichen, die juristischen Sachverhalte hier außen vor lassen. Mir wurde bei der Begegnung mit diesem auch humorvollen Menschen sehr klar, dass die Verlegung von Stolpersteinen nicht das Letzte ist, was getan werden muss.

Simon Samson wurde am 20. August 1857 als Sohn von Rahel Jacob Wolff und Hartog Simon Samson in Aurich geboren. Sein Vater war Schlachter und so wurde er – wie auch sein Bruder Hartog – Schlachter.

Mit seiner älteren Schwester Minka (geb. 13.7.1856) betrieb er in der Marktstraße 19 ein kleines Schlachtergeschäft, gemeinsam mit seiner Schwester wohnte er auch hier. Simon hatte nicht geheiratet, so führte ihm seine Schwester, die ebenfalls nicht heiratete, den Haushalt.

Weitere Geschwister von Simon Samson:
Jacob wohnte mit seiner Familie in der Nürnburger Str. 24 und verstarb am 9.5.1934 in Aurich (siehe Stolperstein dort).
Schewa Hartog Samson, geb. 28.5.1859, verstorben 31.3.1879
Abraham Hartog Samson, geb. 29.6.1863, verstorben 12.3.1864

Simon und Minka wurden gezwungen, im März 1940 Aurich zu verlassen. Ostfriesland sollte zum 1. April 1940 „judenfrei“ sein. Älteren Menschen wurde allerdings `gestattet`, in ein Altersheim in Emden zu übersiedeln. Die 83jährige Minka wird am 18. März 1940 aus Aurich vertrieben und in das Emder Altersheim in der Klaas-Tholen Straße 19 gebracht.
Simon, 84 Jahre alt, wird am 29. März 1940 in das Emder Altersheim in der Schoonhovenstraße gebracht. Minka überlebt die Zwangsumsiedlung nicht. Sie stirbt im Emder Altersheim bereits am 21.03.1940.

Simon erleidet noch ein weiteres Jahr die unwürdigen Zustände. Dann werden auch die Insassen des Emder Altersheims deportiert. Vorher mussten sie sämtliche in ihrem Besitz befindlichen Wertgegenstände und Geld abliefern. Simon Samson verließ mit 121 weiteren Insassen am 23. Oktober 1941 in einem Transportzug Emden, am 24.  Oktober wurde Berlin erreicht, einige Tage später der Bahnhof  Radegast im Ghetto Litzmannstadt (in der polnischen Stadt Lodz).  Simon Samson stirbt am 28. Februar 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Das geht aus einer Karteikarte/Abmeldekarte hervor, die Rolf Uphoff mit Schülern im Staatsarchiv von Lodz entdeckte.

Simon Samson hatte sein Haus verkaufen müssen.  Am 1. Juli 1940 hatte ein Vermittler einen Käufer gefunden. Der Kaufpreis in Höhe von 1.800 Reichsmark wurde einem Notar überwiesen, Simon Samson hatte nie Zugriff darauf. Sein Konto bei der Sparkasse Aurich Norden ging verloren.

Recherche: Astrid Parisius
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 10.09.2019)
Foto: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Wiard Coordes – GAP
Verlegetermin: 14. November 2013

„Minna“ Minkel WALLHEIMER

Veröffentlicht: 11. September 2010 von westermayer in Verlegung

„Minna“ Minkel Wolff WALLHEIMER
geboren am 15. Oktober 1863 in Kirchdorf (heute: Aurich)

Straße: Kirchdorf Nr. 11 (heute: Kreuzstraße 6d)
Todesdatum: 27.02.1948
Todesort: Bremen

 

 

 

 

Minkel Wallheimer
(Foto Kennkarte, NLA, 1939)

 

 

 

 

Geboren am 15.10.1863 in Kirchdorf wohnt sie im Haus Kirchdorf Nr. 11 heute Kreuzstraße 6d. Ihr Vater ist Wolff Benjamin Abraham Wallheimer (*4.06.1821 Aurich, + 8.03.1871 Aurich). Ihre Mutter ist Engel Engeline Egle Samuel Wolff (*2.11.1831 Norden, +15.07.1914 Aurich).

Sie hat eine Schwester Goldine (*13.04.1858, + 15.07.1943 Theresienstadt), später verheiratete Grünberg, und insgesamt fünf Brüder, von denen zwei als Kind oder Jugendlicher sterben.

Sie bleibt zeitlebens ledig und wohnt und lebt mit ihrem Bruder „Karl“ Calmer Wolff und dessen Ehefrau in diesem Haus. Sie bekleidet viele Jahre einige Ämter der jüdischen Wohlfahrt und des jüdischen Kulturlebens in Aurich – wie es für Frauen üblich war im jüdischen Sozialwesen.

Aus Alemannia Judaica. Der Israelit 1932 über: den Israelitische Mädchenverein Malbisch Arumim (gegründet 1872; unter Leitung von Minna Wallheimer mit 45 Mitgliedern; Zweck und Ar-beitsgebiet: Unterstützung Bedürftiger, Brautausstattung)

Mit den Verhandlungen zum Zwangsverkauf des Hauses zieht sie zusammen mit ihrem Bruder und dessen Frau nach Bremen (Biebricher Straße 7) in das Haus ihrer Schwester Goldine Grünberg und deren Familie. Ihr Bruder muss später mit seiner Frau in ein Judenhaus an der Großen Johannisstraße 85 in der Bremer Neustadt umziehen. In Bremen hat Minkel Wallheimer noch häufigen Kontakt mit der ebenfalls vertriebenen Auricher Familie Cohen von der Wallstraße 33.

Am 23.07.1942 werden alle Wallheimers und Grünbergs aus Bremen in das KZ Theresienstadt deportiert. Minkel Wallheimer überlebt es während Bruder und Schwägerin an Hunger und Altersschwäche dort sterben.

Am 27.02.1948 stirbt sie in einem Bremer jüdischen Altenheim an der Gröpelinger Heerstraße 167 im Alter von 84 Jahren eines natürlichen Todes.
Ihre Vermögenswerte und auch die des Bruders vermacht sie ihrer Nichte Lilly Wallheimer später verheiratete Knurr vom Kirchdorferweg 36. Der Rechtsanwalt Dr. Anklam vertritt in einem Entschädigungsverfahren diese Ansprüche gegenüber dem damaligen Hausbesitzer Harm Frerich Harms.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.08.2018)
Foto: Kennkarte (NLA)
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Gesa Fecht-Lückemeyer
Verlegetermin: 21. Oktober 2016

 

Selma Wolff verh. Tandi

Veröffentlicht: 12. Juli 2010 von westermayer in Verlegung

Selma WOLFF verh. Tendi
geboren am 15. Juni 1923 in Aurich

Straße: Marktstraße 2
Todesdatum: Flucht nach Palästina, gestorben am 13. November 1987
Todesort: Beer Sheva
Selma Wolff wird am 15. Juni 1923 als jüngste Tochter des Schlachters Benjamin Wolff, genannt Benno, und seiner Ehefrau Regina Wolff, geb. Wolff in Aurich geboren. Beide Eltern sind in Aurich aufgewachsen und ihre Väter waren auch Schlachter. Geheiratet haben Benno und Regina Wolff am 19. August 1919.  Sie wohnen in der Marktstr.2, in der sich auch die Schlachterei befindet.

Selma Wolff hat zwei ältere Schwestern: Karoline, die am 07. August 1920 geboren wird, und Fanni, geboren am 24. September 1921. Die Kindheit der drei Schwestern mag bis 1933 noch unbeschwert gewesen sein – wie die vieler jüdischer Kinder in Aurich. In dem Haus Marktstr. 2 waren zwischen 1926 und 1933 verschiedene Hausmädchen gemeldet, was auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen lässt.
Ab 1935 wurden jedoch die antijüdischen Schikanen im Handel immer stärker, und die Übernahme von jüdischem Haus- und Grundstückseigentum durch die Nationalsozialisten bringt viele jüdische Bürger dazu, Aurich zu verlassen.
Benno Wolff war 1932 noch, neben vielen christlichen Schlachtern, Mitglied der Fleischer-Zwangsinnung und bildete Lehrlinge aus. Aber nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 wird er bis zum 17. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Erst im Februar 1940 flieht er mit seiner Frau Regina nach Düsseldorf. Von dort werden beide am 10. November 1941 nach Minsk deportiert und haben das Lager dort nicht überlebt. Ihre Stolpersteine wurden bereits am 14. Dezember 2013 verlegt.

Ihre drei Töchter wohnen zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr in Aurich.

Karoline, die älteste, zieht im April 1936 mit knapp 16 Jahren nach Wuppertal-Elberfeld. Es konnte jedoch nicht ermittelt werden, wo und wie lange sie dort gelebt hat. Sie flieht später nach Palästina und heiratet dort Chjim Zuker. Sie selbst heißt nun Lina Zuker (Tzuker). 1944 wird ihre erste Tochter geboren, Nurit Zuker, und 1951 die zweite Tochter, Raaja Zuker. Beide Töchter heiraten später und bekommen jeweils drei Kinder.

Auch Fanni und Selma Wolff leben später in Israel. Von ihnen ist jedoch bekannt, dass sie zunächst nach Großbritannien geflohen sind.

Fanni Wolff verlässt Aurich im Juni 1937 und bleibt bis Februar 1939 in Mannheim. Dort lebt seit 1936 auch ihre Cousine Netta Kussel und die Tante von beiden, Auguste Sommer, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Fanni arbeitet als Hausangestellte bei dem Ehepaar Richard und Mia Neter, das am 5. Februar 1939 mit dem Ziel Tel Aviv auswandert. Bis zu dem Datum ist Fanni Wolff dort auch nur gemeldet.

Das Archiv der Jüdischen Organisation WJR (World Jewish Relief) in London hat bestätigt, dass es Informationen über Fannis Ankunft in GB gibt.  Später lebt sie in Israel, wohin auch ihre Tante Auguste Sommer geflohen war. Fanni nennt sich nun Fani Tziporah Wolf und heiratet am 10. Oktober 1952 in Kiryat Motzkin  Reuven (Ruben) Weitzner, der am 22. Dezember 1915 in Kalusz / Ukraine geboren wurde. Sie hat mit ihm einen Sohn, Michael Weizner (geb. 1954). Am 29. Dezember 1954 stirbt Fanni Weitzner mit 33 Jahren als junge Mutter in Kiryat Bialik. Ihr Mann Ruben Weitzner wird 91 Jahre alt, er stirbt am 15. November 2007 in Kiryat Bialik. Die Gräber von beiden sind in Tzur Shalom.

Die jüngste der drei Schwestern, Selma Wolff, geht Anfang Mai 1938 ebenfalls als „Haustochter“ nach Mannheim und ist dort in der Kirschenstr. 3 bei Löffler bis zum 10. Dezember 1938 gemeldet. Sie gelangt mit einem „Kindertransport“ nach England. Durch „Kindertransporte“, die auch im Englischen so genannt werden, konnten vom Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, nach einem Beschluss des britischen Parlaments, rund 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei vor dem Holocaust gerettet werden.

Selma Wolff muss von England aus einen Suchantrag nach ihren Familienangehörigen gestellt haben. Sie nennt sich dort Selina und lebt als Studentin in Bournemouth. Am 6.Oktober 1944 heiratet sie Josef Tandeciarz (späterer Name: Jo Tendi), der aus Polen stammt und am 9. Juli 1938 im Hafen von Southampton angekommen war. 1945 bekommen sie einen Sohn, Stevan Tendi. Die Familie zieht ebenfalls nach Israel. Der Sohn Stevan Tendi heiratet später Bat-Sheva Weiss (geb. 1950). Die beiden sind die Eltern von Ido Tendi, der 1976 geboren wird. Selma Tendi stirbt am 13. November 1987 in Beer Sheva.

Während Gunter Demnig die drei neuen Stolpersteine für Karoline, Fanni und Selma Wolff ins Pflaster vor dem Haus Marktstraße 2 einsetzt, trägt Irmtraut Schulze-Rodenberg ihre Biografien vor.

Drei Stolpersteine für die Töchter von Benjamin und Regina Wolff, deren eigene Stolpersteine bereits am 14. Dezember 2013 verlegt worden.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.07.2022)
Fotos v. d. Verlegung: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich Rep. 248, Nr. 943
Adressbuch für Stadt und Kreis Aurich 1926
Habben, Johannes in: Reyer, Diekhoff, Die Juden in Aurich, Aurich, 1992, S. 124
Literatur:
Patenschaft: Eckhaus Verlag Weimar / Katja Völkel
Verlegetermin: 16. November 2019

Karoline Wolff verh. Zuker

Veröffentlicht: 12. Juli 2010 von westermayer in Verlegung

Karoline WOLFF verh. Zuker
geboren am 7. August 1920 in Aurich

Straße: Marktstraße 2
Todesdatum: Flucht nach Palästina
Todesort: überlebt
Karoline Wolff wird am 07. August 1920 als älteste Tochter des Schlachters Benjamin Wolff, genannt Benno, und seiner Ehefrau Regina Wolff, geb. Wolff in Aurich geboren. Beide Eltern sind in Aurich aufgewachsen und ihre Väter waren auch Schlachter.
Geheiratet haben Benno und Regina Wolff am 19. August 1919.  Sie wohnen in der Marktstr.2, in der sich auch die Schlachterei befindet.Karoline Wolff hat zwei jüngere Schwestern: Fanni, die am 24. September 1921 geboren wird, und Selma, geboren am 15. Juni 1923. Die Kindheit der drei Schwestern mag bis 1933 noch unbeschwert gewesen sein – wie die vieler jüdischer Kinder in Aurich. In dem Haus Marktstr. 2 waren zwischen1926 und 1933  verschiedene Hausmädchen gemeldet, was auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen lässt.Ab 1935 wurden jedoch die antijüdischen Schikanen im Handel immer stärker, und die Übernahme von jüdischem Haus- und Grundstückseigentum durch die Nationalsozialisten bringt viele jüdische Bürger dazu, Aurich zu verlassen.Benno Wolff war 1932 noch, neben vielen christlichen Schlachtern, Mitglied der Fleischer-Zwangsinnung und bildete Lehrlinge aus. Aber nach der Pogromnacht vom November 1938 wird er bis zum 17. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Erst im Februar 1940 flieht er mit seiner Frau nach Düsseldorf. Von dort werden beide im November 1941 nach Minsk deportiert und haben das Lager dort nicht überlebt.

Karoline Wolff, die älteste Tochter, zieht im April 1936 mit knapp 16 Jahren nach Wuppertal-Elberfeld und arbeitet dort als Hausgehilfin. Es konnte zunächst nicht ermittelt werden, wo und wie lange sie dort gelebt hat. Auf jeden Fall geht sie Anfang 1939 zur Hachscharah in das Lehrgut Schniebinchen bei Sorau / Sommerfeld in der Niederlausitz.

Karoline flieht im Rahmen Alija beth am 12. Oktober 1939 über Wien auf der SS HILDA nach Palästina. Nach der Ankunft in Haifa am 29. Januar 1940 wird sie zunächst bis zum 18. Februar 1940 in Athlit interniert. Am 29. Mai 1942 heiratet sie den 1915 geborenen Chjim Zuker. Sie selbst heißt nun Lina Zuker (Tzuker). 1944 wird ihre erste Tochter geboren, Nurit Zuker, und 1951 die zweite Tochter, Raaja Zuker. Beide Töchter heiraten später und bekommen jeweils drei Kinder. Nurit und Jaakov Golda (geb. 1943) sind die Eltern von Ran Golda, Gil Golda (geb.1967) und Dan Golda (geb. 1971).  Raaja und Meir Eshet (geb. 1948) haben ebenfalls drei Kinder: Iris Eshet (geb.1973), Nitzan Eshet (geb.1979) und Dikla Eshet (geb.1981).
Auch Karolines zwei Schwestern, Fanni und Selma Wolff, leben später in Israel. Von ihnen ist jedoch bekannt, dass sie zunächst nach Großbritannien geflohen sind.

Fanni Wolff hat Aurich im Juni 1937 verlassen und ist bis Februar 1939 in Mannheim geblieben. Dort lebte seit 1936 auch ihre Cousine Netta Kussel und die Tante von beiden, Auguste Sommer, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Fanni war Hausangestellte bei dem Ehepaar Richard und Mia Neter, das am 5. Februar 1939 mit dem Ziel Tel Aviv ausgewandert ist. Bis zu dem Datum ist Fanni Wolff dort auch nur gemeldet.

Das Archiv der Jüdischen Organisation WJR (World Jewish Relief) in London hat bestätigt, dass es Informationen über Fannis Ankunft in GB gibt.  Später lebt sie in Israel, nennt sich dort Fani Tziporah Wolf und heiratet am 10. Oktober 1952 in Kiryat Motzkin Reuven (Ruben) Weitzner, der am 22. Dezember 1915 in Kalusz / Ukraine geboren wurde. Sie hat mit ihm einen Sohn, Michael Weizner (geb. 1954). Am 29. Dezember 1954 stirbt Fanni Weitzner mit 33 Jahren als junge Mutter in Kiryat Bialik. Ihr Mann Ruben Weitzner wird 91 Jahre alt, er stirbt am 15. November 2007 in Kiryat Bialik. Die Gräber von beiden sind in Tzur Shalom.
Karolines jüngste Schwester, Selma Wolff, geht Anfang Mai 1938 ebenfalls nach Mannheim und ist dort bis zum 10. Dezember1938 gemeldet. Sie gelangt mit einem „Kindertransport“ nach England. Durch „Kindertransporte“, die auch im Englischen so genannt werden, konnten vom Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, nach einem Beschluss des britischen Parlaments, rund 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei vor dem Holocaust gerettet werden.

Selma Wolff lebt zunächst als Studentin in Bournemouth und heiratet am 6.Oktober 1944 Josef Tandeciarz (späterer Name: Jo Tendi), der aus Polen stammt. 1945 bekommen sie einen Sohn, Stevan Tandi. Die Familie zieht ebenfalls nach Israel.

Während Gunter Demnig die drei neuen Stolpersteine für Karoline, Fanni und Selma Wolff ins Pflaster vor dem Haus Marktstraße 2 einsetzt, trägt Irmtraut Schulze-Rodenberg ihre Biografien vor.

Drei Stolpersteine für die Töchter von Benjamin und Regina Wolff, deren eigene Stolpersteine bereits am 14. Dezember 2013 verlegt worden.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 8.07.2022)
Fotos: Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich Rep. 248, Nr. 943
Adressbuch für Stadt und Kreis Aurich 1926
Habben, Johannes in: Reyer, Diekhoff, Die Juden in Aurich, Aurich, 1992, S. 124https://

spurenimvest.de/2026/03/19/wolff-lina/

 

Literatur:
Patenschaft: Günter Schulze
Verlegetermin: 16. November 2019

Paul Spangenthal

Veröffentlicht: 27. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Paul SPANGENTHAL
geboren am 10. Juni 1913 in Spangenberg (Hessen)

Straße: Leerer Landstraße 14
Todesdatum: 15. Mai 1989
Todesort: Hazel Crest, Illinois, USA
Paul Spangenthal  wird am 10. Juni 1913 als Sohn von Moritz (Moses) und Frieda Spangenthal in Spangenberg im heutigen Schwalm-Eder-Kreis (früher: Kreis Melsungen) geboren. Schon früh verliert er seinen Vater (geb. am 18. April 1879 in Spangenberg), der sich im 1. Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte und am 18. September 1918  mit 39 Jahren als Pilot  in Le Cateau stirbt. Seine Mutter, Frieda Windmüller, geb. am 18. Oktober 1884, stammt aus Korbach (Hessen).  Geheiratet haben die beiden am 9. März 1909.

Moritz Spangenthal (Vater von Paul Spangenthal) als Pilot im 1. Weltkrieg (ganz links)

Paul kann sich später, wie seine Tochter berichtet, an seinen Vater kaum erinnern. Nur an eine Begegnung bei einem Heimaturlaub des Vaters, der kurz danach als Pilot abgeschossen worden ist. Paul ist zu dem Zeitpunkt erst 5 Jahre alt.
Seine Mutter ist nun Witwe mit drei kleinen Kindern: Max, geb. am 25. Januar 1910, Fritz, geb. am 21. Mai 1911, und Paul. Sie versorgt ihre Söhne durch die Arbeit im Eisenwarengeschäft der Familie. Die Jungen haben nur Unfug im Kopf, und ihre Streiche sind legendär. In einem Bericht werden sie als „Lümmel“ bezeichnet.

Frieda Spangenthal mit ihren Söhnen Fritz (links), Paul (rechts) und Max (hinten)

Das Geld reicht nur aus, um einem von ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen. Max, der älteste, wird zum Studieren fortgeschickt und wird Doktor der Rechtswissenschaften. Auch Fritz geht fort und beginnt eine Berufsausbildung, Paul bleibt zu Hause und hilft seiner Mutter im Geschäft.

Das Geschäft der Spangenthals in Spangenberg (Hessen)

An einem Tag in den frühen 1930-er Jahren kommt Paul mit seinem Motorrad nach Hause, als zwei Nazis sich ihm nähern und ihm sagen, er solle sein Motorrad weggeben, denn er würde es sowieso nicht mehr gebrauchen. (Er  ist  auch belauscht worden, als er Hitler kritisierte.)  Danach muss er an einem Nazi-Trainingslager teilnehmen und wird dort geschlagen und gequält. Seine Mutter geht deshalb zu einem  Beamten, den ihr Mann kannte, und bittet um das Leben ihres Sohnes. Der Beamte kann zu seinen Gunsten intervenieren und benachrichtigt das Camp, ihn freizulassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man Paul bereits gezwungen, sein eigenes Grab auszuheben. Widerwillig lassen die Nazis ihn frei und setzen ihn in einen Zug nach Hause. Sie drohen ihm an, ihn zurückzubringen und zu erschießen, falls er irgendjemandem im Zug erzählen würde, was geschehen ist.

Später wird er zur deutschen Armee eingezogen, zusammen mit den anderen Jungen aus seiner Schulklasse (von denen die meisten im Kampf während der deutschen Invasion in Russland sterben). Bald gibt es jedoch einen Erlass, der Juden den Dienst in der deutschen Wehrmacht verbietet. Paul wird unehrenhaft entlassen, sein befehlshabender Offizier sagt ihm, dass er ihm einen Vorsprung geben werde, damit er durch den Wald nach Hause laufen kann.  Danach könne er nicht mehr für seine Sicherheit garantieren.

Ironie des Schicksals:  Jahre später wird er erneut eingezogen, in Nashville in Tennessee, diesmal zur US-Armee, aber er wird abgelehnt, weil er Deutscher ist  und weil er noch in Deutschland lebende Familienangehörige hat.

Paul Spangenthal

Im Sommer 1933, also im Alter von 20 Jahren, zieht Paul Spangenthal von Spangenberg nach Aurich und wohnt seit dem 1. August in der Leerer Landstr. 14 zunächst bei Katz, später bei Ludwig Wolffs. Als Beruf ist auf der Meldekarte „kaufmännischer Angestellter“ angegeben, später geändert in „Kaufmann“.

In Spangenberg leben zu Beginn der NS-Zeit noch mehr als 100 Juden. Verschiedene gewaltsame Aktivitäten von NSDAP-Angehörigen gegenüber den jüdischen Bürgern führen zu einer beschleunigten Abwanderung der jüdischen Familien. Nur wenige emigrieren in die USA oder nach Palästina, die allermeisten Juden fliehen in andere Städte innerhalb Deutschlands. Schon Ende 1938 sollen in Spangenberg keine Juden mehr gelebt haben.

Paul Spangenthals Mutter zieht im August 1936 von Spangenberg nach Köln zu ihrem Sohn Fritz, der seit 1929, von Konstanz kommend, in Köln, Lochnerstr. 16, lebt. Auch Fritz ist Kaufmann, später „Handelsvertreter“. Er heiratet im Januar 1938  Henriette Eisler. Der 27-jährige Bruder Max Spangenthal, inzwischen Doktor der Rechtswissenschaft in Berlin, ist einer der beiden Trauzeugen in Köln. Nach seiner Hochzeit zieht Fritz Spangenthal in Köln um in die Aegidienberger Str. 8, seine Mutter zieht am 2. März 1938 auch dorthin.

Die Familie Spangenthal will unbedingt Deutschland verlassen, obwohl es extrem schwierig ist. Man braucht einen Lotteriegewinn und einen Förderer in den Vereinigten Staaten, der für einen bürgen würde. Pauls Bruder Fritz fährt extra nach Berlin, um die nötigen Unterlagen zu besorgen, weil er der Post nicht traut.

Im Mai 1938 verlässt auch Paul Spangenthal seinen bisherigen Wohnort Aurich und zieht ebenfalls nach Köln in die Lochnerstr.16.  Ende Februar 1939 macht er sich zusammen mit seinem Bruder Fritz und dessen Frau Henriette auf den Weg nach New York. Dort kommen sie am 13. März an. Max Spangenthal flieht nach Palästina. Ihre Mutter, Frieda, verlässt Köln im Juli 1939 und geht zunächst nach London.  Sie hatte  im Januar 1939 einen Pass für Amerika beantragt. Dorthin ist sie später, als ihre Familie schon in Chicago wohnt, auch gelangt.

Paul Spangenthal lebt anfangs zusammen mit seinem Bruder Fritz (Fred) und dessen Frau Henriette (Henny) bei Friedas Bruder Richard Windmiller und dessen Frau Meta in Nashville, Tennessee. Dort wird ihm am 6. November 1939 die US-Staatsbürgerschaft zuerkannt, und er heißt nun Paul Spangler . Da die Arbeitsmöglichkeiten dort begrenzt sind, beschließen sie, nach Chicago zu ziehen, wo es mehr Möglichkeiten und andere Einwanderer gibt. Ihre Mutter kommt später nach und lebt bei Paul. Zu der Zeit arbeitet er als Hausmeister.

1943 wird er in Chicago einer jungen Krankenpflegeschülerin vorgestellt, Gertrude Sofie Buff aus München (geb. 1920). Ihre Mutter Else (Elizabeth), geb. 1895 in München, lebt auch in Chicago. Ihr Vater, Dr. Berthold Buff, war ein bei seinen Patienten sehr beliebter Hausarzt, der täglich Hausbesuche machte. 1938 ist er zusammen mit seiner Frau und einem anderen Arzt festgenommen und zum Nazi-Hauptquartier gebracht worden, wo beide Ärzte Selbstmord begangen haben (Holocaust-Selbstmord). Seine Frau wurde freigelassen.

Gertrude Spangler geb. Buff, 1945

Paul und Gertrude heiraten 1944 nach einer kurzen Verlobungszeit, während der Gertrude ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Auf dem Foto von 1945 ist Gertrude als examinierte Krankenschwester in Chicago zu sehen.  Frieda, Pauls Mutter, lebt bis zu ihrem Tod 1946 bei ihnen. Sie war nach allem, was sie durchgemacht hat, gesundheitlich sehr geschwächt.

Paul und Gertrude bekommen zwei Kinder, die Tochter Anne (geb. 1947) und den Sohn David (1949). Beide sind inzwischen verheiratet und leben in Chicago.

Paul arbeitet schließlich in der Buchhaltung bei U.S. Steel, und so können sie sich in Chicago ein Haus kaufen. Er arbeitet gern im Garten, spielt gern Schach und sammelt Briefmarken. Er liebt Tiere, so dass es in seiner Familie immer Katzen, Hühner und Vögel gibt, sogar eine Ente „Mariechen“. Später in seinem Leben beschäftigt er sich gern mit seinen zwei Enkelkindern (ein weiteres wird nach seinem Tod geboren).

Ungefähr 25 Jahre arbeitet Paul bei U.S. Steel, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1980. Er hat jahrzehntelang unter Herzproblemen gelitten und stirbt am 15. Mai 1989 in Hazel Crest, Illinois an einem Herzinfarkt, einen Monat vor seinem 76. Geburtstag.

Seine Frau Gertrude Spangler stirbt  2018 mit knapp 98 Jahren.

Paul Spangler hat in regem Briefwechsel gestanden mit seinem Bruder Max, der nach Israel geflohen war. Nach dessen Tod wurden diese Briefe an das Leo-Baeck-Institut übergeben und können so eingesehen werden. Daraus geht hervor, dass Paul 1972  seine Heimatstadt Spangenberg besucht hat. Er beschreibt seine Eindrücke und Begegnungen mit früheren Mitbürgern. Sein Interesse an der Erinnerungsarbeit zeigt sich auch darin, dass er Schülern ausführlich geantwortet hat, die ihm einen Fragebogen zur Situation der Juden im nationalsozialistischen Spangenberg geschickt hatten.

Das Wohnhaus Leerer Landstraße 14 am Tag der Verlegung.

Der Stolperstein von Paul Spangler ist einer von insgesamt zehn, die nun vor diesem Haus liegen.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.06.2022)
Foto:

 

 

Fotos von der Verlegung:

Moritz Spangenthal (David Spangler)
Frieda Spangenthal mit ihren 3 Söhnen und Paul Spangenthal
Geschäftshaus Spangenthal (David Spangler)
Gertrude Spangler, 1945 (Anne Hollenbeck, geb. Spangler)Günther Lübbers
Opfergruppe: Juden
http://www.ancestry.com/family-tree/116292747              www.myheritage.de/names/gertrude_buff
https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/1172115https://de.wikipedia.org/wiki/ Spangenberghttps://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1834-spangenberg-hessen
Meldekarte, NLA-Aurich
Historisches Archiv der Stadt Köln: HAStK Bestand 541HB R3594,  Korrespondenz mit Anne Hollenbeck
Literatur:
Patenschaft: Dieter Emler
Verlegetermin: 5. Oktober 2021