Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Bettina Wolff geb. Ronsheim

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Bettina WOLFF geb. Ronsheim
geboren am 10. Mai 1908 in Abterode

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben am 15.07.1982
Todesort: Buenos Aires, Argentinien
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bettina Ronsheim in den 1920gerJahren – Foto: Marcelo Cohen Wolff

 

Bettina Wolff wird am 10. 5. 1908 in Abterode als Bettina Ronsheim geboren. Sie hat eine Schwester Rosi. Diese heiratete auch nach Aurich und zwar den Arzt Manfred Hoffmann von der Wallstraße. Ihre Eltern sind Jakob Ronsheim und Bertha Goldschmidt. Bettina hat im Übrigen noch eine Kusine Herta Ronsheim, welche ebenso später nach Argentinien emigrierte – mit ihrem Ehemann Jacob Wolff auch aus Aurich.

Geburtsurkunde Bettina Ronsheim

Bettina ist verheiratet mit Siegfried Wolff aus Aurich. Die Ehe bleibt kinderlos.

Sie wohnt zusammen mit zwei Schwägerinnen – Schwestern des Siegfried – und einer Tochter einer dieser, im Haus Norderstraße 18.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 Siegfrieds Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern und dann Siegfried und Bettina nach Paraguay.

Bettina „Bendida“  und Siegfried Wolff – Foto: Marcelo Cohen Wolff

Das Ehepaar Wolff lebt in Buenos Aires, wo Siegfried Kantor in einer Gemeinde ist. Über die Berufstätigkeit von Bettina ist nichts bekannt. Da Bettina im Spanischen ein ungeläufiger Name ist, heißt sie dort „Bendina“ oder auch umgänglich „Dina“ genannt. So ist es in späteren Quellen notiert, auch auf ihrem Grabstein des Cementerio Berazategui in Buenos Aires.
Sie stirbt am 15.07.1982.

 

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Bernd Clemenz Weber
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Rosa Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Rosa WOLFF
geboren am 15. August 1904 in Großefehn

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939
Todesort: Santiago de Chile
Rosa Wolff wird am 15.08.1904 in Großefehn geboren. Ihre Geschwister sind Hannchen, Abraham, Siegfried, Auguste, Wilhelm, Jeanette, Rescha, Erna und Frieda. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Drei Geschwister sind dort auch geboren.

Rosa hat ein Down-Syndrom. Sie lebt mit ihrem Bruder Siegfried, dessen Ehefrau Bettina und der Schwester Frieda zusammen im Haus Norderstraße 18. Inwieweit ihre Behinderung Auswirkung auf ihre tägliche Lebensführung hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall lebt sie nicht selbstständig und bleibt bis zum Lebensende bei ihrer Schwester Frieda im Haushalt.

Als allen Auricher Juden klar wird, sie können hier nicht mehr bleiben, flieht zuerst 1939 Rosas Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern, dann Siegfried und Bettina nach Paraguay, und zuletzt Frieda mit Tochter Ruth und Rosa auch nach Paraguay.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich dann bereit diese Gruppe vorübergehend aufzunehmen. In Argentinien werden sie für einige Wochen interniert. Und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen. Die Geschwister fürchten, sie wird wegen ihrer Behinderung nicht eingelassen. Die Behörden lassen sie jedoch durch.

Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Über eine Erwerbsarbeit von Rosa ist nichts bekannt.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:  
Patenschaft: Bernd Clemenz Weber
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Siegfried Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried  WOLFF
geboren am 4. Februar 1902 in Aurich

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben 5.04.1992
Todesort: Buenos Aires, Argentinien

Das Haus in der Norderstraße 18

Siegfried Wolff in den 1920ger Jahren – Foto: Marcelo Cohe Wolff

Siegfried Wolff wird am 4.02.1902 in Aurich geboren. Seine Geschwister sind Hannchen, Abraham, Auguste, Wilhelm, Frieda, Jeanette, Rescha, Erna und Rosa. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Die älteren drei Geschwister sind dort auch geboren.

Siegfried ist verheiratet mit Bettina Ronsheim aus Abterode in Nordhessen. Die Ehe bleibt kinderlos.

Siegfried und Bettina wohnen zusammen mit seinen Schwestern Frieda und Rosa im Haus Norderstraße 18. Das war zu dieser Zeit üblich, denn unverheiratete Frauen galten als unversorgt und blieben im Haus ihrer Eltern oder im Haus bei einem verheirateten Geschwisterteil. Eine weitere Schwester, Hannchen Cohen verh. mit Moses Cohen, wohnt direkt hinter dem Haus in der Wallstraße 33. Die Kinder der Cohens spielten hinter dem Haus zusammen. „Motjes Kinner sünd all dor“, hieß es wenn sie bei Onkel Siegfried spielten.

Bettina „Bendida“ und Siegfried „Sigfrido“ Wolff – Foto: Marcelo Cohen Wolff

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 sein Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern und dann Siegfried und Bettina nach Paraguay.

Siegfried ist später Kantor in einer Gemeinde in Buenos Aires. Er stirbt am 5.04.1992 und ist auf dem Cementerio Berazategui als Sigfrido Wolff beerdigt.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Foto 1992, Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Fa. Gerhard Liebert, Inh. Jürgen Liebert
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Ruth Wolff verh. de Espinoza

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Ruth WOLFF  verh. de Espinoza
geboren am 5. Oktober 1928 in Aurich

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939 – verstorben 10.02.2009
Todesort: Santiago de Chile

Ruth de Espinoza geb. Wolff bei der Begegnungswoche 1992 in Aurich, Foto: G. Lübbers

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ruth Wolff verh. de Espinoza wird am  5. 10. 1928 in Aurich geboren. Ihre Mutter ist Frieda Wolff, einen Vater gibt es nicht. Ihre Mutter bleibt unverheiratet. Ruth lebt mit ihrem Onkel Siegfried und den Tanten Bettina und Rosa im Haus Norderstraße 18.

Ruth flieht 1939 mit ihrer Mutter und Tante Rosa nach Paraguay.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich dann bereit diese Gruppe vorübergehend aufzunehmen. Dort werden sie für einige Wochen interniert und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen.

Ruth lernt Näherin. Ihre Mutter Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Ihre behinderte Schwester Rosa lebt bei ihr.

In Chile in der Hauptstadt Santiago existiert eine große jüdische Gemeinde, welche Synagogen, Schulen, Theater und Klubs unterhalten. Viele Gemeindeglieder sind deutsch. Es gibt keinen Rassismus und jeder konnte sein jüdisches Leben, sei es konservativ oder liberal, leben wie er will.

Ruth heiratet in Chile Adan de Espinoza. Es werden drei Kinder geboren: David, Sigfrido und Sonia. David lebt heute in Australien, Sonia in Chile, nach neuester Information in den USA.
Das Ehepaar gründet einen Feinkostladen in Santiago. Der Anfang ist hart, aber im Lauf der Jahre prosperiert das Geschäft und sie kommen zu kleinem Wohlstand. Leider stirbt ihr Ehemann früh. Ruth Wolff de Espinoza besucht 1992 mit ihrer Kusine Martha Isaac im Rahmen der „Woche der Begegnung“ ihre Geburtsstadt und äußert sich sehr angetan über den Besuch und Empfang in der Stadt ihrer frühen Jugend.  Hierbei ist dieses Foto entstanden. Sie stirbt am 10.02.2009 in Chile.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Foto 1992, G. Lübbers
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Elfriede und Günther Lübbers
Verlegetermin: 16. November  2019

 

 

 

Frieda Wolff

Veröffentlicht: 3. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Frieda WOLFF
geboren am 28. Dezember 1897 in Großefehn

Straße: Norderstraße 18
Todesdatum: Flucht nach Paraguay, 1939
Todesort: Santiago de Chile

Frieda David Wolff, Foto der Kennkarte 1939, NLA Aurich

Frieda Wolff wird am 28.12.1897 in Großefehn geboren. Ihre Geschwister sind Hannchen, Abraham, Siegfried, Auguste, Wilhelm, Jeanette, Rescha, Erna und Rosa. Hannchen und Jeanette mit jeweiligen Familien werden Opfer des Holocausts, Abraham fällt im Ersten Weltkrieg. Die Eltern heißen David Abraham und Martha Abraham geborene Samson. Die Wolff-s stammen aus Großefehn, wo sie einen Viehhandel betreiben. Die älteren drei Geschwister sind dort auch geboren.

Frieda lebt unverheiratet, hat jedoch eine Tochter aus unehelicher Beziehung – Ruth. Die beiden und die Schwester Rosa leben im Haus Norderstraße 18 mit ihrem Bruder Siegfried und dessen Ehefrau Bettina.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Darum flieht zuerst 1939 Friedas Bruder Wilhelm mit Ehefrau und zwei Kindern, dann Siegfried und Bettina nach Paraguay, und zuletzt Frieda und Ruth und Rosa.

Bei Ankunft dieser letzten Wolffs mit der MONTE OLIVIA am 31.05.1939 in Buenos Aires, das war der Ankunftshafen des Binnenstaates Paraguay, stellt sich heraus, sie haben keine gültigen Einreisepapiere. Sie waren in Deutschland Betrügern aufgesessen. Die Behörden lassen sie vorerst nicht an Land. Argentinien erklärt sich bereit, diese Gruppe vorübergehend für einige Wochen in Internierung aufzunehmen. Und dann mit Hilfe des JOINT nach Chile entlassen. Die Geschwister fürchten, dass ihre Schwester Rosa weil behindert, nicht eingelassen wird. Die Behörden lassen sie jedoch durch.

Frieda arbeitet in einer Küche. Sie hat ein recht schweres Arbeitsleben. Ihre behinderte Schwester Rosa lebt bei ihr.

In Chile in der Hauptstadt Santiago existiert eine große jüdische Gemeinde, welche Synagogen, Schulen, Theater und Klubs unterhalten. Viele Gemeindeglieder sind deutsch. Es gibt keinen Rassismus und jeder konnte sein jüdisches Leben, sei es konservativ oder liberal, leben wie er will.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2020)
Foto: Kennkarte, NLA Aurich
Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister, Meldekarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv
– Interviews mit Nachkommen der Familien Wolff, Isaak und Cohen
Literatur:
Patenschaft: Christel und Dirk Berends
Verlegetermin: 16. November  2019

Josef Samson

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Josef SAMSON
geboren am 20. Dezember 1920 in Aurich

Straße: Wallstraße 22
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt am 2. März 1987
Todesort: Peterborough / England

Josef Samson 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

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Josef Samson ist das zweite Kind der Eltern Abraham Josef und Frieda geb. Wolff aus Sandhorst. Die Familie wohnt in der Wallstraße 22 und zuletzt kurzzeitig im Haus Emder  Straße 16. Die Familie ist sehr religiös und beachtet alle Gesetze der Religion. Um sie herum gibt es viel weitere Verwandtschaft der beiden Elternteile. Wie alle jüdischen Kinder kann Josef nach der jüdischen Volksschule keine weitere Schul- oder Berufsausbildung in Aurich anschließen. Der Antrag auf Aufnahme in das Ulricianum wird abgelehnt. Er arbeitet bei einem Bauern als landwirtschaftliche Hilfskraft in der Erwartung, dass diese Fähigkeiten bei einem Pionierleben in Palästina wichtig sind.

In der Nacht des reichsweiten Pogroms, als die Auricher Synagoge brennt und die anderen jüdischen Kultuseinrichtungen zerstört werden, werden Josef und sein Vater von marodierenden SA-Leuten gefangengenommen. Josef muss mit anderen Altersgenossen auf dem Ellernfeld schikanöse Turnübungen und Sandschaufeln unter dem Gejohle des zuschauenden Mobs aushalten. Später werden sie in der Viehhalle an der Emder Straße unter Schlägen zusammengetrieben, wo sich die Quälereien fortsetzen. Die Alten entlässt man abends, die Jungen, darunter Josef, werden am nächsten Tag unter Bewachung der beiden Auricher Ortspolizisten per Bahn nach Oldenburg gebracht. Von dort geht es weiter mit anderen Gefangenen nach Oranienburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Sein Vater reist ihm nach und es gelingt ihm, seinen Sohn nach 13 Tagen gegen ein Lösegeld freizukaufen.
Aber Josef ist verändert. Man sagt, er ist nicht mehr der gleiche wie vor 13 Tagen, er ist ein anderer. Sein Verstand scheint ohne Schärfe, ohne bestimmenden Ausdruck. Seine Äußerungen sind dumpf und müde. Er ist wohl mitteilsam und freundlich, aber seinen Vorstellungen fehlt jede Kraft und eigene Richtung. Er erholt sich nie wieder. „Was sie ihm in den 13 Tagen antaten, blieb mir und meiner Mutter und ihrer Schwester Herta unbekannt.“ [Samson Munn über seinen Onkel]

Nach einem halben Jahr, am 12.04.1939, kommt er mit einem Kindertransport nach England, nach London. Er tritt in die britische Armee ein. Er will seine Muttersprache dort nützlich einsetzen. Er wird jedoch bald, zwar in Ehren, aber wegen psychischer Auffälligkeit entlassen. Denn er erweist sich als nicht genügend belastbar.

Er geht dann als Arbeiter zur British Railroad. Hier das gleiche Ergebnis. Er wird schon in seinen frühen Zwanzigern als arbeitsunfähig entlassen und frühverrentet. Er lebt den Rest seines Lebens in einem Wohnwagen, einem Trailer home. Er lebt von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe [on the dole]. Er heiratet nicht und hat auch keine Kinder. Er stirbt nach schwerer Krankheit am 2. März 1983 im Alter von 66 Jahren.

Ich traf ihn zweimal, beide Male war ich schon erwachsen, einmal war meine Mutter [d. h. Josefs Schwester] dabei. Er war freundlich, sehr zuvorkommend, aber sein Geist war wirklich erloschen. Er sprach nicht von selbst in Sätzen, sondern nur in Beantwortung von Fragen, dann aber ohne Zögern. Wenn ich nichts fragte, dann verstrich eine lange Zeit, ohne dass er ein Wort sagte [Samson Munn].

Die Stolpersteine vor dem Haus Wallstraße 22

Dr. Samson Munn (Bildmitte) mit Ehefrau Rachel und den Kindern Amalia und Saul nahmen in Begleitung einer befreundeten Familie aus Berlin sowie Joan Chantrell aus England an der Verlegung teil.

 

Recherche:Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2015)
Foto: – Geburtsurkunde Josef Samson
– Kennkarte Josef Samson v. 24.02.1939
– Familie Samson
Opfergruppe: Juden
Quellen:  – ehem. Melderegister Stadt Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,- Kennkarten Rep. Nds. Staatsarchiv
– Standesregister Standesamt Aurich
– Korrespondenz Samson Munn (Boston)
Literatur:
Patenschaft: Tim und Nele Jungenkrüger
Verlegetermin: 17. Juli 2014
Geburtsurkunde Josef Samson

Geburtsurkunde

Samson, Josef, geb. 20.12.1920 in Aurich

Kennkarte

Familie Samson

Siegfried Samson

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Siegfried SAMSON
geboren am 4. April 1925 in Aurich

Straße: Wallstraße 22
Todesdatum: Unbekannt, Todesmarsch nach Theresienstadt April 1945
Todesort: Unbekannt, vermutlich Erzgebirge

Siegfried Samson 1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Siegfried Samson ist das vierte und jüngste Kind der Eltern Abraham Josef und Frieda geb. Wolff aus Sandhorst. Die Familie wohnt in der Wallstraße 22 und zuletzt kurzzeitig im Haus Emder Straße 16. Die Familie war sehr religiös, aß koscher und ging am Sabbat in die Synagoge. Um sie herum gab es viel weitere Verwandtschaft.

Wie auch alle anderen jüdischen Kinder kann Siegfried nach der jüdischen Volksschule keine weitere Schul- oder Berufsausbildung anschließen. Er arbeitet von 1939 bis zur Ausweisung der Familie aus Aurich als landwirtschaftliche Hilfskraft bei einem Bauern in Ludwigsdorf: Zusammen mit seinen Altersgenossen Henry Hoffmann und Menno Cohen fährt er mit dem Fahrrad dorthin. Am 27. Februar 1940 muss er zusammen mit seinen Eltern Aurich „aus militärischen Gründen“ verlassen und mit Hilfe der jüdischen Sozialversorgung in Berlin unterkommen. Die Eltern müssen Zwangsarbeit leisten, die älteste Schwester Grete lernt bereits Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Gesundbrunnen. Die Familie will in die USA auswandern. Sie erhalten im Mai 1940 von der amerikanischen Botschaft aber nur eine Wartenummer.

Nach Erinnerungen von Grete schließt sich Siegfried einer jüdischen Bildungseinrichtung an, welche ihn beruflich zur Emigration nach Israel vorbereiten soll. Er wird jedoch nach Dachau gebracht, von wo er erstmal nicht zurückkam. Aus vergleichbaren Umgebungsereignissen kann man – aus Mangel sicherer Details – hilfsweise annehmen, dass Siegfried Samson nach Dachau wieder in der jüdischen Vorbereitungsorganisation bei Berlin gelebt und gearbeitet hat. Diese Einrichtungen konnten allerdings nach der Reichspogromnacht ihren Bildungszweck kaum noch erfüllen. Sie waren zuletzt reine landwirtschaftliche Zwangsarbeitslager unter ständiger Aufsicht der Gestapo. Im April 1943 wird es aufgelöst und die Insassen mit dem Transport 37 am 19. April 43 von Potsdam nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Landwirtschaftliche Jugendliche galten in der Verwertungsmechanik der Judenvernichtung als besonders arbeitsfähig. Die Gruppe wird daher in das Arbeitslager Monowitz überstellt. Siegfried Samson erhält die Häftlingsnummer 116965.

Als im Januar 45 die Rote Armee täglich dichter an das Lager heranrückt, wird Siegfried Samson mit einem Massentransport nach Buchenwald verlegt. Am 23. 1. 45 trifft er dort ein. Er bekommt eine neue Haftnummer 119926 und wird als politischer jüdischer Häftling im Block 56 des „Kleinen Lagers“ untergebracht. Das „Kleine Lager“ wurde die Hölle von Buchenwald genannt. Siegfried Samson wird am 6. 2. 45 nach Tröglitz-Rehmsdorf gebracht, einem Außenlager von Buchenwald. Dieses Konzentrationslager „Wille“ entstand zunächst als provisorisches Lager in Gleina und wurde später in Rehmsdorf eingerichtet und war Standort der kriegsindustriellen Braunkohleverflüssigung der BRABAG. Die Häftlinge schuften täglich zwölf Stunden bei völlig unzureichender Unterbringung und Versorgung, hauptsächlich in der Beseitigung von Bombardierungsschäden an den Anlagen. Siegfried Samson übersteht auch diese Strapazen. Sein Name findet sich nicht in den Sterbe- oder Rücküberstellungslisten nach Buchenwald (letztes ist gleichbedeutend mit Ermordung). Das Lager gilt heute als eines der brutalsten des Lagersystems überhaupt. Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat seine Erfahrungen dort im „Roman eines Schicksallosen“ beschrieben.

In der Nacht zum 7. April 1945 wird das Lager geräumt, die verbliebenen ca. 3000 Insassen mit dem Ziel KZ Theresienstadt in offene Kohlewaggons gepfercht. Es ist möglich, daß Siegfried Samson dabei war. Diesen Transport überleben 900 Häftlinge während der Fahrt nicht.

Der Transportzug erreichte erst am 15. April 1945 den Erzgebirgskamm. Auf dem Bahnhof Marienberg-Gelobtland zwingen amerikanische Jagdbomber den Zug zum Halten, was einige Häftlinge nutzen, um zu fliehen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 146 Häftlinge gestorben, die in einem Massengrab bestattet wurden. Während der Fahrt gelingt es einigen Häftlingen, abzuspringen und in die nahen Wälder zu fliehen. Vor dem Bahnhof Reitzenhain zerstören amerikanische Jagdbomber die Lokomotive. Viele Gefangene versuchen zu fliehen. Unter dem Kommando von Transportleiter SS-Oberscharführer Schmidt beteiligen sich Einwohner an der Jagd auf die Geflohenen. Dabei kommen weitere 388 Häftlinge ums Leben. Am nächsten Tag, dem 18. April 1945, befiehlt Schmidt den Fußmarsch Richtung Theresienstadt. Auf diesem Todesmarsch sterben weitere 354. Erst am 7. Mai wird der Rest bei Kaplitze von tschechischen Partisanen befreit.
Siegfried Samson ist nicht mehr darunter.

Die Stolpersteine vor dem Haus Wallstraße 22

 

Dr. Samson Munn (Bildmitte) mit Ehefrau Rachel und den Kindern Amalia und Saul nahmen in Begleitung einer befreundeten Familie aus Berlin sowie Joan Chantrell aus England an der Verlegung teil.

Recherche:Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.05.2015)
Fotos: – Geburtsurkunde Siegfried Samson
– Kennkarte Siegfried Samson v. 27.04.1939
– Familie Samson
– Befreite Häftlinge am 16. April 1945 im Block 56 des Kleinen Lagers. Foto Private Harry Miller der 166 Signal Photo Company.Gedenkstätte Buchenwald

-Stolpersteinverlegung (Günther Lübbers)

Opfergruppe: Juden
Quellen: – ehem. Melderegister Stadt Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,- Kennkarten Rep. Nds. Staatsarchiv

– Standesregister Standesamt Auricho

– Korrespondenz Lothar Czoßek mit Vf.

– Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv und ebenda.

Literatur: DER ORT DES TERRORS Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band 3 Sachsenhausen, Buchenwald dort im weiteren Lothar Czoßek KZ Wille, herausgegeben von Wolfgang Benz und Barbara Distel
Patenschaft: Andra Meinen
Verlegetermin: 17. Juli 2014
Geburtsurkunde Siegfried Samson

Geburtsurkunde Siegfried Samson

Samson, Siegfried, geb. 04.04.1925 in Aurich(1)

Kennkarte

Block 56 des Kleinen Lagers

Familie Samson 1937

Jakob Abraham Cohen

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Cohen, Jakob AbrahamJakob Abraham COHEN
geboren am 24. Januar 1871 in Aurich

Straße: Marktstraße 16
Todesdatum: Unbekannt, Deportation nach Sobibor am 20. April 1943
Todesort: Sobibor
Jakob Abraham Cohen wird am 24. Januar 1877 in Aurich geboren. Er ist das erste von vier Kindern seiner Eltern Abraham Jacob Cohen (30.09.1842 Fedderwarden – 23.02.1933 Aurich) und Betti geb. Driels (26.12.1848 Emden – 08.06.1891 Aurich). Seine Schwestern Friederike (1878 – 1933) und Caroline (1888 – 1942) ziehen nach Holland, sein Bruder Wolf Wilhelm Abraham Cohen (1881 – ) lebt in Aurich, arbeitet als Schlachter und gründet eine Familie. Jakob Abraham Cohen heiratet Jette „Jettchen“ Hess aus Dornum (09.04.1890 Dornum – 02.07.1950 Toledo / USA). Jette Hess ist das 4. von 13 Kindern ihrer Eltern Moses Hess (1861-1932) und Bertha Hess geb. Wolffs (*1863). Eine Schwester von Jette, Eva Hess (*1893) heiratet einen Bruder von Jakob Abraham Cohen, Wolff Wilhelm Cohen (1881-1935).

Jakob Abraham Cohen und seine Frau Jette haben zusammen sechs Kinder: Ihr erstes Kind, Moses Jacob Cohen (*14.09.1909) stirbt schon im Alter von 2 Jahren. Danach werden noch fünf Kinder geboren: Abraham Jakob   (4.10.1910 Aurich – 4.06.1995 Quito, Equador), Moritz Moses Jakob (20.11.1911 Aurich – 1943), Betti verh. Valk (16.01.1913 Aurich – 6.10.1944 Auschwitz), Wolff Wilhelm (4.01.1915 Aurich   – 31.12.1943 Australien) und Josef (25.03.1917 Aurich – 26.06.1941 Neuengamme).

Die Ehe zwischen Jakob Abraham und Jette verlief offensichtlich nicht glücklich. Jakob Abraham Cohen berichtet später: „als er (1918) aus dem Krieg kam, habe er Joseph (sein jüngstes Kind, zu dem Zeitpunkt etwa 1 ½ Jahre alt) damals mit einem Kopfaussatz in einer Bremer Hautklinik gefunden, da seine Mutter ihn vernachlässigte und alle Kinder im Stich ließ, als sie ihm damals durchgegangen war.“ Wohin Jette „durchgegangen“ ist wissen wir nicht. Vermutlich gleich nach Italien, denn dort trifft sie 1936 ihren Sohn Abraham Jakob. 1940 hält sie sich in Mailand auf. Sie kann vor der Judenverfolgung in die USA fliehen und lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Toledo, Ohio. Dort stirbt sie am 2.07.1950.
Über die Lebensumstände von Jakob Abraham Cohen in Aurich wissen wir wenig. Seine Kinder verlassen ihn schon in jungen Jahren, so zog sein jüngster Sohn Josef 1929 im Alter von 12 Jahren in ein Lehrlingsheim in Düsseldorf und kam nicht wieder nach Aurich zurück.

Jakob Abraham Cohen emigriert im Juni 1937 in die Niederlande. Seine Schwester Caroline und seine Kinder Moses Jacob und Betti waren bereits früher dorthin emigriert. In Hoogeveen heiratet Jakob Abraham am 17. August 1938 Eva van Gelderen (5.05.1881 Zwolle).

Als nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen auch dort die Judenverfolgung einsetzt, werden Jakob Abraham Cohen und seine Frau Eva am 6. April 1943 in Westerbork interniert und am 20. April 1943 nach Sobibor deportiert. Vermutlich werden sie nach ihrer Ankunft ermordet. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Über das Schicksal der Kinder von Jakob Abraham Cohen können wir Folgendes berichten:

Sein zweites Kind Abraham Jakob konnte zunächst in die Niederlande fliehen. Sein Sohn Henry erzählt, dass sein Vater auf der Flucht aus Aurich zwei Soldaten erschosssen habe, die sein Haus bewachten. Die Niederlande lehnten einen von Deutschland gestellten Auslieferungsantrag ab, da Abraham Jakob in Selbstverteidigung gehandelt hätte. Er musste aber die Niederlande verlassen und ging nach Italien zu seiner Mutter. Dort heiratet er am 7.11.1936. Als auch in Italien die Situation für die Juden unsicher wird, flieht er mit seiner Familie nach Equador und wählte Quito als neuen Lebensort.

Sein drittes Kind Moritz Moses Jacob erlernt den Beruf des Bäckergesellen. Er verlässt 1926 Aurich im Alter von 15 Jahren um drei Jahre in Köln zu leben und kehrt 1929 wieder zurück. Nach Aufenthalten in Assen und Berlin kehrt er immer wieder nach Aurich zurück. Im November 1933 verlässt er endgültig Aurich und zieht nach Den Haag in den Niederlanden. Dort lernt er seine Frau Ester Roffesa (*7.12.1912 Den Haag)  kennen und heiratet sie. Ihre älteste Tochter Jettchen (benannt nach ihrer Großmutter) wird am 25.05.1939 noch in Den Haag geboren. Dann zieht die Familie nach Groningen um. Dort wird am 30.11.1942 ihre zweite Tochter Rika Jacoba geboren.

Als nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen die Judenverfolgung beginnt, wird Moses am 9.03.1943 in Westerbork interniert, seine Frau und 2 Kinder folgen am 6.04.1943. Am 13.04.1943 wird die gesamte Familie nach Sobibor deportiert und ermordet. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.
Für das vierte Kind von Jakob Abraham Cohen, Betti Cohen verh. Valk, haben wir bereits einen Stolperstein in der Lindenstraße 9 verlegt. Sie zieht 1936 ebenfalls in die Niederlande nach Wildervank, heiratet dort Jacob Valk (1911-1945) und hat mit ihm eine Tochter Roosje (*1.08.1937). Die Familie wird am 4.10.1942 in Westerbork interniert, am 4.09.1944 zunächst nach Theresienstadt deportiert, dann nach Auschwitz (Jacob 29.9.1944, Betti und Roosje 4.10.1944).

Wolff Wilhelm Cohen , fünftes Kind von Jakob Abraham Cohen, flieht noch rechtzeitig vor der Reichspogromnacht aus Aurich. Er flieht zunächst nach England. Als letzten Wohnort in England gibt er Loxton an. Im Jahr 1938 verlässt er England mit der „SS Orontes“ und erreicht Australien am 25.10.1938 im Hafen Oyster Harbour südlich von Perth. Am 23.10.1939 beantragt er die Einbürgerung (Form of Application for Registration, s. u.). Als Beruf gibt er „Fleischer“ an.
Wolff Wilhelm heiratet Marjory Phillis (*25.05.1918) und hat mit ihr zwei Söhne: Robert Wilhelm (* 11.11.1945) und Jan Christopher (* 23.03.1947). Er wohnt mit seiner Familie in Adelaid.
Er stirbt im Alter von 33 Jahren am 1.12.1948 in Adelaid und ist auf der jüdischen Abteilung des Friedhofs West Terrace in Adelaid begraben.

Das sechste und jüngste Kind von Jakob Abraham Cohen, Josef Cohen, beginnt 1929 eine Schlosserlehre in Düsseldorf. Er arbeitet dann in verschiedenen Handlangertätigkeiten. 1937 wird er nach §175 zu 10 Monaten Haft verurteilt. Danach arbeitet er zunächst in Hamburg auf der Köhlbrand Werft, dann als Heizer auf verschiedenen Elbdampfern. Im September 1939 wird er verhaftet, am 29.04.1941 wegen Gewaltverbrechen und Rassenschande zum Tode verurteilt und am 26.06.1941 hingerichtet.

Sein Fall ist ein Musterbeispiel für nationalsozialistische Willkürjustiz: Widersprüchliche Aussagen über den Tathergang der Notzucht wurden nicht berücksichtigt, in den Verhörprotokollen lässt sich eine Vorverurteilung des „Judenlümmels“ deutlich erkennen, Rechtverordnungen wurden rückwirkend auf seinen Fall angewendet und die sofortige Vollstreckung trotz bestehender Zweifel im Eilverfahren durchgesetzt.

Am 7.09.2015 werden weitere Stolpersteine für Jakob Abraham Cohen und seine Frau Eva Cohen van Gelderen  in Stadskanaal / NL, vor dem Haus Oosterkade 32 verlegt.


Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.01.2015)

Ergänzungen 04.01.2024: Günther Lübbers
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Frauke Fleßner
Verlegetermin: 27. Januar 2015

Abraham Jakob Cohen

Veröffentlicht: 1. Juni 2010 von westermayer in Verlegung

Cohen, Abraham JakobAbraham Jakob COHEN
geboren am 4. Oktober 1910 in Aurich

Straße: Marktstraße 16
Todesdatum: 4. Juni 1995
Todesort: Quito, Equador
Abraham Jakob Cohen wird am 4. Oktober 1910 in Aurich als zweites Kind von Jakob Abraham Cohen (1877-1943) und Jette „Jettchen“ Hess aus Dornum (1890-1950).

Sein Vater Jakob Abraham Cohen wird am 24. Januar 1877 in Aurich geboren. Er ist das erste von vier Kindern seiner Eltern Abraham Jacob Cohen (1842 – 1933) und Betti geb. Driels (1848 – 1891). Seine Schwestern Friederike (1878 – 1933) und Caroline (1888 – 1942) ziehen nach Holland, sein Bruder Wolf Wilhelm Abraham Cohen (1881 – ) lebt in Aurich, arbeitet als Schlachter und gründet eine Familie.

Jette Hess ist das 4. von 13 Kindern ihrer Eltern Moses Hess (1861-1932) und Bertha Hess geb. Wolffs (*1863). Eine Schwester von Jette, Eva Hess (*1893) heiratet einen Bruder von Jakob Abraham Cohen, Wolff Wilhelm Cohen (1881-1935).

Jakob Abraham Cohen und seine Frau Jette haben zusammen sechs Kinder: Ihr erstes Kind, Moses Jacob Cohen (*14.09.1909) stirbt schon im Alter von 2 Jahren. Danach werden noch fünf Kinder geboren: Abraham Jakob   (4.10.1910 Aurich – 4.06.1995 Quito, Equador), Moritz Moses Jakob (20.11.1911 Aurich – 1943), Betti verh. Valk (16.01.1913 Aurich – 6.10.1944 Auschwitz), Wolff Wilhelm (4.01.1915 Aurich   – 31.12.1943 Australien) und Josef (25.03.1917 Aurich – 26.06.1941 Neuengamme).

Die Ehe zwischen Jakob Abraham und Jette verlief offensichtlich nicht glücklich. Jakob Abraham Cohen berichtet später: „als er (1918) aus dem Krieg kam, habe er Joseph (sein jüngstes Kind, zu dem Zeitpunkt etwa 1 ½ Jahre alt) damals mit einem Kopfaussatz in einer Bremer Hautklinik gefunden, da seine Mutter ihn vernachlässigte und alle Kinder im Stich ließ, als sie ihm damals durchgegangen war.“ Wohin Jette „durchgegangen“ ist wissen wir nicht. Vermutlich gleich nach Italien, denn dort trifft sie 1936 ihren Sohn Abraham Jakob. 1940 hält sie sich in Mailand auf. Sie kann vor der Judenverfolgung in die USA fliehen und lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Toledo, Ohio. Dort stirbt sie 1950.
Über die Lebensumstände von Jakob Abraham Cohen in Aurich wissen wir wenig. Seine Kinder verlassen ihn schon in jungen Jahren, so zog sein jüngster Sohn Josef 1929 im Alter von 12 Jahren in ein Lehrlingsheim in Düsseldorf und kam nicht wieder nach Aurich zurück.
Jakob Abraham Cohen emigriert im Juni 1937 in die Niederlande und heiratet in Hoogeveen am 17. August 1938 Eva van Gelderen.

Als nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen auch dort die Judenverfolgung einsetzt, werden Jakob Abraham Cohen und seine Frau Eva am 6. April 1943 in Westerbork interniert und am 20. April 1943 nach Sobibor deportiert. Vermutlich werden sie nach ihrer Ankunft ermordet. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Über das Schicksal der Kinder von Jakob Abraham Cohen können wir Folgendes berichten: Sein zweites Kind Abraham Jakob konnte zunächst in die Niederlande fliehen. Sein Sohn Henry erzählt, dass sein Vater auf der Flucht aus Aurich zwei Soldaten erschosssen habe, die sein Haus bewachten. Die Niederlande lehnten einen von Deutschland gestellten Auslieferungsantrag ab, da Abraham Jakob in Selbstverteidigung gehandelt hätte. Er musste aber die Niederlande verlassen und ging nach Italien zu seiner Mutter. Dort heiratet er am 7.11.1936. Als auch in Italien die Situation für die Juden unsicher wird, flieht er mit seiner Familie nach Equador und wählte Quito als neuen Lebensort.

Sein drittes Kind Moritz Moses Jacob erlernt den Beruf des Bäckergesellen. Er verlässt 1926 Aurich im Alter von 15 Jahren um drei Jahre in Köln zu leben und kehrt 1929 wieder zurück. Nach Aufenthalten in Assen und Berlin kehrt er immer wieder nach Aurich zurück. Im November 1933 verlässt er endgültig Aurich und zieht nach Den Haag in den Niederlanden. Dort lernt er seine Frau Ester Roffesa (*7.12.1912 Den Haag – 1943) kennen und heiratet sie. Ihre älteste Tochter Jettchen (benannt nach ihrer Großmutter) wird am 25.05.1939 noch in Den Haag geboren. Dann zieht die Familie nach Groningen um. Dort wird am 30.11.1942 ihre zweite Tochter Rika Jacoba geboren.

Als nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen die Judenverfolgung beginnt, wird Moses am 9.03.1943 in Westerbork interniert, seine Frau und 2 Kinder folgen am 6.04.1943. Am 13.04.1943 wird die gesamte Familie nach Sobibor deportiert und ermordet. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.
Für das vierte Kind von Jakob Abraham Cohen, Betti Cohen verh. Valk, haben wir bereits einen Stolperstein in der Lindenstraße 9 verlegt. Sie zieht 1936 ebenfalls in die Niederlande nach Wildervank, heiratet dort Jacob Valk (1911-1945) und hat mit ihm eine Tochter Roosje (*1.08.1937). Die Familie wird am 4.10.1942 in Westerbork interniert, am 4.09.1944 zunächst nach Theresienstadt deportiert, dann nach Auschwitz (Jacob 29.9.1944, Betti und Roosje 4.10.1944).

Wolff Wilhelm Cohen , fünftes Kind von JakobAbraham Cohen, flieht noch rechtzeitig vor der Reichspogromnacht aus Aurich. Er flieht zunächst nach England. Als letzten Wohnort in England gibt er Loxton an. Im Jahr 1938 verlässt er England mit der „SS Orontes“ und erreicht Australien am 25.10.1938 im Hafen Oyster Harbour südlich von Perth. Am 23.10.1939 beantragt er die Einbürgerung (Form of Application for Registration, s. u.). Als Beruf gibt er „Fleischer“ an.
Wolff Wilhelm heiratet Marjory Phillis (*25.05.1918) und hat mit ihr zwei Söhne: Robert Wilhelm (* 11.11.1945) und Jan Christopher (* 23.03.1947). Er wohnt mit seiner Familie in Adelaid.
Er stirbt im Alter von 33 Jahren am 1.12.1948 in Adelaid und ist auf der jüdischen Abteilung des Friedhofs West Terrace in Adelaid begraben.

Das sechste und jüngste Kind von Jakob Abraham Cohen, Josef Cohen, beginnt 1929 eine Schlosserlehre in Düsseldorf. Er arbeitet dann in verschiedenen Handlangertätigkeiten. 1937 wird er nach §175 zu 10 Monaten Haft verurteilt. Danach arbeitet er zunächst in Hamburg auf der Köhlbrand Werft, dann als Heizer auf verschiedenen Elbdampfern. Im September 1939 wird er verhaftet, am 29.04.1941 wegen Gewaltverbrechen und Rassenschande zum Tode verurteilt und am 26.06.1941 hingerichtet.

Sein Fall ist ein Musterbeispiel für nationalsozialistische Willkürjustiz: Widersprüchliche Aussagen über den Tathergang der Notzucht wurden nicht berücksichtigt, in den Verhörprotokollen lässt sich eine Vorverurteilung des „Judenlümmels“ deutlich erkennen, Rechtverordnungen wurden rückwirkend auf seinen Fall angewendet und die sofortige Vollstreckung trotz bestehender Zweifel im Eilverfahren durchgesetzt.

Abraham Jakob Cohen heiratet am 7. November 1936 in Italien seine Frau Herta. Beide nehmen im Mai 1992 an der „Woche der Begegnung“ in Aurich teil. Ihr Sohn Henry besucht Aurich zusammen mit seiner Frau Gail und ihrem Sohn Anthony u.a. die „Woche der Begegnung“ im Mai 2002.

Recherche und Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 27.01.2015, ergänzt 26.01.2026 Günther Lübbers)

Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Gunther Siebels-Michel
Verlegetermin: 27. Januar 2015

Friedrich Hoffmann

Veröffentlicht: 26. Mai 2010 von westermayer in Verlegung

Hoffmann, FriedrichFriedrich (Fritz) HOFFMANN
geboren am 29. Mai 1899 in Rheine

 

 

 

Straße: Wallstraße 16
Todesdatum: unbekannt (Deportation nach Auschwitz am 9. Dezember 1942)
Todesort: Auschwitz
Friedrich Hoffmann wird am 29. Mai 1899 in Rheine geboren, er ist der Sohn von Meyer Hoffmann und dessen Frau Henriette, geb. Rosenwald. Die Familie zieht im Jahre 1901 nach Aurich, wo Friedrichs Vater und auch bereits dessen Vater Feibelmann geboren worden waren. Meyer Hoffmann ist Viehhändler und hat sich auf Pferdehandel spezialisiert. Friedrich tritt in die Fußstapfen seines Vaters und wird ebenfalls Pferdehändler.

Am 10. Mai 1925 heiratet Friedrich Rahel, die Tochter des Viehhändlers David Levi Wolff. Das Paar zieht zunächst in der Leerer Landstraße 40 ein. Bereits im November 1925 zieht das Paar jedoch in die Norderstr. 11 um, möglicherweise weil sich Nachwuchs angekündigt hat: Am 26. März 1926 wird das erste Kind der beiden geboren, Sohn Menno. Eineinhalb Jahre später, am 15. Oktober 1927, folgt Töchterchen Jutta, und nur wenige Wochen später zieht die junge Familie erneut um, nun in die Ukenastr. 2. Die Geschäfte von Friedrich Hoffmann laufen gut, wovon die Angestellten und Haushaltshilfen zeugen, die auf der Einwohnermeldekarte als Untermieter vermerkt sind.

Das Jahr 1929 muss für Friedrich und seine Frau Rahel ein Wechselbad der Gefühle gewesen sein: Am 13. Februar verstirbt ihre kleine Tochter Jutta in Münster im Alter von nur 18 Monaten. Rund ein halbes Jahr später, am 23. September, kommt Tochter Mirjam zur Welt. Die Familie wohnt nun im Haus in der Wallstraße 16, vor dem die Stolpersteine verlegt werden.
Hier sollte die Familie leben, bis sie im Frühjahr 1940 die Aufforderung erhält, Ostfriesland zu verlassen. Bis dahin verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation, Friedrich kann schließlich nicht mehr als Viehhändler arbeiten und versucht sich als Kohlenhändler. Letztlich ist er als einfacher Arbeiter tätig. Langfristig scheint Friedrich keine Zukunft mehr in Deutschland gesehen zu haben, zumindest nicht für seine Kinder: Als er und Rahel sich am 8. März 1940 aus Aurich abmelden und nach Berlin umziehen, schickt er seinen Sohn Menno, der gerade vierzehn Jahre alt geworden ist, nach Steckelsdorf in Brandenburg. Dort soll er auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereitet werden.

Friedrich und seine Frau leben mehrere Jahre in Berlin in der Weinmeisterstr. 10. Nach einer ersten Übergangszeit zieht auch ihre Tochter Mirjam wieder zu ihnen: Mirjam war vermutlich zunächst im jüdischen Kinderheim in Hildesheim untergebracht worden. Als das Ausbildungslager in Steckelsdorf von den Nationalsozialisten am 21. Mai 1942 geschlossen wird, stößt auch Menno wieder zur Familie.

Am 9. Dezember 1942 werden Friedrich, seine Frau Rahel, sein sechzehnjähriger Sohn Menno und seine dreizehnjährige Tochter Mirjam mit dem Transport Nr. 24 von Berlin direkt ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Hier verliert sich ihre Spur.

Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand: 1..05.2015)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Liste der Hauseigentümer Juni 1939; Rep. 251, Nr. 819; Rep. 107, Nr. 1268; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 249b, Nr. 208
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html, Zugriff vom 10. 10.2014
http://www.statistik-des-holocaust.de/OT24-7.jpg, Zugriff vom 18.12.2014
Literatur: http://www.spurensuche-online.net/zeitzeugen/roberg/steckelsdorf.html

Reyer, Herbert: Das jüdische Kinderheim in Hildesheim am Lappenberg 1940-1942. Zwischenstation auf dem Weg in Deportation und Vernichtung, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim Bd. 79 (2007), S. 219-232.

http://www.geni.com/people/Fritz-Hoffmann/5190405380500123758

http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/album_Auschwitz/index.asp

http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/artikel.240430.php, Zugriff vom 18.12.2014

http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Berlin-Moabit#Moabit_als_G.C3.BCterbahnhof, Zugriff vom 18.12.2014

Patenschaft: Almut und Jürgen Richter
Verlegetermin: 27. Januar 2015

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