Archiv für die Kategorie ‘Verlegung’

Rosel Hess geb. Rothschild

Veröffentlicht: 20. März 2010 von westermayer in Verlegung

Rosel HESS geb. Rothschild
geboren am 10. November 1889 in Waltersbrück bei Fritzlar

Straße: Marktplatz 15
Todesdatum: 27.03.1939 Flucht nach Argentinien
Todesort:
Rosel Hess geb. Rothschild wird am 10. November in Waltersbrück bei Wetzlar (Hessen) geboren. Rosel war die Tochter von Seligmann Rothschild (1848-1925) und Hannchen Rothschild geb. Katzenstein aus Frankenau (1858-1932). Sie war das siebente von neun Kindern. Ihre Geschwister:
Antonia (Toni) verh. Pfifferling *1881
Markus Rothschild *1882 +1970 (Long Island)
Auguste verh. Nussbaum *1884 +1974 (New York)
Jettchen *1886 +1887
Betty *1887 +1888
Victor Friedrich *1888
Frieda verh. Silberberg *1892 Deportation 18.06.1943 (Auschwitz)
Emma verh. Edelmuth *1898Rosel Rothschild heiratete 1929 Joseph Hess (*4.03.1871) aus Papenburg. Wie die beiden sich kennengelernt haben, haben wir nicht herausfinden können.

Joseph Hess kam eigentlich aus Papenburg. Er wurde 1871 dort geboren. Seine Eltern waren Moses Jacob Hess (*29.09.1829 in Nieuweschans +18.04.1904 Bunde) und Bertha geb. Rosenbaum (*1837 in Papenburg +6.07.1931 in Bunde). Joseph hatte sieben Geschwister: sechs Brüder und eine Schwester.

Jacob Moses Hess *7.07.1861 Papenburg + 1942 Treblinka
Abraham Hess *18.06.1863 Papenburg *2.10.1874 Papenburg
Isaak Hess *19.03.1865 Papenburg
Samuel Hess *11.02.1867 Papenburg
Aaron Hess *14.03.1869 Papenburg
Friederike Hess verh. Lachmann *12.09.1873 Papenburg +7.01.1942 Lodz (Stolperstein)
David Hess *6.10.1876 +23.07.1943 Theresienstadt (Stolperstein)

Zwei seiner Geschwister, seine kleine Schwester Friederike und sein jüngerer Bruder David, zogen auch nach Aurich. Für Friederike und ihren Mann Moritz wurden vor diesem Haus schon Stolpersteine verlegt, denn sie lebten zuletzt hier in Josephs Haus. David und seine Familie wohnten zuletzt in der Julianenburger Straße 3. Auch für sie wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Das Haus, in dem früher die Familie Hess gelebt hat, steht heute nicht mehr – es wurde abgerissen. Früher war hier am Marktplatz 15 das Warenhaus J.M. Valk und Söhne. Das Haus und das Geschäft gehörten Joseph Hess. Das Geschäft war eine Filiale eines großen und damals sehr bekannten Emder Kaufhauses. Filialen gab es auch in Norden (Neuerweg) und Jever (Neuestraße).

Ein Jahr nach der Hochzeit bekamen Rosel und Joseph ein Baby: Ihre Tochter Else Inge wurde am 2. März 1930 geboren.  Als Else drei Jahre alt war, kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ab da wurde das Leben für Joseph, Rosel und Else in Aurich schwieriger. Es kauften z.B. immer weniger Leute im Kaufhaus von Joseph ein. Joseph überlegte schließlich, aus Aurich wegzuziehen, besonders, nachdem die Synagoge niedergebrannt worden war: Die jüdischen Männer waren in dieser Nacht alle verhaftet worden, die meisten wurden zwei Tage später in ein Konzentrationslager gebracht. Auch Joseph wurde verhaftet, weil er aber schon 67 Jahre alt war, durfte er am nächsten Morgen gehen.

In und nach der Pogromnacht wurden am 10.11. 1938 von der SA-Standarte 63 auch das Warenlager der Firma von Joseph Hess im Wert von 35 – 40.000 Reichsmark ausgeraubt.

Sicher hat Joseph spätestens nach den Ereignissen in der Reichspogromnacht beschlossen, Aurich zu verlassen. Sein Plan war, in die Niederlande auszuwandern und dort ein neues Geschäft zu eröffnen. Zum Glück hat seine Frau Rosel ihn davon abgehalten. Sie fürchtete zu Recht, dass die Familie auch in Holland nicht in Sicherheit wäre. Ein halbes Jahr später, am 27. März 1939, wanderten Joseph, Rosel und Else mit der „Monte Rosa“ nach Südamerika aus.

Eigentlich wollten sie nicht weg, schon gar nicht in ein ganz fremdes, tausende von Kilometern entferntes Land. Else war gerade einmal neun Jahre alt. Keiner aus der Familie sprach Spanisch. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es muss für sie sehr schwierig und traurig gewesen sein.

Viel Geld durften sie auch nicht mitnehmen: Gerade einmal 30 Reichsmark. Und das, obwohl Joseph das große Haus am Marktplatz für über 10.000 Reichsmark verkauft hatte (und eigentlich war das Haus sogar noch viel mehr Geld wert gewesen!). Aber die Nationalsozialisten erlaubten nicht, dass sie ihr Geld mitnahmen.

Der Start in Argentinien war schwer – zugleich war die Familie aber auch froh, dort nun in Sicherheit zu sein. Drei Schwestern von Rosel waren auch nach Argentinien ausgewandert, sodass sie sich gegenseitig etwas unterstützen konnten. Auch von der jüdischen Gemeinde gab es Hilfe. Else wuchs nun in Argentinien auf. Sie heiratete Bert Lichtenstein und bekam einen Sohn, Roberto, der bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Familie anwesend war und der seine Familie und ihr Schicksal näher vorstellte.

Nach Kriegsende versucht die Familie Hess, einen Ausgleich für die 1938 geraubten Waren und das unter Wert an die Stadt Aurich verkaufte Haus zu erlangen. Die Ermittlungen wegen der verschwundenen Waren werden eingestellt, eine Rückerstattung geraubter Waren wird abgewiesen, da nicht nachweisbar. Die Stadt wehrt sich nachdrücklich gegen Rückerstattungsforderungen.

Bei der Solpersteinverlegung am 19.09.2018 hielt der Enkelsohn von Rosel Hess, Roberto Lichtenstein, diese Ansprache:

Osten und Westen

Liebe Anwesende,

vor ca 7 Jahren wurden die Stolpersteine meiner Grosstante Friederike und Grossonkel Moritz Lachmann verlegt. Damals schrieb ich über den Tod, der sie im Osten erwartete. Diesmal möchte ich über den Weg zum Westen berichten, der für meine Grosseltern Joseph und Rosel und meiner Mutter Else Inge das Leben bedeutete.

Aber bevor sie auswanderten, mussten sie noch Schlimmes über sich ergehen lassen. Mein Mutter Else Inge erzählte mir von der Kristallnacht im November 1938, wo die Juden von Aurich mit zusehen mussten, wie die Nazis die Synagoge niederbrannten. Meine Mutter marschierte gerade vorbei als das Dach der Synagoge einbrach. Sie hat dann jahrelang keine Streichhölzer mehr angefasst, so beindruckt war sie von diesem Ereignis.

Sie erzählte mir auch wie sehr sie gelitten hat, bis ihr Vater, der zusammen mit allen Männern verhaftet worden war, am nächsten Tag wegen seines fortgeschrittenen Alters freigelassen wurde.

Die Reise gen Westen war nicht so ganz ohne. Mein Grossvater Josef wollte eigentlich nur nach Holland auswandern und dort ein Kohlegeschäft einrichten. Meine Grossmutter Rosel hat aber gesagt „aus diesem Kontinent müssen wir weg“, und so hat der gesunde Menschenverstand über den Tod triumphiert.

Als es dann soweit war, sind sie mit dem Schiff „Monterosa“ von Hamburg aus nach Südamerika gereist. Kurz nach der Abfahrt war die ganze Familie auf Deck und mein Grossvater war auf einmal verschwunden. Als sie in fanden, hat er geweint, in tiefer Trauer seine Heimat verlassen zu müssen.

In Buenos Aires angekommen, zogen sie in eine Wohnung in einem abgelegenen und nicht gerade schönen Viertel der Grosstadt Buenos Aires. Sie hatten Untermieter und mein Grossvater hatte im Stadtzentrum einen Job. Meine Mutter erzählte, dass er für die Reise 10 Cents bekam, die Strassenbahn jedoch nur 8 Cents kostete und er sich für die zwei restlichen Cents einen Expresso gönnte.

Es müssen schwere Jahre gewesen sein, nicht nur eine fremde Sprache, überhaput ist Argentinien so anders als Deutschland und kurz nach Kriegsende fing im Land gar auch noch der Populismus an. Aber ein Teil der Familie meiner Grossmutter war auch im Land, das hat es wahrscheinlich leichter gemacht. Trotz alle dem war meine Mutter dem Land Argentinien immer dankbar, dass es die Familie grosszügig aufgenommen hatte.

Wie zuvor berichtet, durften meine Grosseltern nur 30 Reichmark Bargeld mitnehmen. Sie durften jedoch einen Container packen, wo Geschirr, Bestecke, Kleidung verpackt wurde. Ein Teil davon wurde gestohlen oder zerbrach, aber nicht alles. So konnte meine Mutter zu den jüdischen Festtagen ihre Kochkünste auf schönstem Geschirr aufführen.

Meine Mutter ging dann in die Schule und fing danach an zu arbeiten. Ende der Fünfziger Jahre bekamen sie auch eine Wiedergutmachung, mit der sie ein Appartment in einem schöneren Viertel kauften, das immer noch im Besitz der Familie ist. Günther und Elfried haben die Wohnung kennengelernt.

Kurz danach machte meine Mutter eine Reise nach USA, wo sie ihre Cousins, die Söhne von Friederike und Moritz Lachmann, besuchte. Ein unvorstellbares Abenteur mit dem Flugzeug das unzählige Male stoppte und Sauerstoffmaske zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten und auch benutzt wurden. Der Kontakt mit ihnen wurde aufrecht erhalten und wir besuchten sie ein paar Mal, auch einmal mit meiner Frau Andrea.

Inzwischen hatte mein Mutter auch meinen Vater kennengelernt und dann geheiratet. Ich kam 1962 zur Welt und kurz danach verstarb mein Grossvater Joseph mit 92 Jahren. Ich weiss, dass er sich sehr über mich gefreut hat, aber ich kann mich leider nicht an ihn erinnern.

Zuhause wurde Deutsch gesprochen, meine Grossmutter hat nie Spanisch gelernt, hat sich aber trotzdem durchgeschlagen. Ich selbst habe zuerst Deutsch gesprochen und dann Spanisch im Kindergarten gelernt. Danach ging ich 15 Jahre in eine deutsche Schule, die zu der Zeit mehrheitlich von jüdischen Schülern besucht wurde.

Als ich 13 Jahre alt war, erlebte meine Grossmutter noch meine Bar Mitzwa, verstarb dann 85-jährig im Deutschen Hospital. Ich studierte dann in Argentinien, heiratete dann meine Frau Andrea und wir hatten zwei Kinder, von denen unsere Tochter Tamara heute dabei ist. Unser Sohn Ariel ist zur Zeit in Argentinien. Sie gingen beide in eine jüdische Schule und sprechen leider kein Deutsch, was übrigens ausschliesslich meine Schuld ist.

Meine Mutter war trotz ihres starken Charakters eine liebevolle Person, sehr grosszügig und humorvoll. Sie ist vor drei Jahren in einem jüdischem Altersheim verstorben. Noch bis zuletzt haben ihre Augen geleuchtet, als sie mich kommen sah.

Und so habe ich in Kurzfassung von der Auswanderung meiner Familie gen Westen berichtet.

Ich möchte mich bedanken, dass sie alle hier dieser Stolpersteinverlegung beiwohnen und natürlich Herrn Günther Demnig, der das ganze ins Rollen brachte.

Besonders zu diesen Zeiten, wo in Deutschland der Antisemitismus wieder präsent ist, ist es so besonders wichtig, dass das schreckliche Kapitel des Nationalsozialismus nicht vergessen wird.

Vielen Dank

Recherche: Dr. Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 251, Nr. 75 / Rep. 251, Nr. 75/ Rep. 251, Nr. 1743/ Rep. 107, acc. 2009/075, Nr. 2624
Literatur: https://www.geni.com/people/Therese-Hess/4996487824930063599
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 19. September  2018

Joseph Hess

Veröffentlicht: 20. März 2010 von westermayer in Verlegung

Joseph HESS
geboren am 4. März 1871 in Papenburg

Straße: Marktplatz 15
Todesdatum: 27.03.1939 Flucht nach Argentinien
Todesort:
Das Haus, in dem früher die Familie Hess gelebt hat, steht heute nicht mehr – es wurde abgerissen. Früher war hier am Marktplatz 15 das Warenhaus J.M. Valk und Söhne. Das Haus und das Geschäft gehörten Joseph Hess. Das Geschäft war eine Filiale eines großen und damals sehr bekannten Emder Kaufhauses. Filialen gab es auch in Norden (Neuerweg) und Jever (Neuestraße).

Joseph Hess kam eigentlich aus Papenburg. Er wurde 1871 dort geboren. Seine Eltern waren Moses Jacob Hess (*29.09.1829 in Nieuweschans +18.04.1904 Bunde) und Bertha geb. Rosenbaum (*1837 in Papaenburg +6.07.1931 in Bunde). Joseph hatte sieben Geschwister: sechs Brüder und eine Schwester.

Jacob Moses Hess *7.07.1861 Papenburg + 1942 Treblinka
Abraham Hess *18.06.1863 Papenburg *2.10.1874 Papenburg
Isaak Hess *19.03.1865 Papenburg
Samuel Hess *11.02.1867 Papenburg
Aaron Hess *14.03.1869 Papenburg
Friederike Hess verh. Lachmann *12.09.1873 Papenburg +7.01.1942 Lodz (Stolperstein)
David Hess *6.10.1876 +23.07.1943 Theresienstadt (Stolperstein)

Zwei seiner Geschwister, seine kleine Schwester Friederike und sein jüngerer Bruder David, zogen auch nach Aurich. Für Friederike und ihren Mann Moritz wurden vor diesem Haus schon Stolpersteine verlegt, denn sie lebten zuletzt hier in Josephs Haus. David und seine Familie wohnten zuletzt in der Julianenburger Straße 3. Auch für sie wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Joseph Hess heiratete 1929 Rosel Rothschild (*10.11.1889) aus Waltersbrück bei Fritzlar – das ist in Hessen. Wie die beiden sich kennengelernt haben, haben wir nicht herausfinden können. Rosel war die Tochter von Seligmann (1848-1925) und Hannchen Rothschild geb. Katzenstein aus Frankenau (1858-1932). Auch sie hatte viele Geschwister, nämlich acht.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekamen Rosel und Joseph ein Baby: Ihre Tochter Else Inge wurde am 2. März 1930 geboren.  Als Else drei Jahre alt war, kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ab da wurde das Leben für Joseph, Rosel und Else in Aurich schwieriger. Es kauften z.B. immer weniger Leute im Kaufhaus von Joseph ein. Joseph überlegte schließlich, aus Aurich wegzuziehen, besonders, nachdem die Synagoge niedergebrannt worden war: Die jüdischen Männer waren in dieser Nacht alle verhaftet worden, die meisten wurden zwei Tage später in ein Konzentrationslager gebracht. Auch Joseph wurde verhaftet, weil er aber schon 67 Jahre alt war, durfte er am nächsten Morgen gehen.
In und nach der Pogromnacht wurden am 10.11. 1938 von der SA-Standarte 63 auch das Warenlager der Firma von Joseph Hess im Wert von 35 – 40.000 Reichsmark ausgeraubt.

Sicher hat Joseph spätestens nach den Ereignissen in der Reichspogromnacht beschlossen, Aurich zu verlassen. Sein Plan war, in die Niederlande auszuwandern und dort ein neues Geschäft zu eröffnen. Zum Glück hat seine Frau Rosel ihn davon abgehalten. Sie fürchtete zu Recht, dass die Familie auch in Holland nicht in Sicherheit wäre. Ein halbes Jahr später, am 27. März 1939, wanderten Joseph, Rosel und Else mit der „Monte Rosa“ nach Südamerika aus.

Eigentlich wollten sie nicht weg, schon gar nicht in ein ganz fremdes, tausende von Kilometern entferntes Land. Else war gerade einmal neun Jahre alt. Keiner aus der Familie sprach Spanisch. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es muss für sie sehr schwierig und traurig gewesen sein.

Viel Geld durften sie auch nicht mitnehmen: Gerade einmal 30 Reichsmark. Und das, obwohl Joseph das große Haus am Marktplatz für über 10.000 Reichsmark verkauft hatte (und eigentlich war das Haus sogar noch viel mehr Geld wert gewesen!). Aber die Nationalsozialisten erlaubten nicht, dass sie ihr Geld mitnahmen.

Der Start in Argentinien war schwer – zugleich war die Familie aber auch froh, dort nun in Sicherheit zu sein. Drei Schwestern von Rosel waren auch nach Argentinien ausgewandert, sodass sie sich gegenseitig etwas unterstützen konnten. Auch von der jüdischen Gemeinde gab es Hilfe. Else wuchs nun in Argentinien auf. Sie heiratete Bert Lichtenstein und bekam einen Sohn, Roberto, der bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Familie anwesend war und der seine Familie und ihr Schicksal näher vorstellte.

Nach Kriegsende versucht die Familie Hess, einen Ausgleich für die 1938 geraubten Waren und das unter Wert an die Stadt Aurich verkaufte Haus zu erlangen. Die Ermittlungen wegen der verschwundenen Waren werden eingestellt, eine Rückerstattung geraubter Waren wird abgewiesen, da nicht nachweisbar. Die Stadt wehrt sich nachdrücklich gegen Rückerstattungsforderungen.

Bei der Solpersteinverlegung am 19.09.2018 hielt der Enkelsohn von Joseph Hess, Roberto Lichtenstein, diese Ansprache:

Osten und Westen

Liebe Anwesende,

vor ca 7 Jahren wurden die Stolpersteine meiner Grosstante Friederike und Grossonkel Moritz Lachmann verlegt. Damals schrieb ich über den Tod, der sie im Osten erwartete. Diesmal möchte ich über den Weg zum Westen berichten, der für meine Grosseltern Joseph und Rosel und meiner Mutter Else Inge das Leben bedeutete.

Aber bevor sie auswanderten, mussten sie noch Schlimmes über sich ergehen lassen. Mein Mutter Else Inge erzählte mir von der Kristallnacht im November 1938, wo die Juden von Aurich mit zusehen mussten, wie die Nazis die Synagoge niederbrannten. Meine Mutter marschierte gerade vorbei als das Dach der Synagoge einbrach. Sie hat dann jahrelang keine Streichhölzer mehr angefasst, so beindruckt war sie von diesem Ereignis.

Sie erzählte mir auch wie sehr sie gelitten hat, bis ihr Vater, der zusammen mit allen Männern verhaftet worden war, am nächsten Tag wegen seines fortgeschrittenen Alters freigelassen wurde.

Die Reise gen Westen war nicht so ganz ohne. Mein Grossvater Josef wollte eigentlich nur nach Holland auswandern und dort ein Kohlegeschäft einrichten. Meine Grossmutter Rosel hat aber gesagt „aus diesem Kontinent müssen wir weg“, und so hat der gesunde Menschenverstand über den Tod triumphiert.

Als es dann soweit war, sind sie mit dem Schiff „Monterosa“ von Hamburg aus nach Südamerika gereist. Kurz nach der Abfahrt war die ganze Familie auf Deck und mein Grossvater war auf einmal verschwunden. Als sie in fanden, hat er geweint, in tiefer Trauer seine Heimat verlassen zu müssen.

In Buenos Aires angekommen, zogen sie in eine Wohnung in einem abgelegenen und nicht gerade schönen Viertel der Grosstadt Buenos Aires. Sie hatten Untermieter und mein Grossvater hatte im Stadtzentrum einen Job. Meine Mutter erzählte, dass er für die Reise 10 Cents bekam, die Strassenbahn jedoch nur 8 Cents kostete und er sich für die zwei restlichen Cents einen Expresso gönnte.

Es müssen schwere Jahre gewesen sein, nicht nur eine fremde Sprache, überhaput ist Argentinien so anders als Deutschland und kurz nach Kriegsende fing im Land gar auch noch der Populismus an. Aber ein Teil der Familie meiner Grossmutter war auch im Land, das hat es wahrscheinlich leichter gemacht. Trotz alle dem war meine Mutter dem Land Argentinien immer dankbar, dass es die Familie grosszügig aufgenommen hatte.

Wie zuvor berichtet, durften meine Grosseltern nur 30 Reichmark Bargeld mitnehmen. Sie durften jedoch einen Container packen, wo Geschirr, Bestecke, Kleidung verpackt wurde. Ein Teil davon wurde gestohlen oder zerbrach, aber nicht alles. So konnte meine Mutter zu den jüdischen Festtagen ihre Kochkünste auf schönstem Geschirr aufführen.

Meine Mutter ging dann in die Schule und fing danach an zu arbeiten. Ende der Fünfziger Jahre bekamen sie auch eine Wiedergutmachung, mit der sie ein Appartment in einem schöneren Viertel kauften, das immer noch im Besitz der Familie ist. Günther und Elfried haben die Wohnung kennengelernt.

Kurz danach machte meine Mutter eine Reise nach USA, wo sie ihre Cousins, die Söhne von Friederike und Moritz Lachmann, besuchte. Ein unvorstellbares Abenteur mit dem Flugzeug das unzählige Male stoppte und Sauerstoffmaske zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten und auch benutzt wurden. Der Kontakt mit ihnen wurde aufrecht erhalten und wir besuchten sie ein paar Mal, auch einmal mit meiner Frau Andrea.

Inzwischen hatte mein Mutter auch meinen Vater kennengelernt und dann geheiratet. Ich kam 1962 zur Welt und kurz danach verstarb mein Grossvater Joseph mit 92 Jahren. Ich weiss, dass er sich sehr über mich gefreut hat, aber ich kann mich leider nicht an ihn erinnern.

Zuhause wurde Deutsch gesprochen, meine Grossmutter hat nie Spanisch gelernt, hat sich aber trotzdem durchgeschlagen. Ich selbst habe zuerst Deutsch gesprochen und dann Spanisch im Kindergarten gelernt. Danach ging ich 15 Jahre in eine deutsche Schule, die zu der Zeit mehrheitlich von jüdischen Schülern besucht wurde.

Als ich 13 Jahre alt war, erlebte meine Grossmutter noch meine Bar Mitzwa, verstarb dann 85-jährig im Deutschen Hospital. Ich studierte dann in Argentinien, heiratete dann meine Frau Andrea und wir hatten zwei Kinder, von denen unsere Tochter Tamara heute dabei ist. Unser Sohn Ariel ist zur Zeit in Argentinien. Sie gingen beide in eine jüdische Schule und sprechen leider kein Deutsch, was übrigens ausschliesslich meine Schuld ist.

Meine Mutter war trotz ihres starken Charakters eine liebevolle Person, sehr grosszügig und humorvoll. Sie ist vor drei Jahren in einem jüdischem Altersheim verstorben. Noch bis zuletzt haben ihre Augen geleuchtet, als sie mich kommen sah.

Und so habe ich in Kurzfassung von der Auswanderung meiner Familie gen Westen berichtet.

Ich möchte mich bedanken, dass sie alle hier dieser Stolpersteinverlegung beiwohnen und natürlich Herrn Günther Demnig, der das ganze ins Rollen brachte.

Besonders zu diesen Zeiten, wo in Deutschland der Antisemitismus wieder präsent ist, ist es so besonders wichtig, dass das schreckliche Kapitel des Nationalsozialismus nicht vergessen wird.

Vielen Dank

Recherche: Dr. Sandra Weferlin
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 20.03.2020)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Rep. 251, Nr. 75/ Rep. 251, Nr. 1743/ Rep. 107, acc. 2009/075, Nr. 2624
Literatur: https://www.geni.com/people/Joseph-Hess/4996509362110102612
Patenschaft: Sparkasse Aurich-Norden
Verlegetermin: 19. September 2018

Calmer Wolff (Karl) Wallheimer

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Calmer Wolff (Karl) WALLHEIMER
geboren am 17. Februar 1868 in Kirchdorf

Straße: Kirchdorf 11 (heute Kreuzstr. 6d)
Todesdatum: 21. Oktober 1942
Todesort: Theresienstadt

Calmer Wolff Wallheimer, 1.03.1939 (Foto der Kennkarte, StA Aurich)

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Calmer Wallheimer wird am 17.02.1868 in Kirchdorf geboren. Er hat zwei Schwestern Minkel und Goldine und zwei Brüder, Abraham Wolff und Samuel. Die Eltern heißen Wolff Wallheimer und Engel Aile geb. Wolff.

Die Schwestern wohnen zeitweilig auch mit Anhang in diesem Haus. Calmer Wolff (in bürgerlichem Umgang auf der Straße „Karl“ genannt) heiratet in erster Ehe Frieda Samson am 22.06.1900. Diese stirbt aber bereits am 24.09. desselben Jahres. Er heiratet noch mal am 24.05.1904 Julie Salinger aus Marienburg, Westpreußen.

Die Ehe bleibt kinderlos. Er ist Viehhändler. Das Haus in Kirchdorf liegt stadtnah und ist umgeben mit großem Grünlandbestand von gutem Bodenwert. Der Gesamtwert aller Immobilien beträgt ca. 48.000 RM, also war die Familie sehr wohlhabend. In den späten Einträgen in Akten steht unter Beruf Landgebräucher oder Rentner.

Wie allen Auricher Juden bleibt auch dieser Familie der Verlust der wirtschaftlichen Existenz nicht erspart. Calmer Wolff muss verkaufen, bzw. er fängt 1938 mit Verkaufsverhandlungen über sein Wohnhaus und Ländereien in Kirchdorf-Kreuzstraße (Nr. 11) und einer Hausbesitzung Nr. 166 südlich des Kanals an. Sie führen jedoch nicht zum Abschluss, sondern nur zur Verpachtung des Landes an Harm Frerich Harms – mehr dazu später im Text.
Im Haus wohnen nothalber der ruinierte Abraham Cohen (vorher wohnhaft Breiter Weg 3) mit Ehefrau Auguste und Sohn Dodo. Diese müssen später ausziehen in das Judenhaus Am Neuen Hafen 2.
Calmer Wolff zieht im Verlauf der Verkaufsverhandlungen schon 1938 mit Ehefrau und mitwohnender Schwester Minkel nach Bremen, zunächst in die Biebricher Straße 7, dem Haus seiner Schwester Goldine Grünberg. Aus hier nicht bekannten Gründen muss das Ehepaar später ohne Minkel aber mit Goldine in das Judenhaus Große Johannisstraße 85 in der Bremer Neustadt umziehen. Am 23.07.1942 werden alle von Bremen über Hannover in das KZ Theresienstadt deportiert.
Calmer Wolff Wallheimer stirbt dort bereits am 21.10.1942, vermutlich an Hunger und Entkräftung. Seine Frau Julie muss bald darauf unter ähnlichen Umständen am 10.12.1942 sterben. Seine Schwester Goldine stirbt am 25.07.1943 – amtliche Todesursache Marasmus senilis. Deren Tochter Elli Grünberg stirbt ebenfalls im Holocaust. Ihr Sohn wiederum, Hermann und Calmer Wolffs Nichte Lilly vom Kirchdorfer Weg 36 stellen später Rückgabe- und Wiedergutmachungsansprüche als Erben der überlebenden Schwester Minkel.

Die nun nachfolgenden Recherche über den im Staatsauftrag geraubten Besitz des Calmer Wolff Wallheimer zeigt in beispielhafter Weise, wie diese Verbrechenszeit nicht nur die Opfer vernichtete, sondern auch die Moral einer ganzen Gemeinde in dieser Generation schwer beschädigte. Das heißt, Erwerber jüdischen Eigentums in Aurich wussten in ihrer Zeit, dass diese sehr günstigen Opportunitäten Ergebnis staatlich organisierten Raubes waren.

Man muss diesen Erwerbern in ihrem Handeln die allgemeine Not und schlechte wirtschaftliche Lage als Folge des Weltkriegs und der großen Wirtschaftsdepression relativ zugute halten.

Diese Eigen-Beschädigungen verhinderten in der Nachkriegszeit lange Jahre jegliche lokale Aufarbeitung und Schulderkennung. Denn die Käufer der Arisierungszeit wünschten ja nichts mehr, als dass diese so Beraubten nie wiederkommen würden. Die heutige Darstellung des damaligen friedlichen Beieinanderseins der Religionsgemeinden muss vor diesem Hintergrund als Konstrukt einer Wohlfühlgeschichte gesehen werden.

Nach zahlreichen Gesetzen und Verordnungen, welche auf ein faktisches Gewerbeverbot jüdischer Handlungstätigkeit zielten, und die Beschneidung der Vermögens- und Vertragsrechte über jüdischen Grundbesitz, muss Calmer Wolff 1939 endgültig Verkaufsverhandlungen beginnen. Es meldet sich ein Harm Frerich Harms aus Kirchdorf südlich des Kanals. Dessen Vater wiederum war durch gemeinsame Gremienarbeit im Landwirtschaftsausschuss in Aurich mit Calmer Wolff bekannt.

Haus des Calmer Wolff Wallheimer, Kirchdorf Nr. 11

Beim Verkauf von Grundbesitz und Geschäften müssen per Reichserlass Stellen der Parteiorganisation, wie der Gauwirtschaftsberater, der Reichsnährstand, der Gauleiter und die örtliche Partei zwingend beteiligt werden. Letzte begnügt sich meistens mit einem eher akklamatorischen Nachtreten in Stil und Wortwahl der Seuchen- und Ungezieferbekämpfung: Das Haus ist vollständig judenfrei und alle Gegenstände entjudet zu übergeben – wie bei der Arisierung des Hauses und des Warenbestandes des Sally Goldschmidt aus der Osterstraße, geschehen.

Und zu Beginn muss der Käufer diesen gegenüber schriftliche Ergebenheitsadressen folgender Art abgeben oder entsprechende Befürwortungen erreichen: „Ich bin Parteigenosse und seit 1933 in der SS“ NSDAP Kreisleitung: […]  ist politisch zuverlässig gehört der Partei unter der Nr. an und tut aktiv Dienst als SS-Mann; meine Frau und sowohl als ich gehören der Partei an … usw.“

So muss es auch in diesem Fall gewesen sein, denn der Rechtsvertreter der Kläger Dr. Anklam bezeichnete in einer polemischen Bemerkung den Käufer Harms als SA-Mann, der auf diese Weise an das Geschäft kam.

Die Kaufpreisfestsetzung unterliegt ebenfalls den politischen generalideologischen Vorgaben dieser Zeit. Also recht günstig, die Not zwingt die Verkäufer ohnehin dazu. Verdiente Parteigenossen und Frontsoldaten sollen erwerben können. Aber nicht zu günstig, denn aufgelaufene Hypotheken örtlicher Sparkassen waren zu tilgen, und für den später vorgesehenen fiskalischen Gesamtzugriff auf das Geldvermögen sollte noch genügend Masse übrig sein.

Calmer Wolff fordert nun 17 000 RM für das Haus Nr. 11. Der Gesamtwert aller Besitzungen war 48.850 RM, wie später festgestellt wurde. Käufer Harms will jedoch nur 14.000 RM geben und weiß sich aus o.g. Gründen in guter Position. Nach Angaben eines Protokolls vom 2.12.1946, erstellt bei Dr. Anklam, wollte Harms freiwillig 17.000 RM bezahlen. Calmer Wolff bemüht sich um Hilfe beim Kreiswiesenbaumeister Lübbe, wohnhaft in der Nachbarschaft, der Calmer Wolff sogar den höheren Wert von 25.000 RM bestätigt.

Calmer Wolff unterzeichnet am 29.09.1939 deshalb unter Protest einen Kaufvertrag, der im Folgenden aber nicht mehr erfüllt wurde.

Harms ist zum Zeitpunkt des Kaufvertrags nicht im Besitz des Bauernfähigkeitsscheines. Der Reichsnährstand fordert zum Betrieb eines Bauernhofs und eines Erbhofs nach §5 Reichserbhofgesetz – das sollte hier Gegenstand der Arisierung sein –  einen erweiterten Ariernachweis – bis zu den Urgroßeltern, und zweitens die Anerbschaft, also das alleinige ungeteilte Erbrecht an einem Hof, eine standesgemäße Heirat und Kinderaufzucht im Geist der neuen Zeit soll ohnehin dabei sein. Die zweite Bedingung kann der Käufer nicht erfüllen, denn er ist der zweitjüngste und nicht zur Hofnachfolge bestimmt. Ergo kommt es durch den Einspruch des Reichsnährstandes nicht zur Vertragserfüllung. Harms zahlt als Bewohner und Landwirt eine jährliche Pacht 350 RM an Calmer Wolff.

Über die hier wirkende Blut- und Bodenideologie des Reichsministers für Ernährung Darré heißt es dazu in Auszügen und Paraphrasen:

Die Nordische Rasse habe sich ursprünglich aber nicht auf die Auslese (scharfe Ausmerze) bei den Neugeborenen beschränkt. Vielmehr sei das Ausjäten der Minderwertigen prinzipiell ein Gesetz gewesen, um die Kultur der Nordischen Rasse auf ihrer Höhe zu erhalten. In diesem Sinn pochte er auf die gesetzliche Bedeutung des Anerbenrechts, weil er darin eine züchterische Bedeutung erkannte. Das echte Ergebnis einer bewußten Hochzucht, die dem eisernen Gesetz der Leistungszucht folgte. Für die Aufnordung empfahl Darré tierzüchterische Tatsachen als Erkenntnisquelle um die Nordische Rasse durch Zucht aufzuarten.   (Gerhard Siegl –Bergbauern im Nationalsozialismus, Innsbruck 2013 – in Auszügen).

Am 17.06.1943 konfisziert das Reich wg. Reichsfeindlichkeit (!) des Besitzes und Handlungen des Besitzers die Güter des längst umgekommenen Calmer Wolff. Die Finanzdirektion Hannover verkauft und überlässt an Harms am 29.07.1943 zum Vertragskaufpreis abzüglich noch zweier anstehender Hypotheken, die Harms, bzw. dessen Eltern, tilgen. Das Haus im Ulenmoor, Kirchdorf Nr. 166 wird an den Kleinbahnbetriebsmeister Reinhard Kruse verkauft.

In den Rückgabeverhandlungen 1950 stehen als Kläger und Erben Lilly Knurr geb. Wallheimer, als weitere Erben ihre in Amerika lebenden Geschwister sowie Herman Grünberg vertreten durch Dr. Anklam und auf der Gegenseite Harms vertreten durch die RAin Luise Schapp.

Die Verhandlungen beginnen sogleich mit offensiven Schriftsätzen auf beiden Seiten, besonders mit polemischen des Anklam. Schapp führt in bekannter legalistischer Rechtfertigungsmanier aus, der Verkauf sei aus einem rechtmäßigen und deshalb auch heute gültigen Vertrag entstanden. Aber: Die absolute Grundbedingungen, nämlich Vertragsfreiheit und Privatautonomie waren durch diskriminierende Gesetzgebung nicht mehr gegeben. Es gab kein Recht mehr, nirgends (der Verf.). Der Verkauf war ungültig ex tunc.

Harms/ Schapp bietet am 14.03.1951 eine Nachzahlung von 3 bis 4000 Mark erfolglos an plus Verhandlung über Nutzungsentschädigung. Im Vergleich am 4.07.1951 endet der erste Teil dieses Prozesses.

Harms muss sämtlichen Besitz an die Kläger rückübereignen, bleibt jedoch wohnhaft und zahlt eine Jahrespacht von 800 DM an die Erben. Leistungen der Hypothekentilgung des Harms gelten als angeeignete Nutzungen in der Besitzzeit und somit als abgegolten. Harms erhält Vorkaufsrecht über den Rückkauf.

Die Erben aus New York entziehen Dr. Anklam das Mandat, welches er durch die Vergleichsannahme überzogen hätte. In den Folgejahren wird das Land rings um die Hofstelle zum Bauerwartungsland beplant mit der Folge stark gestiegener Erwerbspreise – die heutige Siedlung Kiebitzweg. Die Kläger fordern eine Entschädigung statt Restitution nach diesem neuen Wertansatz. Harms kann nur noch das Wohn- und Wirtschaftshaus zum zweiten Mal erwerben. Ob die Finanzdirektion den Verkaufspreis von 1943 an Harms zurückgezahlt hat, ist nicht bekannt.

Von dieser Amputation der betriebsnotwendigen hofnahen Flächen erholt sich der Hof nicht mehr. 1963 stirbt Harms vor der Zeit beim Ausheben eines Brunnens auf dem Hofgelände. Die fast mittellose Witwe mit z. T. noch nicht volljährigen Kindern muss verkaufen. 1976 wird es abgerissen. Der Makler Gerstmeier kauft das Grundstück und errichtet die heute sichtbare Wohnbebauung. Die Nachkommen des Harms bezeichnen dieses Haus und seine Geschichte als einzigen Fluch und Elend.

Die Geschichte des Danach lehrt, dass in Unrechtszeiten wie diesen, alle zu Verlierern werden können. Und es erklärt ein wenig die heutige Haltung der alteingesessenen Auricher Bevölkerung über diese Zeit.

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 3.03.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: • Quellen: ehem. Melderegister, Kennkarten Aurich Rep. Nds. Staatsarchiv,

• Rep 20 Nr. 743; Rep 107 Nr 2801

• Interviews mit Nachkommen des Harms

Literatur:
Patenschaft: Jelda Poppen und Wilfried Schnabel
Verlegetermin: 21. Oktober  2016

Text für die Stolpersteine BREMEN

Calmer (Karl) Wolff Wallheimer
geb. 17.2.1868 in Aurich

Calmer Wallheimer wurde als Sohn des Schlachters Wolff Benjamin Abraham Wallheimer (geb. 4.6.1821 in Aurich) und Engeline Egle Samuel (geb. 2.11.1831) in Aurich geboren. Die Familie lebte in Aurich im Haus breiter Weg Nr. 1. Seine Mutter gebar 21 Kinder, von denen jedoch nur 10 überlebten. Die Familie Wallheimer gehörte zu den gut situierten jüdischen Familien, „Bewohner dieses Stadtteils berichteten …, dass sie als Kinder und Jugendliche oft bei Wallheimers gewesen seien, um Milch für die Familie zu holen. Der Alte, wohl Patriarch Benjamin, habe peinlich darauf geachtet, dass die gewünschte Menge auch exakt in die Gefäße gefüllt wurde. Am Scheunenausgang habe Frau Wallheimer gestanden, das Geld in Empfang genommen und, sicher, dass ihr Mann dies nicht gewahrte, fast immer einen Nachguss als Zugabe in den „Melkaker“ getan. Dies jeweils mit einem mütterlichen Lächeln.“

In erster Ehe war er mit Frieda Samson verheiratet, die 1900 starb. Später heiratete er Julie Salinger (geb. 27.9.1868 in Marienburg). Das Ehepaar war kinderlos. Sie lebten jahrzehntelang zusammen mit Calmers Schwester Minkel (Minna) Wallheimer in Aurich-Kirchdorf in der Kreuzstraße 166. Von Beruf war Calmer Wallheimer Viehhändler und Landwirt.

Als die Juden Ostfriesland verlassen mussten, zogen Calmer und Julie Wallheimer und Minna Ende 1939 zunächst in die Biebricher Straße 7 zu Calmers Schwester Goldine Grünberg. Das Ehepaar zog dann in das “Judenhaus” in die Große Johannisstraße 85. Dieses Haus gehörte von 1915 bis 1942 Goldine Grünberg. Das Haus wurde nach der Deportation von Goldine und Minna nach Theresienstadt im Jahr 1942 am 29.10.1942 “arisiert”.

Auch Calmer und Julie Wallheimer wurden am 23.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Calmer Wallheimer bereits am 21.10.1942 starb. Julie Wallheimer überlebte ihren Ehemann nur um zwei Monate und verstarb am 10.12.1942.

Nur seine Schwester Minna Wallheimer, die in der Biebricher Str. gelebt hatte und 1941 nach Theresienstadt verschleppt worden war, überlebte die Jahre im Ghetto Theresienstadt. Nach der Befreiung kehrte sie nach Bremen zurück und wohnte im Jüdischen Altersheim in der Gröpelinger Heerstraße 370. Sie starb am 27.2.1948.

Verfasserin:
Edith Laudowicz (2012)

Erich Gidansky

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Erich GIDANSKY
geboren am 16. April 1914 in Aurich

Straße: Marktplatz 31
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, verstorben 18. März 2004
Todesort: Milwaukee, USA

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Erich Gidansky wird am 16. April 1914  als zweites Kind des späteren Kaufmanns Karl Gidansky und seiner Frau Gertrude Gidansky, geb. Hoffmann in Aurich geboren. Sein Vater Karl, der aus Memel in Litauen nach Aurich gekommen war, hatte dort eine Lehre für koscheres Schlachten und für rituelle Beschneidungen d.h. zum Mohel gemacht. In Aurich wurde er Hausmeister der Synagoge und konnte mit seiner Frau Gertrude nach der Heirat 1910 die Wohnung oberhalb der Synagoge bekommen. Gertrude hatte die Verantwortung für die rituellen Bäder für Frauen. Erichs ältere Schwester Merri Therese wurde 1911 geboren.

So wächst Erich mit seinen Eltern und seiner Schwester zunächst in der Synagogenwohnung auf, bis sie 1921 in das Haus am Marktplatz 31 umziehen, wo sein Vater von nun an im Erdgeschoss einen Tabakladen betreibt. Erich macht wie auch sein Vater und Großvater eine Lehre für koscheres Schlachten und rituelles Beschneiden. Ein bis zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung 1933 schicken seine Eltern ihn nach Memel in Litauen in der Hoffnung, dass es dort für Juden sicherer sei als in Deutschland. Er lebt dort bei Verwandten und kann in einer jüdischen Schule seine Ausbildung zum Mohel und Schochet   fortsetzen.

1941 jedoch, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Litauen, werden er und die vielen anderen Familienmitglieder von den Nationalsozialisten verhaftet. Die meisten von ihnen werden, wie viele andere jüdische Männer, entweder in den Wäldern erschossen  oder in Lager gebracht, wo viele von ihnen umkommen. Erich und sein Cousin, Jacob Telser, werden in verschiedene Gefängnisse gebracht, bevor sie 1941 nach Dachau kommen. Erich erzählt später, dass er nur überleben konnte, weil er drinnen arbeiten musste und weil er noch jung war. Jacob meinte, dass er sicherlich nicht überlebt hätte, wenn Erich ihm nicht Extra-Lebensmittel und Decken nachts durch die hintere Tür hinausgeschmuggelt hätte. Beide bleiben bis zum Ende des Krieges im Lager Dachau, bis zur Befreiung im Mai 1945. Erich ist aber so geschwächt und entkräftet, dass er in ein Krankenhaus in einem Flüchtlingslager gebracht wird, wo er ein Jahr lang bleibt, um sich von den Torturen zu erholen. In dieser Zeit hilft ihm das Amerikanische Rote Kreuz, seine Mutter und seine Schwester in Baton Rouge ausfindig zu machen. (Er hatte zunächst vermutet, dass sie umgekommen seien, und sie glaubten, er sei umgekommen.) Sein Vater war schon im Februar 1936 in Aurich an einem Krebsleiden gestorben.

Erichs  Mutter war im Januar 1939 von Aurich aus nach Luxembourg geflohen, wo ihr Bruder lebte. Im März 1940 ist sie in Amerika angekommen. Erichs Schwester Merri Therese  muss im Januar 1939 von Hamburg aus nach Amerika geflohen sein. Erich  Gidansky kommt am 20. Mai 1946 in den USA an und trifft die Familie in Baton Rouge wieder. Aus Erich Gidansky wird Eric Gidan.

In Baton Rouge begegnet ihm eine andere Überlebende aus einem Konzentrationslager, Geertruida Zuidema Heilbronn aus Winschoten, und sie wird bald seine Frau. Sie heiraten 1948 und bekommen 1950 ihre erste Tochter, Maureen Karen. Der Name „Karen“ soll an den Großvater Karl erinnern. Die zweite Tochter wird 1953 geboren und heißt Susanne nach der Urgroßmutter Susanna Leers Hoffmann, sie wird von der Familie „Susie“ genannt. Eric  lebt mit seiner Familie viele Jahre in Baton Rouge. Als Handlungsreisender ist er in allen US-Südstaaten unterwegs und verkauft Damenwäsche. Als die Töchter erwachsen sind, begleitet Trudy ihn auf seinen Reisen.  Als fromme Juden sind sie sehr aktive Mitglieder der Synagogen-Gemeinde in Baton Rouge in der ganzen Zeit, in der sie dort leben. Sie beide filmen Zeugenaussagen für das Shoah-Projekt von Steven Spielberg und gehen oft in örtliche Schulen, um über ihre Holocaust-Erfahrungen zu berichten. Sie machen dies auch in Aurich während der „Woche der Begegnung“  im Mai 1992.

Erich G. mit seiner Frau Trude. Im Sessel seine Mutter Gelli Gidansky an ihrem 95. Geburtstag (Februar 1980)

Das Alter und ein schlechter werdender Gesundheitszustand veranlassen die beiden, Ende der  1990er Jahre nach Milwaukee, WI, umzuziehen, wo ihre beiden Töchter mit ihren Familien leben. Auch hier werden Eric und Trudy wieder aktive Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

Erich G. mit seiner Frau Trude (im roten Kleid), seiner Schwester Merri und deren Enkel Jonathan (1987)

Nach einem Jahr nachlassender Gesundheit stirbt Eric am 18. März 2004 mit 89 Jahren. Er wird auf dem Jüdischen Friedhof in Milwaukee beigesetzt wie auch seine Witwe, die 6 Jahre später stirbt, und wo auch das Grab ihres Enkels Michael Kovnar zu finden ist, der schon 1999 mit 13 Jahren gestorben ist.

Recherche: Irmtraut Schulze-Rodenberg
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 23.02.2019)
Foto: Carol Kain
Opfergruppe: Juden
Quellen: Nds. Landesarchiv Aurich, Rep. 16/1;
Korrespondenz mit Nachkommen;
https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/klaipeda-stadt.html
Literatur:
Patenschaft: Familie Mönkemeier
Verlegetermin: 23. Oktober  2017

 

Heinz Schlomo Wolff

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Heinz Schlomo WOLFF
geboren am 20. März 1927 in Aurich

Straße: Norderstraße 29
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt am 15. März 2007
Todesort: Haifa, Israel
Eltern: Julius Wolff (geb.  12.08.1891 in Aurich; verstorben 1946 in Haifa), Henriette Wolff geb. Katz (geb. 10.01.1891 in Guxhagen; verstorben 1954 in Israel).
29.04.1920    Dina wird in Aurich geboren, Wohnung und Geschäft der Eltern in der Norderstraße 29.20.03.1927    Bruder Heinz Wolff (in Israel: Schlomo) wird geboren
1./ 2.03.1939    Nach der Pogromnacht vom 9. Nov. 1938 verlässt die Familie Aurich mit dem Ziel Palästina.

März 1939     Ankunft der Eltern mit Heinz in Palästina

August 1939  Ankunft Dina Wolff in Palästina

Dina konnte ihren Eltern erst fünf Monate später nach Palästina folgen, da sie auf Grund ihrer Volljährigkeit eine getrennte/eigene Einwanderungserlaubnis benötigte.

Seit 1940      Gemeinsam mit anderen baut Familie Wolff den Moshav‘  Bet-Jizchak auf.

1941   Heirat mit Zwi Selka, den sie in Bet-Jizchak kennenlernt.

Er stammt ursprünglich aus Frankfurt am Main.

Dina Selka lebt dann mit ihrem Mann Zwi und ihren Kindern im Moshav Bet-Jizchak, bis beide 1993 nach Kfar-Saba in ein Seniorenheim umziehen.

1983         Seit dem ersten Besuch Jugendlicher bei Ex-Aurichern nehmen Dina Selka und ihr Mann an solchen Treffen regelmäßig teil. Dabei erklären sie den jungen Leuten gegenüber immer ihr vorrangiges Interesse, über die Entwicklung der alten Heimat zu hören und die Jugendlichen nicht mit der Historie der vorausgegangenen Generation zu belasten.

Foto vom Treffen 1983: rechts außen v. r. n.l.: Zwi Selka, Dina Selka geb. Wolff, Schlomo Wolff

1984          Besucht Dina Selka mit ihrem Mann Aurich, trifft auch (wie auch bei allen späteren Besuchen) zu einem Teenachmittag mit den jetzigen Besitzern ihres elterlichen Hauses zusammen.

1992          Mit vielen anderen Ex-Aurichern aus aller Welt besuchen Dina Selka und ihr Ehemann für eine „Woche der Begegnung“ Aurich. Dabei verzichten sie gerne auf eine Unter-bringung im Hotel und sind auch bereit, von Aurichern privat untergebracht zu werden.

Dina Selka im März 1988

2002          Besuch Aurichs zur zweiten „Begegnungswoche“ mit Einweihung der Gedenksteine auf dem Platz der ehemaligen Auricher Synagoge.

2005       stirbt Dina Selka in Kwa Saba, Israel
2007      stirbt ihr Bruder Heinz Schlomo

I Moshav = genossenschaftliche Siedlung (Dorf) mit gemeinsamer Wasserverwaltung, Landvergabe; oft auch gemeinsames Marketing; Gemeinschaftseinrichtungen;    aber in Abhebung zu Kibbuzim: erarbeiteter Gewinn bleibt privat, Nutzung des zugewiesenen Landes ist Einzelentscheidung.

Zwi und Dina Selka bemühen sich bis zu Ihrem Tode sehr intensiv um die Kontakte zu Dina Selkas Heimatstadt. Auch nach ihrem Tod vergeht kein Weihnachtsfest ohne Anruf aus Beth Jitzchak bzw. später aus Kfar-Saba.

Weg nach Palästina

Die Ankunft erfolgte im August 1939.

Die Eltern von Dina (Julius und Henriette Wolff)  befanden sich bereits mit dem Bruder Heinz seit März 1939 in Palästina. Die Tochter benötigte eine getrennte Einwanderungserlaubnis aufgrund eines „Affidavit“ (= Bürgschaftserklärung), da sie das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte. Die Einwanderung erfolgte legal mit Erlaubnis der britischen Mandatsbehörden, die sich solche Zertifikate teuer bezahlen ließ.

August 1939 – Überfahrt nach Palästina; auf einem Rettungsbot, links Dina Wolff

Der Aufbau Israels

Recht bald nach ihrer legalen Ankunft begeben sich die Eltern Julius und Henriette mit ihrer Tochter Dina und den Sohn Heinz (nun: Schlomo) in einen neu gegründeten Moshav. (Ein Moshav ist eine genossenschaftliche, landwirtschaftliche Siedlung. Anders als im Kibbuzz — wo Produktionsmittel und Arbeitserträge als Gemeinschaftseigentum gelten — stellt der Moshav zwar auch eine Selbstverwaltungsform dar. Land- und Wasserzuteilung sowie andere Lebensnotwendigkeiten werden unter den Mitgliedern zugeteilt. Das Einkommen der Familie ist aber weitgehend privat verfügbar.)

Ende der 30er Jahre war der Moshav Bet Jizchak gerade neu gegründet worden. Besonders viele deutschsprachige Auswanderer ließen sich dort nieder. (Noch heute sind einige alte Hinweistafeln aus der Gründerzeit deutschsprachig dort zu finden.) Die Probleme bei der Gründung einer solchen landwirtschaftlichen Siedlung waren viel¬schichtig: Das Gelände war vorher nicht landwirtschaftlich genutzt und musste erst mühsam hergerichtet werden. Zum anderen waren diejenigen, die sich nun nach ihrer Vertreibung solchen Aufgaben gegenüber sahen, hierfür überhaupt nicht vorgebildet. Deshalb konnte 1941 das Foto entstehen, das einen britischen Instrukteur zeigt, der die jüdischen Neueinwanderer darin unterweist, wie Gurkensamen fachgerecht auszubringen waren.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

1974 hat die Familie Selka/Wolff Kontakt zu dem Vorsitzenden des Kreissportbundes, Bruno Drees, aufgenommen, als sie von dessen Anwesenheit in Israel zufällig erfuhren. Im darauf folgenden Jahr entstanden Kontakte zu Johannes Diekhoff, der als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Aurich mit einer Schülerarbeitsgemeinschaft über die Geschichte der jüdischen Gemeinde arbeitete. 1982 wurde ein erstes bescheidenes Treffen ehemaliger Auricher für eine Zusammenkunft mit dem stellver-tretenden Landrat Günter Lüttge organisiert.

Nachdem 1983 erstmalig Schülerinnen und Schüler der IGS Aurich-West Bet Jizchak besuchten, entschloss sich das Ehepaar Selka 1984 seinerseits an einer Fahrt nach Aurich, der alten nun gewandelten Heimatstadt von Dina, teilzunehmen. Seitdem bestehen zwischen Jugendlichen der Schule und den Selka’s regelmäßige Kontakte.

(nach Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988)

Recherche: Wolfgang Freitag
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 21.03.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988
Literatur:
Patenschaft: Ursula und Wolfgang Freitag
Verlegetermin: 19. September  2019

Henriette Wolff geb. Katz

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Henriette WOLFF geb. Katz
geboren am 10. Januar 1891 in Guxhagen

Straße: Norderstraße 29
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt 1954
Todesort: In Israel
Eltern: Julius Wolff (geb.  12.08.1891 in Aurich; verstorben 1946 in Haifa), Henriette Wolff geb. Katz (geb. 10.01.1891 in Guxhagen; verstorben 1954 in Israel)

29.04.1920    Dina wird in Aurich geboren, Wohnung und Geschäft der Eltern in der Norderstraße 29

20.03.1927    Bruder Heinz Wolff (in Israel: Schlomo) wird geboren 1./ 2.03.1939

Nach der Pogromnacht vom 9. Nov. 1938 verlässt die Familie Aurich mit dem Ziel Palästina.

März 1939     Ankunft der Eltern mit Heinz in Palästina

August 1939  Ankunft Dina Wolff in Palästina

Dina konnte ihren Eltern erst fünf Monate später nach Palästina folgen, da sie auf Grund ihrer Volljährigkeit eine getrennte/eigene Einwanderungserlaubnis benötigte.

Seit 1940      Gemeinsam mit anderen baut Familie Wolff den Moshav‘  Bet-Jizchak auf.

1941   Heirat mit Zwi Selka, den sie in Bet-Jizchak kennenlernt.

Er stammt ursprünglich aus Frankfurt am Main.

Dina Selka lebt dann mit ihrem Mann Zwi und ihren Kindern im Moshav Bet-Jizchak, bis beide 1993 nach Kfar-Saba in ein Seniorenheim umziehen.

1983         Seit dem ersten Besuch Jugendlicher bei Ex-Aurichern nehmen Dina Selka und ihr Mann an solchen Treffen regelmäßig teil. Dabei erklären sie den jungen Leuten gegenüber immer ihr vorrangiges Interesse, über die Entwicklung der alten Heimat zu hören und die Jugendlichen nicht mit der Historie der vorausgegangenen Generation zu belasten.

Foto vom Treffen 1983: rechts außen v. r. n.l.: Zwi Selka, Dina Selka geb. Wolff, Schlomo Wolff

1984          Besucht Dina Selka mit ihrem Mann Aurich, trifft auch (wie auch bei allen späteren Besuchen) zu einem Teenachmittag mit den jetzigen Besitzern ihres elterlichen Hauses zusammen.

1992          Mit vielen anderen Ex-Aurichern aus aller Welt besuchen Dina Selka und ihr Ehemann für eine „Woche der Begegnung“ Aurich. Dabei verzichten sie gerne auf eine Unter-bringung im Hotel und sind auch bereit, von Aurichern privat untergebracht zu werden.

Dina Selka im März 1988

2002          Besuch Aurichs zur zweiten „Begegnungswoche“ mit Einweihung der Gedenksteine auf dem Platz der ehemaligen Auricher Synagoge.

2005       stirbt Dina Selka in Kwa Saba, Israel

I Moshav = genossenschaftliche Siedlung (Dorf) mit gemeinsamer Wasserverwaltung, Landvergabe; oft auch gemeinsames Marketing; Gemeinschaftseinrichtungen;    aber in Abhebung zu Kibbuzim: erarbeiteter Gewinn bleibt privat, Nutzung des zugewiesenen Landes ist Einzelentscheidung.

Zwi und Dina Selka bemühen sich bis zu Ihrem Tode sehr intensiv um die Kontakte zu Dina Selkas Heimatstadt. Auch nach ihrem Tod vergeht kein Weihnachtsfest ohne Anruf aus Beth Jitzchak bzw. später aus Kfar-Saba.

 

Weg nach Palästina

Die Ankunft erfolgte im August 1939.

Die Eltern von Dina (Julius und Henriette Wolff)  befanden sich bereits mit dem Bruder Heinz seit März 1939 in Palästina. Die Tochter benötigte eine getrennte Einwanderungserlaubnis aufgrund eines „Affidavit“ (= Bürgschaftserklärung), da sie das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte. Die Einwanderung erfolgte legal mit Erlaubnis der britischen Mandatsbehörden, die sich solche Zertifikate teuer bezahlen ließ.

August 1939 – Überfahrt nach Palästina; auf einem Rettungsbot, links Dina Wolff

Der Aufbau Israels

Recht bald nach ihrer legalen Ankunft begeben sich die Eltern Julius und Henriette mit ihrer Tochter Dina und den Sohn Heinz (nun: Schlomo) in einen neu gegründeten Moshav. (Ein Moshav ist eine genossenschaftliche, landwirtschaftliche Siedlung. Anders als im Kibbuzz — wo Produktionsmittel und Arbeitserträge als Gemeinschaftseigentum gelten — stellt der Moshav zwar auch eine Selbstverwaltungsform dar. Land- und Wasserzuteilung sowie andere Lebensnotwendigkeiten werden unter den Mitgliedern zugeteilt. Das Einkommen der Familie ist aber weitgehend privat verfügbar.)

Ende der 30er Jahre war der Moshav Bet Jizchak gerade neu gegründet worden. Besonders viele deutschsprachige Auswanderer ließen sich dort nieder. (Noch heute sind einige alte Hinweistafeln aus der Gründerzeit deutschsprachig dort zu finden.) Die Probleme bei der Gründung einer solchen landwirtschaftlichen Siedlung waren viel¬schichtig: Das Gelände war vorher nicht landwirtschaftlich genutzt und musste erst mühsam hergerichtet werden. Zum anderen waren diejenigen, die sich nun nach ihrer Vertreibung solchen Aufgaben gegenüber sahen, hierfür überhaupt nicht vorgebildet. Deshalb konnte 1941 das Foto entstehen, das einen britischen Instrukteur zeigt, der die jüdischen Neueinwanderer darin unterweist, wie Gurkensamen fachgerecht auszubringen waren.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

1974 hat die Familie Selka/Wolff Kontakt zu dem Vorsitzenden des Kreissportbundes, Bruno Drees, aufgenommen, als sie von dessen Anwesenheit in Israel zufällig erfuhren. Im darauf folgenden Jahr entstanden Kontakte zu Johannes Diekhoff, der als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Aurich mit einer Schülerarbeitsgemeinschaft über die Geschichte der jüdischen Gemeinde arbeitete. 1982 wurde ein erstes bescheidenes Treffen ehemaliger Auricher für eine Zusammenkunft mit dem stellver-tretenden Landrat Günter Lüttge organisiert.

Nachdem 1983 erstmalig Schülerinnen und Schüler der IGS Aurich-West Bet Jizchak besuchten, entschloss sich das Ehepaar Selka 1984 seinerseits an einer Fahrt nach Aurich, der alten nun gewandelten Heimatstadt von Dina, teilzunehmen. Seitdem bestehen zwischen Jugendlichen der Schule und den Selka’s regelmäßige Kontakte.

(nach Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988)

Recherche: Wolfgang Freitag
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 17.02.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988
Literatur:
Patenschaft: Fa. Farben Fangmann, Torsten Grapengeter
Verlegetermin: 19. September  2019

 

 

 

Jonas „Julius“ Wolff

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Julius WOLFF
geboren am 12. August 1891 in Aurich

Straße: Norderstraße 29
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, stirbt 1946
Todesort: Haifa, Israel
Eltern: Julius Wolff (geb.  12.08.1891 in Aurich; verstorben 1946 in Haifa), Henriette Wolff geb. Katz (geb. 10.01.1891 in Guxhagen;verstorben 1954 in Israel)

29.04.1920    Dina wird in Aurich geboren,

Wohnung und Geschäft der Eltern in der Norderstraße 29

20.03.1927    Bruder Heinz Wolff (in Israel: Schlomo) wird geboren 1./ 2.03.1939

Nach der Pogromnacht vom 9. Nov. 1938 verlässt die Familie Aurich mit dem Ziel Palästina.

März 1939     Ankunft der Eltern mit Heinz in Palästina

August 1939  Ankunft Dina Wolff in Palästina

Dina konnte ihren Eltern erst fünf Monate später nach Palästina folgen, da sie auf Grund ihrer Volljährigkeit eine getrennte/eigene Einwanderungserlaubnis benötigte.

Seit 1940      Gemeinsam mit anderen baut Familie Wolff den Moshav‘  Bet-Jizchak auf.

1941   Heirat mit Zwi Selka, den sie in Bet-Jizchak kennenlernt.

Er stammt ursprünglich aus Frankfurt am Main.

Dina Selka lebt dann mit ihrem Mann Zwi und ihren Kindern im Moshav Bet-Jizchak, bis beide 1993 nach Kfar-Saba in ein Seniorenheim umziehen.

1983         Seit dem ersten Besuch Jugendlicher bei Ex-Aurichern nehmen Dina Selka und ihr Mann an solchen Treffen regelmäßig teil. Dabei erklären sie den jungen Leuten gegenüber immer ihr vorrangiges Interesse, über die Entwicklung der alten Heimat zu hören und die Jugendlichen nicht mit der Historie der vorausgegangenen Generation zu belasten.

Foto vom Treffen 1983: rechts außen v. r. n.l.: Zwi Selka, Dina Selka geb. Wolff, Schlomo Wolff

1984          Besucht Dina Selka mit ihrem Mann Aurich, trifft auch (wie auch bei allen späteren Besuchen) zu einem Teenachmittag mit den jetzigen Besitzern ihres elterlichen Hauses zusammen.

1992          Mit vielen anderen Ex-Aurichern aus aller Welt besuchen Dina Selka und ihr Ehemann für eine „Woche der Begegnung“ Aurich. Dabei verzichten sie gerne auf eine Unter-bringung im Hotel und sind auch bereit, von Aurichern privat untergebracht zu werden.

Dina Selka im März 1988

2002          Besuch Aurichs zur zweiten „Begegnungswoche“ mit Einweihung der Gedenksteine auf dem Platz der ehemaligen Auricher Synagoge.

2005       stirbt Dina Selka in Kwa Saba, Israel

I Moshav = genossenschaftliche Siedlung (Dorf) mit gemeinsamer Wasserverwaltung, Landvergabe; oft auch gemeinsames Marketing; Gemeinschaftseinrichtungen;    aber in Abhebung zu Kibbuzim: erarbeiteter Gewinn bleibt privat, Nutzung des zugewiesenen Landes ist Einzelentscheidung.

Zwi und Dina Selka bemühen sich bis zu Ihrem Tode sehr intensiv um die Kontakte zu Dina Selkas Heimatstadt. Auch nach ihrem Tod vergeht kein Weihnachtsfest ohne Anruf aus Beth Jitzchak bzw. später aus Kfar-Saba.

Weg nach Palästina

Die Ankunft erfolgte im August 1939.

Die Eltern von Dina (Julius und Henriette Wolff)  befanden sich bereits mit dem Bruder Heinz seit März 1939 in Palästina. Die Tochter benötigte eine getrennte Einwanderungserlaubnis aufgrund eines „Affidavit“ (= Bürgschaftserklärung), da sie das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte. Die Einwanderung erfolgte legal mit Erlaubnis der britischen Mandatsbehörden, die sich solche Zertifikate teuer bezahlen ließ.

August 1939 – Überfahrt nach Palästina; auf einem Rettungsbot, links Dina Wolff

Der Aufbau Israels

Recht bald nach ihrer legalen Ankunft begeben sich die Eltern Julius und Henriette mit ihrer Tochter Dina und den Sohn Heinz (nun: Schlomo) in einen neu gegründeten Moshav. (Ein Moshav ist eine genossenschaftliche, landwirtschaftliche Siedlung. Anders als im Kibbuzz — wo Produktionsmittel und Arbeitserträge als Gemeinschaftseigentum gelten — stellt der Moshav zwar auch eine Selbstverwaltungsform dar. Land- und Wasserzuteilung sowie andere Lebensnotwendigkeiten werden unter den Mitgliedern zugeteilt. Das Einkommen der Familie ist aber weitgehend privat verfügbar.)

Ende der 30er Jahre war der Moshav Bet Jizchak gerade neu gegründet worden. Besonders viele deutschsprachige Auswanderer ließen sich dort nieder. (Noch heute sind einige alte Hinweistafeln aus der Gründerzeit deutschsprachig dort zu finden.) Die Probleme bei der Gründung einer solchen landwirtschaftlichen Siedlung waren viel¬schichtig: Das Gelände war vorher nicht landwirtschaftlich genutzt und musste erst mühsam hergerichtet werden. Zum anderen waren diejenigen, die sich nun nach ihrer Vertreibung solchen Aufgaben gegenüber sahen, hierfür überhaupt nicht vorgebildet. Deshalb konnte 1941 das Foto entstehen, das einen britischen Instrukteur zeigt, der die jüdischen Neueinwanderer darin unterweist, wie Gurkensamen fachgerecht auszubringen waren.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

Fotos aus den 1940er Jahren zeigen Bet Jizchak in karger Umgebung. Heutige Besucher können in der üppig blühenden Umgebung der Dorfgemeinschaft die Aufbauleistung dieser Generation kaum noch erahnen.

1974 hat die Familie Selka/Wolff Kontakt zu dem Vorsitzenden des Kreissportbundes, Bruno Drees, aufgenommen, als sie von dessen Anwesenheit in Israel zufällig erfuhren. Im darauf folgenden Jahr entstanden Kontakte zu Johannes Diekhoff, der als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Aurich mit einer Schülerarbeitsgemeinschaft über die Geschichte der jüdischen Gemeinde arbeitete. 1982 wurde ein erstes bescheidenes Treffen ehemaliger Auricher für eine Zusammenkunft mit dem stellver-tretenden Landrat Günter Lüttge organisiert.

Nachdem 1983 erstmalig Schülerinnen und Schüler der IGS Aurich-West Bet Jizchak besuchten, entschloss sich das Ehepaar Selka 1984 seinerseits an einer Fahrt nach Aurich, der alten nun gewandelten Heimatstadt von Dina, teilzunehmen. Seitdem bestehen zwischen Jugendlichen der Schule und den Selka’s regelmäßige Kontakte.

(nach Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988)

Recherche: Wolfgang Freitag
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 17.02.2019)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Tonband-Gesprächsaufzeichnungen, März 1988
Literatur:
Patenschaft: Christel und Dirk Berends
Verlegetermin: 19. September  2019

Benjamin „Benni“ Wallheimer

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Benjamin „Benni“ WALLHEIMER
geboren am 6. Mai 1912 in Aurich

Straße: Wallstraße 54
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, verstorben am 2. August 1992
Todesort: Buenos Aires
  Benjamin Wallheimer ist am 6. Mai 1912 in Aurich geboren. Seine Eltern sind Levy Benjamin Wallheimer, geboren am 20. November 1881 in Aurich und Regine Reichel Joseph Wallheimer, geborene Samson, geboren am 24. Februar 1882 in Aurich.

Die Großeltern sind Benjamin Baruch Levy Wallheimer, geboren am 08. Juni 1856 in Aurich und Eva Maria Wallheimer, geborene Herzberg, geboren am 19. Dezember in Aurich, väterlicherseits. Die Großeltern mütterlicherseits sind Markus Mordechai Herzberg, geboren 1822, und Rebekka Herzberg, geborene Mannheim, geboren 1825.

Benjamin Wallheimer hat eine Schwester, Eva Wallheimer ist am 13. März 1911 geboren, und einen Bruder, Josef Wallheimer ist am 12. Juni 1915 in Aurich geboren. Benjamin Wallheimer wohnt mit seinen Eltern Levy Benjamin und Regine Reichel und der Schwester Eva und dem Brudern Josef zunächst in der Norderstraße 19, dann nach dem Tod der Mutter Regine Reichel am 07. September 1931, ab dem 01.April 1932 im Haus der Großeltern Benjamin Baruch und Eva Maria Wallheimer,  Breiter Weg 1.

Ab dem 10. September 1935  wohnt Benjamin Wallheimer mit dem Vater Levy Benjamin und der Schwester Eva und dem Bruder  Josef im Haus der Witwe Henriette Wolff in der Wallstraße 56, heute Wallstraße 54.

Am 20. August 1936 heiratet Benjamin Wallheimers Vater Levy Benjamin Wallheimer die Witwe und Geschäftsfrau Henriette Wolff, geborene Heß.

Benjamin „Benni“ Wallheimer ist von Beruf Viehhändler und Schlachter und betreibt das Geschäft wohl im Haus in der Wallstraße 56, heute Wallstraße 54.

Am 19. November 1937 sind Benjamin Levy Wallheimer und die Eltern Levy Benjamin  und Henriette Wallheimer  aus Aurich abgemeldet (so die Eintragung auf der Meldekarte) nach Barill-Siedlung, Entre Rios, Buenos Aires, Argentinien. Ob er sich dort zunächst aufhält  oder gleich in der Stadt Buenos Aires bleibt, ist unbekannt. Der Bruder Josef Wallheimer ist bereits am 05. Januar 1937 aus Aurich abgemeldet nach Barill- Siedlung, Entre Rios, Buenos Aires. Nach Aussage des Neffen Levy „Tito“ Wolff hält sich ein Teil der Familie Wallheimer und Wolff in den Jahren nach 1937 in Buenos Aires auf. Sie arbeiten dort als Schlachter und Kaufleute.

Im Mai 1992 besucht Benjamin Levy „Benni“ im Rahmen der Begegnungswoche in Aurich zusammen mit seinen Neffen Wilhelm „Willi“ und Levy „Tito“ Wolff seine Geburtsstadt.

Kurz nach seinem Besuch in Aurich stirbt  Benjamin „Benni“ Levy Wallheimer am 02. August 1992 in Buenos Aires.

Recherche: Hinrich Schmidt
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 19.09.2018)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen:  
Literatur:  
Patenschaft: Roberto Lichtenstein
Verlegetermin: 19. September  2018

 

 

 

Josef Wallheimer

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Josef WALLHEIMER
geboren am 12. Juni 1915 in Aurich

Straße: Wallstraße 54
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, verstorben am 8. Dezember 1982
Todesort: Buenos Aires
Josef Wallheimer ist am 12. Juni 1915 in Aurich geboren. Seine Eltern sind Levy Benjamin Wallheimer, geboren am 20. November 1881 in Aurich und Regine Reichel Joseph Wallheimer, geborene Samson, geboren am 24. Februar 1882 in Aurich.

Die Großeltern sind Benjamin Baruch Levy Wallheimer, geboren am 08. Juni 1856 in Aurich und Eva Maria Wallheimer, geborene Herzberg, geboren am 19. Dezember in Aurich, väterlicherseits. Die Großeltern mütterlicherseits sind Markus Mordechai Herzberg, geboren 1822, und Rebekka Herzberg, geborene Mannheim, geboren 1825.

Josef Wallheimer hat eine Schwester, Eva Wallheimer ist am 13. März 1911 in Aurich geboren, und einen Bruder, Benjamin Levy  Wallheimer ist am 16. Mai 1912 in Aurich geboren. Josef Wallheimer wohnt mit seinen Eltern Levy Benjamin und Regine Reichel und der Schwester Eva und dem Brudern Benjamin Levy zunächst in der Norderstraße 19, dann nach dem Tod der Mutter Regine Reichel am 07. September 1931, ab dem 01. April 1932 im Haus der Großeltern Benjamin Baruch und Eva Maria Wallheimer,  Breiter Weg 1.

Josef Wallheimer ist von Beruf Kaufmann (so ist es auf der Meldekarte angegeben) und hält sich ab dem 23. Juli 1934 in Rüstringen auf, kommt aber 1935 zurück, um dann am 08.Januar 1936 wieder in Wilhelmshaven/Rüstringen zu sein. Ob es mit dem Beruf als Kaufmann zu tun hat, ist nicht geklärt.

Am 22. Juni 1936 ist Josef Wallheimer in Neuendorf/Fürstenwalde, (das Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde ist zu dieser Zeit eine landwirtschaftliche Ausbildungsstätte für auswanderungswillige jüdische Bürger nach Palästina- Anmerkung des Verfassers nach Recherche), kommt aber schon nach einem Monat nach Aurich zurück.

                            Benni Samson, Berni Wallheimer und Josef Wallheimer (1937)

Ab dem 19. Juli 1936 wohnt Josef Wallheimer mit dem Vater Levy Benjamin und der Schwester Eva und dem Bruder Benjamin Levy im Haus der Witwe Henriette Wolff in der Wallstraße 56, heute Wallstraße 54.

Am 20. August 1936 heiratet Benjamin Wallheimers Vater Levy Benjamin Wallheimer die Witwe und Geschäftsfrau Henriette Wolff, geborene Heß.

Am 05. Januar 1937 ist Josef Wallheimer aus Aurich abgemeldet nach Barill-Siedlung, Entre Rios, Buenos Aires, Argentinien. Er ist der erste aus der Familie Wallheimer der dorthin ausreist.

Ob Josef Wallheimer sich zunächst dort aufhält oder in Buenos Aires bleibt, ist nicht zu klären.

Nach Aussage des Neffen Levy „Tito“ Wolff hält sich ein Teil der Mitglieder der Familie Wallheimer und später auch der Familie Wolff ab dem Jahr 1937 und in den Jahren danach in Buenos Aires auf. Sie arbeiten dort als Schlachter und Kaufleute. Näheres ist nicht bekannt.

Josef Wolff stirbt am 08. Dezember 1982 in Buenos Aires.

Recherche: Hinrich Schmidt
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 19.09.2018)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Roberto Lichtenstein
Verlegetermin: 19. September  2018

 

 

 

Henriette Wallheimer geb. Heß verw. Wolff

Veröffentlicht: 13. März 2010 von westermayer in Verlegung

Henriette WALLHEIMER geb. Heß verw. Wolff
geboren am 31. März 1889 in Dornum

Straße: Wallstraße 54
Todesdatum: Überlebt den Völkermord, verstorben im 29. Juni 1956
Todesort: Buenos Aires
Henriette Heß ist am 30. März 1889 in Dornum geboren. Ihre Eltern sind  Moses Heß, geboren am 27.Februar 1861 und Bertha Pess Wolff Heß, geborene Wolff, geboren am 02. März 1863 in Großefehn.

Die Großeltern sind Joseph Moses Heß und Jette Heß, geborene Weinthal, väterlicherseits. Die Großeltern mütterlicherseits sind Wolf Jacob Wolff, geboren am 26. Januar 1837 in Großefehn und Henriette Hindel Wolff, geborene Rose, geboren am 15. Oktober 1837.

Henriette Heß hat zwölf Geschwister. Neun Geschwister sterben im Säuglings- und Kindesalter. Ihre Schwester Jettchen Jetty Heß, geboren um 09. November 1890 in Dornum, stirbt 1950 in Toledo (Ohio). Sie war mit Abraham Jakob Cohen (1871-1943, Stolperstein in der Marktstraße 16) verheiratet und hatte mit ihm sechs Kinder. Die Schwester Jeanette Schöntje Heß, geboren  am 13. Dezember 1895 in Dornum, stirbt am 13. Dezember 1961 in Norden. Die Schwester Käthe Caroline Heß, geboren am 21. Juni 1901 in Dornum, wohnt später im Haus der Familie Wolff in der Wallstraße 56, stirbt am 03. Mai 1942 in Lodz (Ghetto). Für sie ist in der Wallstraße 56, heute 54, ein Stolperstein verlegt.

Henriette Heß heiratet im Jahr 1908 in Dornum Wilhelm Samuel Wolff, geboren am 12. Mai 1881 in Aurich. Wilhelm Samuel Wolff ist von Beruf Schlachter. Das Ehepaar wohnt in der Wallstraße 56 in Aurich und hat zwei Kinder. Der Sohn Siegfried ist am 29. Oktober 1908 in Aurich geboren. Die Tochter Bertha ist am 02. April 1910 ebenfalls in Aurich geboren.

Bertha Wolff heiratet später in Amsterdam Hans Gottheim. Sie überlebt mit ihrer Familie den Holocaust nicht. Ihr Sterbedatum und Sterbeort ist der 17. Juli 1942 in Auschwitz. Für sie ist der Stolperstein in der Wallstraße 56, heute 54, verlegt.

Am 11. April 1924 stirbt der Ehemann Wilhelm Samuel Wolff an einer Lungenentzündung und wird auf dem Jüdischen Friedhof in Aurich beigesetzt. In der Wallstraße 56 wohnen in den Jahren danach die Witwe und Geschäftsfrau  Henriette Wolff, der Sohn Siegfried und die Tochter Bertha.

Am  12. Mai 1933 heiratet ihr Sohn Siegfried Wolff in Aurich Eva Wallheimer, geboren am 13. März 1911 in Aurich.  Das Ehepaar bekommt zwei Kinder, den Sohn Wilhelm, geboren am 28. Juli 1933 und den Sohn Levy, geboren 11. April 1936 und wohnt im Elternhaus des Siegfried Wolff in der Wallstraße 56.

Am 01. Juni 1936 verlässt das Ehepaar Siegfried und Eva Wolff mit ihren Kindern Wilhelm und Levy Aurich und zieht nach Amsterdam in die Niederlande und von dort nicht ganz zwei Jahre später nach Buenos Aires, Argentinien.

Am 20. August 1936 heiratet Henriette Wolff, geborene Heß, in Aurich den Viehhändler Levy Benjamin Wallheimer, geboren am 20. November 1881 in Aurich. Im Haus der Henriette Wolff leben in dieser Zeit auch die Tochter Bertha Wollf, die Schwester Käthe Caroline Heß und die beiden Söhne des Levy Benjamin, Benjamin Levy und Josef Wallheimer.

Am 19. November 1937 sind das Ehepaar Levy Benjamin und Henriette Wallheimer und der Sohn Benjamin (Benni) Levy abgemeldet aus Aurich nach Barill-Siedlung, Entre Rios, Buenos Aires, Argentinien. Der Sohn Josef Wallheimer ist bereits am 05. Januar 1937 dorthin abgemeldet.

In Buenos Aires teilt sich die Familie, so ist es dem Bericht des Enkels Levy Wolff zu entnehmen. Einige Mitglieder der Familie Wallheimer und später auch der Familie Wolff bleiben in Buenos Aires und arbeiten als Schlachter und Kaufleute.

Levy Benjamin Wallheimer, im Jahr 1938 kommt der Enkel Levy Wolff dazu, geht in die Barill-Siedlung und bearbeitet ein etwa 100 ha großes landwirtschaftliches Anwesen. Es gibt keinen Strom und keine Autos. Nach Buenos Aires sind es mit der Kutsche und der Eisenbahn zwei Tagesreisen.

Da keine anders lautenden Berichte vorliegen, ist davon auszugehen, dass Henriette Wallheimer, verwitwete Wolff, geborene Heß, in Buenos Aires  verbleibt.

Henriette Wallheimer stirbt am 29. Juni 1956 in Buenos Aires.

Recherche: Hinrich Schmidt
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 19.09.2018)
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen:
Literatur:
Patenschaft: Roberto Lichtenstein
Verlegetermin: 19. September  2018